Leta (Jahre)

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Brdnik, Marko & Rakovec, Uroš
Label: ZARŠ Records
Veröffentlichung: 2016
Bewertung: 4.5/5

Es war nur eine Frage der Zeit, wann der Akkordeonist Marko Brdnik und der Gitarrist Uroš Rakovec ihre Instrumente und ihre musikalische Visionskraft zu einer unverwechselbaren musikalischen Geschichte vereinen würden. Die musikalischen Hintergründe beider Musiker bzw. ihre bisherige künstlerische Plattform lässt schon von sich aus erahnen, dass das Zusammenwirken der beiden Akteure in dieser Geschichte eine Art musikalische Eklektizität hervorbringen kann, die es schlichtweg unmöglich – wenn nicht gar ungerecht – wäre, im Voraus vorherzusagen oder zu definieren.

Das Album haben sie »Leta« genannt und dazu ein ebenso sinnreiches wie bedeutsam gestaltetes Cover gefunden, das die Jahresringe eines Baumstamms zeigt (nach der Struktur der Jahresringe zu urteilen, handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine Kiefer) und zugleich durch das Holz die Verbindung ihrer Musik mit der Natur symbolisiert. Das Album ist nämlich vollständig darauf ausgerichtet, akustische Musikelemente wohltönend in eine organisch gewachsene, natürlich bzw. organisch klingende Klanglandschaft zu fügen. Ohne jeglichen Studiokitsch und Schnickschnack bzw. ohne sich hinter Soundeffekten oder möglicher künstlicher Prothetik zu »verstecken«. Wir sprechen hier natürlich von einem vollständig instrumentalen Album .

Beide Musiker haben eine beeindruckende Karriere und ein enormes Maß an gesammelter Erfahrung hinter sich, da sie in der Vergangenheit mit einer bunt gemischten Palette von Musikprojekten unterschiedlicher Genres zusammenarbeiteten oder noch zusammenarbeiten, darunter Tamara Obrovac Transhistria Ensemble, Mildreds, Amala, Ira Roma, Zero Hour Quintet, Miusow Quartet, The Puzzled – darüber hinaus ist Brdnik auch als Theaterkomponist tätig.

Das Album »Leta« ist eigentlich ein Puzzle aus zwei Welten zweier Musiker, das auf gewisse Weise auch ihren bisherigen künstlerischen Weg widerspiegelt und diesen auf eigenwillige Art in die Gegenwart ihrer gemeinsamen musikalischen Begegnung überführt.  Das Album wirkt völlig unprätentiös. Es zieht einen langsam in seinen Bann, geradezu bescheiden, doch mit einem unglaublich ansprechenden, unmittelbar unter die Haut gehenden Charme einer einzigartigen Charisma, die sich schon vertraut anfühlt – wenn nicht irgendwo schon einmal gehört und ganz heimelig –, während es durch seinen ausgeprägten Abenteurergeist den Hörer unaufhörlich reizt und beschäftigt.  

Elf Titel wirken wie elf abgeschlossene Geschichten einer ausgefeilten kompositorischen Charisma. Es ist eine farbenfrohe Faltkarte aus einem einzigartigen Geflecht vielerlei Elemente der Weltmusik, die die vielschichtige musikalische Empfänglichkeit beider Musiker widerspiegeln – subtil eingewoben sind neoklassische Elemente und der herausfordernde Funkenflug des jazzigen Abenteurergeists, während die rhythmische Kinetik, die vor allem Markos Akkordeon diktiert, den Hörer in Richtung Tango-Elemente entführen kann. Acht Stücke sind Eigenkompositionen; das Album bietet zudem drei Bearbeitungen, nämlich des slowenischen Volkslieds Dve leti in pol, ferner Estate des italienischen Sängers B. Martino sowie Dom de iludir (Original: Caetano Veloso). Letzteres ist ein Jazzstandard, der Brdnik und Rakovec bei ihren gemeinsamen Jams als eine Art Indikator ihrer gegenseitigen Kompatibilität diente. Daher gilt er vielleicht sogar als ihre bedeutsamste Erfahrung, die eigentlich die Plattform für die Entstehung des Albums »Leta« gelegt hat – bzw. der Beweis dafür, dass die Chemie zwischen Brdnik und Rakovec einfach gesagt funktioniert und kreativ sein kann.   

Ausgefeilte Phrasen klar definierter Musikalität entfalten sich in der Struktur der Stücke im Glanz des Unerwarteten, doch verlieren die beiden Musiker dabei auch nicht für einen Augenblick den roten Faden beim Arrangieren und Aneinanderreihen der kompatiblen Teile dieses komplexen, aber dennoch (durchgehend) höchst gut hörbaren Album-Puzzles. Das experimentelle Element bzw. der sogenannte freiheitsliebende musikalische Touch bahnt sich prägnant seinen Weg in der strukturellen Form der Stücke und ist daher in jedem Stück des Albums deutlich eingedrückt. Dabei nehmen die beiden Musiker einander überaus geschickt wahr und öffnen einander fortwährend flexibel Raum für solistische Akrobatik. In einem bestimmten Moment des Albums hält Brdnik die Kulisse der Begleitung für Rakovec, damit dieser das »Vorderfeld« mit Soli füllt – natürlich gilt das auch umgekehrt, die Rollen wechseln sich ständig ab. Diese Momente, in denen sich die Musiker die Herausforderungen der Improvisation gönnen, wirken wieder völlig unprätentiös; die Stücke sind mit dem Element der Improvisation in den richtigen Nuancen und an den richtigen Stellen dosiert. Das bedeutet, dass das Album »Leta« keineswegs in ein Gefühl der Fragmentiertheit verfällt oder – noch schlimmer – dadurch musikalisch »drückt«. Akkordeon und Gitarre ergänzen sich in allem, was sie angehen, unglaublich wirkungsvoll. Die beiden Instrumente sind in dieser Hinsicht durchgehend »gleichgestellt«. Keines beansprucht die Aufmerksamkeit oder versucht, das andere zu dominieren. Das symbiotische Verhältnis des gegenseitigen Dialogs beider Instrumente funktioniert tadellos.

Mediterraner Melos (Andaluse), skandinavische schwermütige Anmut und Mystik (Estbjörn), das Spiel der Wassertropfen (Voda), städtische Euphorie (Moskva), Verspieltheit (Boulevard), Nostalgie und Sehnsucht (November) … Ein Genuss, in den sprudelnden Quell der Emotionen und auch der Leidenschaft einzutauchen, die beide Musiker mit solch überschwänglicher Herzlichkeit aus dem musikalischen Inhalt hervorlocken und auf den Klangträger übertragen. In dieser Hinsicht ist das Album in seiner Bescheidenheit, mit der es uns in seine Welt einlädt – auch wenn es sich um äußerst tiefgründiges Komponieren handelt, bei dem makellose Feinmechanik und Feingefühl gefordert sind –, gewiss üppig reich und alles andere als bescheiden. Und genau diese Komponente des sensitiv-instinktiven Reagierens beider Musiker wirkt einzigartig. In dem Sinne, dass dieses Album in der Folge jedes Mal anders auf den Hörer wirkt und in ihm andere Gefühle aufwühlt, die mit Stimmungslagen verknüpft sind. Jedes Mal, wenn du das Album »Leta« hörst, erwecken die Stücke andere Empfindungen in dir.

»Leta« ist ein wunderschönes Album, mit einzigartiger musikalischer Visitenkarte und als anschaulicher Abdruck der vielschichtigen Gestaltungskraft seiner beiden Schöpfer, das viele Hörerprofile befriedigen wird. Musikpuristen und -gourmets ebenso wie alle Liebhaber der abenteuerlichen Fusion von Weltmusik-Elementen mit Neoklassizismus, meisterhaft bereichert durch den funkensprühenden Abenteurergeist des Jazz.

Marko Brdnik & Uroš Rakovec – Leta (Song):

Besetzung

Marko Brdnik – Akkordeon
Uroš Rakovec – klassische Gitarre 

Produktion

Stefano Amario

Trackliste

1. Voda (Wasser)
2. Andaluse
3. Dom De Iludir
4. Matrica (Matrix)
5. Esbjörn
6. Leta (Jahre)
7. Estate
8. Dve leti in pol (Zweieinhalb Jahre)
9. Boulevard
10. Moskva
11. November 

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