Leftoverture
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Kansas
Label: Epic Records
Veröffentlichung: 1976
Bewertung: 5/5
Wenn eine innovative Band, die nach dem großen Massendurchbruch giert, beim hastigen Aufnehmen eines Albums unter enormen Druck gerät, sind nur zwei Ausgänge möglich: die totale Pleite oder das perfekte Meisterwerk. Die legendären amerikanischen Prog-Rocker Kansas erlebten mit ihrem vierten Album die zweite Variante und schufen mit „Leftoverture“ den größten Triumph ihrer Karriere, ein Album, das bis heute als einer der Klassiker des symphonischen Prog Rock gilt. Damit schufen sie außerdem eines der Schlüsselalben für die Geburt eines neuen Genres – des Arena Rock. Es fehlte nicht viel, und das Album hätte auch „Leftovers“ heißen können, denn es entstand ohne Verschnaufpause und in enormer Hektik. Obendrein stand die Band unter dem gewaltigen Druck ihres damaligen Labels, das ihnen nach dem kommerziellen Flop des Vorgängers „Masque“ (1975) noch eine letzte Chance gab: entweder der große Durchbruch, oder der Vertrag wird aufgelöst. Kansas ließen sich von diesen Drohungen beim Entstehen des Albums zum Glück nicht verrückt machen und schufen, entgegen allen Erwartungen einzelner Bandmitglieder, ein Album, mit dem ihnen der so lange ersehnte kommerzielle Durchbruch gelang. Nach drei großartigen Alben, die in extrem kurzer Zeit entstanden waren, und nach unzähligen Konzerttourneen haben sich Kansas mit „Leftovertue“ für alle Ewigkeit unter den wichtigsten Bands in der Geschichte der (Prog-)Rockmusik eingetragen und ihren Status als Schlüsselband des amerikanischen symphonischen Prog Rock für immer zementiert. „Leftoverture“ bedeutete für die Bandmitglieder nach der Knochenarbeit und all den anstrengenden Jahren, die sie größtenteils mit Auftritten in irgendwelchen „Cowboy“-Bars verbracht hatten, die Erfüllung eines langjährigen Traums.
Dazu trug sicher auch eine Verkettung glücklicher Umstände bei. Kerry Livgren, Gitarrist und gelegentlicher Keyboarder, erlebte nämlich genau während der Aufnahmen zu „Leftoverture“ seinen kreativen Höhepunkt und übernahm beim Entwerfen des Albums die Führung. Kerry, der sich damals noch immer begeistert mit orientalischer Philosophie und indianischen Legenden beschäftigte, kamen eine verrückte Idee nach der anderen, und das Album war in vielerlei Hinsicht sein kreatives Kind, denn er schrieb alle seine zentralen Kompositionen und Arrangements. Stellenweise stand ihm, wie üblich, auch Sänger und Keyboarder Steve Walsh zur Seite, der während der Aufnahmen eine große kreative Blockade durchmachte, dafür aber eine regelrechte vokale Blüte erlebte und so seinen Ruf als einer der großartigsten Rocksänger aller Zeiten noch weiter ausbaute. „Leftoverture“ war der Moment, in dem zum ersten Mal ihre unverwechselbare „Soundwand“ entstand. Sie beruhte auf einer Kombination aus majestätischen symphonischen Arrangements, die das Ergebnis der unglaublichen Symbiose und Chemie zwischen Livgrens Gitarre, Walshs Keyboards (meist Synthesizer und Orgeln) und dem Geiger/gelegentlichen Sänger Robbie Steinhardt waren. Der Sound dieses Albums war außerdem in der gesamten Kansas-Diskografie einzigartig, denn er enthielt einige Synthesizer, die sie danach nie wieder benutzten. An epischen Kompositionen mit zahlreichen komplexen symphonischen Arrangements und instrumentalen Jams in den Mittelteilen fehlte es ebenfalls nicht, nur waren sie hier eine Spur raffinierter und weniger düster als bei den meisten ihrer früheren Werke. Gleichzeitig nahm auf „Leftoverture“ die Zahl der kürzeren Stücke zu, die schon an der Grenze zum Melodic Rock lagen. Dieser Trend sollte mit ihren nächsten Alben immer stärker werden. Die größte Stärke von „Leftoverture“ liegt vielleicht darin, dass sich darauf nicht ein einziger durchschnittlicher Song findet, was es in der gesamten Kansas-Hinterlassenschaft ebenfalls einzigartig macht.
„Leftoverture war mit zahlreichen Kansas-Klassikern vollgepackt. Die meisten davon haben sich für immer in die Herzen unzähliger Progressive-Rock-Fans gebrannt. Am bekanntesten war zweifellos der Opener „Carry On Wayward Son“, eine melodisch rockige Komposition, die ihnen Weltruhm einbrachte und bis heute als eine der bekanntesten Rockhymnen gilt, die auch viele kennen, die sonst noch nie von Kansas gehört haben. Ihr Schöpfer Kerry Livgren schrieb den Song als Fortsetzung von „The Pinnacle“ vom vorherigen Album „Masque“. Diese melodisch rockige Hymne ist vollgeladen mit unglaublicher Energie und den für die Band typischen instrumentalen Verzierungen. Auf einen dramatischen mehrstimmigen Einstieg folgt ein mächtiger Gitarrenriff, unterlegt mit einer erlesen geschmackvollen Keyboardlinie und energiegeladenem Rhythmus. Wenn dann auch noch Walshs leidenschaftlicher Gesang einsetzt, dessen Klangfarbe und Textausdruck unglaublichen Optimismus versprühen, erstrahlt dieser wunderbare Song in vollem Glanz. Der einzige negative Effekt dieses großartigen Klassikers war, dass Kansas heute seinetwegen oft fälschlicherweise als AOR-Band abgestempelt werden, obwohl der Großteil ihrer Songs zum Progressive Rock zählte. Es folgt „The Wall“, ein religiös inspiriertes Stück, das etwas kürzer ausfällt als ihre früheren symphonischen Prog-Rock-Epen. Majestätische symphonische Arrangements auf Keyboards und Violine wurden hier in vollkommene Harmonie gebettet und fließen wunderbar zusammen mit dem mächtigen, aufrüttelnden Gesang, der im Text eine spirituelle Wiedergeburt besingt. „What’s On My Mind“ war ein weiterer kürzerer, eher melodisch rockiger Song, der strukturell mit „Carry On Wayward Son“ verwandt war. Auch hier wurde ein mächtiger Riff auf ausgesprochen kunstvolle Weise in die zentrale Melodie verwoben, die aus der Kombination von leidenschaftlichem Gesang und Keyboardsound entsteht. Dieser Song, halb Ballade, halb energischer Rocker, wiegt die zentralen symphonischen Prog-Rock-Epen des Albums hervorragend auf.
Die symphonische Pracht des Albums schwillt zum ersten Mal mit dem mächtigen Epos „Miracles Out Of Nowhere“ an, dem ersten der symphonischen Prog-Rock-Epen auf dem Album und einem der tiefgründigsten Stücke in ihrer Geschichte. Das gilt gleichermaßen für die Struktur der majestätischen und komplexen Arrangements wie für den aufrüttelnden Text, der von der spirituellen Möglichkeit des Einzelnen erzählt, mit seiner schöpferischen Energie und seinem Potenzial buchstäblich Wunder zu vollbringen. Wunderschöne barocke Arrangements aus dem Zusammenspiel von Violine und Keyboards tragen die Komposition in vollkommen klassische Gewässer. Zu hören ist auch ein polyphones Solo mit Hornklängen über spezielle Synthesizer, die sie nach diesem Album nie wieder eingesetzt haben. Nach einem dramatischen und geheimnisvollen Orgelteil folgen noch einmal ein exzellenter Übergang und der majestätische, aufrüttelnde Refrain. Ein herausragender Klassiker, in dem die Fusion aus klassischer Musik und Rock ihren Triumph feiert. „Opus Insert“, ein weiterer kürzerer Hybrid aus Prog und Melodic Rock, beginnt mit einem allmählichen Einstieg auf Synthesizern, der für die Band ziemlich untypisch war. Auch hier steht wieder eine mächtige Melodie im Vordergrund, gebaut auf exzellenten symphonischen Arrangements, energischem Gesang und verzweigter Rhythmik zwischen Schlagzeug und Bass. Dazu gibt es einen witzigen Instrumentalteil mit Schwerpunkt auf Vibrafon- und Keyboardklängen. Es folgt ein weiteres kürzeres, verschachteltes Stück, „Questions Of My Childhood“, das vor allem auf zahlreichen symphonischen Passagen von Synthesizern und E-Piano aufgebaut war. Das ist wieder einer dieser Songs, bei denen man bewundern kann, wie viele verschiedene Leidenschaften Walsh in besten Zeiten in seinen Gesang legen konnte.
Progressive-Rock-Feinschmecker werden von allen Stücken auf dem Album wohl das majestätische symphonische Meisterwerk „Cheyenne Anthem“ am meisten schätzen. Es war eine der schönsten Hymnen in der Geschichte des Progressive Rock und des Classic Rock und einer dieser unsterblichen Songs, die sich Liebhabern dieser Musik für immer in Herz und Seele schreiben. Seine mystische Aura wird noch dadurch verstärkt, dass er den nordamerikanischen Indianern vom Stamm der Cheyenne gewidmet war, dem Triumph ihres Geistes über die weißen Unterdrücker. Was den Text betrifft, ist es überhaupt einer der vielen Kansas-Songs, in denen es um die Dummheit, Gier und Habsucht des weißen Mannes geht, der gewöhnlich alles zerstört, was er anfasst. Über die gesamte Länge mischen sich darin unglaubliche Epik, Melancholie und hymnische Wucht, die den Hörer aufrichten und selbst in seinen schwersten Momenten mit unglaublicher Energie erfüllen. Die wunderschöne melancholische Eröffnungsstrophe, gebettet auf die Melodie herrlicher orchestraler Keyboardteppiche und akustischer Gitarre, singt Geiger Steinhardt. Danach folgt der erste großartige Kontrast, wenn Walshs dramatischer Gesang plötzlich einbricht und mit seinem märchenhaften Ausdruck den „Boden“ für die endgültige, triumphale Offenbarung bereitet. In diesem Moment setzt ein wunderschönes Arrangement mit majestätischen weiblichen Chorgesängen ein, dazu ein herrlicher Übergang mit einer traumhaften Passage auf Violine und Keyboards. Darauf folgt ein dramatischer, verschachtelter und hochkomplexer symphonischer Abschnitt, der seine Flirts mit einigen klanglichen Einflüssen der legendären Emerson, Lake & Palmer nicht versteckt, vor allem was den Keyboardsound angeht. Danach wiederholt sich das majestätische und triumphale zentrale Motiv der Komposition, das zugleich eine der schönsten Widmungen an ein indianisches Volk darstellt. Mit Worten lässt sich die Erhabenheit und Energie kaum beschreiben, die diese göttliche Komposition durchströmt, in der für eine Weile die indianischen Legenden und der unglaubliche Wille und die Unbeugsamkeit des menschlichen Geistes nach Freiheit wieder aufleben.
„Leftoverture erreicht seinen Höhepunkt und größten Triumph mit dem abschließenden, überwiegend instrumentalen Meisterwerk „The Magnum Opus“. Das war wieder eine dieser symphonischen Prog-Rock-Kompositionen von unglaublich epischen Ausmaßen, die bis heute den Geist aller Fans von experimenteller Musik und symphonischer Erhabenheit aufwühlen. Sie ist in zahlreiche komplexe, völlig unterschiedlich arrangierte Abschnitte mit allerlei witzigen Titeln unterteilt. Sie beginnt mit dem dramatischen Abschnitt „Father Padila Meets The Perfect Gnat“, der melancholische symphonische Arrangements auf Keyboards, Violine und Vibrafon sowie zahlreiche dramatische Gitarrensoli enthält. Der Einsatz von Walshs sinnlichem Gesang kündigt den Abschnitt „Howling At The Moon“ an. Es folgt „Man Oveboard“, in dem wieder ein großer ELP-Einfluss zu erkennen war, denn verschachtelte und dramatische Improvisationen zwischen Keyboards, Violine und Gitarre jagen sich mit atemberaubendem Tempo. Danach kommt der Abschnitt „Industry On Parade“ mit Livgrens scharfen, fast metallischen Riffs und einem dramatischen Solo, das einem den Atem raubt. Der Abschnitt „Release The Beavers“ leitet zahlreiche dramatische und bis zum Anschlag verschachtelte Keyboardpassagen ein und beruhigt sich für eine Weile in geheimnisvolles Klangwogen. Der Schlussabschnitt „Gnat Attack“ ist dann ein wahres Nirwana für alle technikverliebten Instrumental-Feinschmecker, denn er enthält unglaubliche, extrem schnelle und ausgefeilte Intervalle zwischen brutalen Gitarrenriffs und -soli und lichtschnellen Keyboardpassagen. Dieser Abschnitt wird so manchen daran erinnern, welchen Einfluss Kansas auf Prog Metal und Neo Prog hatten und wie viele Ideen sich die amerikanischen Prog-Metaller Dream Theater (in anderer Form) bei ihnen geliehen haben. „The Magnum Opus“ war wirklich das wahre Magnum Opus der Band und ist auch heute noch einer der drei Hauptkandidaten für die beste Komposition ihrer Geschichte.
„Leftoverture“ ist das großartigste Juwel, nicht nur in der Geschichte von Kansas, sondern meiner Meinung nach in der gesamten Geschichte des amerikanischen symphonischen Prog Rock, und es strahlt noch heute mit ungebrochenem Glanz. Damit erreichten Kansas den Gipfel ihrer kreativen Kräfte, und auch wenn später noch viele sehr gute Alben folgten, kamen sie dieser Nähe zur Prog-Rock-Perfektion nie wieder. Nach dem großen kommerziellen Erfolg des Albums und der Single „Carry On Wayward Son“ erlangten sie Weltruhm und spielten endlich in großen Arenen und vor europäischem Publikum, das ziemlich überrascht gewesen sein muss von einer amerikanischen Band, die sich problemlos mit den meisten europäischen (vor allem britischen und italienischen) Champions des symphonischen Prog Rock messen konnte. Zugleich war es der Moment, in dem sich die Band zum ersten Mal etwas von ihren progressiven Rockwurzeln in Richtung Melodic Rock entfernte, um ein größeres Publikum zu erreichen, was später zur schrittweisen Verwandlung ihres Sounds hin zu AOR/Melodic Rock führte. Das Album war aber auch für die Entwicklung des Neo Prog und des frühen Prog Metal wichtig. „Leftoverture“ ist als Ganzes (samt seinem mystischen Cover mit einem alten Gelehrten in antikem Look vor einem Berg von Büchern und Notenblättern) ein Album, das man einfach nicht genug loben kann. Als solches gehört es natürlich zwingend in jeden Haushalt.
Besetzung
Steve Walsh -Gesang, Orgel, Synthesizer, Klavier, Keyboards, Backing Vocals
Kerry Livgren – Gitarre, Keyboards
Robby Steinhardt – Violine, Viola, Gesang, Backing Vocals, Vibrafon
Rich Williams – Gitarre
Dave Hope – Bass
Phil Ehart – Schlagzeug, Percussion
GASTMUSIKERINNEN:
Toye LaRocca – Gesang
Cheryl Norman – Gesang
Produktion
Jeff Glixman, Kansas
Tracklist
1. Carry on wayward son (5:13)
2. The wall (4:47)
3. What’s on my mind (3:27)
4. Miracles out of nowhere (6:29)
5. Opus insert (4:26)
6. Questions of my childhood (3:38)
7. Cheyenne anthem (6:50)
8. Magnum opus (8:27)
Spieldauer: 43:17
Bonustracks der Wiederveröffentlichung von 2001:
9. Carry On Wayward Son (live)
10. Cheyenne Anthem (live)