II
Künstler: Aranis
Label: Eigenveröffentlichung
Veröffentlichung: 2007
Bewertung: 4.5/5
Aranis aus Belgien sind eine Truppe von sieben jungen Musikern, die gerade erst am Anfang ihres musikalischen Wegs stehen und sich in kurzer Zeit trotzdem schon etabliert haben. Das verdanken sie vor allem unermüdlichen Live-Auftritten in Belgien, wo sie oft in die Schublade Klassik gesteckt werden. Und warum auch nicht. Die Band besteht ausschließlich aus klassischen Musikern und Instrumenten. Aber das ist nicht alles. Aranis sind keine klassische Besetzung, die nur zufällig im Rock gelandet ist. In ihre Melodien fließen allerlei Einflüsse ein, von Avantgarde über Folk bis hin zu Rock.
Ich würde Aranis schlicht als Kammermusik mit Rock-Anleihen beschreiben. Für die einzigen echten Rock-Momente sorgt der Gitarrist, der ab und zu ein paar rockigere Akkorde anschlägt und auch dynamischer spielt, als es in der Klassik üblich ist. Der Unterschied zur Klassik liegt außerdem darin, dass er eine akustische und keine klassische Gitarre spielt. Vielleicht könnte man sagen, dass auch der Kontrabassist das eine oder andere Rock-Element beisteuert, ähnlich wie bei Apocaliptica.
Vergleiche mit Univers Zero sind absolut angebracht. Man könnte fast sagen, Aranis sind eine Mischung aus dem alten, düsteren Sound und dem neuen, fröhlichen Sound von Univers Zero. Witzig dabei: Aranis hatten bis vor Kurzem noch gar nichts von den berühmteren Landsleuten gehört. Das zeugt nur davon, wie zufällig und parallel sich beide Bands entwickelt haben. Aranis wollen den Hörer nicht um jeden Preis erschrecken, wie es bei Univers Zero manchmal scheint (und genau deswegen liebe ich sie so!), sondern packen die ganze Palette menschlicher Gefühle in ihre Musik und bringen sie durch unglaublich ausgefeilte Kompositionen direkt in die Ohren der Hörer.
Bei Aranis habe ich das Gefühl, ich würde sie schon seit meiner Kindheit hören, jeden Tag meines Lebens. Es fühlt sich an, als wäre die Musik ein Teil von mir. Schon beim ersten Hören kamen sie mir so vertraut vor, als hätte ich sie unzählige Male gehört. Solche Erfahrungen gibt es im Leben selten, umso mehr muss man die wenigen wertschätzen, die man hat. Ab der ersten Minute ihres Konzerts in Portugal haben sie mich in eine völlig neue Welt entführt – in eine Welt realistischer Märchen, in der sich Dunkles mit Gutem mischt und weder Humor noch Traurigkeit zu kurz kommen. In dieser Musik steckt alles im Überfluss, jedes Gefühl, das man sich von Musik nur wünschen kann.
Der Kontrabassist hat manchmal Linien drauf, als würde er Metal spielen. Apocaliptica eat your heart out! Das ist das Echte. Er kann sowohl richtig schwer klingen als auch extrem fein und filigran. Er ist auch für den Großteil der Kompositionen und Arrangements verantwortlich. Doch wie die meisten guten zeitgenössischen Komponisten will Joris nicht viel Aufmerksamkeit. Die Soli überlässt er meist den anderen Bandmitgliedern, trotzdem ist er immer präsent. Seine Linien sind großartig, von ganz simpel bis unglaublich komplex. Dazu kommen zwei Violinistinnen, die sich als Solistinnen abwechseln und auch ein paar schöne Duelle abliefern (wie die Gitarrenduelle bei Iron Maiden). Dann gibt es noch das Akkordeon, das mir in letzter Zeit in der Avantgarde-Musik oft begegnet und das ich inzwischen richtig lieb gewonnen habe, nachdem ich es lange wegen der volkstümlichen Schlagermusik abgelehnt hatte. Das Akkordeon hat hier eine ähnliche Wirkung wie das Harmonium bei Univers Zero – es erzeugt nämlich grandiose Atmosphären. Hier und da wird es aber auch als Soloinstrument eingesetzt. In der Band spielt außerdem die Flötistin Jana Arns, und zwar mit unglaublicher Finesse. Ihre Melodien sind sinnlich und zart, genau wie Jana selbst. Auch das Klavier fehlt nicht. Es ist vielleicht nicht so präsent, wie sich Tastenfans das wünschen würden, aber wenn es dabei ist, sorgt es immer für einen schönen musikalischen Beitrag. Und zum Schluss noch der einzige Rocker, der langhaarige Gitarrist, in dem aber trotzdem mehr Klassikgitarrist steckt als Rocker.
Jedes Mal, wenn ich die CD wieder in den Player schiebe, frage ich mich, warum ich so lange gewartet habe. Ein Album, das so eine besondere Stimmung erzeugt, verdient viel Aufmerksamkeit und Liebe. Die Musik ist die Frucht großer Liebe zur Musik, und deshalb ist das Ergebnis auch reine Perfektion. Aranis II ist das Album einer Band, die weiß, was sie tut. Die Stücke sind bis zur reinen musikalischen Perfektion durchgefeilt. Die Musik ist so, dass sie in mich hineinfließt, als wäre sie ein Teil von mir. Aranis werden vielleicht nicht jedem Rock-Fan bis in die Tiefen der Seele gehen, denn ehrlich gesagt lässt sich ihre Musik nur schwer beim Rock einordnen, aber wer ihnen eine Chance gibt, wird reich belohnt mit Musik, die technisch absolut ausgefeilt ist und trotzdem noch jede Menge Seele hat.
Besetzung
Jana Arns – Flöte
Liesbeth Lambrecht – Violine
Linde de Groof – Violine
Marjolein Cools – Akkordeon
Axelle Kennes – Klavier
Stijn Denys – Gitarre
Joris Vanvinckenroye – Kontrabass
Produktion
Aranis
Trackliste
1. Kitano (3:57)
2. Vala (4:21)
3. Looking Glass (5:57)
4. Gona (4:44)
5. Walk in one’s sleep (6:11)
6. Moja (4:22)
7. Waris (4:53)
8. Turbulentie (6:16)
9. Trog (4:03)
10. Lovey-Dovey (4:39)
11. Mythra (5:04)
Spielzeit: 54:43