Krush

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Niacin
Label: Prosthetic Records
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 73:34
Bewertung: 4/5

Niacin, das abgefahrene Power-Jazz-Rock-Fusion-Trio, kehrt nach acht Jahren zurück, seit das letzte Studiowerk des Trios, »Organik« (2005), erschienen ist. Mit einem neuen Studiowerk. Schlicht und direkt betitelt. Mit einem Wort, das alles sagt. »Krush«. Und tatsächlich. Niacin haben nichts von ihrer zermalmenden Kraft und den charakteristischen musikalischen Eigenschaften eingebüßt, die ihre früheren Studioalben geprägt haben. Das ist die erste und wichtigste Antwort auf die Frage, was wir von der Band erwarten können – eine Frage, die sich bereits mit der Ankündigung des neuen Albums »Krush« gestellt hat, dem ersten für das Label Prosthetic Records, das eigentlich in den Metal-Gewässern unterwegs ist.

Niacin bleiben vollgepackt mit extremem Spiel. Das ist die Weiterentwicklung einer extrem effizienten Kombination aus klanglicher  Geschwindigkeit und Kontrolle, die punktuell solche Dimensionen erreicht, dass man kaum glauben kann, was sich alles aus den Instrumenten herausholen lässt – aus diesem Konglomerat aus fest  und einzigartig zusammenwirkender Hammond B3-Orgel, Schlagzeug und Bassgitarre. Diese Chemie des Niacin-Trios gilt auch auf »Krush« als außergewöhnliche musikalische Provokation, in der sich alle drei Musiker weiterhin pudelwohl fühlen. Leider bleibt ihnen nicht viel Zeit, sich einer Institution wie Niacin intensiver zu widmen. Das erste Opfer ist natürlich Billy Sheehan. Der hat ständig alle Hände voll zu tun. Mit dem reaktivierten Mr. Big, mit seiner Solokarriere (in der Zwischenzeit hat er zwei Soloalben veröffentlicht), dazu das Projekt Devil’s Slingshot, die Zusammenarbeit in Steve Vais Begleitband, und jetzt noch die »tödliche Super-Rock«-Kombination mit Portnoy und Kotzen namens The Winery Dogs.

Das Trio lässt sich erneut voll und ganz in seiner außergewöhnlichen musikalischen Mixtur gehen, die keinerlei künstlerisches Zaumzeug kennt. Es wirkt wie ein Live-Jam im Studio. Ein brillantes Konzert reinblütigen Überschusses an frei drehender Improvisation, die in erster Linie eine Fusion aus Jazz und Rock ist. Die wuchtigen Hammond-Sounds, besonders die Akkordgriffe, rufen häufig das Sentiment der alten Purple-Schule wach (Intro des Stücks Drifting), doch wenn Novellos Soli dazukommen, zeichnet sich auch das Element des ELP-»Randalierens« ab (Car Crash Red)  – besonders aus der Ära des Albums »Brain Sallad Surgery«. In diesen ungezügelten Wahnsinn schleicht sich eine Prise Blues, der punktuell von der Melodie der Hammond-Linien getragen wird. Das Album verbirgt auch den Einfluss von Funk-Elementen nicht (Cold Fusion).

Dem Trio geht auch keinen Augenblick lang die Zündschnur des Dynamits aus, das im Fokus der musikalischen Vision der Festung Niacin steht. Wenn einer der Dreiercombo ins Solo startet, folgen ihm die anderen beiden wie in Trance – und klar ist, dass diese Musiker so verdammt erfahren, eingespielt und vollgepackt mit abgefahrenen Kilometern sind und sich gleichzeitig so gut kennen, dass sie ein gewähltes Motiv im ersten Anlauf optimal hinlegen können. Und zwar so, dass es direkt auf den Tonträger gehört. In diesem Fall auf CD. Auch wenn sie das Motiv vorher nicht besprochen haben. Oder vielleicht doch – dabei aber in einer Art Einvernehmen alle Optionen offenlassend. Das heißt, sie klären das Grundgerüst ab, können aber nicht genau definieren, in welche Richtung sich das Stück entwickeln wird. Das ist der faszinierende Charakter des Progressive Rock.  Und das ist gleichzeitig auch der reizvollste Teil des Charakters der musikalischen Geschichte von Niacin. Eine vollkommen spontane und unvorhersehbare Entwicklung des Geschehens, ein einzigartiger musikalischer Ausdruck, den auf dem ganzen Planeten nur dieses Trio liefern kann.  

Klar ist, dass in diesem Umfeld Novellos Hammond B3 der Haupt-Melodiegenerator ist – trotzdem darf man auf keinen Fall die Beiträge von Chambers und Sheehan vernachlässigen, die auf dem Album gleichwertig ihren Stempel aufdrücken.  Ihr Spiel ist ein ebenso umwerfendes Konglomerat aus außergewöhnlicher Flexibilität und ultra-reaktiver Anpassungsfähigkeit an die jeweils gegebene Situation einer bestimmten Figur des gewählten Motivs. Keinen Augenblick stehen sie still, und ihre Arbeit ist ein wirkungsvolles Hingeben an die vollblütige Improvisation, die sie selbst nicht im Voraus vorhersehen können. Das Trio lässt sich an diesem Punkt einfach dem Energiefluss hin, der auf einer höheren Sphäre wirkt, aber in »lesbaren« Noten bleibt. Von zufälligen Griffen des Avantgarde-Kuriositätenkabinetts ist hier also keine Rede.

Das erste Problem eines Werks von über 73 Minuten Länge ist, dass sich die Elemente zu wiederholen beginnen und man wirklich starke Nerven braucht, um sich von der ersten bis zur letzten Sekunde des Albums durchzubeißen. Die Jungs schütten eine solche Tonnage an Notenfolgen aus, dass sie sich an vielen Punkten des Albums in ihren Improvisationen schlicht zu oft selbst replizieren. Das zweite Problem liegt im begrenzten Angebot an Klangfarben. Man muss sich vor Augen halten, dass bei Niacin nur drei Instrumente zum Einsatz kommen (Novello greift allerdings gelegentlich zum Klavier und Synthesizer). Sheehan verwendet größtenteils seinen typischen (charakteristischen, unverwechselbaren) Bassgitarren-Sound, von dem er keinen Millimeter abweicht und den man sofort erkennt. Chambers ist ohnehin auf ein Instrument fixiert, das im Grunde nur den Rhythmus vorgibt. Also trägt auch dieses Element der begrenzten Klangfarbpalette, die das Trio in seiner ansonsten hochgradig faszinierenden neuen Studiodarbietung erzeugen kann,  zum Gefühl der Übersättigung und Selbstreplikation bei. In diesem Fall zur Replikation der bereits verwendeten Klangfarbpalette, die im Fall von Niacin eben begrenzt ist.

Fans des ungezügelt erkundenden progressiven »Durchdrehens«, der Jazzmusik, generell Fans der alten Schule des Jazz-Rock-Fusion der Siebziger – angeführt vom musikalischen Erbe von Bands wie Mahavishnu Orcherstra, Weather Report und natürlich Return to Forever, sowie dem guten alten »elektrischen« Miles Davis (»In A Slient Way« / »Bitches Brew«-Ära) – werdet ihr in diesem Album jede Menge Gründe für »persönliche Befriedigung wollüstiger Erregung« finden. Ihr, die ihr einfach nur das unbeschwerte Freigeistertum des Ausdrucks der Kunst namens Musik wollt, wisst: Dieses Album wird euch ordentlich sättigen. Es ist nackt, ausgezogen, echt, schwindelerregend spaßig, im Spiel leidenschaftlich rücksichtslos und daher grenzenlos energiegeladen. In dieser Hinsicht kennt es definitiv kein Verfallsdatum, weshalb wir das Album »Krush« zu einem der besten Instrumentalalben erklären können, die in diesem Jahr erschienen sind.

Besetzung

John Novello – Hammond B3, Keyboards
Billy Sheehan – Bassgitarre
Dennis Chambers – Schlagzeug

Produktion

Niacin

Tracklist

1. Krush (4:19)
2. Tone Wheels (4:39)
3. Stormy Sunday (6:35)
4. Low Art (4:24)
5. Car Crash Red (4:12)
6. Electrocity (4:20)
7. Cold Fusion (6:41)
8. Majestic Dance (4:48)
9. Prelude & Funky Opus (7:04)
10. The Gnarly Shuffle (4:04)
11. Drifting (7:28)
12. Sly Voltage (4:52)
13. That’s the One! (3:52)
14. Triple Strength (6:05)

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