Konzertgeburt des Recidiv (2014)

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Autor: Urban Bolta
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Ljubljana / Orto bar / Slowenien
Konzertdatum: 26.04.2014
Besucherzahl: 120
Eintrittspreis: 5,00€

Recidiv ist in der Medizin der Fachbegriff für das Wiederauftreten einer Krankheit beim selben Patienten – im Falle einer Alkoholismustherapie also der Begriff, der das erneute Greifen des Patienten zur ein oder anderen alkoholischen Substanz bezeichnet. Wie Koli es volkstümlich formulierte, würde das bedeuten: »hat sich wieder voll wie ein Tier gesoffen«. »Recidiv« ist aber auch der Titel des neuen, insgesamt siebten Studioalbums der Trbovlje-Rock’n’Roll-Urgesteine The Drinkers, das offiziell gestern erschienen ist – am Tag ihres Promotion-Auftritts im Rahmen des Orto fests.

The Drinkers begannen vor drei Jahren wieder auf den Pfaden vergangener Größe zu wandeln, als zwei alte Mitglieder die Band verstärkten: Frontmann Sandi Kolenc – Koli und Keyboarder Primož Trebec; vervollständigt wurde die Besetzung durch den Neuzugang am Schlagzeug, Klemen Markelj. Die gegenseitige Chemie ist (wieder) aufgeflammt, und ihr Ergebnis ist nach zwei Jahren im Studio nun auch in Form des neuen Studioalbums »Recidiv« (Rezension hier) zu hören – mit dem The Drinkers nach ihrem Zwischenstopp mit Sänger Maki in voller Stärke zurückkehren.

Der Spaß im gut gefüllten oberen Foyer des Orto bar begann gegen halb elf Uhr abends, als The Drinkers sich mit dem Track Mat K einwärmten. Die Finger von Gitarrist Robert Likar waren anfangs etwas steif und suchten beim Start den Kontakt zur rhythmischen Basis – was im Laufe des Abends nach ein paar geleerten Gläsern Hopfen-Energydrink noch mehrfach passieren sollte, woran das Publikum aber keinen Anstoß nahm. Das Rezept von The Drinkers ist nämlich der genussvolle Vollkontakt mit dem Rock’n’Roll in seiner ureigensten Form – mit vollen Eiern –, und ihr Partyservice lässt daher auch kleinere Ausreißer von der idealen Linie zu.

The Drinkers teilten den Auftritt inhaltlich in zwei Teile. Nach einem kurzen Intro spielten sie das aktuelle Album nahezu in voller Länge durch und zeigten damit vollstes Vertrauen in das Material, mit dem sie ein neues erfolgreiches Kapitel ihrer nun schon über zwei Jahrzehnte umspannenden Geschichte anpeilen. Die sofort griffigen Refrains der Nummern Huda baba, Debeli avioni und Jutro na Fužinah schafften es trotz Erstgehör, das Publikum zu fesseln und zu spontaner Bewegung zu animieren; gut kamen auch die kompositorisch herausstechenden Tracks Nenormalna und F.A.S. an – mit ihren arroganter gesetzten Klangbausteinen, deren Wucht selbst Lemmy Killmister nicht zu schämen bräuchte! Die neuen Songs enthalten trotz ihrer knackigen Rock’n’Roll-Struktur »auf den ersten Schuss« eine intelligente lyrische Note sowie gelungene instrumentale Einfälle und wirken deshalb keineswegs naiv. The Drinkers haben die gefährliche Falle der Schlichtheit als erfahrene Musiker also mit Leichtigkeit überwunden!

Auf der Bühne macht Frontmann Koli einen Höllesjob. Die restlichen vier vertrauen ihm beim Halten der Zügel vollständig und lassen ihm als zentraler Bühnenfigur den gesamten Manövrierraum, den seine charismatische Persönlichkeit braucht. Kolis Ansagen zwischen den Songs waren von Humor und dem Erzählen von Ich-Geschichten durchdrungen, deren Enden regelmäßig Lachsalven ernteten. Und wie rechtfertigt Koli eigentlich seine Abstinenz der letzten Jahre, obwohl er als Musiker ständig über die Verlockungen des Alkohols singt? »Auch Elton John schreibt Songs für Mädchen – und hat einen Freund!«. Wenn es auf diesem Planeten jemanden gibt, dem es nicht an Gespür für geschicktes Manövrieren und die Motivation des Publikums mangelt, dann ist das mit Sicherheit Koli.

Der zweite Teil des Konzerts bestand aus älteren Hits der Band, die größtenteils den Verlockungen dieses und jenes Alkoholgebräus und den damit verbundenen gesellschaftlichen Anekdoten gewidmet waren. Litr vina als Auftakt der Reise durch die Diskografie-Geschichte, die teutonische Wucht von Jawohl und die einzige echte Ballade des Abends, Privat bog, trieben die Stimmung vor dem abschließenden Sturm fast bis zum Siedepunkt – für den die immergrünen Melodien der Hits Ko to tamo peva, Pijemo ga radi und Deset majhnih jagrov sorgten.

Die Konzertgeburt des »Recidiv« zeigte The Drinkers im Licht echter und überaus überzeugender Rock’n’Roll-Possenreißer. The Drinkers bringen zwar keine tektonischen Verschiebungen in die Musik, sind aber in ihrem Wesen so herzlich und aufrichtig, dass sich in ihrer Sprache jeder Normalsterbliche leicht wiederfindet. Auf eine Geburt folgt in unserem Kulturkreis üblicherweise die Taufe – also schafft euch das neue Album an, damit ihr ihre Rock’n’Roll-Kernigkeit auch in der gemütlichen Umarmung des heimischen Sofas genießen könnt. 

Setlist

1. Mat K
2. Lepi in trezni
3. Huda baba
4. Pridi
5. Nenormalna
6. Trboule
7. Debeli avioni
8. Jutro na Fužinah
9. Pilatus
10. Recidiv
11. F.A.S.
12. Litr vina
13. Jawohl
14. Privat bog
15. Fa Fa Fa
16. Slovenac
17. Ko to tamo peva
18. Pijemo ga radi
19. Deset jagrov
20. Žeja 

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