Kočevje špila – Zastonj

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Various Artists
Label: Društvo kočevskih glasbenikov
Erscheinungsjahr: 2015
Bewertung: 4/5

Unglaublich. Das vierte Jahr in Folge und die vierte aufeinanderfolgende Kompilation »Kočevje špila«. Also. Was hat uns der unermüdliche General Bito (NčOdNč) und seine Crew diesmal eingebrockt?  »Kočevje špila – Zastonj« ist wieder eine frische Sammlung aktuellen musikalischen Pulses, die die Region Kočevje für das Jahr 2015 zusammenfasst. Die Kompilation bietet 18 Tracks und (folgerichtig) 18 Interpreten. Viele von ihnen sind alte Bekannte der drei vorherigen Kočevje-Kompilationen. NčOdNč) haben in dieser Hinsicht insgesamt 4 Tracks beigesteuert, was für eine eigenständige EP reicht.

Auch »Kočevje špila – Zastonj« weicht nicht weit vom bereits bewährten Rezept ab, mit dem uns das Društvo kočevskih glabenikov versorgt. Wenn man schnell drüberschaut, ist auch die neue Kompilation entschiedener in der Alternativrockwelt verankert, greift gleichzeitig aber wieder auf die Genrefelder Folk, Singer-Songwriter-Musik, Pop, Blues, Hard Rock, Metal, Tanzmusik und neuerdings sogar Hip-Hop zurück.

Der Eröffnungstrack Zapušanska unter der Regie der Gruppe Zapušanci bereitet als Einstieg in die neue Geschichte das gesamte Hörprogramm der Kompilation mehr als wirkungsvoll vor. Es handelt sich um alternativrockigen Inhalt mit eigenständigem Gesicht, angenehm veredelt durch einen Hauch des Melos slowenischer Volksmusik. Zapušanci als »der Kočevje-Orlek«? Ja, aber bitte strikt  »auf Kočevje-Art«!

Kosmate dlesni haben sich offensichtlich entschieden, nun mit kroatischen Versen zu kokettieren. Auf der ersten Kompilation »Kočevje Špila – Grupni« (2012) präsentierten sie einen Track auf Slowenisch. Jedenfalls nähert sich ihr spöttischer Punkrock-Charme nun dem Erscheinungsbild und Werk der Punkrock-Bands aus dem ehemaligen Jugoslawien an. Static  (Track To si ti) verkörpern den Funk-Pop-Rock-Moment der Kompilation, den wir von dieser Gruppe schon auf früheren Kompilations-CDs erlebt haben. Die Band mit dem Potenzial, Radiofrequenzen zu erobern, hält auch diesmal ihr Niveau wirkungsvoll aufrecht. Das Schockelement liefert auf der Kompilation die Integration von Hip-Hop-Gelaber (Gero & Urban Click) im Track Ugasn zvočnike. Eine nette Geste der Unterstützung für MCs, die aber schwer mit der Rockkombination harmoniert, der die Kompilation hauptsächlich gewidmet ist. Auch Joe Krosher (feat. Urška) hat auf der letzten Kompilation bereits gezeigt, dass er den Disco-Beat mehr als gut versteht. Dem Tanz ist auch das neue No Rules verschrieben, dem aber ein Quäntchen Dynamik fehlt – im Sinne eines farbigeren Einsatzes der Begleitschichten, die dem Gesang im Hintergrund hinzugefügt wurden.

Auf »normale« Rockgleise führt die Kompilation der Track Vse se vrti unter der Regie der exzellenten SKA-Punker Sell Out zurück, die schon früher bewiesen haben, dass sie aus echtem künstlerischem Holz geschnitzt sind. Bleibt zu hoffen, dass sie in Bosnien und Herzegowina mindestens so populär werden wie Dubioza kolektiv bei uns. Das hätten sie zumindest verdient. In die Tiefen des »gezielt hohlen« Rockminimalismus schießen uns The Cowmonkeys, die einen Hauch Stoner-Rock-Galgenstimmung herausquetschen. Auf jeden Fall Neuzugänge der Kočevje-Kompilationen, die man in Zukunft im Auge behalten sollte. Hier sind wieder die guten alten NčOdNč mit dem Track Everyman. Modischer Trash-Grooove – man könnte sagen, eine Art Postmodernismus im Thrash Metal und ein bisschen Augenzwinkern in Richtung der »Metal-Omi« Metallica. Was wäre eine Kočevje-Kompilation ohne Gaber Brin, pardon, Roman Zupančič? Wenn schon nicht gar nichts, dann zumindest ohne Frage äußerst langweilig – beziehungsweise salzlos. Der Mann, der die Band Zadnji Taxi (Track Želel bi si) wiederaufleben ließ, fesselt erneut mit seinem spezifischen Vokalansatz. Melancholisch, aber poetisch überaus anziehend und aufrichtig.  Stellt euch einen Mann in einem halb dormanten Bewusstseinszustand vor, gefangen im Charme des Balladenblues inmitten irgendeiner Kočevje-Nachtbeiz, umgeben vom Dickicht der Rauchnebel eines Raums, den man mit dem Messer schneiden könnte. Eine ähnliche Energie verströmt später auf der Kompilation der Track Le spomin von Matthias & Band. Nur dass der Leadgesang natürlich etwas andere Emotionen weckt. Sebatage (bürgerlicher Name Sebastjan Vukan) ist ein weiterer Singer-Songwriter, der im Track Želel bi si durch einen spezifisch nasalen, schneidenden Vokalansatz »gerettet« wird, mit dem er die Verse in einem ansonsten vorhersehbar versöhnlichen Liedchen wirkungsvoll zum Leben erweckt, eingehüllt im natürlichen Klang leicht flatternder Akustikgitarren.  Eine entspannte Pop-Blues-Brise weht spielerisch und erfrischend  im Track Black And Blue der Band Voodoo Weekend. Es ist eine gelungene Kombination aus zerbrechlichem Gesang und organischen Klangnuancen eines ansprechenden Dialogs der instrumentalen Begleitung (angeführt von einem klar definierten Gitarrensolo), die im »Untergrund« des Textes einen fernen, klaren Unterton trägt. Ida Aupič versteckt den Mut nicht, sich in der Rolle der Singer-Songwriterin auszuprobieren. Nach ihrem Beitrag auf der Kompilation »Kočevje špila – Razkačeno«, also zum zweiten Mal. Wünschen wir dem träumerisch sehnsuchtsvollen Mädchen viel Glück bei weiteren Unternehmungen – das musikalische Potenzial ist nämlich da.

 Falls sich noch jemand von euch erinnert, wie die Kompilation »Kočevje špila – Lik Of« (2013) eröffnet wurde, kennt er die Band 4 Dementions. Das ist ein mehr als willkommenes musikalisches Phänomen, nicht nur in der Region Kočevje, sondern im slowenischen Musikraum insgesamt, von dem es schlicht bitterlich wenig gibt. Die Band versteckt einen besonderen, progressiv bis jazzrock-fusionierten Konglomerat eigenständiger Zusammensetzung nicht, der meilenweit von dem Track entfernt ist, den sie vor zwei Jahren auf der zuvor zitierten Kompilation vorlegte. Diese Band sollte unbedingt ein Studioalbum veröffentlichen. Das verspielte Stöbern im Schatz zahlloser Improvisationen ist da. Ungewöhnlich und herausfordernd. Das Tolminer Ende Sloweniens hat Feedback, das Idrija-Ende Divje jezero – offensichtlich bekommt die Region Kočevje eine neue progressivrockige Antwort.  

Mehr Naivität und Vorhersehbarkeit erlauben sich im Weiteren The Perception mit dem Track Povej, der dann aus dem anfänglichen »Schlaf« durch ein gelungenes, kokettes Funk-Grooving aufgeweckt wird. Auch auf dieser Kompilation hat sich wieder Platz für Skaktus gefunden. Das sind Veteranen der slowenischen Rockszene und eine der ersten  SKA-Bands in unserem Raum. Der Track Vsi moji prijatelji wirkt ein kleines bisschen zurückhaltend. Er groovt gemächlich vor sich hin und versteckt dabei nicht den Sentiment, der den Track im nächsten Moment in ein kontrastreich vertieftes SKA/Reggae-Rhythmusgefüge wenden kann. Verspielt, klarsichtig, bissig und unterhaltsam, mit einem unterschwelligen Schleier aus Melancholie. Typisch Skaktus eben. Veteranen wissen, wie man sofort unter die Haut geht. Post-U2-Modernismus wird dem Track Falling (Band Use) beigemischt. Ein schön dargebotenes Stück. Besonders im arrangierenden Sinne der Verbindung von Melodien, die der Gesang aufgreift, mit der Entwicklung des Gitarrenspiels, das den verfügbaren Raum des Klangbilds geschickt ausnutzt. Die Kompilation beschließen weitere alte Bekannte der Kočevje-Kompilationen. Ram Session. Diesmal mit einem Track, der mit Reggae-Rhythmus beschlagen ist, was etwas überrascht angesichts dessen, was wir von ihnen auf früheren Kompilationen gehört haben. Schließlich sind Ram Session die Autoren der klarsichtigen Kočevje-Hymne ŠpilEEEj! Der Track Circus Mind (pt 2.) ist ein vorhersehbares Reggae-Stückchen, das ein durchdringender und gelegentlich angenehm aufgewühlter Gesang aus der Mittelmäßigkeit rettet.

Was lässt sich am Ende sagen. Ein neues buntes musikalisches Bilderbuch, das zum größten Teil Material greifbarer musikalischer Substanz und eigenständiger künstlerischer Ausdruckskraft liefert. Genretechnisch erweitert sich das Profil der Kočevje-Kompilationen mit der neubenannten »Kočevje špila – Zastonj« sogar noch, obwohl das nicht unbedingt nötig wäre. Ich denke dabei an Hip-Hop und Dance-Electronic, die in ihrer ursprünglichen Form schwer mit dem Geschmack des ursprünglichen Rock-Erbes harmonieren. Wie man es auch dreht. Die Mission ist geglückt. Auch beim vierten Mal. Und bleibt zu hoffen, dass das auch in all den kommenden Jahren so bleibt. Es lebe also der Kočevje-Rock’n’Roll! Der Stil rettet Kočevje. Zumindest gibt diese Kompilation dieses Gefühl. Bleibt zu hoffen, dass sich diese Energie mit der Zeit auf alle slowenischen Regionen ausbreitet!    

Trackliste

1. Zapušanci – Zapušanska 02:57
2. Kosmate Dlesni – Ja volim te 04:16
3. Static – To si ti 03:03
4. Gero & Urban Click – Ugasn zvočnike 02:52
5. Joe Krosher feat. Urška – No rules (Radio Edit) 03:58
6. Sell Out – Vse se vrti 03:22
7. The Cowmonkeys – Vultures 02:35
8. Nčodnč – Everyman 03:35
9. Zadnji Taxi – Odpelji me srce 03:00
10. Sebatage – Želel bi si 04:24
11. Voodoo Weekend – Black and blue 05:13
12. Ida Aupič – In me ni in živim 03:44
13. 4 Dementions – FM Lydia 05:01
14. Matthias & Band – Le spomin 04:49
15. The Perception – Povej 04:30
16. Skaktus – Vsi moji prjatli (grenko sladka) 02:37
17. Use – Falling 04:08
18. Ram Session – Circus mind (Pt.2) 04:30

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