Kočevje špila – Lik of
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Various Artists
Label: Društvo kočevskih glasbenikov
Erschienen: 2013
Laufzeit: 64:02
Bewertung: 4/5
Ende letzten Dezember erschien die Fortsetzung des jährlichen musikalischen Almanachs aus der Region Kočevje und Ribnica in Slowenien, »Kočevje špila« mit dem Untertitel »Lik of«. Mithilfe des dortigen Društva kočevskih glasbenikov bekommen die lokalen Künstler die dringend benötigte Unterstützung, damit ihre eigene Musik auch breiter in den slowenischen Musikraum vordringen kann. Die Kompilation »Kočevje špila« reiht achtzehn Songs von achtzehn verschiedenen Künstlern aneinander. Einige Namen waren zwar schon auf der vorherigen Ausgabe dieser Art, »Kočevje špila – Grupni« (2012), vertreten, was eine logische Erwartung und eine absolut sinnvolle Sache ist, denn die Region ist, was Künstler betrifft, zahlenmäßig begrenzt – Musikschaffende wimmeln dort nun mal nicht an jeder Ecke.
Die neue Kompilation ist schick gestaltet! Im Taschenformat. Bereichert wird sie durch ausgezeichnete Illustrationen mehrerer Künstler, die mit ihrer kreativen Inspiration den Kunstcharakter jedes einzelnen Interpreten und Songs treffend charakterisieren. Die Musik mitsamt dem Verpackungsdesign trägt einen klar herausgearbeiteten Charakter spürbarer Eigenständigkeit und Einzigartigkeit, nicht nur im musikalisch-inhaltlichen, sondern auch im geografischen Sinne. Die Kompilation als Wegzehrung in die Musikwelt der Region Kočevje und Ribnica in Slowenien bildet den Puls der dortigen Musikszene und ihre künstlerische Reichweite optimal ab. Und das ist auch das grundlegende Ziel solcher Veröffentlichungen.
Der Inhalt ist wieder bunt. Er bietet etwas weniger Schund im Vergleich zur vorherigen Ausgabe, was aber keineswegs bedeutet, dass die Qualität der musikalischen Substanz nicht gehalten würde, wie sie die Vorgängerkompilation zum Ausdruck bringt. Eröffnet wird das Ganze von der interessanten Gruppe 4 Dementions mit dem Instrumental Danica v meglici s tartufi. Nach Gruppenname und Songtitel zu urteilen ist das eine »abgefahrene« Sache. Eine Jazz-Rock-Fusion, die sowohl Bläser als auch den Retro-Sound von Keyboards (Dulcimer?) enthält, mit bluesigen Gitarrenwürzen, wie gemacht für den filmischen »Soundtrack« eines typischen slowenischen Films. Die Band Fobija liefert mit dem Song Sanje eines der wenigen schwächeren Löcher dieser Kompilation – besonders störend dabei ist die ungenaue Intonation der Vokalmelodien.
Die künstlerisch herausragenden Momente der Kompilation sind die bereits erwähnten 4 Dementions sowie der Song Poglejte me der Band Inn, mit dynamischer und lebendiger Produktion eines funkig ausgerichteten Rhythmus und einem äußerst geschmackvollen Auftritt des Frauengesangs. Ein Song mit den besten Voraussetzungen für Radiorotation. Qualitativ sticht auf der Kompilation auch der Song Zadnja noč der Band Foršus hervor, die schon auf der vorherigen Kompilation »kočevje špila – Grupni« auf ihre Talente aufmerksam gemacht hat. Eine melancholische, aber hervorragend verpackte Komposition, in der die besonderen Qualitäten des charismatischen Frauengesangs der Sängerin Sara Levič ihren vollen Ausdruck finden – sie könnte sich durchaus als Solistin versuchen. Sie besitzt eine unverwechselbare Stimmfarbe, die die Aufmerksamkeit sofort einfängt. Wenn der Februar halt kein Januar sein kann, dann kann er wenigstens ein Jaguar sein. Die alten Bekannten Jaguar Februar von der vorherigen Kompilation liefern diesmal den Song Lep V, der wie eine extrem abgemilderte Version der musikalischen Prinzipien der Demolition Group wirkt. Der Sound ist organisch, Gitarren und Bläser in gewagter Kombination als Hintergrundbegleitung, mit gesellschaftskritisch engagiertem Text, der keine Beschönigungen kennt. Das zweite Instrumental des Albums und ein weiterer äußerst interessanter Song der Kompilation kommt von der Band Nanjara mit dem Titel Polnočni blues. Er trägt ein saftiges organisches Kleid mit warmem Nachhall, das »country-mäßig« unterlegt ist, mit einer spürbaren Blues-Konnotation, und stellt den absoluten Sonderling in der Reihe der achtzehn Songs dar. Včasih se mi zdi der Künstlerin Jasna Poje ist ein weiterer wunderschöner Song, der für häufige Radiorotation geschaffen wurde. Als Komposition besitzt er ein geschmackvolles Maß an Musikalität und ist durchgehend mit großem Gespür ausgeführt. Ein fester Rhythmus, verstärkt durch eine aktive melodische Basslinie, Begleitung auf der Akustikgitarre mit beigefügten Prisen präzise abgemessener E-Gitarren-Töne (auch Slide-Licks), mit charismatischem Frauengesang im Zentrum des Geschehens! Stilistisch nähern sich dem Song Zadnja noč (Foršus) auch Letztere an – ebenso wie der Song Vonj pomladi der Band Sebatage, die von Gitarrist Sebastijan Vukan angeführt wird.
Im restlichen Material begegnen wir erneut dem Funk-Rhythmus und einem fetten, kompakten Sound, der auf dem ausgeprägten Wah-Wah der Gitarre in Kombination mit dem organischen Kleid der Keyboards basiert – im Song Pet do (Špilej) der Band Ram Session, wo man künftig ebenfalls mehr Augenmerk auf die Gesangsleistung richten muss. Sintetika bringt mit dem Song Neoliberalci einen der seltenen Momente typischer slowenischer »Punk-Rockerei«. Voller Sarkasmus. Dabei aber im Glanz rebellischen Feuers! Wir Slowenen bleiben Meister des sozial engagierten Punk Rock – da gibt’s nichts dran zu rütteln!
Der Sarkasmus bleibt unverhüllt im leichtlebigen, aber schelmisch verspielten Ti na pladnju der Band Zadnji Taxi, wo sich Gitarrist Roman Zupančič auch in der Rolle des Sängers versucht und dabei wie der jüngere Gesangsbruder von Gaber Brin wirkt. Die Singer-Songwriter-Nachtigall aus Kočevje, Gaber Brin, versucht sich diesmal in serbokroatischen Versen, wenn er den Song Pozovi me präsentiert. Die Kompilation bringt auch etwas Reggae-Musik. Der Song Ta moment von Semo, der schon auf der vorherigen Kompilation auf seine vokalen Besonderheiten und Vorzüge aufmerksam gemacht hatte, ist ein Song, der einmal mehr unterstreicht, dass Semo äußerst erfinderisch darin ist, die slowenische Sprache an Reggae-Elemente anzupassen. Vor allem in den metrischen Lösungen innerhalb der Verse. Gerade das Slowenische verleiht dem ansonsten vorhersehbaren Reggae Vokabular eine besondere Dimension der Andersartigkeit. Die SKA-Fröhlichen Sell Out bringen, ähnlich wie vor ihnen Semo, mit dem Song Pir einen der seltenen optimistisch gestimmten Momente der Kompilation, die mehrheitlich vom Sentiment der Melancholie und von gesellschaftskritischem Engagement durchdrungen ist. Zur dezimierten Handvoll optimistischer Highlights der Kompilation zählt definitiv auch der Song Z glasbo živim der Band Perception. Ein Song, der mit den Grundelementen des Rock ’n‘ Roll flirtet und direkt in den slowenischen Mainstream der Achtziger passen würde. Den einzigen wirklich zerstörerischen Moment dieser Kompilation bringt die Band Nčodnč mit dem Song Fight for Life, der so eine Art Kollision von NYHC-Punk und sogar Federn des Thrash Metal erzeugt. Dann gibt es noch das bierselig-kabaretthafte Razodetje mit hinzugefügter Alternative-Rock-Figur sowie einem Schuss bluesiger Zwickerei der Band Kine Mine. In seinen Farben der Hellsichtigkeit erinnert es an Werke der fernen Vergangenheit von Marko Brecelj und ähnlichen Sonderlingen. Etwas für alle mit stählernen Nerven, das aber einen greifbaren Inhalt und eine echte Botschaft besitzt.
Das neue, farbenfrohe Bilderbuch des bunten musikalischen Mosaiks der Region Kočevje bringt diesmal weniger Lärm als die vorherige Kompilation »Kočevje špila – Grupni«, gleichzeitig ist klar, dass die Künstler ihren Ausdruck oft auf dem lebendigen organischen Sound einer kompatiblen Zusammensetzung aus Gitarre, Keyboards und Bläsern aufbauen. Dabei durchdringen die meisten Songs eine Melancholie und ein Gefühl der Beklemmung, was angesichts der geografischen Region, aus der sich die Inspiration für das musikalische Schaffen der tragenden Gruppen und Interpreten dieser Kompilation speist, nicht mehr weiter verwundert.
Trackliste
1. 4 Dementions – Danica v meglici s tartufi
2. Fobija – Sanje
3. Inn – Poglejte me
4. Ram Session – Pet do (špilej)
5. Sintetika – Neoliberalci
6. Zadnji Taxi – Ti na pladnju
7. Semo – Ta moment
8. Foršus – Zadnja noč
9. Nanjara – Polnočni blues
10. Jaguar Februar – Lep v
11. Charlie Butter Fly – A Man With No Face
12. Gaber Brin – Pozovi me
13. Sell Out – Pir
14. The Perception – Z glasbo živim
15. Nčodnč – Fight for Life
16. Jasna Poje – Včasih se mi zdi
17. Kine Mine – Razodetje
18. Sebatage – Vonj po pomladi