Keyed Up
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Airey, Don
Label: Provogue Records
Erscheinungsjahr: 2014
Laufzeit: 54:20
Wertung: 4/5
Über Donald Airey muss man nicht viele Worte verlieren! Er ist einer der größten und bedeutendsten Hard-Rock- und Progressive-Rock-Keyboarder in der Geschichte des Rock ’n‘ Roll! »Keyed Up« ist sein viertes Studioalbum. Erst das vierte? Man könnte meinen – aber es überrascht nicht, dass es erst das vierte ist. Aireys Karriere ist nämlich durch und durch von Kollaborationen mit den einflussreichsten Hard-Rock-Bands aller Zeiten geprägt. Wenn wir zunächst nur seine Dauermitgliedschaft bei Deep Purple seit 2002 erwähnen – davor schlängelte sich Aireys Karriere durch Kollaborationen mit Rainbow, Gary Moore, Thin Lizzy, ELO, Brian May, sogar mit Black Sabbath und Judas Priest –, ist die Liste damit noch längst nicht abgeschlossen. Airey darf man getrost als einen der vollendetsten Rock-Keyboarder der Rockära bezeichnen!
»Keyed Up« ist ein Zeichen künstlerischer Reife, das Airey gesetzt hat, nachdem er die Arbeit am letzten Studiowerk von Deep Purple abgeschlossen hatte – dem ausgezeichneten »Now What!?«, das 2013 erschienen ist (RockLine-Rezension HIER). Man kann sagen, dass »Keyed Up« ein Fenster in eine Welt ist, in der zu 100% ausschließlich Aireys Welt der musikalischen Fantasie regiert. Ein Fenster in eine Welt, in der sich all die Ideen verwirklichen können, die der Keyboarder bei Deep Purple sonst nicht darf oder nicht kann. Und Don Aireys musikalische Fantasie ist zweifellos mehr als üppig.
»Keyed Up« ist eigentlich die Fortsetzung des 2011 erschienenen Albums »All Out« (2011). Der Kern der Musikertruppe, die Airey auf »All Out« begleitet hat, bleibt nämlich auch auf »Keyed Up« unverändert – und es ist daher mehr als offensichtlich, dass sich Airey in seiner kreativen Reifezeit hervorragend in seinem »Zuhause« fühlt, das durch ein ähnliches musikalisches Umfeld geprägt wird wie das, das ihm Deep Purple bieten. Das ist auch dieselbe Musikertruppe, die Don Airey bei seinen Konzertauftritten begleitet – nämlich Bassist Laurence Cottle, Schlagzeuger Darrin Mooney, Gitarrist Rob Harris und der großartige Sänger Carl Sentance.
Hatte auf »All Out« Joe Bonamassa als Gast mitgewirkt, holte sich Airey diesmal für »Keyed Up« den herausragenden irischen Blues-Sänger und Gitarristen Simon McBride. McBride verblüfft erneut mit seiner Feinfühligkeit und ist eine der tragenden Säulen bei der Realisierung der dreiteiligen Suite, die der Person und dem Werk von Gary Moore gewidmet ist. Die Suite heißt schlicht Mini Suite. Der erste Teil namens Jig stellt McBride in den Mittelpunkt, der sich mit einer außergewöhnlichen Blues-Melodie auf der Gitarre förmlich »durch die Slalomstangen schlängelt«, die er später mit seinem samtig-rauchigen Blues-Gesang untermauert. Der Mittelteil des Stücks gehört Don Airey und wird schnell die Herzen der Liebhaber des symphonischen Progressive Rock der Siebziger gewinnen – besonders die der ELP-Fans –, denn so manche Aireysche Orgellinie in diesem Teil der Suite ist charmant »Emersonesque« geschnitten. Der Schlussteil entwickelt sich klassisch hard-rockend; der autoritäre melodische Gesang von Carl Sentance setzt ein und bietet einige leidenschaftliche Melodien, und die Suite erreicht so ein atmosphärisches Finale-Crescendo. In diesem Stück sollen außerdem einige Gitarrenlinien verwendet worden sein, die Gary Moore gespielt hat. Das ist das zentrale Kernstück des Albums »Keyed Up«.
Im Stück Adagio ist Gary Moore der Hauptakteur auf der Gitarre. Es handelt sich eigentlich um ein Stück, das in seiner Entwicklung dem Erbe von Moores Instrumentalstücken folgt, die im Stil der unverkennbaren Parisienne Ways angelegt sind. Gary blüht in einer großartigen wechselseitigen Kommunikation mit der unverkennbar geschmeidigen Wärme von Aireys Hammond-Orgeln auf, was von der außergewöhnlichen Sensibilität dieser beiden Musiker füreinander zeugt. Das Stück funktioniert sehr organisch, als wäre es ein verloren gegangener »Jam« zwischen Airey und Moore aus längst vergangenen Tagen. Eine tolle Minestrone aus Blues-Elementen und neoklassizistischen Prinzipien. Aber das ist schon was. Hätte Moore damals gewusst, dass diese Aufnahme irgendwann später den Weg auf ein Studioalbum finden würde, hätte er für dieses Stück auf der Gitarre sicher noch sein letztes Quentchen herausgepresst. Aber was soll’s. Der Track ist so saftig wie er eben ist, obwohl klar ist, dass da noch einiges an ungenutztem Potenzial steckt und er deshalb noch viel stärker hätte wirken können.
Blue Rondo A La Turk ist eigentlich eine arrangierte Version des Originals, das The Dave Brubeck Quartet auf dem Album »Time Out« eingespielt hat. Das Stück verwendet die 9/8-Taktart – also einen typischen arabischen Rhythmus. Ein musikalischer Leckerbissen, mit dem sich Meister Airey speziell für sein Solo-Studioalbum bedient hat. Das Stück tut dem stilistischen Abwechslungsreichtum des Albums ausgezeichnet gut. Ohnehin ist Blue Rondo A La Turk ein beliebter Standard, den auf ihren Studioarbeiten unter anderem auch solche Asse wie Al Jarreau und Paul Gilbert verarbeitet haben, sowie Emerson, Lake & Palmer. Airey schmuggelt in seine Version die typischen Solo-Eskapaden, die wir von Deep Purple-Konzerten kennen. Dabei ist auch die Integration repräsentativer Werke einiger Klassiker nicht ausgespart, die Airey besonders schätzt.
Aber nicht abschweifen: Airey weiß genau, wie ein Arrangement stehen muss und was eine Komposition braucht, um eine optimal verdichtete Klangkulisse zu erreichen, was auch der Generator für äußerst packende Stimmungszustände ist. Diese wirken wahrhaftig wie nichts anderes. Es ist klar, dass der Kern der Begleitband den Großteil des Albums als Live-Band im Studio eingespielt hat. Die Chemie ist einfach nicht zu übersehen. Airey hat aber auch die Zeiten nicht vergessen, die er in der Gesellschaft von Rainbow und dem Rabauke Blackmore verbracht hat. In diesem Sinne hat er sich entschieden, das Stück Difficult To Cure neu zu arrangieren – bekanntlich Rainbows Ableitung von Beethovens Ode an die Freude –, mit dem Unterschied, dass diesmal natürlich Aireys Hammond an die Front des Stücks tritt. Dieser wird sinnvoll von gitarristischen Solo-Eskapaden unterstützt!
Natürlich gibt es hier auch einige typische Hard-Rock-Brecher wie das Eröffnungsstück 3 in the Morning und gleich danach Beat the Retreat, die sofort die Verwandtschaft Aireys mit Deep Purple und Rainbow ankündigen. Dazu zählen auch Solomon’s Song und das abschließende Grace. Im Kern ein authentisches Bekenntnis zum klassisch gestimmten Hard Rock, schweift er in seinen inhaltlichen Tiefen gelegentlich in die Genresphären des Blues und des symphonischen Progressive Rock ab (das Yes-hafte Flight Of Inspiration).
Carl Sentance, der in seiner Karriere bei Krokus und Primal Scream gesungen hat, wurde bewusst als Sänger ausgewählt. Sein Gesang erinnert nämlich gelegentlich an einen jüngeren Ian Gillan, was bedeutet, dass er sich einzigartig in die Kulisse einfügt, die das wegweisende Gespann aus massiver Hammond-Orgelwand und harten Gitarrenphrasen aufbaut. Willkommen im Herzen des (Hard-)Rock-Pioniergeistes! Man kann sagen, dass »Keyed Up« ein neues einzigartiges Abenteuer in die wunderbare Welt von Aireys musikalischer Galaxie ist. Es ist eine außerordentliche Genre-Mixtur aus musikalischen Elementen, die im Grunde genommen die musikalische Persönlichkeit von Don Airey als Künstler verkörpern. Liebhaber des Progressive Rock und des klassischen Hard Rock mit Rainbow und Deep Purple an der Spitze, aber auch eingefleischte Blues-Fans aufgepasst! Das ist ein Werk, das euch noch lange, lange Zeit begeistern wird.
Besetzung
Don Airey – Keyboards
Carl Sentance – Gesang
Rob Harris – Gitarre
Laurence Cottle – Bassgitarre
Darrin Mooney – Schlagzeug
GASTMUSIKER:
Gary Moore – Gitarre auf den Stücken ‚Adagio‘ und ‚Mini Suite‘
Graham Bonnet – Gesang
Simon MacBride – Gitarre
Alex Meadows – Bassgitarre
Tim Goodyer – Schlagzeug
Trackliste
1. 3 In the Morning
2. Beat the Retreat
3. Blue Rondo a La Turk
4. Solomon’s Song
5. Claire D’Loon
6. Flight of Inspiration
7. Inside
8. The Godbox
9. Difficult to Cure 2013
10. Mini Suite
a) Lament/Jig
b) Restless Spirit
c) What Went Wrong
11. Adagio
12. Grace