Kdo miži?
Künstler: T.M.S. Crew
Label: Dallas Records
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 45:07
Bewertung: 3/5
Normalerweise bekommt ihr bei Rapper-Produkten, die auf slowenischen Plattenregalen landen, das wortgewandte Unvergnügen aus den Regionalhauptstädten serviert – Ljubljana, Maribor, Kranj, Novo Mesto, Murska Sobota (die Regel brechen nur Jesenice und Velenje) –, doch diesmal trägt sich ein etwas in Vergessenheit geratener Ort in die Landkarte der wortgewaltigen Potenziale ein: Tržič. Ehrlich gesagt fällt mir nicht ein, was diese einst blühende Industriestadt – vor allem bekannt für ihr Schuhmacherhandwerk – Slowenien und der Welt jemals klanglich Relevantes geboten hätte, aber jetzt findet offenbar auch dort eine Renaissance der Ideen und Inspiration statt, und der Beweis dafür sind die jungen, vitalen Reimkünstler mit musikalischer Power: The Masta Skills Crew, kurz T.M.S. Crew. Die Band ist eigentlich erst seit 2011 aktiv, und nach kaum zwei Jahren des Erarbeitens, Ausprobierens und Verfeinerns haben sich die Reime, der melodisch-rhythmische Erguss guter zwischenmenschlicher Chemie und die musikalisch abgefederten Statements globaler Unzufriedenheit in ein konkretes Debüt ergossen – ein Erstling mit einem Dutzend musikalischer Geschenke, mit denen die Jungs und Mädels in den Kampf um ihre Sache und die Anerkennung für die bisher geleistete Arbeit ziehen.
Beim Hip-Hop denkt man zunächst an drei Extreme – entweder an das ziemlich abgedroschene Gefasel davon, dass wir alle in Ghettos leben, wo Nigga-Gangsta-Gewalt regiert (nicht nur Velenje, sondern sind laut dem, was manche glauben wollen, sogar die Fužine in Ljubljana lebensgefährlich …), an Bling-Bling-Verblödung (nach der glitzernden MTV-Rezeptur der Verdummung mit Autos, der Schönheit der Oberflächlichkeit, Fleischlichkeit und Leere steuern zahlreiche Figuren, die vor allem nach schnellem Instant-Ruhm gieren, auf dieses simple Rezept des mentalen Vakuums zu – sie ernten, gottlob, nur schnelles Vergessen …) oder an tiefgründiges Intellektualisieren über Lebenssinn, Revolte, Revolution und Evolution dessen, was die Menschheit darstellt (das können nur wenige gelehrte Denker mit spitzer Zunge wirklich gut, und mir fällt sofort der außergewöhnliche N’Toko ein). Rap hat seit jeher seine Vision als Spiegel der Gesellschaft und Realität entgegengehalten, aber es müssen nicht immer die echten Farben der Welt in der Oberfläche dieser Spiegel aufscheinen, liebe Leute – mir war es jedenfalls stets befriedigender, gehaltvolleren, saftigeren Inhalten zuzuhören als dem flachen Scheiß, und so bin ich kritisch und mit einer ordentlichen Portion Optimismus an die Inhalte dieser Band aus dem sozial deprimierten Randgebiet der Gorenjska herangegangen.
T.M.S. Crew rekonzeptualisieren mit der Platte Kdo miži? zunächst ganz konkret die Rezeptur der musikalischen Arbeit. Statt einer synthetischen Matrix haben die beiden Rap-Träger des Projekts, Tha Masta Skillz, etwas Lebendigeres und Unberechenbareres gewählt – etwas Frisches, etwas mit echtem Puls. Das Duo wurde zu einer zehnköpfigen Truppe, bestehend aus acht talentierten Jungs und zwei nicht minder talentierten Mädels, hinter deren ästhetischer Verarbeitung konkrete gesellschaftliche Probleme stecken. Nach dem Intro, das mit einer simulierten Gandhi-Ansprache den kollektiven Kreativausbruch ankündigt, folgt bereits die erste radiofähige Single der Platte, der Track Naumi. Es handelt sich um eine imaginäre Projektion der Welt, die gleichzeitig vollkommen realistisch und im Einklang mit dem tatsächlichen Zustand der Gesellschaft ist. Wir sind apathisch gegenüber dem aktuellen Geschehen, und neben dem Verlust von Kritikfähigkeit und eigenem Denken wählen die Menschen lieber die mühelos-bequeme, hohle Logik des Vegetierens. Die Gesellschaft ist ohne Inspiration, und völlig irrelevante, hohle Technikalitäten steuern die Welt der vollständigen Entleerung in Richtung absoluter Kurzfristigkeit ohne jede Vision. Den direkten Aufprall der durchaus schweren Themen verpackt T.M.S. Crew in einen eingängigen Tune, der neben Rock auch Elemente von Reggae und Ska vereint und entspannt an allen Referenzpunkten vorbeischippert – in Richtung einer vollkommen soliden, mainstreamigen Reimdichterei. Die Gitarren, angenehm und genau richtig verzerrt, unterstützen den Sound von Flöte, Schlagzeug und Bass, die dem Einfluss-Mosaik noch etwas Drum’n’Bass-Rhythmik hinzufügen wollen, und quer durchs Ganze reichen sich Jo-Joe, Lucky L und Sanjas süße Stimme das Mikrofon weiter, während Gitarrist Rasta zusätzlich (fast im Kingston-Stil) eine Rastafari-Note beisteuert. Alles geht beim ersten Hören direkt ins Ohr, was mich normalerweise beunruhigt und stört, weil im allzu simplen Energiefluss oft jede Menge Instant-Diktat steckt, dem ich selbst lieber aus dem Weg gehe. T.M.S. Crew bieten zwar ein gesellschaftskritisches Dramöllchen, das aber nicht wütend genug ist, als dass ich sofort lautstark zustimmen würde – zugeben muss man allerdings, dass man den ersten Radiohit sofort heraushört. Nicht weniger ansprechend klingt auch der Track Moj krog, der sich statt eines breiteren gesellschaftlichen Unzufriedenheitsergusses lieber dem Mikrokosmos der sozial belasteten, primordialen gesellschaftlichen Zelle Familie zuwendet. Wir alle haben unseren Kreis aus Mitverschworenen und Leidensgenossen, der uns, den sozialen Exemplaren der Spezies homo sapiens, einen Raum zum Abladen negativer Schwingungen bietet – einen Ort des mentalen und physischen Überlebens. Das eingängige Zusammenspiel von schlichten, aber geschmackvollen Gitarren, Klarinette, Flöte, Rhythmik und gut eingespielten, kunstvoll verwobenen Vocals treibt den Zug des Geschehens weiter in Richtung reibungslosen Hörens – was diesmal keine Schelte ist.
Schon im ersten Drittel gönnt sich T.M.S. Crew Zeit für die Überzahl an Duetten. Zlatan Čordić a.k.a. Zlatko verleiht dem Track Učer, dons, jutr einen entschlosseneren Unterton eines gesellschaftlich akzeptablen, radiofreundlichen Raps. Einfache Riffs verdichten sich mit Trompete, Akkordeon und tanzbarem Groove-Funk, durch den diesmal drei MCs auf frischer Basis der Unbeschwertheit das Mikrofon weiterreichen – der Altgediente mit den meisten Erfahrungskilometern agiert im Track entspannt und ganz er selbst. Ein Mehrwert ist im ansonsten soliden (vielleicht sogar zu soliden) Track nicht zu spüren, aber der Song fügt sich völlig kohärent in den Kalkulus des Wohlbehagens des anspruchslosen Publikumspols ein. Rustikaler, mehr nach New Orleans klingt der Track, dem Tanja Bukovec ihre feminine Note verleiht. Kva hočte od nas beweist, dass man tatsächlich zu Klavierakkordeon-Klängen rappen kann, und statt scharfzüngiger Kritik folgt softes Sentiment, das – schon wieder – sehr sanft und leicht ins Ohr geht und mit nichts belastet. Na gut, für entspannte Zerstreuung ist genug Stoff für alle da. Und dann folgt ein Assoziationsspiel. Erinnert ihr euch noch an den ungemein eingängigen Track von S.A.R.S., Buđav lebac? Auf eine ähnliche Note kann euch der Track Rata res berühren, und etwas ästhetisch Ähnliches ist hier im Melodischen der zurückhaltenden Akkordeon-Züge und des Atemstoßes durch das Mundstück in den messingenen Leib der Trompete zu spüren. Die Gitarre mit entspannterem Ska-Synkopieren fällt in den Kontext einer leicht melancholischen Erzählung über die Suche und den flüchtigen Berührungsmoment mit jener ursprünglichen, vollen Inspiration, auf die man, einmal verloren, leicht ein ganzes Leben vergebens wartet. Was ist das Fundament des Glücks? Das ist die Frage, auf die T.M.S. Crew keine scharfe, klare Antwort geben, und bei der Frage Kdo miži in dieser Gesellschaft der vollständigen Dezentrierung der Welt habe ich gelegentlich das Gefühl, dass dem ansonsten leichten Petting mit Reimen viel Füllmaterial beigegeben und etwas zu wenig sozialkritische Note, Wut, Revolte und Schärfe vorhanden sind, die beim tieferen Zuhören den Intellekt anregen würden. Von der Musik und der tonalen Grundlage rede ich gar nicht, denn der Titeltrack des Albums hat, wie die anderen Teile des Ganzen, genug rhythmische Verführungskraft, um auf alle Takte der Strophen, Refrains und Zwischenpassagen wunderschön tanzen zu können. Was soll ich sagen? Nach N’Toko und Trkaj bin ich ziemlich hungrig nach intensiverer Stimulation der Hirnzentren für kritisches Denken geworden…
Seid ihr schon in den filing not gefallen? Pad u filing not mit seinem balkanisch-eingängigen Unterton aus guter Rhythmik und einem eingängigen Gitarrenriff macht klar, dass es in der heutigen Zeit und Welt ohnehin zu viel Negatives und Gravitieren Richtung Hoffnungslosigkeit gibt – T.M.S. Crew entspannen diesmal mit unterhaltsamer Metrik und gutem Flow, der »Vibe« ist genau richtig für ein nostalgisch-rustikales Durchspielen der Widersacher des Punktes X im Zusammenfluss der Koordinaten dieser Welt. Wenn ohnehin alles den Bach runtergeht, muss das nicht bedeuten, dass wir dabei nicht wenigstens etwas mehr vom Ballast programmierter Diktate des kapitalistischen Absaugens in die schwarzen Löcher totaler Nihilisierung befreit sein dürfen. Zeit zum Tanzen, und nach dem Tanz ein kleiner Reality-Check mit den etwas sentimentaleren Untertönen des Tracks To je u men. Als würdest du auf Pando etwas flüssigen »wordflowa« kleben – der ausgesprochen nächtliche Anflug der Trompete, verträumter Gitarren und des fließenden Schlagzeug-Tippens bringt keine donnernden Standards. Lärm ist ohnehin für den Löwenanteil der Gesellschaft, in der wir leben, inakzeptabel, und T.M.S. Crew kommen diesmal dem Geschmack der Mehrheit ziemlich gut entgegen. P.L.U.R. oder »Peace Love Unity Respect« ist einer der konziseren Momente artikulierter Unzufriedenheit mit der Welt, und die mentale Negativ-Mantra würzen T.M.S. Crew mit etwas hippie-haftem Idealismus über die Schönheit einer idealen Welt des Miteinanders und der Liebe. Liebe ist ein vielschichtiger Begriff, und über die verschiedenen Schichten des Lebens in der Welt, die Schwierigkeiten, die kataklysmische Natur der Menschheit, über die Friede erst dann herrschen kann, wenn wir wirklich beginnen, Christi Lehren der bedingungslosen Liebe zu leben, liest man zwischen den Zeilen in einem der kontemplativeren Momente der Platte. Deutlich überzeugender als zuvor sind auch die Reime, und wenn dann noch die etwas härtere Schönheit des apokalyptisch aufgeladenen Apokalipsa folgt, wünsche ich mir noch etwas mehr Bewegung genau in Richtung des Plattenendes – aber mit deutlich mehr Schärfe und Kompromisslosigkeit. Das Ende steht wieder im Zeichen Gandhis, und der gewaltlose Widerstand gegen System und Gesellschaft schließt sich so, wie er begann – ohne Komplikationen und ohne brennendes Gefühl in den Abdominalregionen.
Tatsache ist, dass ich vom Rap aus der gorenjschen Suburbia etwas mehr Härte, Unzufriedenheit und mit Revolte unterlegte Substanz erwartet hatte, bekommen habe ich aber ein ziemlich laues Geflecht aus für Radiostationen eingängigerem Sound, dem auf dem Konto des Anpassens an Radioredakteure ein paar Dosen Testosteron, Würze und Umstürzlergeist fehlen, die wir zumindest im Moment dringender bräuchten. Versteht mich nicht falsch – Kdo miži? ist absolut ordentlich und, was Produktion und Ästhetik angeht, eines der zugänglicheren Pop-Funk-Rap-Produkte der letzten Jahre, aber ihr solltet da keine enigmatischen Botschaften oder revolutionären Evangelien für ein besseres Morgen suchen. Eine abschließende Antwort oder Rezeptur für Erleuchtung und das Erfassen des Lebenssinns bietet T.M.S. Crew nicht, aber sie geben sich Zeit und Raum für das Zwischen-den-Zeilen-Spiel etwas zu weicher Reime ohne echte Schwerkraft oder den erschütternden Einschlag reiner Blitzenergie, von dem man getroffen werden möchte – diesmal ist er eher niedrig potent und bewegt die Genuss-Potentiometer nicht in die Sphäre der vollen Zehn oder in den roten Überschussbereich, nach dem euch noch weitere Jahre im Kopf kreisen und von den Erkenntnissen konkret das Ohr klingeln würde. Revolution ist keine da, aber Leichtigkeit und Wohlbehagen sind vorhanden – und das passt manchmal auch ganz einfach und tut gut. T.M.S. Crew sind eine Band mit Potenzial, die etwas mehr Feinschliff und etwas mehr explizite Muskelmasse braucht. Beim nächsten Mal erhoffe ich mir etwas weniger korrekte Vorsicht und mehr Kühnheit – dann könnte ich den Jungs und Mädels lauter eine strahlende Zukunft prophezeien. Anders gesagt: Was sie diesmal bieten, ist nicht schlecht, könnte aber besser sein. Den Raum für Verbesserungen wird, darauf wette ich, schon die nächste Platte bieten – denn T.M.S. Crew können das einfach.
Besetzung
Luka Vogelnik a.k.a. Lucky L – Vocals, Rap
Jošt Tadvan a.k.a. Joe-Joe – Vocals, Rap
Sanja Potežica – Backing Vocals, Gesang
Mitja Slabe a.k.a. Rasta – Gitarre, Backing Vocals
Tomi Eler – Schlagzeug
Simon Roblek a.k.a. Sine – Bass
Leon Slabe – Trompete
Maruša Žlindra – Flöte
Jan Ulčnik – Akkordeon
Robert Bone – Klarinette, Saxofon
Gastmusiker:
Zlatan Čordić – Zlatko – Vocals auf Track #4
Tanja Bukovec – Vocals auf Track #5
Produktion
Željko Mladenovič
Trackliste
1. Intro
2. Naumi
3. Moj krog
4. Učer, dons, jutr (feat. Zlatko)
5. Kva hočte od nas (feat. Tanja)
6. Rata res
7. Kdo miži
8. Pad u feeling not
9. To je u men
10. P.L.U.R.
11. Apokalipsa
12. Outro