Joyful Spontaneity

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Interpret: Resnik, Cene
Label: ZARŠ Records
Veröffentlichung: 2012
Laufzeit: 45:09
Wertung: 4/5

Das ist kein Album für Hartgesottene! 45 Minuten Jazz, die einen vollständigen Abschaltvorgang verlangen. Keine Ratio. Einfach nur der Zustand des Reisens ohne Bewusstsein. Genau dieser Zustand, der uns mit Unbehagen erfüllt, aber ein Teil von uns ist – dem wir aufgrund unserer Lebensweise seit den Zeiten der »großgeistigen Aussagen« Descartes‘ und mit jedem Jahr seitdem den Rücken gekehrt haben!  Im bewussten Zustand können wir unsere Handlungen kontrollieren, und das gibt uns ein Gefühl der Sicherheit. Doch dieser Zustand entfernt uns oft von vielen Informationen, denen wir nur im abgeschalteten Bewusstsein ausgesetzt sind. Gerade ’Joyful Spontaneity’ verträgt keine logische Analyse, wenn es durch die Rezeptororgane fließt. Eigentlich ist jede Rezension der Information dieses Albums nicht gewachsen. Diese hier auch nicht.

Experimenteller, streng disharmonischer Jazz, der in der Schönheit des Chaos nach Ordnung sucht – und umgekehrt – ist für den Durchschnittshörer ein harter Brocken. Selbst ein Gourmand braucht eine ziemlich dicke Haut, um sich ihm auch nur halbwegs würdig anzunähern. Es handelt sich jedenfalls um ein Werk, das für ein enges Profil sehr anspruchsvoller Hörer mit stählernen Nerven und dicker Haut bestimmt ist – für jene, die das Abschalten des Bewusstseins verstehen.

Cene Resnik – der Mann hinter diesem Werk – ist kein Grünschnabel in der Musikwelt. Er hat das Konservatorium in Graz hinter sich, die Zusammenarbeit mit der verstorbenen Legende der Band Weather Report, Joe Zawinul, der sein Lehrer war – und gemeinsam haben die beiden im Jahr 2007 auch die Bühne geteilt. Cene hat sein musikalisches Profil auch in den USA geschärft.

»Joyful Spontaneity« sind 45 Minuten freizügigen Experimentierens im Zusammenspiel von Tenorsaxofon, Kontrabass, Violine und Schlagzeug. Natürlich in vollständig instrumentaler Besetzung. Die Form des erschaffenen Materials ist so locker und flexibel, dass man ihr das Attribut der »Formlosigkeit« anhängen kann. Stell dir ein Konzertspiel »aus dem Stegreif« vor – was auch immer rauskommt, kommt eben raus. Dafür braucht es natürlich die perfekte Chemie der Schöpfer solcher musikalischen Exzesse, die in der heutigen Zeit und Welt ausgezeichnete Mahnzeichen dafür sind, dass wir dem Element der Spontaneität als Lebensstandard schon längst den Rücken gekehrt haben.

Spontaneität geht natürlich Hand in Hand mit dem Element des völlig unerwarteten Geschehensablaufs. Die einzelnen Bausteine der Musik von »Joyful Spontaneity« agieren im Ausdruck völlig frei, unbelastet davon, was das andere Instrument in dieser partnerschaftlichen Verbindung des Quartetts so treibt. Und dennoch fügen sie sich zu einem sinnvollen Ganzen zusammen – die Instrumente stacheln sich dabei gegenseitig an. Die Form, die das Tenorsaxofon eröffnet, verbündet sich schnell mit der Linie der Violine, die ihren ganz eigenen Weg geht, und dennoch verliert das Experiment dabei nicht den roten Faden. Klar ist, dass das Schlagzeug völlig freie Hand hat und so viel Improvisation, wie sie beim »Durchlöchern« der Rhythmen geboten wird – und die deshalb so verdichtet auf diesem Album steckt –, findest du heute in der Musikwelt kaum noch. Das gilt erst recht für den slowenischen Musikraum.

Die Songtitel spiegeln den emotionalen Zustand wider, den das Quartett in dieser chemischen Verbindung des Albums herauskitzeln, erzeugen und dem Hörer anbieten möchte. Das Stück Awerness entfaltet sich als alarmierendes Warnsignal – die schizophrenen aufeinanderfolgenden Eskapaden der Improvisationen der vier Quartettelemente verstärken gegenseitig den schizoiden Geisteszustand des heutigen Individuums. In Preciious Jewel begegnet das Quartett mehr melodischer Form, mehr Gelassenheit, ja sogar Besonnenheit  – was an dieser Stelle fast schon ein zu grober Begriff ist –, vor allem aber übernehmen in diesem Dialog der Soli auf den ersten zwei Dritteln des Stücks Kontrabass und Tenorsaxofon den Primat. Dann erwacht die Violine und fügt das Gefühl einer furiosen Obsession des Besitzers wertvollen Schmucks hinzu – eine der unzähligen materialistischen Verirrungen des Kleingeisters, des auf biblischen Apostolaten erzogenen »kleinen Menschleins«, das nur den Lebensanschauungen folgt, die ihm die großen Weltverschwörer diktieren.

Die Stücke entfalten sich beim ersten, analytischen Hören zunächst wie ein langsames, aber stufenweise gesteigertes Aufwachen – das atmosphärische Crescendo erreichen sie erst in der Abschlussphase ihres Spiels.  Das Album beschwört auch Elemente einer verspielten Luzidität herauf, die die Chemie der Instrumentenkommunikation in Generosity ausstrahlt. Die meiste Eigenständigkeit und experimentelle Zügellosigkeit bei gleichzeitiger Faszination dieses Albums verkörpert die Aussagekraft von Shikantaza, das dich mit federleichter Leichtigkeit ins Land des Sonnenaufgangs entführen wird.

Die Musik auf diesem Album ist Musik, die sich bei jeder Interpretation anders spiegelt. Spontaneität verlangt das in der Kunst. Deshalb wird es immer spannend sein, diesem Werk in seiner lebendigen Bühnendarstellung zu lauschen. Die Freiheit, die dieses Album eingefangen und aus dem grenzenlosen Schatz des musikalischen Universums in diese 45 Minuten übertragen hat, trägt den Charakter einer positiven »Versunkenheit«, die mit einer außergewöhnlichen Breite musikalischer Intelligenz gespielt wird – in die ihr euch sofort verlieben werdet, alle jene, die konformistische Schablonen und bereits zerkauete Musikformen nicht ausstehen können. Alle jene, die potent genug sind, ihr Herz spontan zu öffnen.

Besetzung

Cene Resnik – Tenorsaxofon
Emanuele Parrini – Violine
Giovanni Maier – Kontrabass
Aljoša Jerič – Schlagzeug

Produktion

Blaž Celarec

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