Jazz Cerkno 2018 – zweiter Tag!

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Cerkno / Stari plac / Slowenien
Konzertdatum: 18.05.2018
Besucherzahl: 350
Kartenpreis: 39,00€ (für alle drei Tage)

Und dann kam der zweite Tag der diesjährigen 23. Ausgabe des traditionellen Jazz Cerkno Festivals. Wieder mit drei außergewöhnlich interessanten Acts, die das Programm des zweiten Tages repräsentierten. Und wieder war es halb acht abends, wenn in Cerkno der Jazz beginnt. Davor hatten wir den regnerischen, schwülen, aber keineswegs langweiligen Tag aufregend verbracht. Unter anderem mit einem adrenalinreichen Aufstieg auf die Kojca (1301 m ü. M.) im Cerkljansko-Hügelland, in Begleitung eines unbekümmerten Mitglieds, das sich ohne Bergausrüstung da rauf gewagt hatte, sowie einem anschließenden »reinigenden« Programm mit einer vollständigen Prüfung des Bierangebots im Bar Gabrijel.

Eigentlich standen zunächst die Japaner Kaze auf dem Programm, aber bis halb acht, als das Programm begann, erholten sie sich noch von ihrer »Raketen«-Expedition aus Wien (dazu später mehr). Zum Glück standen dem Veranstaltungsort und dem Organisator bereits vier Musiker zur Verfügung: der Slowene Zlatko Kaučič (Schlagzeug, Percussion), der Brite Evan Parker (Bläser), die Französin Joëlle Léandre (Kontrabass) und der Spanier Agustí Fernández (Klavier), kurz als Kaučič / Parker / Léandre / Fernández. Für Zlatko gibt es in Cerkno keine Verstecke. Dieser außergewöhnliche musikalische Visionär hat sich schon vor langer Zeit seine eigene Inventarnummer in Cerkno gesichert und ist über die Jahre auf die eine oder andere Weise mit dem Aufstieg der Jazzmusik selbst verbunden. Aufgrund seines bisherigen Werkes gilt er als einer der Musiker, die das Festival auf ihre eigene Art definieren – oder gar den Jazzpuls von Cerkno. Den Mann haben wir Anfang Mai dieses Jahres bei einem Soloauftritt im Bar Gabrijel erlebt, diesmal war die Situation völlig neu. Das Quartett kennt sich sehr gut, da die Mitglieder bereits zuvor miteinander zusammengearbeitet haben. Léandre spielte einst beim Festival (im Jahr 2009) und trat sogar in einem Solorecital in der Musikschule in Cerkno auf.

Die Mitglieder lieferten schnell erstklassige Belege dafür, warum sie gemeinsam auf der Bühne gelandet sind. Zwischen ihnen fließt nämlich eine außergewöhnliche Chemie. Free-Jazz-Prinzipien, Experimentalismus und avantgardistischer Abenteurergeist bei jedem Schritt ihres Spiels. Obligatorische Blickkontakte, gelegentlich ausdrücklich betontes instinktives Reagieren auf die musikalischen Aktivitäten der einzelnen Mitglieder. Obwohl es äußerst anspruchsvoller Stoff ist, konkret aufgelockert in experimentell-geistreichem Erforschen. Kaučič ließ diesmal die Klangmanipulationen beiseite, die er gerne einsetzt, wenn er allein auf der Bühne ist, hatte aber deshalb keineswegs weniger zu tun – mit dem Einsatz verschiedenartiger Schlaginstrumente, mit denen er Klang nicht nur aus den Fellen, sondern aus dem gesamten Gerüst seines Schlagzeug-Sets herauslockte. Gelegentlich legte er die Stöcke zur Seite und trommelte nur mit den Händen auf die Felle. Zarte, aber unglaublich kompatible Linien aller vier Bausteine, die beim ersten Hören jede in ihre eigene Richtung zu schweben scheinen, in völliger gegenseitiger Unabhängigkeit. In Wirklichkeit aber handelt es sich um eine unglaublich stimmige und harmonische Chemie, die kaum den Kern des rationalen und logistischen Empirismus in der Musik einfängt – obwohl sie das natürlich tut. Vor allem die Rhythmussektion, das außerordentlich geschickte Ausfüllen von Kaučičs abwechslungsreichen Rhythmen durch die äußerst versierte und musikalisch intuitive Joëlle, schuf die passende Plattform für die Entstehung eines gegenseitigen Dialogs zwischen Bläsern und Klavier. Die Allgegenwart von Léandre ist unglaublich. In der rechten Hand hält sie durchgehend auch den Bogen, mit dem sie einzelne Motive über den Kontrabass begleitet und solchen Tönen beinahe die Konnotation eines musikalischen Mantras verleiht. Außergewöhnliche Ausstrahlung im musikalischen Freiheitsdrang. Eine brillante und allgemein begeisternde Darbietung von vier außergewöhnlich kompatiblen Musikern, die gerade durch ihre grenzenlose musikalische Eigenart diese rätselhafte Kompatibilität und gegenseitige Harmonie nur bestätigen. Alle Bausteine koexistieren in gegenseitiger Verflechtung und Ausdruck so, dass sie in einem wunderschönen Gleichgewicht und echtem klanglichen Kontrast der so erschaffenen Klanglandschaft vereint sind. Auch in den Abschnitten, wenn die Linien gespannt werden und Fernández beispielsweise stürmisch mit einem fast blasphemisch schnellen Feuern von Tönen aus dem Klavier explodiert, bewahren die anderen drei Bausteine einen außerordentlichen roten Faden und Fokus in dieser musikalischen Eigenart. Eine unglaubliche gegenseitige Verträglichkeit herausfordernder musikalischer Süße, die nur Jazz im Flirt mit avantgardistischen Mitteln liefern kann.  

Dann war auch das japanisch-französische Quartett Kaze an der Reihe, angeführt von der charismatischen und äußerst produktiven sechzigjährigen Jazzmusikerin und Pianistin Satoko Fujii. Gesellschaft leistet ihr im Team noch ihr Lebenspartner Natsuki Tamura an der Trompete sowie die französischen Musiker Peter Orins am Schlagzeug und Trompeter Christian Pruvost, die beiden letzteren übrigens Kameraden aus den Bands Impressions und Muzzix. Also zwei Trompeten, Klavier und Schlagzeug. Eine völlig ungewöhnliche Kombination, so wie die Musik der Gruppe selbst ungewöhnlich ist.  Im Gegensatz zur Eröffnungsgruppe ist Kaze eine Band, die mehr auf greifbare motivische Substanz setzt, obwohl Abweichungen in den Free Jazz wahrnehmbar sind, da auch Kaze manchmal bis an die Grenze des vollständigen Zertrümmerns motivischer Schablonen und eines frei rotierenden Geflechts freiheitlicher Improvisationen der Klangbildbausteine abdriften. Die Motive sind vielleicht greifbarer, entwickeln sich aber in den langen Kompositionen natürlich so, dass man unmöglich vorhersagen kann, wohin das Quartett mit einem bestimmten Motiv als nächstes schwimmen wird. Der Moment der Spontaneität war so durchgehend präsent. Gleichzeitig können Kaze auch sehr musikalisch sein. Das Klavier hält das Motiv, das Schlagzeug hält den Rhythmus, die Dynamik über allem entfalten die mehrfach harmonisierten Trompeten. Das Improvisieren und Experimentieren von Satoko Fujii rundet auch eine unglaubliche stilistische Farbenfreude ab. Vom Neoklassizismus bis zur Weltmusik. Unglaublich sind ihre Einfühlungen in gegebene Stimmungen, in denen sie ständig wogt – mal in ungezügelter Zerstreutheit, mal wieder in ruhiger und sanfter Weichheit und Heiterkeit, womit sie das aufgewühlte Wogen der Improvisationseskapaden völlig beruhigt. Und das tut sie ununterbrochen. Satoko wirkt wie eine eigenständige Entität innerhalb des Quartetts und diktiert tatsächlich allein durch ihre musikalisch expressive Durchschlagskraft die Entwicklung der jeweiligen Komposition sowie den Einsatz der Werkzeuge und Hebel des Improvisierens. Obwohl das vielleicht nicht sofort wahrzunehmen ist, steckt in der Musik von Kaze jede Menge Filigranarbeit und Züge feiner Ästhetik.  Das Männertrio folgt der Musikerin in ihren Handlungen außerordentlich geschickt, und Kaze präsentiert sich folglich als Ganzes als eine Entität unglaublich farbenfrohen musikalischen Vagabundentums, gewoben aus dem Übergang und der Verflechtung mehrerer Genrepaletten. Sie gehen an die Grenze des avantgardistischen Abenteurertums, sprechen den Hörer jedoch niemals mit dem Extrem der Ungewöhnlichkeit und Ausbrüchen von »musikalischer Exzentrik« an. Außerordentlich also. Die Allgegenwart der Trompeten und die Zartheit der Kompositionen ruft zwar von irgendwoher aus der Ferne den unruhigen Geist von Miles Davis‘ Pionierarbeit herbei, aber hier geht es nur um eine irgendwie verwandte energetische Vibration – vor allem wenn man verfolgt, wie die Musiker in die Solostellen einsteigen und wie sie einander davor den passenden Raum für ein vollständiges Improvisationsmanöver vorbereiten.  Auch gibt es eine Menge ungewöhnlicher Tonfärbungen auf den Trompeten, die ständig überraschten und durchaus auch luzide amüsierten. Satoko Fujii nutzt auch die Saiten des Klaviers selbst, aus denen sie mithilfe verschiedenster Requisiten eine zusätzliche Vielzahl ungewöhnlicher Klänge herauslockt, mit denen ein Laie beim Klavierspiel meistens gar nicht rechnet. Satoko Fujii nahm sich die Zeit, das Publikum über die Reise aus Krakau nach Cerkno zu informieren, bei der Kaze fast in Polen gestrandet wären, da ihr gebuchter Flug ausgefallen war. So mieteten sie ein Auto nach Wien, und bis Wien fuhr der fürsorgliche und aufopferungsvolle Festivaldirektor Simon von der anderen Seite Europas, der immer mehr zum legitimen Nachfolger von Boštjan Cvek wird, und kutschierte die Gruppe glücklich nach Cerkno. Die japanische Musikerin erklärte, dass die Gruppe außerordentlich geehrt sei, in Slowenien spielen zu dürfen und die Schönheiten dieses Fleckchens unseres Landes genießen zu können. Satoko Fujii gab am nächsten Tag, also dem dritten Festivaltag, auch einen Solorecital in der Musikschule – und noch eine Besonderheit. Während wir dort gegen halb sieben am Nachmittag sorglos vor dem Bar Gabrijel saßen, geschah es, dass Schlagzeuger Peter Orins von irgendwoher an unseren Tisch trat – nicht etwa, um eine Runde zu spendieren, sondern um sich einen Regenschirm zu borgen, denn den ganzen Freitag über hatte es wirklich ständig aus dem Himmel gegossen.

Rob Mazurek, der Chicagoer Musiker, dem das Wort »Underground« sehr am Herzen liegt, da er der zweiten Hälfte des Bandnamens, nämlich dem Wort Underground, je nach geografischer Herkunft ein unterschiedliches Präfix gibt. Grundsätzlich trägt Underground vor sich die Bezeichnung Chicago, aber 2014 trat dieser Musiker in Cerkno in Kombination mit zwei brasilianischen Musikern auf, und Underground bekam z. B. vorne die Bezeichnung Sao Paolo. Nun, seit ungefähr zwei Jahren arbeitet Mazurek mit einem Team auf der Strecke USA–England, deshalb hat er die Formation umbenannt in Chicago / London Underground.

Das Team Chicago Underground (Mazurek und Schlagzeuger Chad Taylor) plus die Briten John Edwards  am Kontrabass und Pianist Alexander Hawkins ergibt die Formation Chicago / London Underground. Dieses Quartett brachte im vergangenen Jahr eine ausgezeichnete Leistung namens »A Night Walking Through Mirrors« hervor, in einem Stück bei einem Konzert gespielt und später als Album veröffentlicht.  Und ihr musikalischer Schnittpunkt? Eine unglaublich besondere Verschmelzung und ein musikalisches Erlebnis. In Cerkno gesellte sich zu ihnen auf der Bühne für einen Teil des Konzerts noch ein weiterer Brite, Evan Parker, der zuvor in der bereits erwähnten eindrucksvollen Kombination des Quartetts Kaučič / Parker / Léandre / Fernández aufgetreten war.  So entstand ein einzigartiges musikalisches Gebilde und damit eine neue musikalische Formation, die natürlich äußerst versiert auf die Free-Jazz-Rhetorik ausgerichtet ist. Auch das Album »A Night Walking Through Mirrors« selbst, das die Gruppe auf diesem Konzert größtenteils spielte, bekam so völlig neue musikalische Dimensionen. Mazurek und Parker blieben mehrmals in einem gegenseitigen Dialog zwischen Piccolo-Trompete und Tenorsaxophon hängen. Ein äußerst geistreiches Kontrastieren, zeitweise als würden sich zwei völlig verschiedene Stimmen streiten, dabei aber durchgehend schelmisch und amüsant. An jenem Abend waren Mazureks Samples nicht so ausgeprägt, das Team hatte einen eher klassischen Klang, angetrieben aber von der ausgeprägten Kinetik des neuen Zustands und neuer Herausforderungen, die dir ein solcher neuer Zustand in den Optionen des Improvisationsspiels neu eröffnet. Teilweise auch wegen des Gastauftritts von Evans. Einer neuen Dimension entgegen.

Wie stark diese Musiker sind, wie vielschichtig geschliffen und wie grenzenlos sie die Magie der Musik begreifen, bestätigt die Tatsache, dass sie in der gegebenen Kombination gegenseitigen Konzert-Networkings  vollblütig glaubwürdig auftreten können, auch wenn sie zuvor noch nie gemeinsam auf der Bühne gespielt haben. So entstand die Platte »A Night Walking Through Mirrors«, aufgenommen bei einem Konzert in London – und ebenso würde es niemanden wundern, geschweige denn stören, wenn Chicago / London Underground auch ein Album von der Konzertdarbietung in Cerkno veröffentlichen würden.

Mazurek vergaß aber nicht den Hauch von Glam, den er durch den Einsatz witziger Perkussionsrequisiten und einiger Bühnenexzesse einbrachte, denen er noch Schreien ins Mikrofon hinzufügte – schon das an sich ein Element des Glams; nicht zuletzt brachte er ihn auch mit seiner dunklen Sonnenbrille ein,  mit der er bereits am Vortag auf der Bühne erschienen war, als er als Sondergast beim Auftritt von Cene Resnik und seinem Trio spielte. Ein handfester musikalischer Knochen zum Nagen als Abschluss des zweiten Tages des Jazz Cerkno Festivals.

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