„Jamajka“ auf der Bühne des Kamfest (2014)

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Autor: Urban Bolta
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Mali Grad / Kamnik (Kamfest) / Slowenien
Konzertdatum: 10.08.2014
Besucherzahl: 300
Eintrittspreis: Eintritt frei

Wer schon mal an einem zufälligen Sommerabend durch das Stadtzentrum von Kamnik geschlendert ist, der weiß, dass es sich hier um ein Städtchen mit wunderschöner Kulisse handelt. Kamnik, eingebettet am Fuß der Steiner Alpen, bekommt durch die kühle Kamniška Bistrica eine Frische, die beim Spaziergang durch den gut erhaltenen mittelalterlichen Stadtkern stets für ein reiches Erlebnis sorgt. Kamniks malerischer Charme entfaltet sich jeden August mit dem Auftakt des zehntägigen Festivals Kamfest richtig, das buntes kulturelles und unterhaltsames Programm für alle Generationen auf die Straßen bringt. Fester Bestandteil des Kamfest sind Abendkonzerte im wunderschönen Ambiente der alten Stadtburg. Wie im offiziellen Pressetext des Festivals zum Sonntagskonzert zu lesen war, war es nach Petru Lovšinu, Vladotu Kreslinu, Janiju Kovačiču und dem leider bereits verstorbenen Tomažu Pengovu nun an der Zeit, dass Kamfest noch eine heimische Singer-Songwriter-Legende begrüßt: Tomaža Domicelja.

Domicelje Auftritte sind heutzutage eher die Ausnahme als die Regel, weshalb sich auch das Rockline-Team in der Hoffnung auf einen neuen angenehmen Konzertabend in die Stadt an der Bistrica aufgemacht hat. Bei einem Glas des beliebten Hopfengetränks gewöhnten wir uns an das abendliche Treiben, als wenige Minuten vor halb neun auf dem Mali grad die Melodie von Tomažs längst zur Volksmelodie gewordenen Song Kam so šle vse rožice zu locken begann.

Tomaž führte die mehreren hundert versammelten Zuhörer auf eine fast zweistündige Odyssee durch eigene und bearbeitete Singer-Songwriter-Songs in unverkennbar bekenntnishafter Note, durchzogen von Schelmerei und Tomažs ganz eigenem Humor. Mit der zwölfsaitigen Gitarre in den Händen, der Mundharmonika um den Hals und einem Glas Bier an seiner Seite unterhielt der gut aufgelegte 66-jährige Musiker das Publikum und schoss zwischen den Songs mit langen Ansagen kein Blatt vor den Mund nehmend giftige Pfeile in alle Richtungen – so entschied er sich spontan beim langen Läuten der nahen Kirchenglocke für die Darbietung des revolutionären Songs Ko pravica spi.

Tomaž Domicelj ist eine Musiklegende mit zahlreichen volksläufig gewordenen Songs, weshalb sich in seinem Repertoire jeder Zuhörer mühelos zurechtfand. Vor der Bühne amüsierten sich etwa ein Dutzend Kinder beim Tanzen und Spielen, während hinten an der Burgmauer die Songs auch die anwesende ältere Generation zum Mitmurmeln brachten. Doch totale Entspanntheit auf der Bühne hat auch ihre Schattenseiten! Tomaž passierte es ein paarmal, dass er einen der Verse vergaß, aber er rettete sich sowohl bei Učilna zidana als auch bei Jamajka und wandte die Patzer mit einer neuen Dosis Humor zu seinem Vorteil. »Wenn du eine Prothese hast, spielst du mit dieser Mundharmonika den Ton C«, war beim Wechsel der Mundharmonika mitten im Auftritt einer der zahlreichen Witze des unberechenbaren Domicelja zu hören.

Kein Geheimnis ist es, dass der berühmte Ljubljanaer »Letnik 48« beim Hören der Singer-Songwriter-Größen Bob Dylan und Leonard Cohen aufgewachsen ist. Letzterem huldigte er mit einer Bearbeitung von Vzemi me na kraj sveta (im Original Dance Me to the End of Love), und der dylanartige Umgang mit der Mundharmonika ist ein so unverzichtbarer Teil von Tomažs künstlerischer Identität, die wegen des Solo-Auftritts (ohne Begleitmusiker) bis auf die Knochen bloßgelegt war. Musikalisch besser bewanderten Zuhörern entging dabei auch nicht die Beobachtung, dass der Klang von Tomažs Gitarre verwirrend, verstimmt wirkte. Bei der Darbietung von Danes bo srečen dan griff Tomaž zur sechssaitigen Gitarre und spielte anschließend der Reihe nach Jamajka, Špricer Blues und Na planini je živel, bei dem das Mitsingen der Anwesenden vom Burghügel in die tieferen Stadtteile Kamniks hallte. Ganz am Ende des Auftritts, als Tomaž vor dem Abschied vom Kamniker Publikum noch Irena lahko noč servierte, bewies er beim Ausklingen des Stücks mit vokalen Manövern, dass ihm trotz des zweistündigen Auftritts auch im Herbst des Lebens die Kräfte noch nicht nachlassen.

Eine der größten slowenischen Singer-Songwriter-Autoritäten brachte mit einer angenehmen Reise durch jahrzehntealtes Erbe ein Stück unserer Musikgeschichte auf den Kamfest – in den nächsten Tagen gibt es aber noch mehr: Auf die Bühne des Kamfest kommen noch Neca Falk, Borghesia und natürlich Laibach. Kommt alle vorbei!

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