Jamaica Inn

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Small, Lee
Label: Escape Music
Veröffentlichung: 2012
Laufzeit: 51:15
Wertung: 4/5

Der großartige britische Sänger Lee Small ist vor allem durch seine Mitwirkung in den Bands Surveillance, der letzten Formation von Shy sowie Tom Galleys Projekt namens Phenomena bekannt. Damit zeichnen sich sofort die Gewässer des AOR- und Melodic Rock-Genres ab. Lee Small ist ein Besonderer, ein vokaler Sonderfall. Alles, was seine vokale Interpretation im Laufe seiner Karriere angefasst hat, strahlte durch seine vokale Charisma etwas von Glenn Hughes aus. Natürlich in der richtigen Dosierung. Mit diesem vokalen Attribut hat er nie übertrieben – sonst hätte das Melodic Rock-Prinzip die Überfülle souliger Schwärze nur schwerlich vertragen.

Es war nur eine Frage der Zeit, wann Small solistisch »explodieren« und seiner Stimme den vollen, ungezügelten Anlauf geben würde, mit dem er fliegen kann, wohin sein Herz begehrt. »Jamaica Inn« ist daher ein knallhartes Blues-Rock-Album mit starken Stützen im Funk und Soul (bis hin zu Motown-Zauber). Unglaublich, aber wahr: Auf diesem  Album würden die Größen dieser musikalischen Zunft von Joe Bonamassa über Richie Kotzen bis hin zu Stevie Salas (das funky-fett aufgepolsterte »Waiting For A Hangman«)… mühelos ihren Platz und ihre Spielinspiration finden. Natürlich ist Lee Small kein Glenn Hughes und verfügt nicht über dessen florierendes finanzielles Hinterland – er kann sich also nicht die größten Gitarren-Asse der Welt für sein Album leisten. Er hat sich aber eine Crew erfahrener Studio-Workaholics zusammengestellt, die gleichzeitig eine außerordentliche Flexibilität und ein großes Talent für das vielschichtige Erfassen und Verstehen von Musik besitzen. Wie Chamäleons passen sie sich der jeweiligen Genre-Herausforderung an.  Man kann sagen, dass Black Country Communion mit »Jamaica Inn« ihren verkannten Bruder bekommen hat, der irgendwo still im Schatten des Ruhms des Älteren wandert. Und so wird es immer bleiben.

Nehmen wir Black Bess und/oder Shine A Light – die führenden Gitarrenphrasen ziehen verblüffend in Richtung etwas, das genauso gut auf Richie Kotzens »Gemüsegarten« hätte gedeihen können. Dead Man Walking ist etwas, das sich auch in den goldenen Zeiten der Free-Alben hätte finden können. Unglaublich, dieses gelungene Segeln von Small durch die Geschichte des klassischen Rocks, durchtränkt von der Erotik der Blues-Rhetorik.  Letztlich ist das ein Album vor allem für Liebhaber der Musik von Glenn Hughes – denn der Hauptfokus liegt natürlich auf Lee Smalls vokaler Interpretation, der in seinen Soul-Ausflügen außergewöhnlich ist, in bewegenden Akrobatiken einer vokalen Improvisation, die auf dem Album kein Ende zu nehmen scheint. Der Vokalist ist ein sensibler Chamäleon, dem das Beleben der Aussagekraft der Texte federleicht von der Hand geht – wundere dich also nicht, wenn dir seine Arbeit Gänsehaut bereitet. Egal, dass das Album von Glenn Hughes nur so strotzt: Small spielt sogar Bass-Gitarre (genau wie sein großes Vorbild) – doch wenn man eine Nummer wählen müsste, in der Small am würdigsten in Glenn Hughes‘ große Fußstapfen tritt, dann ist das definitiv Voyager. Hier feuert Small in all seiner sehnsuchtsvollen Sensibilität sein stimmliches Maximum ab.

Das Album trägt ein gelungenes organisches Geflecht aus Klangcollagen seiner Grundbausteine – und durch diesen Produktionsansatz leuchtet Lee Smalls vokale Darbietung am intensivsten. Vor allem das schwere rhythmische Gewicht des drückenden, aber nie überhasteten Schlagzeugs sowie der pulsierende »Groove« der Bass-Gitarre sind stark betont.  Martin Kronlund, eigentlich Chef der Band Gypsy Rose (hier arbeitet auch Vokalist David Reece mit ihm zusammen, dem einen oder anderen vielleicht bekannt durch seinen Beitrag bei den Deutschen Accept), die nur wenig mit Blues-Musik gemeinsam haben, erweist sich offensichtlich auch für solche Old-School-Produktionsansätze als außerordentlich empfänglich, die volle Authentizität mit möglichst wenig oder gar keinen Korrekturen verlangen. Ich erlaube mir zu sagen, dass das Cover des Hits »End Of The Road« des Quartetts Boys To Men und der Kansas-Harmonika-Witz namens The Renegade Accordion Player zwei Schritte zu viel für das Album sind – denn das Originalmaterial hält eine außergewöhnliche Qualität, die keine zusätzliche Bestätigung braucht.

»Jamaica Inn« ist also ein Überraschungsalbum, das aber keine wirkliche Überraschung war – zumindest nicht für jene, die wissen, wer Lee Small ist. Ein Album der schönen Überraschung und eines für echte Glenn Hughes-Fans. Also Glenn Hughes von der Ära Trapeze über die reiche Solo-Karriere bis hin zur Mitwirkung bei Black Country Communion. Dem lohnt es nicht zu entfliehen – sonst wirst du mit diesem Album niemals warm.

Besetzung

Lee Small – Gesang, Bass-Gitarre
Martin Kronlund – Gitarre
Carl Anthony Wright – Gitarre
Des Sherwood – Gitarre
Paul Bradder – Keyboards
Imre Daun – Schlagzeug

Produktion

Martin Kronlund

Trackliste

1. Jamaica Inn
2. The Captain’s Quarters
3. Black Bess
4. Walk The Plank
5. Shine A Light
6. Dead Man Walking
7. Voyager
8. I Am The Sea
9. Smuggler’s Blues
10. Waiting For The Hangman
11. End Of The Road
12. The Renegade Accordian Player

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