HoS
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: House Of Shakira
Label: Lion Records
Veröffentlichung: 2012
Laufzeit: 49:30
Wertung: 5/5
Das ist eines jener Alben, auf das ich fieberhaft gewartet habe. Irgendwie schicksalhaft ist House Of Shakira mit Rockline verbunden. Ihr Konzert im November 2006 und das Interview mit der Band in Padua gehört zu den frühesten und unvergesslichsten Abenteuern unseres Teams, nicht wahr, Bojan?
Aber lassen wir den Sentimentalismus beiseite und kommen wir zur Sache mit den neuen House Of Shakira. Für alle, die sich am exotischen Bandnamen nicht sattsehen können, sei angedeutet: House Of Shakira sind kein hybrides Kreuzprodukt aus Shakira (persönlich) und den Mitgliedern von House Of Lords, sondern Vertreter des skandinavischen Melodic Rock, die erstmals mit dem exzellenten Debüt »Lint« von 1997 auf sich aufmerksam machten. Die Band hat seitdem bis 2007 eine ganze Reihe erstklassiger Studioalben veröffentlicht, die leider allesamt zu Unrecht übersehen wurden – und die Band gleich mit. Das schwächste davon ist ausgerechnet das Album »Retoxed« von 2007, das andeutete, dass sich die Band vor der Schwelle großer Veränderungen befand.
Und tatsächlich. Die Band hat zwischen 2007 und der Veröffentlichung von »HoS« gleich drei Mitglieder ausgetauscht! Und damit ein neues Kapitel in ihrer Karriere aufgeschlagen. Gar nicht anders möglich, wenn man so radikal direkt ins Herz der musikalischen Essenz einer Band eingreift. So sind von den alten Mitgliedern heute nur noch beide Gitarristen Mats Hallstensson (der auch für den Großteil der Soli zuständig ist) und Anders Lundström dabei, die kreativen Köpfe der Band, die die Riffs in die House Of Shakira-Musik einbringen – und daher bleibt das grundlegende Ausdrucksgesicht der Band auch auf dem neuen Album erhalten! Aus den Reihen der renommierten technischen schwedischen Prog-Metaller Mind’s Eye kam Andreas Novak, der den originalen Sänger der Band Andreas Eklund ersetzte, auf der Bassposition ist heute Basse Blyberg, der Per Schelander (ebenfalls ex-Royal Hunt) ablöste, und der neue Drummer ist Martin Larsson, der das originale Mitglied Tony Andersson ersetzte.
Bessere Ergebnisse als die, die »HoS« geliefert hat, hätte man sich kaum wünschen können. Frisch und regeneriert betreten House Of Shakira eine neue Ära ihres Entwicklungskreises und hauen drauf mit einer unbändigen Gier, wie man sie zu Beginn ihrer Karriere kannte. »HoS« ist ohne Umschweife ein düsteres House Of Shakira-Album – das war bisher keine Eigenschaft der Band. Zugleich ist es das härteste und aufgedrehteste Album, das die Jungs bis dato herausgebracht haben. House Of Shakira galten stets als eine gelungene, wenn auch entfernte Annäherung an Journey – skandinavisch angerichtet natürlich! Diesmal jedoch ist dieses Gefühl stärker denn je camoufliert, und der Vergleich mit den Pionieren des AOR-Genres aus San Francisco ist weniger treffend. Etwas von dieser »Art und Weise« musste den vokalen Eigenheiten des ausgestiegenen Sängers Andreas Eklund geopfert werden – obwohl Andreas Novak in der Erzeugung dieser Stimmungen, wenn es darauf ankommt, keineswegs zu verachten ist (das Journey-nächste I’ll Be Gone oder das abschließende Out Of My Head). Die grundlegende Veränderung, die die Band erstmals entschiedener von Journey-Vergleichen wegführt, ist die andere Produktion des Albums (aufgedreht lebendig) und vor allem die intensive Anlehnung an Retro-Impulse der Rockklassiker der jüngeren Rockgeschichte – also eine etwas andere Herangehensweise an die Song-Arrangements. Dass die Jungs Flugzeug-Fans sind, beweist bereits der Titel des exzellenten Albums »First Class« von 2004, und besonders der verschmitzte Song Landing darauf. Nun haben sie dem Fliegen den Song All Aboard gewidmet, der (wenn wir nochmals zu Neal Schon und Kompanie zurückkehren) durchdrungen ist von »Journey-esken« Leitmotiv-Figurationen, während der Gesang von Andreas Novak in der Rekreation dieser Stimmungen schlicht wie aus einem Guss wirkt.
Schon der Opener Brick Wall Falling liebäugelt im strophischen Gitarrenpattern mit den klassischen Retro-Impulsen der Rock-Giganten (Deep Purple, Rainbow), überrascht aber bereits mit seiner direkten Riff-Haltung, die in Intensität und Rock-Härte pulsiert wie noch nie zuvor. Wenn sich zu den Vocals die Schichten der Background-Vokalharmonien gesellen, ist das Rätsel gelöst: House Of Shakira haben die Verbindung zur Tradition ihrer unverkennbaren Markenzeichen ihrer ureigenen Ausdruckskraft bewahrt. Für die neuen Zeiten der Band spricht dagegen unbestreitbar Changes In Mind, einer der dunkelsten Songs des Albums, giftig und Sabbath-mäßig verführerisch. Das zweite so düstere Stück des Albums ist Endless Night, das dem Eingangsriff von »Kashmir« von Led Zeppelin einiges verdankt. Es ist faszinierend zu beobachten, wie die Band über dem elementar wuchtigen Gitarrenriff beider Stücke eifrig nach dem Weg zur Schaffung eines optimalen melodischen Ausdrucks sucht – anders gesagt: einer optimal melodisch kompakten Eingängigkeit. Darin gelingt ihr das vollauf, und abermals schafft sie es, eine Gewinnerhand zu spielen und ihre ureigene künstlerische Unverwechselbarkeit zu bewahren – genannte Songs sind die eigentlichen Juwelen des Albums, die darauf herausragen. Der Band ist es mit ihnen gelungen, ihre Elementarkraft auf eine neue, frische und andere Art zu servieren, was bedeutet, dass das Album »HoS« ein entschiedener Entwicklungsschritt im künstlerischen Reifeprozess der Band ist. Wollt ihr ein bisschen AC/DC von House Of Shakira? Die Strophe in Midnight Hunger wird euch dabei zweifelsohne vollauf sättigen.
Songs wie Voice In The Void, What Goes Around sowie Zodiac Mind und davor Carry My Load tragen die typisch vertraute Handschrift der Band, geprägt von ihrer stets positiven Grundhaltung, einem Hauch verschmitzter Provokation und unverhohlenem Flirten mit den Mädels – ganz im Stil von Journey.
Die Produktion ist fantastisch. Für Skandinavier ungewöhnlich rau und lebendig, verdammt nochmal! Die früheren Alben wurden gehörig poliert, »HoS« ist kein so kontrolliertes Album. Zum Beispiel überrascht Fracture In Love geradezu mit seiner einleitenden, elementar nackten Riff-Rauheit, seiner unmittelbaren Wucht! Die Verteilung der grundlegenden Klangbausteine – vom bombastisch voluminösen »Groove«, den die betont bassige Basslinie auf der Suche nach der optimalen Melodie erzeugt, in Korrelation mit dem inspirierten Drumming der neuen Rhythmus sektion, dem außergewöhnlichen Riff-Vorhang des voll inspirierten »Hackens« sowie der zentral platzierten, autoritativen Führung des entschlossenen, makellos ausgearbeiteten und ultramelodischen Gesangs des neuen Sängers Andreas Novak – das ist genau das, was sich eine klassische Rockband nur wünschen kann. Melodisch, aber roh und druckvoll. Ohne übertriebene Kontrolle, die den Stempel der Schwingung von Rock-Authentizität trüben würde, verbirgt das Album zugleich nicht, dass es in den Arrangements einen langen Entwicklungsweg durchlaufen hat und perfektionistisch bis ins letzte Detail ausgefeilt ist. Der Gesang von Andreas Novak bewahrt die Qualitäten von Andreas Eklund, wirkt dabei aber noch vielseitiger und variabler. Andreas Novak schöpft nämlich schamlos aus seinem angeborenen vokalen Soul-Attribut – das ist zum Beispiel die Eigenschaft des Sängers Lee Small der »toten« Shy oder Steve Overlands (FM) – und das ist ein Attribut, das für die neuen House Of Shakira eine absolute Neuheit darstellt.
»HoS« ist ein hervorragendes Album. In allen Details ausgefeilt. Es ist das härteste Album der Band, sogar das bisher dunkelste. House Of Shakira haben damit die Transformationsphase glänzend überstanden, all ihre unverkennbaren Attribute bewahrt und sie mit wachsender Reife auf ein noch höheres Ausdrucksniveau gehoben. »HoS« ist das Album einer neuen Ära der Band – damit öffnet die Band ein neues Kapitel ihrer künstlerischen Haltung. Man kann sagen, dass die Jungs sich das bisher größte arrangementtechnische Experiment gegönnt haben und dabei – vor allem auf Kosten der typischen harmonischen Refrain-Melodien von House Of Shakira – alle Spezifika ihrer musikalischen Aussage bewahrt haben. Ein Gewinneralbum auf ganzer Linie. Schulter an Schulter mit dem letzten Album ihrer Landsleute Treat! Nicht mehr, nicht weniger!
Besetzung
Andreas Novak – Gesang
Mats Hallstensson – Gitarre
Anders Lundström – Gitarre
Basse Blyberg – Bassgitarre
Martin Larsson – Schlagzeug
Produktion
House Of Shakira
Tracklist
1. Brick Wall Falling
2. Changes In Mind
3. Carry My Load
4. Zodiac Maniac
5. Fractions Of Love
6. Midnight Hunger
7. Endless Night
8. All Aboard!
9. What Goes Around…
10. I’ll Be Gone
11. Voice In The Void
12. Lost In Transition
13. Out Of My Head