Interview mit den Mitgliedern von Metaphor
Datum des Interviews: 18.01.2008
Metaphor ist eine amerikanische Band, die mit ihrem Debüt Starfooted bekannt wurde, das beim Prog-Publikum großen Respekt genießt. Spätere Alben erreichten zwar nie eine solche Beliebtheit, waren deshalb aber nicht weniger wichtig. Metaphor haben sich von einer rein symphonischen Formation, die Genesis zum Verwechseln ähnlich war, zu einer Band mit ziemlich eigenständigem Stil entwickelt, die Elemente aus symphonischem Rock, Neo-Prog und Avantgarde kombiniert. Mit Rockline haben alle aktuellen Bandmitglieder gesprochen – Gitarrist und Hauptsongwriter Malcolm Smith, Keyboarder Marc Spooner, Sänger und Texter John Mabry, Bassist Jim Anderson und Schlagzeuger Greg Miller.
Rockline: Seid ihr hauptberuflich Musiker? Ich weiß, dass Marc (Spooner) in einer Nicht-Prog-Band spielt. Wenn ihr Profis wärt, würde ich nicht erwarten, dass ihr allein mit Metaphor genug verdient.
Marc Spooner (MSp): Ich und alle anderen haben noch andere Jobs, an Musik denke ich nur ständig.
Malcolm Smith (MS): Marc ist mit seiner anderen Band noch am nächsten dran, Berufsmusiker zu sein, aber wir haben alle Jobs, damit wir unsere Musik finanzieren können. Es ist also ein extrem wichtiges Hobby für uns, mit dem wir mehrere Sachen auf einmal abdecken können.
Rockline: Wie viel Zeit verbringt ihr zusammen und probt?Ich weiß, dass manche andere Nicht-Profi-Bands wie IQ wegen der Jobs kaum Zeit zum Proben haben, meistens nur am Wochenende. Ist das bei euch ähnlich?
MSp: Auf jeden Fall. Wenn sich mindestens zwei pro Woche treffen, ist das schon ein Fortschritt.
MS: Ich persönlich stecke viel Zeit ins Komponieren – entweder ganze Songs oder Teile von Songs, die ich mitbringe und die wir dann gemeinsam mit der Band zu kompletten Stücken ausbauen. An den Songs selbst können wir auch mehrere Monate arbeiten, weil wir in kleinen Dosen arbeiten, ein paar Stunden am Stück. Dann treffen wir uns als Band und kümmern uns am Computer um die Arrangements, aber auch das nur ein paar Stunden am Stück, einmal pro Woche oder ein paarmal im Monat. Wenn die Songs am Computer schon fast fertig sind, fangen wir an zu proben und feilen dabei laufend an ihnen. Geprobt wird nur einmal die Woche für drei Stunden, es dauert also mehrere Monate, bis wir alles draufhaben. Aber wenn du diese Dreistundenproben zusammenzählen würdest, kämen nicht mehr als ein paar Wochen raus! Wenn wir das nur ständig machen könnten…
Rockline: Ihr habt als Band angefangen, die Genesis-Coverversionen gespielt hat, richtig? Könnt ihr erzählen, wie es dazu kam?
MS: Ich habe in der Lokalzeitung eine Anzeige aufgegeben, dass ich Musiker mit ähnlichem Geschmack suche, um just for fun die guten alten Genesis zu spielen. Das war, glaube ich, 1993… Marc war der Erste, der dazustieß, später dann noch die anderen (damals war die Besetzung eine andere), und wir haben das ganze beste Zeug aus der Gabriel-Ära gespielt. Schon damals habe ich eigene Sachen geschrieben und sie in die Band mitgebracht, die zu der Zeit Umbrüche durchmachte, und später haben wir dann an eigenem Material weitergearbeitet.
Rockline: Warum habt ihr angefangen, selbst Songs zu schreiben? War das immer der Plan?
MS: Bei mir schon! Als ich genug Selbstvertrauen in meine Songs hatte, habe ich sie in die Band gebracht, und das war’s!
John Mabry (JM): Viele von uns schreiben Songs. Am Anfang war es keine Frage der Wahl – wir können einfach nicht anders. Ich schreibe Songs schon seit der Highschool, und sie sprudeln immer noch aus mir heraus. Meistens sind sie nicht proggig, bis die Band sie in die Mangel nimmt. Meine Soloarbeiten gehen eher in Richtung James Taylor und Jackson Browne.
Rockline: War es schwer, für das Debüt ein Label zu finden?
JM: Soweit ich mich erinnere, war es, als würdest du hundert Pies an die Wand werfen und zuschauen, welcher kleben bleibt.
MS: Wir haben viel Promomaterial verschickt, und Galileo, damals ein neues Label, hat uns genommen. Wenn du ein Label suchst, musst du mit Absagen rechnen!
Rockline: Was bedeutet euch eure Musik und Musik generell?
MSp: Viel. Alles.
Jim Anderson (JA): Musik bietet so viel!Du kannst dich durch sie kreativ ausdrücken, du kannst durch sie auch Gedanken oder eine Geschichte vermitteln. Manchmal kann sie therapeutisch sein. Musik ist Leidenschaft, egal ob beim Spielen oder beim Hören.
MS: Für mich bedeutet sie kreativen Ausdruck. Ich habe immer behauptet, dass ich Musik schreibe, weil ich muss, weil ich mich selbst kreativ befriedigen muss. Meistens schreibe ich Instrumentales und schreibe es nicht, um etwas auszusagen. Die Musik kommt einfach raus, und wenn sie gut klingt, mache ich in dieser Richtung weiter, bis ich an ein Hindernis stoße. Dann gehe ich in eine andere Richtung und probiere dort etwas aus. Ich mache das, weil es Spaß macht! Es ist ein wichtiger Teil meines Lebens und gibt mir viel Zufriedenheit.
Rockline: Könnt ihr eure Einflüsse aufzählen? Mir sind Genesis und Gentle Giant aufgefallen. Noch etwas anderes? Habt ihr auch Einflüsse außerhalb des Prog – Jazz, Klassik, Blues?
MSp: Neben den wichtigen Einflüssen Yes, Genesis und Gentle Giant gehören zu meinen Einflüssen auch Jazz, klassische Musik, Led Zep, Camel, Happy The Man, ELP und noch viele andere. Aber ganz sicher kein Blues!
JA: Ich glaube, wir sind alle von dem beeinflusst, was wir hören – und je mehr dir etwas gefällt, desto größer wird der Einfluss. Ich mag viel Jazz und Klassik.
JM:Bei den Texten beeinflusst mich stark der bildhafte Stil von Bruce Cockburn und die sarkastischen Bemerkungen von Richard Thompson. Stilistisch leihe ich mir viel von Steve Hogarth (Marillion) und Phil Collins (Genesis). Ich mag auch sakralen Chorgesang, New Age (besonders improvisierte Akustikmusik aus der Windham-Hill-Schule, ätherische Musik wie Kitaro und Musik, die nirgendwohin führt, wie Eno, Budd, Stearns und Serrie) und natürlich auch guten alten Rock’n’Roll.
Greg Miller (GM): Bei mir sind es Rush, Led Zep und Burt Bacharach.
MS: Ich mag guten Jazz-Fusion. Ich habe mir gerade eine neue CD gekauft – Joe Henderson Big Band, die ist wunderbar. Ich höre auch Klassik.
Rockline: Obwohl ihr offensichtlich Einflüsse aus den Siebzigern habt, macht ihr trotzdem lieber eigene Musik? Empfindet ihr dabei mehr Befriedigung, als wenn ihr nur den Stil von jemand anderem kopieren würdet?
MSp: Klar. Man bezeichnet uns als Retro-Prog, aber ich glaube, das kommt von der Bequemlichkeit der Hörer. Kritiker müssen Rezensionen schreiben, wenn sie ein Album nur ein- oder zweimal gehört haben, und da verpassen sie viel. Die Details und Strukturen guter Progressive-Musik zeigen sich mit der Zeit. Natürlich erinnern die Sounds manchmal an die aus den Siebzigern, aber das sind gute Sounds! Unsere Kompositionen und Arrangements sind meiner Meinung nach aber ziemlich eigenständig.
MS: Es ist viel besser, eigene Sachen zu machen – ehrlich gesagt kann ich mir die alten Genesis kaum noch anhören (von den späteren Alben ganz zu schweigen) – ich meine, mit diesen Alben bin ich wie die meisten Prog-Fans aufgewachsen, aber heute ist der einzige Prog, den ich höre, meine eigene Musik. Im Moment hoffe ich, dass sich der Stil von Metaphor herauskristallisiert, und ich finde, auch mein Komponieren entwickelt sich weiter.
JA: Wenn du Musik zusammenbaust, kommen die Sounds von allein. Ich habe nicht vor, jemanden zu kopieren.
Rockline: Woher bekommt ihr die Ideen für die Texte? Hat jedes Album gute Ideen oder ein Konzept?
JM: Meistens geht es um das, was mich gerade interessiert, denn ich bin der Haupttexter. Als wir Starfooted gemacht haben, habe ich mich viel mit Gnostizismus beschäftigt, also war es naheliegend, diese Themen textlich und musikalisch zu erkunden. Bei Entertaining Thanatos war es eine Entscheidung der ganzen Band, nicht noch ein erzählerisches Album zu machen, sondern die Sachen von selbst an die Oberfläche kommen zu lassen. Viele von uns haben zu Beginn des Komponierens um den Tod nahestehender Menschen getrauert, also war es naheliegend, in diese Richtung zu gehen, als eine Art gemeinsame Trauerbewältigung. Eigentlich sehr therapeutisch! Fürs neue Album haben wir wieder gemeinsam beschlossen, dass es ein narratives Werk werden soll. Die Idee für The Sparrow beschäftigte uns schon vor Entertaining Thanatos, und wir waren immer noch begeistert davon. Als uns die Autorin des Buches, Mary Doria Russell, einmal erlaubt hatte, ihre Geschichte zu verwenden, gab es kein Zurück mehr.
Rockline: Haben euch wegen der Texte schon mal irgendwelche religiösen Gruppen kritisiert, denn manchmal geht ihr ziemlich zynisch mit Religion um?
JM: Komischerweise nicht. Schön, dass du den Zynismus siehst und nicht, dass wir der Religion feindlich gegenüberstehen. Da ich Geistlicher bin, nehme ich Religion ziemlich ernst. Aber Religion ohne Zynismus kann eine zerstörerische Wirkung haben. In der Religion ist kritisches Denken von entscheidender Bedeutung, und ich hoffe, dass ich das in meinen Texten zeige. Ich lehne Religion überhaupt nicht ab. Ich sage nur, dass wir schwierigen Fragen nicht ausweichen dürfen und dass Religion sich mit heiklen Themen auseinandersetzen muss, besonders was Gewalt, Ignoranz, Unbewusstheit und Verdummung angeht, für die sie selbst mitverantwortlich ist. Religion muss sich für vieles rechtfertigen, aber sie ist auch ein Teil dessen, was uns menschlich macht. Ich hoffe, dass ich mit den Texten die Balance zwischen Lobpreis und Kritik halte, denn beides ist wichtig für einen rationalen und erwachsenen Zugang zum Glauben.
Rockline: Würdet ihr mal auf eine kürzere Tour durch Europa gehen?
JA: OK!
MSp: Sehr gern!
GM: Klar! Aber es wäre schwer, dass alle fünf Mitglieder gleichzeitig Urlaub für eine Tour bekommen. Einen Versuch wäre es auf jeden Fall wert, wenn sich die Gelegenheit ergäbe. Ich persönlich würde für eine Europatour alles andere hintanstellen.
MS: Na gut, dann muss wohl ich der Vernünftige sein – eine Tour ist bei unseren Umständen insgesamt eher unwahrscheinlich.
Rockline: Wärt ihr bereit, als Vorband für größere Bands zu spielen, zum Beispiel The Flower Kings, Spock’s Beard, Arena, IQ?
MSp: Auf jeden Fall.
GM: Da muss man mich nicht zweimal fragen!
MS: Die haben unsere Adresse!
JA: Nooo…na gut, meinetwegen!!
Rockline: Und wie sieht’s mit Konzerten aus? Ich weiß, dass es in den USA viele Art-Rock-Festivals gibt. Habt ihr schon mal auf einem gespielt, und wenn nicht, hättet ihr Lust dazu?
MS: Abgesehen von ein paar Auftritten am Anfang, als wir noch Genesis-Coverversionen gespielt haben, sind wir eigentlich nie vor Publikum aufgetreten.
MSp: Leider sind wir live nicht aktiv, aber ich persönlich würde mit Vergnügen auf einem Festival spielen.
Rockline: Könntet ihr wegen eurer Jobs überhaupt auf Tour gehen?
MSp: Noch nicht
JA: Wir müssen erst mal unseren ersten Gig haben! Job und Familie müssen an erster Stelle stehen. Wir könnten uns auf keinen Fall allein von der Musik ernähren, zumindest nicht mit so einem schrägen Zeug, wie wir es gerade spielen.
Rockline: Seit Starfooted habt ihr die Rhythmusgruppe oft gewechselt. Glaubt ihr, dass sie jetzt stabil ist?
MSp: Ja. Aber bei den anderen bin ich mir nicht sicher. Haha.
JA: Ich glaube, wir sind nicht stabil!
JM: Verdammte Schlagzeuger explodieren einfach so gern!
GM: Meine Frau würde da nicht zustimmen, aber ich halte mich für ziemlich stabil.
MS: Wer weiß! Schlagzeuger und Bassisten sind Spinner, die man schön sanft und behutsam behandeln muss.
Rockline: Widmen wir uns kurz dem neuen Album. Seid ihr mit der Resonanz von Publikum und Kritikern zufrieden?
MSp: Im Großen und Ganzen ja. Ich würde gern sehen, dass wir mehr Exemplare verkaufen, damit auch vom Publikum mehr Resonanz käme!
MS: Aber über die positiven Rezensionen freuen wir uns auf jeden Fall – und über Verkäufe freuen wir uns immer.
Rockline: Seid ihr mit den Songs auf The Sparrow zufrieden?
MS: Sehr – ich glaube, sie zeigen einen Fortschritt in meinem Komponieren und im Komponieren der ganzen Band.
MSp: Im Großen und Ganzen ja. Alle Künstler wünschen sich, dass ihre Werke noch besser wären, wenn sie fertig sind.
Rockline: Wenn ihr zurückdenkt, würdet ihr an diesem Werk etwas ändern?
MSp: Nie zurückdenken, immer nach vorn!
MS: Es hat keinen Sinn, sich mit dem Erledigten zu belasten, man muss mit dem nächsten Projekt anfangen.
JA: Es gibt immer Dinge, die ich ändern würde, aber ich habe keine Zeit, zurückzudenken.
MS: Ich würde zurückgehen und Jim bitten, wenigstens einmal die Unterhose zu wechseln. Das war ein furchtbares Problem!
Rockline: Wie entscheidet ihr, wie das Album klingen soll? Sprecht ihr euch vorher ab oder lasst ihr die Dinge einfach laufen?
MS: Wir lassen die Musik sich von selbst entwickeln – die Musik kommt von ich weiß nicht woher, und wir formen sie nur noch.
MSp: Vorher reden wir darüber, aber am Ende läuft immer alles ganz natürlich.
JA: Bei The Sparrow haben wir viel über die Hauptteile gesprochen, dann haben wir diese Teile in kleinere aufgeteilt, die jeweils eine bestimmte Atmosphäre hatten, abhängig von den Ereignissen in der Geschichte. Manchmal sagt John (Maybry), dass ein Teil düsterer sein muss, und dann müssen wir etwas Krankes erschaffen. Es ist ähnlich wie Malen. Bis zum Schluss weißt du nicht genau, wie es klingen wird.
Rockline: An welchen anderen Musikprojekten sind die Mitglieder von Metaphor beteiligt? Marc ist bei Hitmen…
JM: Greg und ich sind bei Mind Furniture, und wir haben gerade unsere zweite CD Hoop of Flame veröffentlicht. Das ist Prog-Pop, ähnlich wie Spock’s Beard, und auf dem Album sind zwei 25-minütige Suiten. In der einen Suite sitzt Gott auf der Anklagebank, die andere handelt von Kierkegaards drei Stadien des Bewusstseins. Musik für den Kopf (und für die Füße)!
MS: Im Moment denke ich über eine Solo-CD nach, und vieles habe ich schon geschrieben. Lustig, dass es ähnlich wie Metaphor klingt.
MSp: Neben Hitmen und Metaphor spiele ich am Wochenende jede Menge Jams mit Freunden. Gerade bin ich, ob du’s glaubst oder nicht, in einer Band dabei, die Fusion spielt. Wir versuchen, etwas auf die Beine zu stellen, aber im Moment läuft alles sehr langsam. Wir spielen Coverversionen von Mahavishnu Orchestra und King Crimson, außerdem planen wir noch etwas klassischen (elektrischen) Jazz und ein bisschen eigenes Material. Hoffentlich.
Rockline: Und zum Schluss: Was, glaubt ihr, erwartet Metaphor in der Zukunft?
JA: Im Moment haben wir noch nichts geplant, aber ich bin immer bereit für Action.
MSp: Ich hoffe auf noch ein Album. Und dann noch eins. Malcolm?
MS: Schwer zu sagen. Im Moment ruht die Band. Ich weiß nicht, wann wir uns wieder in Richtung neues Album bewegen, aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass es von allen Mitgliedern neue Musik geben wird!
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