Instrumentaler Leckerbissen im Orto bar (2017)
Autor: Primož Novak
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Ljubljana / Orto bar / Slowenien
Konzertdatum: 16.11.2017
Besucherzahl: 200
Kartenpreis: 16€/20€
Noch vor ein paar Jahren war es kaum vorstellbar, dass moderne Progressive-Bands eine kleinere Konzerthalle füllen können. Acts wie Animals As Leaders, Scale The Summit und Intervals haben eine Weile gebraucht, um ihre Fähigkeiten und ihr Potenzial unter Beweis zu stellen. Die Fanbasis aber wuchs langsam. Die Zeiten haben sich schließlich verändert, was sich in den gewandelten Interessen der Besucher zeigt. Das war schon vor dem Konzertbeginn von Intervals, Polyphia und Nick Johnston spürbar, als sich eine überraschend große Menge versammelt hatte. Es war zwar ein anderes Publikum als bei Metal-Konzerten – was man aber durchaus als Plus verbuchen kann.
Als Erster betrat Nick Johnston die Bühne – für viele ein unbekannter Gitarrist und deshalb leicht übersehen. Johnston, der, wie er selbst erzählte, von der exotischen Insel Kanada stammt, räumte mit seinem Spiel in wenigen Minuten alle Zweifel aus dem Weg. Auch wenn er kein moderner Gitarrist im Stile von Animals As Leaders ist, zeigte Johnston in seinem kurzen Set seine Einzigartigkeit. Viele Assoziationen kamen auf: Mit den langsamen Passagen erinnerte er an Satriani, mit den schnelleren Teilen und ungewöhnlichen Griffen schien Guthrie Govan als Vorbild durchzuschimmern. Was nicht ganz überzeugte, war die Rhythmusfraktion, die zu wenig Leben mitbrachte. Doch die Blicke des Publikums hingen an Johnstons Kunststücken, die nicht abrissen. In knapp einer halben Stunde, die ihm zur Verfügung stand, lieferte Johnston ein außergewöhnliches, einzigartiges Gitarrenspiel ab. Er wirkte dabei zu keinem Moment aufgesetzt und verstand es, Atmosphäre aufzubauen – wieder ein Beweis mehr, dass Johnston kein weiterer »Shredder« ist, der einfach auf der Bildfläche erschienen ist.
Danach kamen Polyphia, eine junge amerikanische Band aus Texas. Die Gruppe tauchte zur Zeit des größten djent-Booms auf und wurde irgendwie auch diesem Subgenre zugeschrieben. Live zeigte sich aber ein völlig anderes Bild. Vor allem war es überraschend, welch breites Spektrum die Band abdeckt. Das Quartett betonte Elemente moderner Instrumental-Acts, Jazz Fusion und Post-Metal, angereichert mit elektronischen Einsprengseln – was das ohnehin dichte Klangbild noch weiter bereicherte; besonders die ungemein präzisen Gitarren stachen hervor. Die beiden Gitarristen waren zweifellos die hellsten Punkte des Abends, virtuoses Solieren zog sich durch das gesamte Repertoire. Das Gitarren-Duo LePage/Henson bewies eine unglaubliche Synchronität. Natürlich schwächelte auch die Rhythmusfraktion nicht – der Schlagzeuger schlug sich mit Stärke und rhythmischer Versiertheit hervorragend und hielt das Ganze souverän zusammen. Polyphia haben mit ihrem Spiel bewiesen, dass sie das Potenzial haben, ganz groß rauszukommen – wenn sie natürlich in dieser Richtung bleiben.
Noch fehlten die Kanadier Intervals, bei denen die Frage aufkam, ob die Band nach den virtuosen Leistungen von Polyphia und Nick Johnston überhaupt noch etwas zeigen kann. Intervals wird von Gitarrist Aaron Marshall geleitet, auf jedem Album begleiten ihn verschiedene Musiker, die ihm beim Einspielen seiner Ideen helfen. Marshall hat in seiner kurzen Geschichte konkrete Wandlungen durchgemacht. Anfangs startete er als instrumentale djent-Band, mit dem Album »A Voice Within« kam ein Sänger dazu und Intervals gewannen spürbar an Bekanntheit – danach entschloss sich Aaron, die Band aufzulösen und mit melodischeren Klängen zurückzukehren, die den Fokus nicht mehr so stark auf tiefe Töne legten wie zuvor. In diesem Stil hat Marshall bereits zwei Alben gemacht, das zweite erscheint im Dezember.
Marshall präsentierte mit seiner Crew Songs vom Album »The Shape of Colour«, mit dem er seinen neuen Stil definiert hat – bestätigt noch durch den einen oder anderen neuen Track vom kommenden Album »The Way Forward«. Im Vordergrund stand natürlich Marshall mit seinem virtuosen Spiel und seinen Melodien, doch auch über die übrigen Mitglieder gibt es nichts zu meckern. Die Rhythmusfraktion war zweifellos lebendig, der Bassist füllte schön mit seinen Linien, der Schlagzeuger hielt das Ganze stark und präzise aufrecht, und der zweite Gitarrist hielt den Rhythmus ebenfalls hervorragend. Im zweiten Teil gab es dann eine echte Überraschung – einen filmreifen »Twist«. Die beiden Gitarristen tauschten nämlich ihre Gitarren aus, und siebensaitige Gitarren kamen ins Spiel. Intervals hatten nämlich vor ihrem ersten Album zwei djent-gefärbte EPs aufgenommen. Auch wenn Marshalls Gitarre wie ein Weihnachtsbaum leuchtete, klang es bei den ersten Takten so, als hätte die Band einen Subwoofer eingeschaltet. Es donnerte, wie es sich für djent gehört. Intervals hatten mit ihrem Auftritt bereits vorher konkret überzeugt – jetzt bekamen die Zuschauer aber noch das Sahnehäubchen obendrauf. Nach ein paar vernichtenden Songs war es wieder Zeit für sechssaitige Gitarren, und Marshall führte die Band bis zum Ende seines Sets zu einer weiteren Überraschung. Er rief die Gitarristen von Polyphia sowie Nick Johnston für einen kurzen »Jam« auf die Bühne, bei dem sich jeder Gitarrist mit seinem Solospiel beweisen durfte. Kurz gesagt: Das Konzert endete nicht routinemäßig, und man spürte, dass zwischen den Bands eine echte freundschaftliche Atmosphäre herrschte. Die Zuschauer bekamen so ein ganz besonderes Konzerterlebnis.
Das Konzert von Intervals, Polyphia und Nick Johnston im Orto bar war nicht nur erfolgreich. Es war phänomenal. Allein die Tatsache, dass Bands, die weder Gesang noch einfache Musik in den Vordergrund stellen, genug Publikum anziehen, um die große Halle des Orto bar mehr als solide zu füllen, ist eine große Leistung. Was das Gespielte und die Stimmung betrifft – da braucht man nicht mehr viel extra zu betonen. Vor allem wird die Zeit zeigen, ob sich auch in Slowenien ein neuer Trend abzeichnet, der technische und progressive Acts ins Rampenlicht rückt.
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