Innocence is no excuse
Künstler: Saxon
Label: EMI Records
Erscheinungsjahr: 1985
Laufzeit: 77:47
Bewertung: 4.8/5
Kürzlich ist auch die letzte Trilogie der „großen“ Saxon-Alben in remasterter Form erschienen, mit denen sich die NWOBHM-Urgesteine zwischen 1985 und 1988 nach langen Jahren der Herrschaft auf der Insel entschieden hatten, auch Amerika zu erobern. Zu diesem Zweck war bereits ’83 Power and the glory aufgenommen worden, doch die schlechte Strategie ihres Managers, der nach dem ersten Teil der Tour mit Iron Maiden entschied, dass Saxon reif für eigenständige Auftritte durch die Vereinigten Staaten seien, vereitelte diese Pläne weitgehend. Die Maidns, deren erste zwei Platten noch immer im Schatten der mächtigen Wheels of steel und Strong arm of the law standen, hatten zu dieser Zeit bereits eine effiziente Management-, Promotions-, Ikonografie- und Labelmaschine im Rücken und haben die USA souverän gerockt – Biffs und Co.s eigenständige Tournee erwies sich damals als totales Desaster. Auch dass Saxon endlich einen Vertrag mit dem berühmten EMI unterzeichnet hatten, konnte den Lauf der Dinge nicht ändern, und der Deal mit dem großen Label markierte, wider Erwarten, vor allem den Beginn des Niedergangs der Band aus Yorkshire
Natürlich haben das Trio Innocence, Rock the nations und Destiny noch immer einen Ehrenplatz im Rock-Pantheon, denn die Alben verkauften sich Mitte der Achtziger in Millionenauflagen. Doch obwohl es sich um epische Werke mit erstklassiger Produktion und hochwertigen Ideen handelt, liegt ihre schwache Stelle – das gilt vor allem für das erste und letzte Album – in einer Problematik, die schon so mancher Band das Genick gebrochen hat: die Anpassung an Trends. Iron Maiden und Motorhead wollten sich nicht beugen und haben so den Test der Zeit bestanden, Saxon hingegen sind wahrscheinlich genau deshalb langsam in Vergessenheit geraten und waren dazu verurteilt, jahrelang irgendwo an der Grenze zwischen mehr oder weniger erfolgreichem Aufwärmen der heldenhaften Vergangenheit und der Metal-Subkultur zu vegetieren.
Den erwähnten Prozess des Abwägens und der Anpassung an den amerikanischen Markt offenbart neben den verschiedensten Perücken des Gitarristen Paul Quinn am deutlichsten das Album Innocence is no excuse. Sein Vorgänger Crusader ist der letzte in der Reihe klassisch britisch klingender Alben mit minimalistischer und ungelenker Produktion – deshalb fällt der Sprung zum explosiven und polierten Sound umso mehr auf. Dazu beigetragen hat auch Simon Hanhart, Schützling von „Mutt“ Lange, mit dem Biff erst Kontakt aufnahm, nachdem er gesehen hatte, dass der berühmte Produzent Def Leppard und ihre Pyromania erfolgreich in die Umlaufbahn geschossen hatte. Doch auch Hanhart hat seinen Job mehr als hervorragend erledigt. Innocence übertrifft in Energie, Flexibilität und Produktion alle früheren Saxon-Platten und öffnet der Band völlig neue Klangdimensionen.
Rock n’roll gypsy, Back on the streets und Gonna shout sind echte AOR-Perlen, Broken heroes wiederum vertritt würdig die Kategorie der Power Balladen, ohne die man damals kein erfolgreiches Hard-Rock-Album zusammenstellen konnte. Eines der interessanteren Kapitel ist auch der Song Rockin‘ again, über den Biff Folgendes gesagt hat: „Das Label wollte, dass wir das Album mit diesem Song eröffnen. Obwohl er mir gefällt, taugt er nicht als Opener, weil er zu ‚stimmungsvoll‘ ist und irgendwo in der Mitte besser funktionieren würde. Auch deshalb hat Innocence den Ruf einer weicheren und experimentelleren Platte bekommen.“ Doch Innocence ist keineswegs weicher als die früheren Alben – es ist scharf wie eine Klinge. Es ist schlicht anders konzipiert und vor allem eine reifere Platte, deren Energie im Vergleich zu Crusader in völlig andere Richtungen fließt. Das Problem liegt wohl darin, dass eben diese Reife und Besonnenheit in einem gewissen Widerspruch zu allem stehen, was Saxon in ihrer goldenen Ära geschaffen haben.
Innocence is no excuse erschien 1985 und kletterte auf Platz 36 der britischen Charts – ein ziemlich bescheidenes Ergebnis im Vergleich zu den fünf vorherigen Alben. Jenseits des Teichs war die Wirkung trotz der wenig beneidenswerten Platzierung 133 etwas deutlicher spürbar, denn sie bedeutet bis heute den größten Erfolg der Band in Amerika. Doch der Preis für die mäßige Bekanntheit in den USA wurde vor allem auf der Insel gezahlt, und Saxon verschwanden nach dem soliden, aber etwas zu sterilen Destiny fast zwei Jahrzehnte lang quasi von der Rocklandkarte. Die endgültige Rückkehr unter die Lebenden bestätigten erst die letzten beiden Alben The inner sanctum (2007) und Into the labyrinth (2009), die reichlich positive Kritiken ernteten, sowie Biffs Biografie mit dem symbolischen Titel Never surrender (Or nearly good looking).
Den meisten Staub hat Byford in letzter Zeit aber mit seiner Kampagne aufgewirbelt, mit der er mithilfe des Magazins Metal Hammer versucht, Heavy Metal zur Religion zu erheben: „Es geht eigentlich um einen Akt des Widerstands gegen bestehende Institutionen und um den Beweis, dass Metal noch immer ein globales Phänomen ist“, erklärte der hochgewachsene Frontmann.
– Biff, als offizielle Hymne schlagen wir Gonna shout vor – sag uns Bescheid, wo wir uns eintragen können.
Besetzung
Biff Byford – Gesang
Steve Dawson – Bass
Paul Quinn – Gitarre
Graham Oliver – Gitarre
Nigel Glocker – Schlagzeug
Produktion
Simon Hanhart
Trackliste
1. Rockin‘ again
2. Call of the wild
3. Back on the streets
4. Devil rides out
5. Rock n’roll gypsy
6. Broken heroes
7. Gonna shout
8. Everybody up
9. Raise some hell
10. Give it everything you’ve got
Bonustracks (Remaster)
11. Back on the streets (12′ mix)
12. Live fast die young
13. Krakatoa
14. The medley
15. Gonna shout (live)
16. Devil rides out (live)
17. Back on the streets (live)