Incarnate
Autor: Primož Novak
Künstler: Killswitch Engage
Label: Roadrunner Records
Erschienen: year_month
Laufzeit: 43:44
Wertung: 4.5/5
Die Truppe aus Massachusetts, Killswitch Engage, kann man heute fast schon zu den Urgesteinen des Metalcores zählen. Auch wenn die Band nicht zu den absoluten Gründungsvätern des Genres gehört, darf man sie trotzdem als eine der einflussreichsten bezeichnen. Dabei gibt es auch den Vorwurf, dass genau KSE diejenigen sind, die den Metalcore kommerzialisiert haben. Besonders als Howard Jones in der Band sang, der dazu beigetragen hat, dass KSE weicher klangen. Doch als Jones ging, kehrte Erstvokalyst Jesse Leach zurück, mit dem die Band zu ihren Wurzeln fand – was sich im Album Disarm the Descent widerspiegelte. Das Album enthielt durchaus einige Aggressivität, die an das wegweisende Album Alive or Just Breathing (2002) erinnerte, bot aber auch die Vorzüge der späteren Alben. Es war eine gute Kombination aus allem. KSE verloren dabei nicht an Popularität, obwohl Jesse Leach als Sänger angeblich nicht ganz so besonders sein soll wie Jones.
3 Jahre nach Disarm the Descent erblickte Incarnate das Licht der Welt – nach Aussage der Band ein Schritt nach vorne und eine sinnvolle, natürliche Weiterentwicklung. Das versprechen zwar heutzutage viele Metal-Bands, die nur ihre eigenen Ideen recyceln. Bei KSE ist die Geschichte jedoch ein bisschen anders.
Killswitch Engage bestätigen mit Incarnate ihre bewährte Formel, von großen Veränderungen kann man hier aber nicht sprechen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Band stagniert wäre. Alone I Stand eröffnet das Album hervorragend mit einer anfänglichen Steigerung, bei der Leachs Stimme als gesprochenes Wort präsent ist – was zeigt, dass die Band nach wie vor auf Hardcore-Elemente zurückgreift. Gleichzeitig macht der Track klar, dass KSE auf satte Riffs, markante, eingängige Refrains und Melodien nicht verzichtet haben. Der Opener enthält also alles, was man von der Band erwarten kann. Den bisher wohl bekanntesten Opernern Numbered Days und A Bid Farewell von früheren Releases bekommt er damit endlich würdige Konkurrenz. Mit dem nächsten Track Hate By Design liefert die Band einen Hit, für den natürlich auch ein Video gedreht wurde. Logisch – der Song hat die passende Länge, ordentliche Riffs und natürlich einen eingängigen Refrain für große Massen. Gitarrist und Produzent Adam Dutkiewicz legt noch ein Solo oben drauf, was das Ganze schön aufwertet. Cut Me Loose ist eher ruhig gehalten, der Fokus liegt auf Emotionen, ein bisschen Aggressivität ist aber auch dabei. Deutlich herausstechend ist ohne Zweifel Strength of the Mind, der mit starken Triolen-Riffs punktet – für die Band nichts Neues, aber hier betont Dutkiewicz seine Vielseitigkeit im Riff-Schreiben. Gleichzeitig machen die starken Riffs und Melodien klar, dass es bei der Band nicht alles um die Refrains dreht.
Als einer der interessanteren Tracks lässt sich Embrace the Journey…Upraised herausheben. Der Song hat ein starkes, sich steigerndes Intro, das sich in einen treibenden, schnellen Part entfaltet, der erst im Refrain zur Ruhe kommt. Im zweiten Teil beruhigt sich der Track, bekommt eine Atmosphäre, und der Schwerpunkt liegt stärker auf Emotionen. Die Band gab an, dass der Song aus zwei Stücken zusammengesetzt ist, was auch die ausgedehnte Struktur erklärt, die definitiv nicht auf Hit-Tauglichkeit ausgelegt ist. Vor allem aber haben KSE solche Songs seit dem Album Alive or Just Breathing nicht mehr geschrieben – was den Track zur größten Überraschung des Albums macht. Danach stechen die restlichen Songs auf dem Album nicht mehr in gleichem Maße hervor. Für Melancholie sorgt die Band mit It Falls On Me und We Carry On. Die beiden Tracks sind eher langsamer gehalten, und KSE machen einmal mehr deutlich, dass sie eine sehr emotionale Band sind. Auch Leachs Gesang ist schwermütiger. Durch das gesamte Album hindurch macht die Band mit positiv ausgerichteten Songs auf sich aufmerksam. Gegen Ende des Albums unterstreicht sie das zusätzlich mit The Great Deceit und dem abschließenden Ascension.
Das Album als Ganzes zeigt durchaus eine gewisse Weiterentwicklung. Die Band hat sich nämlich intensiv mit Vokalharmonien beschäftigt. Jesse Leach hat seine Rolle diesmal ausgebaut, indem er etwas mit seinen Linien experimentiert hat. Natürlich kommt dabei auch einige Unterstützung von Dutkiewicz. Die Gitarrenriffs des Duos Dutkiewicz/Stroetzel sind abwechslungsreich, was sich im einfallsreichen Einsatz von Melodien und kraftvollen, treibenden Riffs zeigt. Vor allem gibt es kein unnötiges Ausschmücken mit Breakdowns. KSE machen Breakdowns schon immer so, dass sie sich nahtlos ins Gesamtbild einfügen und nicht aufgezwungen wirken. Und wie es sich für den Stil gehört, den KSE spielen, ist die Rhythmusfraktion stark. Bassist Mike D’Antonio sticht zwar nicht besonders hervor, gibt den Gitarren aber guten Rückhalt. Justin Foleys Drumming ist nach wie vor dynamisch und rhythmisch vielseitig.
Was die Produktion selbst betrifft, gibt es nichts zu beanstanden. Adam Dutkiewicz hat einmal mehr gezeigt, dass er ein erfahrener Mann ist, der schon so mancher Metalcore-Band geholfen hat, aus dem Mittelmaß herauszusteigen. Schließlich ist er jemand, der als Produzent alle Instrumente versteht – und das ist ein riesiger Vorteil. Dutkiewicz hat zweifellos ein großes Gespür dafür, Songs zu schreiben, die ein breites Publikum ansprechen können. Aber das kann man ihm nicht als Weichwerden oder völliges Anbiedern an den Mainstream vorwerfen.
Wenn Killswitch Engage mit Disarm the Descent ein Comeback hingelegt haben, dann haben sie mit Incarnate nicht nur ihre Topform bestätigt, sondern auch einen Schritt nach vorne gemacht. KSE sind definitiv eine Band, die noch nicht stagniert hat, und nach diesem Album zu urteilen scheint es, als hätten sie noch einige gute Jahre vor sich.
Besetzung
Adam Dutkiewicz – Gitarre, Gesang
Jesse Leach – Gesang
Joel Stroetzel – Gitarre
Justin Foley – Schlagzeug
Mike D’Antonio – Bass
Produktion
Adam Dutkiewicz
Trackliste
01. Alone I Stand
02. Hate By Design
03. Cut Me Loose
04. Strength Of The Mind
05. Just Let Go
06. Embrace The Journey… Upraised
07. Quiet Distress
08. Until The Day
09. It Falls On Me
10. The Great Distress
11. We Carry On
12. Ascension
Bonus:
13. Reignite
14. Triumph Through Tragedy
15. Loyalty