In a Glass House

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Gentle Giant
Erscheinungsjahr: 1973
Laufzeit: 38:08
Wertung: 5/5

Die Bandmitglieder würden das Bild dieses Albums wahrscheinlich in Form einer scherzenden, gesellschaftskritischen Geschichte beschreiben, die in dem Moment beginnt, als der freundliche Riese versucht, das Glashaus zu betreten, das sich wegen seiner riesigen Ausmaße sofort in tausend Scherben zertrümmert. Der freundliche Riese verwandelt sich daraufhin unverzüglich in einen betrübten Riesen. Meine Vermutung ist nicht ganz aus der Luft gegriffen, denn Titel und Konzept dieses Albums entstammen einem geistreichen Aphorismus über Missgunst, der in der Redewendung steckt, dass „Menschen, die in Glashäusern leben, nicht mit Steinen werfen sollten“. Das war nur einer von vielen witzigen Scherzen seitens dieser legendären britischen Prog-Rock-Gruppe, die sich nicht nur mit außerordentlich komplexen Kompositionen rühmte, sondern auch mit einer nicht minder komplexen gesellschaftskritischen Philosophie und schwarzem Humor.

Gentle Giant genossen trotz – oder gerade wegen – ihres ungewöhnlichen, lausbübischen Humors mindestens ebenso viel Respekt, wie sie ihn sich als eine der experimentellsten und eklektischsten Bands in der Geschichte des Progressiv-Rocks aufgebaut hatten. In ihre unberechenbaren musikalischen Eintöpfe rührten sie für gewöhnlich unterschiedlichste Elemente aus Folk, Jazz, Sinfonik und Hard Rock. Letztere legten sie üblicherweise auf polyrhythmische Schemata und versetzten sie mit ungewöhnlichen Mehrstimmigkeiten, begleitet von gelegentlich aufgedrehten Bläsern und Streichern. Diese eigentümliche Form des experimentellen Prog Rock setzten sie auch auf dem Album fort, um das es in dieser Rezension geht.

„In a Glass House“ war ihr erstes Album nach dem Abgang des hervorragenden Saxophonisten, Trompeters und Sängers Phil Shulman. Der älteste der Shulman-Brüder hatte sich aufgrund von Streitigkeiten mit den übrigen Bandmitgliedern entschlossen, sich als aktiver Musiker zurückzuziehen. Das geschah unmittelbar nach dem Ende der „Octopus“-Tournee (1972). Im Laufe der Jahre versöhnte er sich zwar mit seinen ehemaligen Gefährten, blieb als Musiker aber für immer inaktiv. Sein Weggang war ausschlaggebend für eine kleinere stilistische Wende, die durch einen größeren Anteil von Hard-Rock-Elementen und einen etwas geringeren Fokus auf den Aufbau von Jazz-Arrangements gekennzeichnet war. Die übrigen Bandmitglieder erholten sich nach Phils Abgang mühelos und bewahrten das hohe Maß an harmonischer und rhythmischer Komplexität, das sie in der Vergangenheit begeistert hatte. Das Album knüpfte in vielerlei Hinsicht dort an, wo der Vorgänger „Octopus“ aufgehört hatte, gönnte sich stellenweise aber eine etwas aggressivere Instrumentalsektion.

Das Album eröffnet der Klassiker „The Runaway“, der eine bildhafte Einleitung mit Glaszerbrechen enthält. Diese herrliche Komposition biegt sich unter dem Gewicht verspielter, unvorhersehbarer Rhythmuswechsel, zwischenzeitlicher barockpastoraler Flöteneinlagen und schlagkräftiger Gitarrenpassagen. Nicht weniger als die scherzenden Rhythmen mit dem unverzichtbaren Vibrafon-Solo begeistern die farbenfrohen Vokalisierungen des charismatischen Saxophonisten Derek Shulman. Bei der außerordentlichen rhythmischen und harmonischen Komplexität fällt es schwer, den Beitrag einzelner Instrumentalisten herauszuheben, da sie die ganze Zeit wie eine bestens geölte und einheitliche Maschine spielen, ohne unnötige längere solistische Ego-Trips. „An Inmates Lullaby“ ist zweifellos eines der seltsamsten Stücke – oder besser gesagt Schlaflieder – in der Geschichte des Progressiv-Rocks. Hier greifen die ewigen Spaßvögel auf verschiedenste Tricks des avantgardistischen Schlagwerkeinsatzes zurück, vor allem was die ausgiebige Verwendung des Xylophons betrifft, mit dem sie die schützende Atmosphäre eines schaukelnden Riesen nachbilden. Die Begleitung von Dereks Falsettstimme in Verbindung mit bildhaften Vokalharmonien sorgt für ein wunderschönes Schlaflied, bei dem selbst der ungestümste Riese wie ein zartes Kind einschlafen würde.

„Way of Life“ ist eine spritzige Burleske, die von zahlreichen unvorhersehbaren Übergängen, geistreichen Instrumentaleinlagen und messerscharfen Hard-Rock-Gitarrenpassagen geprägt ist. Den kämpferisch gestimmten Gesang begleiten polymetrische Rhythmen und ein ständiger Motivwechsel. So kippt die Komposition von der einleitenden Hard-Rock-Wucht in eine romantische, wenn nicht gar feierliche, barockpastorale Sektion mit zahlreichen sinfonischen Elementen. Zwischendurch fehlt es natürlich auch nicht an einer Fülle avantgardistischer Rhythmuseinlagen. „Experience“ ist ein weiterer beliebter Gentle Giant-Klassiker, in dem man vor allem die unkonventionellen Vokalharmonien, den dynamischen Orgelgebrauch und die burlesken Rhythmusornamente bewundern kann. Persönlich erinnert mich die Atmosphäre dieser Komposition an freche Kirchenmäuse, die ausgelassen herumflitzen, die Katze ärgern und sich an den Gaben gottesfürchtiger Gläubiger gütlich tun. Dazu trägt zweifellos Minnears feierlicher Einsatz der Kirchenorgel bei, die chorischen Mehrstimmigkeiten und die schelmischen Rhythmen unter der Regie von John Weathers. Diese barockkirchlichen Motive werden durch Greens aggressive Hard-Rock-Passagen und Dereks wütendes Gekreische aufgebrochen, die wenigstens einen Hauch Ernsthaftigkeit einbringen.

„A Reunion“ ist ein kürzeres, subtiles, barockpastorales Werk mit sanften Klängen von Violine und Mandoline, denen Greens feinfühliger Gesang Gesellschaft leistet. Für das abschließende Folk-Rock-Fest sorgt der herrliche Titeltrack, bei dem vor allem das Zusammenspiel der Hard-Rock-Gitarrenpassagen und der Pastoralelemente durch den geistreichen Einsatz von Flöte, Akustikgitarre und Mandoline begeistert. Green beweist mit seinen treibenden Gitarrenphrasen einmal mehr, dass ihn keine harte Rockband jener Zeit von der Fahne gewiesen hätte. Mit dieser Folk-Hard-Rock-Praxis ziehen sie gelegentlich sogar Parallelen zu ihren Prog-Rock-„Vettern“ Jethro Tull. In den letzten Sekunden wiederholen sich in Form einer Klangcollage die Hauptmotive der einzelnen Albumtracks samt Glaszerbrechen.

Gentle Giant haben mit „In a Glass House“ ein weiteres immergrünes Meisterwerk geschaffen, das sich in den Annalen des eklektischen Progressiv-Rocks mit goldenen Lettern eingeschrieben hat. In dieser Zeit brannte im Innern der ewigen Spaßvögel mehr denn je das ungezügelte Feuer des kompositorischen Experimentalismus und die Lust, instrumentale Motive aus fernen Galaxien zu erkunden. Ihre außergewöhnlichen musikalischen Talente und ihre unbekümmerte Philosophie vereinten sie zu jener idealen Kombination, die ihnen für alle Zeiten unsterblichen Status unter den musikalischen Feinschmeckern sicherte. „In a Glass House“ erlangte in Europa beträchtliche Popularität, während es in den USA gar nicht erschien und dadurch einen kultigen Sammlerwert erreichte. Als Wiederveröffentlichung tauchte es in den USA erst 2005 auf.

Besetzung

Derek Shulman – Gesang, Altsaxophon, Sopransaxophon, Blockflöte
Gary Green – Sechs- und Zwölfsaitengitarren, Mandoline, Perkussion, Altblockflöte, Hintergrundgesang
Kerry Minnear – Keyboards, Perkussion, Blockflöte, Hintergrundgesang
Ray Shulman – Bassgitarre, Violine, Akustikgitarre, Perkussion, Hintergrundgesang
John Weathers – Schlagzeug, Perkussion

Produktion

Gentle Giant

Tracklist

1. The Runaway
2. An Inmates Lullaby
3. Way Of Life
4. Experience
5. A Reunion
6. In A Glass House

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