Im falschen Jahr

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Künstler: Kronika
Label: Eigenveröffentlichung
Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 40:21
Bewertung: 4/5

Nicht aus Črna, nicht aus Šiška — aus Frankolovo, bitte schön! Kronika ballern eine altbackene Mischung aus Rock raus, sagen wir dreckiger Rock  ’n‘ Roll, der sich gelegentlich mit echter Punk-Arroganz berührt und auch den Blues nicht auslässt. Die seit sechs Jahren bestehende Band klingt so, als würden ihre Songs, hätten sie das Licht der Welt in den frühen Achtzigern erblickt, heute als Klassiker gelten, an die sich Generationen erinnern würden. Vor allem jene, die ihre Teenagerjahre in der ehemaligen Föderalrepublik verbracht haben.

Wie kann das Feeling von Kronika einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen nach den goldenen Zeiten der sorglosen Gleichgültigkeit, als die alten Yugo-Rockbands Električni orgazam, Azra, Partibrejkers, Majke und Konsorten durch den Balkan zogen? Die Antwort auf diese Frage kennt der bedeutungsvolle Albumtitel „V napačnem letu“.

Tatsächlich »V napačnem letu« geboren — und deshalb umso köstlicher. Der nostalgisch-rustikale, echt lebendige, im Garagenstil aufgedrehte Lärm, den die Band erzeugt, ist genau das Element im musikalischen Ansatz der Gruppe, das von Anfang bis Ende dieses Albums vollständig überzeugt.  Kronika erfinden hier keinen neuen Einstein. Die heikle Falle des potentiellen Aufwärmens alter Suppe lösen sie genau mit ihrer ungezügelt echten Arroganz des aufständischen Gleichmuts, mit frechem Humor,  aber auch mit gelegentlichem Dramatheater, dem es an Herzschmerz nicht mangelt.

Man kann sagen, dass Kronika unter einem Dach die besten Elemente altschuliger Punk-Rock-Bands à la Hic Et Nunc und Res Nullius vereinen und dem das Sentiment einer funkelnden Rock-’n‘-Roll  Geradlinigkeit hinzufügen, die auch beim Debüt von Big Foot Mama nicht so feurig gezündet hat. Der harte Riff-Griff wird über das Album von zwei Gitarren aufrechterhalten, zwischen denen das vehemente und ausgesprochen mitreißende Vokal-Toben von Sänger Žan Kovačevič reitet. Der Gesang ist gelegentlich leicht nasaliert, kann aber gleichzeitig auch überraschend kratzbürstig sein, wenn es die Natur der einzelnen Songs verlangt.

Revivalismus ist immer dann wunderschön, wenn er echt zündet. Und auf dem Album »V napačnem letu« ist davon jede Menge vorhanden. Die Songs knicken nicht ein. Sie tragen eine Kohärenz in sich, die vom Charakter eines unerschöpflichen Rock-Potenz-Rasens geprägt ist, und es ist auch schwer zu überhören, dass die Songs eigentlich gleich beim ersten Anlauf eingespielt wurden. Solange die Band so überzeugende musikalische Highlights aus sich herausschüttelt wie den Song Hodim, muss man sich um die Zukunft des slowenischen Rock ’n‘ Roll, durchtränkt von echter punkiger Dreckigkeit, wirklich keine Sorgen machen.  Hervorzuheben ist auch, dass die Band die Songs mit Gitarren-Soli gespickt hat, die nicht anbiedernd wirken, sondern die richtige, schlichte Rocker-Haltung sorgfältig gesetzter Töne bewahren — oft dosiert mit Verzierungen der alten Schule à la »Slash’schen Pull-offs«.

»Power Blues« schleicht sich in das gefährlich schlingernde Bluz, wo Kronika einmal mehr beweisen, dass sie ein ungeschliffener, scharfer Rock-’n‘-Roll-Kristall sind, der tüchtig schneiden kann, wenn man unvorsichtig damit umgeht. Neben der mitreißend überzeugenden Vokal-Interpretation eines brüllenden Heulens beweisen Kronika gerade in diesem Song, dass sie den verfügbaren Raum mit beiden Gitarren sehr geschickt nutzen können — ein saftiger, rockig angeschärfter Dialog entsteht aus dem Geflecht von führenden Gitarrenphrasen und den darüber implantierten Gitarren-Verzierungen.

Einer der schönsten schrägen Rock-’n‘-Roll-Momente des Albums ist der Song  Rojen v napačnem letu, wo die Band das richtige Maß an bissiger Melodie (Strophe) hält — eine graduell gesteigerte Entwicklung in ein Punk-Ska-Scheppern, das in einem atmosphärischen Höhepunkt im Refraingesang kulminiert. Rage über die Grenzen hinaus! Beim Song Nirvana ist der Gesang bewusst hohl und dumpf eingesetzt, was in diesem Song  eine besondere Atmosphäre auf dem Album schafft. Etwas mehr Melodie bringt Dost mam, wo eine der Gitarren durch Stereo-Chorus-Effekte führt, den unerschöpflich aufständischen Kern des Songs halten aber die starken Botschaften der Verse aufrecht.

Kronika sind vergleichbare Desperados wie jene, die zum Kollektiv Stara šula z Dolenjske gehören. Beide Bands haben dieses Jahr ihr Studio-Erstlingswerk abgeliefert, beide haben damit die Grundsteine für den Ausbau ihrer unverkennbaren Rock-’n‘-Roll-Charisma gelegt. Beide Bands ausgestattet mit authentischer Sprache, überzeugenden Studio-Produktionen, beide Bands mit schönen Entwicklungspotenzialen für die Zukunft. Dabei ist klar, dass die Musik beider Bands unbedingt »live« gehört werden muss, da es ihr an Authentizität nicht mangelt.

Das Album »V napačnem letu« ist ein ehrlich eingespieltes, altschulisch klingendes Rock-’n‘-Roll-Album, ehrlich belastet mit Lärm und dem Schwung des Aufstands — und trägt als solches den tiefgründigen Charakter eines Rocks, wie er in den Achtzigern die slowenische Antwort auf das Punk-’n‘-Roll-Erbe der Bands hätte darstellen können, die südlich der Kulpa das Territorium beherrschten.

Besetzung

Žan Kovačevič- Gesang
Rok Pinter – Gitarre
Lovro Lah – Gitarre
Vid Verdev – Bass
Davorin Ulipi – Schlagzeug

Produktion

Danijel Tomšič

Trackliste

1. V leru
2. Razvajeno dete
3. Mladi, lepi in zadeti
4. Hodim
5. Bluz
6. Rojen v napačnem letu
7. Nirvana
8. Dost mam
9. V žilo
10. Na granici

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