I’m Alive

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Interpret: Keagy, Kelly
Label: Frontiers Records
Veröffentlichung: 2007

Kelly Keagy! Keine Sorge. Das ist kein Mitglied von The Kelly Family. Er ist der Schlagzeuger von Night Ranger mit Gesangstalent, der nach dem Debüt „Time Passes“ (2001) mit seinem zweiten Solo-Studioalbum zurückkehrt. Diesmal beteuert der Mann, dass er am Leben ist („I’m Alive“, 2007). Eine unglaubliche Erkenntnis, oder? Was heißt das aber für die musikalische Praxis? Ist etwa auch sein neues Album „lebendig“?

Das Debüt war eine verdammt schöne Sache. Es war nämlich Night Ranger und brachte den Fans der Band etwas, das sie schmerzlich vermisst hatten. Es war sogar mehr Night Ranger, als Night Ranger selbst es je gewesen sind. Schon auf „Time Passes“ arbeitete Keagy mit dem ehemaligen Survivor-Mitglied Jim Peterik (Pride Of Lions) zusammen, und auf „I’m Alive“ sitzt Jim Peteriks kreative Handschrift noch fester im Sattel.

Ansonsten ist „I’m Alive“ die absolut logische Fortsetzung von „Time Passes“, eigentlich ganz so, wie man es erwartet hat. Es ging nur um die Frage, ob das neue Album die Qualität des Debüts erreicht. Und die Antwort? Locker. Und mehr. Es schafft es. Sound und Stil des Debüts bleiben auch auf „I’m Alive“ Keagys grundlegende Richtschnur und sein Vermächtnis.

Gibt es auf dem Album irgendeine Abweichung vom Debüt? Eine haben wir schon erwähnt: Jim Peteriks größeres Engagement bei der Gestaltung der neuen Songs. Die zweite ist der lebendigere, rohere und klassischere Sound, den die Jungs im Studio eingefangen haben. Nicht zufällig, sondern mit Absicht. Also natürlicher, heimeliger! Eine willkommene Veränderung, die im Vergleich zur Glätte von „Time Passes“ trotz gleicher Schablonenhaftigkeit eine Andersartigkeit bringt, die eigentlich bitter nötig ist.

Ideen haben sich in gut fünf Jahren jede Menge angesammelt, und Peterik und Keagy, zwei Typen, die genau die richtige Adresse für brillante Motive in AOR und melodischem Hard Rock sind, haben auch diesmal nicht versagt. Die Chemie zwischen den beiden stimmt, und das sorgt für eine außergewöhnliche Eingängigkeit der Songs, die trotz abgekauter Schablonen immer noch begeistern. Die beiden wissen einfach, wie man überzeugt. Das Album enthält alle drei Grundtypen von Songs. Vom Midtempo-Stück über die flotteren Nummern bis hin zu – klar – Balladen, ohne die ging es auch diesmal nicht. Die Wortschöpfung „I’m Alive“ ist aber ziemlich subjektiv! Sie kam direkt aus Keagys Mund. Die Texte sind so naiv-kindlich, eben amerikanisch. Alles ist schön, alles ist gut, Blümchen können auch aus dem Grau des Betons sprießen, und nichts ist schöner als der Mittagsalarm mitten in Los Angeles, der auf den Ausnahmezustand hinweist, dass die Einwohner der Stadt sich in geschlossene Räume zurückziehen sollen, weil die zulässige Konzentration von gelöstem Ozon und Stickoxiden in der Luft überschritten wurde, die als Schadstoffe bei Gasverbrennungsprozessen in Großstädten in die Luft gelangen. Also: Die USA sind das Paradies auf Erden, falls ihr es noch nicht wusstet. Auch im zweiten Jahrtausend nach Christus! Achtung also! Naivität, ja sogar Süßlichkeit sind hier am Start. Und altmodische Europäer lässt die amerikanische „Aufrichtigkeit“ in ihren Absichten und Taten (bis auf seltene Ausnahmen) heute immer schwerer überzeugen. Night Ranger sind eben nicht Exodus oder Slayer. Keagy ist in seiner Bewusstwerdung der eigenen Lebendigkeit („I’m Alive“) bei Weitem nicht geerdet.

Wie gesagt: Dieses Album trägt alle Markenzeichen von Night Ranger und von Keagys Debüt. Es hat Konsistenz, qualitativ gut gebaute Songs! Die Soli hat Reb Beach (Whitesnake, Winger) höchstpersönlich runtergesägt, dazu kommen akustische Akzente und Hammond-Orgel-Tupfer, kurzum: Die Songs sind ausgereift und im Ausdruck überzeugend. Im Genre des melodischen Hard Rock und AOR Rock handelt es sich also um ein hochwertiges Produkt, und Keagy hat die Erwartungen darin erfüllt. Wer Night Ranger nicht kennt, sollte vor einer Investition in Keagys zweites Soloalbum trotzdem etwas Vorsicht walten lassen – schaden kann das auf keinen Fall.

Na ja, und nicht zuletzt: Man sieht selten ein so hässliches Cover. Jedem Erdenbürger, der die Gabe des Sehens (und der Einsicht) besitzt, dürfte sofort klar sein, dass „I’m Alive“ sich ohne Hemmungen um den ersten Preis in der Kategorie hässlichste Albencover des Jahres 2007 bewerben kann, und es ließe sich auch für die neue Filmfortsetzung des Kinderfilms „Die Monster AG“ verwenden!

Besetzung

Kelly Keagy – Gesang, Schlagzeug, Gitarre, Percussion, Backing Vocals
Jim Petrik – Gitarre, Bass, Keyboards, Akustikgitarre, Backing Vocals
Reb Beach – Gitarre (Soli)

GASTMUSIKER:
Mike Aquino – Gitarre
Brian Bart – Gitarre
Bruce Gaitsch – Gitarre
Tommy Denander – Gitarre
George Hawkins – Bass
Michael Lardie – Keyboards
Kent Slucher – Schlagzeug
Mike Behymer – Hammond-B-3-Orgel

Produktion

Kelly Keagy & Jim Peterik

Tracklist

1. I’m Alive
2. Stolen
3. Blink of an Eye
4. When Nobody’s Looking
5. Back of Your Mind
6. Life Worth Remembering
7. Re-Imagine
8. World Before and After
9. Where Are We Now
10. Where the Road Ends
11. Everything I Need in a Woman
12. Call In Another Day
13. Half A World Away

Spieldauer: 61.23

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