Igor Matković: Sonic Motion
Label: Celinka
Erscheinungsdatum: 11. 4. 2012
Produzent: Igor Matković
Genre: Jazz
Wertung: 9.0/10
Ein bekanntes Gesicht des Musikkonservatoriums Ljubljana, Trompetenlehrer, Komponist, Arrangeur, Pianist und vor allem Trompeter Igor Matković ist ein Mann, der für sein Alter einiges zu sagen hat. Als Trompeter, Keyboarder oder Produzent hat er bereits an über 30 Alben verschiedener Künstler aus Unterhaltungsmusik wie auch Jazz mitgewirkt, seinen Namen hat er bisher durch Auftritte bei zahlreichen der bekanntesten Jazzfestivals im In- und Ausland gefestigt – und tut es weiterhin.
»Sonic Motion« ist eigentlich der logische Nachfolger des Albums „Motion In Two Dimensions“ (2010) und eine Weiterentwicklung der Zusammenarbeit von Igor Matković mit Keyboarder Marko Crnčec. War »Motion in Two Dimensions« als Album mit Bearbeitungen bekannter Jazzstandards noch ein Punkt des gegenseitigen Kennenlernens und der Kalibrierung, wuchsen die beiden Musiker schnell über diesen Rahmen hinaus und setzten sich eine neue Herausforderung. So entstand nach dem Dazukommen von Schlagzeuger Vladimir Kostadinović und Bassist Robert Jukič das Quartett Sonic Motion, das seine Musik erstmals Anfang 2011 präsentierte. Die Verbindungen zwischen den Musikern webten sich zu einem echten Antriebsmechanismus zusammen, weshalb die Realisierung des Albums bei einer so homogenen Besetzung, wie sie das Album »Sonic Motion« ausstrahlt, eigentlich eine logische Konsequenz war.
Das Quartett ist in seiner Grundanlage klassisch jazzig konzipiert. Und die traditionelle Jazzschule verbirgt es auf keinem Schritt des Albums »Sonic Motion«. Matković aber hat dieses grundlegende, elementare Gerüst mit seiner ganz eigenen ideellen Durchdringungskraft veredelt, die im Zusammenspiel mit dem restlichen Trio zur saftigen Verdichtung einer lupenreinen Jazzschulaussage kulminierte – dynamisch aufgelockert auf jedem Schritt durch die Dynamik der Aneinanderreihung von Leitmotiven, und ganz besonders durch das farbenfrohe Geflecht sonischer Improvisationen, das als spielerische Priorität den Ausdruck einzelner Emotionen setzt.
Die Stücke für das Album wurden in gerade mal zwei Versuchen aufgenommen. Im Ganzen. Damit trägt dieses Album eine ausgesprochen warme, organische Aussage der Klangproduktion. Es wirkt tatsächlich wie ein lebendiger Konzertorganismus. Im Studio eingespielt. Und die Darbietung ist im Grunde einmalig, einzigartig. Das ist einer jener Zauber, den der Jazz kennt. So sehr die Rhythmusgruppe jenen klassischen, altschulmäßig verwurzelten Klang der Jazztradition hat – was besonders für das Schlagzeugspiel gilt –, desto mehr entfernen sich gelegentlich die Spiele von Matković und Crnčec von diesen Gerüsten. Das Zusammenspiel des Quartetts wirkt wie ein gelungenes Ergänzen von Bausteinen, das dem ersten Hören nach bestens bekannt ist, dabei aber noch unerforscht – weshalb es den Hörer mit einer Neugier erfüllt, die ihn dankbar von der ersten bis zur letzten Sekunde dieses Werks leitet.
»Sonic Motion« ist kein leichter Bissen, sondern ein Album, das langsam wächst und daher die vollständige Hingabe des Hörers verlangt. Die feinsinnigsten und anspruchsvollsten Musikgenießer werden schnell eine Bindung dazu entwickeln, und vor allem werden Liebhaber jazziger Kühnheit rasch feststellen, dass es sich um eine hervorragende Leistung handelt, die sich auf Anhieb mit den Werken renommierter Künstler der weltweiten Jazzszene messen kann. Matković ist ein ambitionierter Musiker, weshalb er das Album mit einem außergewöhnlichen Maß an Aussagekraft befrachtet hat, die in der oft anspruchsvollen Kombinatorik zwischen Leitmotiven und schwindelerregenden Abweichungen der Jazzimprovisation aufblitzt. Seine »kleine Schule« des Trompetenspiels schafft im Dialog mit den Keyboards den Großteil der progressiven Herausforderung, des unvorhersehbaren Verlaufs der Ereignisse und – was am wichtigsten ist – die echte Note der Spontaneität des Werks. All das macht schon das Eröffnungsstück State Of Mind deutlich, wo die Sprache der Soloimprovisation auf der Trompete furios, gereizt, ungezähmt sein kann – um im nächsten Augenblick verhalten, ruhig und schüchtern zu wirken. Den Moment der Intimität und Sanftheit betont Intuition, wo Matkovićs Soli über dem sich wiederholenden, aber definierten und einnehmenden Keyboard-Motiv schweben – der Trompeter weicht an einzelnen Solostellen ab und fordert mit der Aneinanderreihung von Formen »zwischen den Formen« heraus: Diese erwecken träumerische Versunkenheit, gelegentlich ein Gefühl mentaler Abwesenheit – Standards, die einst der revolutionäre Miles Davis in den Jazz eingeführt hat. Eine ähnliche Note des beschriebenen Spiels bietet auch das Trompeten-Zusammenspiel im vorletzten Doors To Open. Momente wie Sonic Space und das in der Albummitte angesiedelte Approaching Chaos verstärken mit ihren sporadischen Impro-Eskalationen die »Davis-Ismen« und zeigen dabei gleichzeitig eine ausgeprägtere Seite der experimentellen Herausforderung – von der man nur hoffen kann, dass Matkovićs künftige Alben so viel wie möglich davon erben. Solche Momente des Albums fügen eine besondere Note hinzu, die bei anspruchsvolleren Hörern den Wunsch weckt, die Pointe solcher musikalischen Elemente zu erforschen und zu entdecken – und regen gleichzeitig positiv auf und reizen mit einem zusätzlichen Expose des unerwarteten Verlaufs der Ereignisse. Letztere Qualität vertieft auch den unverkennbaren Charakter der Ursprünglichkeit des Autors.
»Sonic Motion« ist ein hervorragendes Jazzalbum, das durch eine außergewöhnliche Dynamik des Ereignisverlaufs und den vollblütigen Ausdruck der Emotionen in der Trompetensprache glänzt – mit seiner Lebendigkeit und dem beachtlichen Einsatz experimenteller Reizbarkeit macht sich Igor Matković unter der Sonne musikalischer Schöpfung genug Raum, um die soliden Grundlagen des Albums »Sonic Motion« künstlerisch weiterzuentwickeln und die ursprüngliche Trompetensprache noch weiter zu vertiefen. Es ist ein Album, das sein verdientes Lob für seine Qualität erst dann erhalten wird, wenn es im Ausland entdeckt wird – denn es kann, wie bereits erwähnt, auf Anhieb mit den kernigsten und durchdringendsten Jazzwerken der aktuell aktiven und renommierten Künstler der internationalen Jazzszene mithalten.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. State of Mind
2. Sonic Space
3. Intuition
4. On the Edge
5. Approaching Chaos
6. Blue Flow
7. Inner Voice
8. Keep it There
9. Doors to Open
10. Mood Channel
Besetzung:
Igor Matkovič – Trompete, Elektronik
Marko Črnčec – Keyboards
Robert Jukič – Bassgitarre
Vladimir Kostadinovič – Schlagzeug
