Homegrown – Alive In Lugano

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Interpret: Gotthard
Label: Nuclear Blast
Erscheinungsjahr: 2011
Laufzeit: 79:08
Bewertung: 4.5/5

Über Gotthard ist im letzten Jahr viel gesagt worden. Worte tragischen Inhalts, verbunden mit einem Ereignis, nach dem die Band nie mehr dieselbe sein wird wie einst. Der Tod von Sänger Steve Lee Anfang Oktober des vergangenen Jahres hüllte die Band in einen schwarzen Schleier monatelanger Trauer, und lange Zeit war überhaupt nicht klar, ob Gotthard ihre Karriere fortsetzen oder sich ehrenvoll zurückziehen würden. Lee galt mit seiner Ausstrahlung und seiner Stimme als Hard-Rock-Vokalisten und Interpreten, dem es niemanden gleichtat. Mit seinem Abgang ist für immer auch die gesamte Essenz seines unersetzlichen Stempels gegangen – geprägt von besonderer Charisma, einer einzigartigen Bühnenpräsenz und vor allem einem fantastischen Gesang, dessen außergewöhnliche Qualitäten stets in meisterhaften Interpretationen feinfühliger Balladen gipfelten – was bei Gotthard-Konzerten regelmäßig für Hochmomente der Extraklasse sorgte.

Das Release, das wir hier unter die Lupe nehmen, stammt von einem Konzert, das Gotthard im Sommer des vergangenen Jahres mitten in ihrer Heimatstadt gespielt haben. Wie der Albumtitel schon sagt – in der Schweizer Stadt Lugano. Es war ein Auftritt vor 20.000 begeisterten Fans, organisiert von Bikern, und Gotthard boten dabei ein auf Festivalshows zugeschnittenes Repertoire. Sprich: ein abgespecktes Programm. Diesen Auftritt haben sie auch aufgezeichnet, ohne zu ahnen, dass sie damit gleichzeitig einen der letzten Auftritte von Steve Lee festgehalten hatten.

Knapp achtzig Minuten Musik. Da Headliner bei Festivals in der Regel anderthalb Stunden spielen, fehlt wohl der eine oder andere Song, der an jenem Abend gespielt wurde, auf dem Release aber schlicht aus Platzgründen herausgeschnitten wurde. Auch dieser Auftritt gehörte zur Sommertournee-Reihe der Band, mit der Gotthard ihr damals aktuelles Studioalbum Need To Believe (2009) promoten. Die Konzertpromotion für besagtes Album begannen Gotthard schon im Oktober 2009, wobei sie den ersten Teil der Europatournee als eigenständige Headliner absolvierten, den zweiten Zyklus europäischer Auftritte durch Deutschland zusammen mit den Schweden von Europe, und den dritten – den „Frankreich-Zyklus“ – gemeinsam mit den Rock- und Metal-Urvätern Deep Purple. Das Repertoire, das das Release Homegrown – Alive In Lugano verkörpert, wurde auf dem ersten Tourneeabschnitt im Oktober 2009 noch durch die Songs Now, Right From Wrong und I Know You Know ergänzt. Die sind auf dieser Scheibe halt nicht drauf.

Da Lugano im „italienischen“ Teil der Schweiz liegt, verbindet Lee die meisten seiner Publikumsansprachen im Konzert auf Italienisch, spart aber auch nicht mit Französisch,  Deutsch und Englisch.

Dieses Release verkörpert die unglaubliche Bühnenpower, die die Bühnen-Essenz der Band im Sommer 2010 ausgemacht hat! Das kompakte melodische Hard-Rock-Gerüst, das auf inspiriertem Schöpfen aus dem Werk klassischer Rockbands wie Rainbow und Deep Purple fußt und insbesondere durch die Trilogie der letzten drei Studioalben seinen arrangementmäßigen Entwicklungshöhepunkt erreicht, wird makellos gespielt. Der Hauptträger, auf dem der Großteil dieser Qualität ruht, ist natürlich die außergewöhnliche Gesangsinterpretation von Steve Lee, der im Groben das Beste verkörpert, was David Coverdale und Jon Bon Jovi in den Achtzigern aus ihren unbestreitbaren musikalischen Talenten herausgeholt haben. Wer etwa die Form von David Coverdale bei Whitesnake in den letzten Jahren vermisst, wird aus den Schuhen kippen, wenn er zum Ausklang von Hush gelangt – wo Lee mit federleichter Spielfreude und einer Prise ausgelassener Unterhaltung einige der Markenzeichen Coverdale’s verkörpert, die man bei Whitesnake-Konzerten heute nur noch mit Hilfe von Playbacks oder den Fadern des Mischpults hören kann. Lee ist noch stärker, wenn die Akustik in den Vordergrund rückt. Das gilt für das akustische Medley, das das Trio Sweet Little Rock N‘ Roller (ein Original von Gotthard!), Angel und One Life One Soul vereint. Dieser Moment wird danach noch intensiver von der einzigartigen und in Lees Händen stets hypnotischen Ballade Heaven aufgegriffen. Das bereits erwähnte akustische Trio haben Gotthard für jedes Konzert der Need To Believe-Tournee eigens arrangiert, weshalb keine zwei akustischen Medleys dieser Tournee identisch sind. In der Regel haben sie vier Songs in einem solchen Medley zusammengeführt. Für dieses Konzert in Lugano halt drei.

Der Sound ist ausgezeichnet. Das Zusammenspiel aller Elemente ist von einem warmen Klang durchdrungen, der vor allem durch die starke Verbindung zwischen Gitarrenriff und Keyboards (mit spürbarem Hammond-Sound) getragen wird – dazu kommt der kraftvolle Ausdruck des tiefen Basses, der das Gotthard-Getriebe unaufhaltsam antreibt, sowie das rhythmische Schlagzeuggerüst, das den Songs eine außergewöhnliche dynamische Elastizität und ein solides Rückgrat verleiht. Über allem thront Lee mit seiner bereits erwähnten vokalen Brillanz. In dieser Aufnahme eines Open-Air-Konzerts spürt man das euphorische Feedback der 20.000-köpfigen Menge, die fanatisch mit der Band in das Mitsingen der Verse verschmilzt.   Das gestufte Ansteigen der Atmosphäre mit Höhepunkten im Chorus-Crescendo verstärkt die Beteiligung der Menge zusätzlich. Lugano liegt auf den Knien (oder in der Luft). Wie ihr wollt. Lee trifft mit seiner Publikumsansprache buchstäblich ins Mark, als er in mehreren Sprachen den Song Anytime Anywhere ankündigt: „Wir sehen uns bald… anytime, anywhere!“ Ohne zu wissen, dass er damit eigentlich einen historischen Satz gesprochen hatte.

Dieses Release enthält als Bonus noch den Song Train. Im „unplugged“-Stil des kreativen Nukleus der Band, Leo Leoni – Steve Lee, bringt er allen Gotthard-Liebhabern eine weitere typische Gotthard-Ballade. Train hätte problemlos seinen Platz auf dem nächsten Studioalbum gefunden, das Steve Lee leider nicht mehr erlebt hat.   Etwas störend wirkt lediglich das eingesetzte Rhythmusmuster im Hintergrund, das sich im Ausklang des Songs hinzugesellt – was darauf hindeutet, dass der Song aus einer Demo-Aufnahme stammt, die nachträglich optimal aufpoliert wurde. Die erweiterte Ausgabe dieses Konzerts enthält auch eine Bonus-DVD. Sie enthält einige Aufnahmen des Auftritts der Band an derselben Luganer Location vom 31.12.1999 sowie Interviews mit den Bandmitgliedern.

Homegrown – Alive In Lugano ist Pflicht und muss in der Albumsammlung jedes echten, glühenden Gotthard-Fans stehen. Dieses Release rundet eine Ära der Band ab. Damit haben Gotthard das Buch ihrer Geschichte mit Steve Lee geschlossen. Wir wünschen ihnen, dass sie so schmerzlos wie möglich ein neues, unbeschriebenes Blatt auf ihrem Weg des Rock-Aufbegehrens aufschlagen!   

Besetzung

Steve Lee – Gesang
Leo Leoni – Gitarre
Freddy Scherer – Gitarre
Marc Lynn – Bassgitarre
Hena Habegger – Schlagzeug, Perkussion

GASTMUSIKER:
Nicolo Fragile – Keyboards

Produktion

Gotthard

Trackliste

1. Intro
2. Unspoken Words
3. Gone Too Far
4. Top Of The World
5. Need To Believe
6. Hush
7. Unconditional Faith
8. Acoustic Medley 2010
9. Shangri La
10. I Don’t Mind
11. Heaven
12. The Oscar Goes To…
13. Lift U Up
14. Leo vs. Steve (Sologitarre/Gesang)
15. Sister Moon
16. Anytime Anywhere
17. The Train*

*… Bonussong

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