Here’s Willy Moon

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Moon, Willy
Label: Island Records
Veröffentlichung: 08.04.2013
Laufzeit: 28:53
Bewertung: 3.5/5

Was dieser 23-jährige Jungspund auf die Bühne bringt – ein schlanker Langer mit frisch aufgetragener, glänzend pomadierter Frisur, old-school im Smoking gekleidet, der Neuseeländer William George Sinclair, in »hübscher« Kurzform Willy Moon –, ist eine gelungene Kombination aus Vergangenheit und Gegenwart.

Der Kerl ist für sein Alter erstaunlich mutig, denn er verbindet old-school-Popsongs der Fünfziger und Sechziger mit Neuheiten wie Trip Hop, Hip Hop, sogar Techno – und nicht zuletzt sind auch die Umrisse eines Kokettierens mit Alternative Rock klar erkennbar. Hmmm… Verbindungen sollte man nicht gleich als Erstes bei Elvis suchen, lieber nicht. Eher im »provokativ zur Schau gestellten« Popgestus einer Mischung aus Rock ’n‘ Roll, Swing, Rhythm and Blues, Soul, Doo-Wop. In der Nähe könnten die Werke von Little Willy John liegen (seinen Hit Fever kennt wohl die Mehrheit von euch?, auf dem Album findet sich sogar ein Cover seines Stücks I’m Shakin‘), die Blues-Swing-Ausflüge des Saxofonisten und Sängers Bull Moose Jackson, die Doo-Wop-Albernheiten auf den Spuren von The Crescendos, The Clovers, The Platters, die frühen Rock-’n‘-Roll-Exzesse der vokalen Durchschlagskraft von Little Richard…. Natürlich allesamt leidenschaftliche Liebhaber von Rasierschaum – genau wie unser Willy. Und wo Doo-Wop ist, da ist natürlich auch ein leicht entfernter Hauch von Gospel, fast theatralisch-filmisches Predigen in ausgewählten Melodien, sogar ein Anklang von »Surfen« à la The Beach Boys lässt sich herausschälen (der Eröffnungskniff in Yeah Yeah) – unglaublich. Dieses Album wäre zweifellos Gegenstand des Spotts gewesen, hätte es nicht 2013 das Licht der Welt erblickt. Die Zeit ist offensichtlich reif, der zeitliche Abstand genau richtig, die Jahrzehnte drehen sich mit Lichtgeschwindigkeit, und Chubby Checker dreht sich bestimmt im Grab. Die entspannt unbeschwerte Platte »Here’s Willy Moon« wirkt allenfalls unterhaltsam und prickelnd, auch wenn sie keinerlei musikalische Revolution bringt. Kommerziell gesehen bricht sie aber für Willy effektiv das Eis!  Bei all dem überrascht auch die Aufnahme eines Covers von I Put A Spell On You nicht, das im Original Screamin‘ Jay Hawkins gehört. Es liegt an euch zu entscheiden, welche Version ihr lieber mögt – die von Nina Simone oder Willys aktuelle.

Der Mann setzt auf zeitgemäße Produktionstechniken, bei denen die Klangkulisse von organischen Rhythmen befreit und mit programmierten Apple-Loops unterlegt ist, die versuchen, den Sound von Blas- und Streicherarrangements aus weit, weit vergangenen Tagen zu replizieren – alles auf einem nackten, minimalistisch »gesampleten Beat«, der die tänzerische Leichtigkeit aufrechterhält. Letztere harmoniert bestens mit den abgehackten und forsch gesetzten Gesangsphrasen von Willy Moon, der stellenweise durch zusätzliche Vokalchöre harmonisiert wird – was die an sich vorhersehbare Songstruktur dankbar aufbricht.  Die gelegentlich fast instinktiv geführten vokalen »Bisse«, mit denen Willy die Melodie vielfach in Gesten zerhackt, die schon an Hip Hop oder die bereits erwähnte Old-School-Durchschlagskraft von Little Richard grenzen – in deren Fußstapfen spätere Rock-’n‘-Roll-Dilettanten mit dem Melodieverdreher David Bowie an der Spitze wandelten –,  wird im nächsten Moment wieder an eine greifbare Melodie herangeführt. Das rückt Willy keineswegs in die Nähe von etwa Ben E. Kings Stand By Me, aber Songs wie Working For The Company oder das besonders »wohlklingende« Fire sowie My Girl neutralisieren angenehm das abgehackte, aufgeblasene Vokalgehabe, das auf dem Album nur so wimmelt.

Keine große Wissenschaft, würde man sagen. Du musst einfach eine Idee haben, genug Mut aufbringen, sie auszuprobieren und umzusetzen. Was Willy von der alten Schule übernommen hat, ist auch die Songlänge, die extrem kurz ist – also  zwischen zwei und drei Minuten pro Song. Daher erreicht das Album nicht einmal eine halbe Stunde Laufzeit.  Ein besonderes Klangexperiment gönnt sich Willy beim Instrumental Murder Ballad. Hier findet sich am Ende noch ein düsterer Song mit Alternative-Rock-Konturen – eine Mischung aus Trip-Hop-Samples auf einer simplen Rhythmusstruktur, durchsetzt von der schizoiden Galgenstrick-Attitüde des Gitarrenspiels, die auch die modernen Minimalismus-Meister Jack White auf der einen sowie unser alter, guter, anziehend-renitenter Marilyn Manson auf der anderen Seite in ihren ideenreichen musikalischen  Experimenten sinnvoll einzusetzen wüssten (oh, und nebenbei bemerkt: auch Marilyn hat I Put A Spell On You gecovert, wo wir ihn schon erwähnen). Dieser Song lässt erahnen, dass hinter dem kreativen Paradigma von Willy Moon noch mehr steckt, als das Debüt zu bieten hat.

»Here’s Willy Moon« ist ein Album, das erfolgreich das Eis bricht und in der Szene Aufmerksamkeit auf sich zieht – weshalb man dem Musiker gleich zu Beginn einen Vertrag bei Island Records angeboten hat. In punkto kreativer Eigenständigkeit erfindet Willy Moon das Rad nicht neu. Er wählt und kombiniert nur sorgfältig. Alte Ideen. Die Musik auf »Here’s Willy Moon« ist so angelegt, dass man sie gleichzeitig sehen und hören muss. Dann entfaltet sie nämlich ihre volle Wirkung. Sie ist nämlich größtenteils auf Tanzschritte ausgerichtet. Wer das letztjährige Urbani festival in den Ljubljanaer Križanke besucht hat, konnte sich mit eigenen Augen davon überzeugen, wie meisterhaft Willy Moon die Songstruktur für sein Theater auf der Bühne nutzt. Der Minimalismus der Arrangements der allgemein vorhersehbaren Form ist nämlich hervorragend dosiert mit dem energetischen Testosteron-Überschuss im Blut dieses ungezähmten Jungspunds. Man muss nicht zweimal raten, dass Willy dabei die Tanzschritte von Chubby Checker und Elvis Presley zu einem vereint hat.

Besetzung

Willy Moon – Gesang, Arrangements, Programmierung

Produktion

Willy Moon

Trackliste

  1. Get Up
  2. Railroad Track
  3. Yeah Yeah
  4. What I Want
  5. Fire
  6. I Wanna Be Your Man
  7. Working for the Company
  8. Shakin‘
  9. She Loves Me
  10. I Put a Spell On You
  11. My Girl
  12. Murder Ballad
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