Heavy Rock Radio
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Jorn
Label: Frontiers Records
Erschienen: 2016
Laufzeit: 57:35
Wertung: 2/5
Der norwegische Vokalist Jorn Lande ist ein Mensch, der ständig etwas tun muss. Wenn er sich nicht mit seiner Solokarriere beschäftigt, wirkt er an anderen Projekten mit oder gastiert auf Alben anderer Künstler. Kein Jahr vergeht, ohne dass Jorn Lande zumindest einen Eintrag auf irgendeinem Studiodokument hinterlässt. Jorn Lande genießt mit seiner Band Jorn die solide Unterstützung des italienischen Labels Frontiers Records. Und das schon seit gut zehn Jahren. Wie viele Liebhaber guten Hard Rocks hat Lande mit seinen fantastischen Vokalqualitäten die dauerhafte Zuneigung der Labelführung gewonnen, die dem Kerl bei all seinen Ideen stets fest zur Seite steht.
Lande ist ein Mann, der mit Coverversionen bzw. als Vokalist von Coverbands bekannt wurde. Erstmals machte er auf sich aufmerksam bereits in der zweiten Hälfte der Neunziger, als er mit ehemaligen Mitgliedern von Whitesnake in der Band The Snakes aktiv war und mit seiner unglaublichen stimmlichen Ähnlichkeit zu David Coverdale für Aufsehen sorgte. Die erste Coverversionen-Kompilation unter dem Namen Jorn mit dem Titel »Unlocking the Past« erschien 2007. Diese bot eine sinnvolle Auswahl an Songs, die den Mann in seiner Karriere inspiriert hatten, und in der Folge eine Reihe ausgezeichneter Neuinterpretationen. Bei all seinen Aktivitäten nahm sich der Mann drei Jahre später die Zeit, mit seiner Band auch ein Ronnie James Dio gewidmetes Album aufzunehmen – kurz nach dessen Tod. Glaubwürdig, aber angesichts seiner unmittelbaren Reaktion etwas geschmacklos, da die Veröffentlichung wie ein kommerzieller Schachzug wirkte, mit dem Lande seinen Namen auf den Schultern des Verstorbenen aufbaut und festigt.
Nun, die dritte Coverversionen-Kompilation, das aktuelle »Heavy Rock Radio«, konzentriert sich auf Jorns Bearbeitung radiokompatibler Hits. Aber nicht vollständig. Auf dem Album findet sich auch ein Schmuckstück namens The Final Frontier (orig. Iron Maiden), über das Lande (gotteslästerlich) geäußert hat, dies sei der Moment der Iron Maiden-Karriere, an dem sich die Band zweifellos am stärksten der Popmusik angenähert hat. Obwohl der Mann nicht recht hat, hat das auch der Werbepromotext, der die neue Kompilation auf Schritt und Tritt begleitet, mit größter Begeisterung aufgegriffen. Glaubt es oder nicht, wenn ihr bis zu The Final Frontier gelangt – und gut wäre es, wenn ihr es tätet (mehr dazu weiter unten) –, wird euch endgültig klar sein, dass nicht alles, was Lande anfasst, zu Gold wird, sondern (im schlimmsten Fall) auch zu einer Handvoll saftigen Mists werden kann.
Die Auswahl ist zwar interessant, einladend, die Interpretation aber umso weniger. Ganz einfach: Lande kann keine Garde von Spitzenmusikern um sich scharen – dafür fehlt schlicht das Geld, und außerdem hat er es bei Aufnahmen und Veröffentlichungen immer sehr eilig. Alles wird also im immer gleichen Hard-Rock-Modus gespielt, mit Jorns typischem »Dio meets Coverdale«-Gesang, den wir in all den Jahren seines Schaffens gut kennengelernt haben und der nichts Neues, nichts Umhauendes bietet. Das Material ist auf »Jorn-Art« gespielt. Hart. Mit aller Inbrunst und Gewalt. Deshalb wirkt es, als wäre es zwanghaft gespielt. »Heavy Rock Radio« sollte man als Karrierepunkt betrachten, an dem sich Jorn Lande mit seiner Band ein paar angenehme Stündchen Entspannung und Spaß im Studio gegönnt hat, ein paar Songs sang, die ihm über die Jahre im Ohr geblieben sind und ihn gepackt haben – im Gewand neuer Arrangements begeistern sie aber keineswegs. Das gilt im Allgemeinen für Radiocharts-Hits wie das einleitende Fridas I Know There is Something’s Going On, direkt danach Running Up That Hill (orig. Kate Bush), wo selbst Placebo in ihrer Version mehr emotionale Substanz herausgepresst haben. Jorns Hard Rock ist schlicht zu roh. Das grobe Draufloshauen passt absolut nicht einmal zur Neuinterpretation des Journey-Klassikers Don’t Stop Believin‘, während sich bei den Tracks Killer Queen (orig. Queen) und dem The Eagles-Klassiker Hotel California klar zeigt, dass die Truppe bei der Umgestaltung der Arrangements bzw. der Anpassung des Originals an ihre musikalische Visionarschaft schlicht ohne echte Fantasie und befriedigende Ergebnisse herangeht. Mit zu wenig Gefühl und kargem Spiel. Das ist mit der Brechstange gespielt.
Erst die Coverversion von Dio Rainbow in the Dark ist das, was man von Lande erwartet. Da ist der Mann zu Hause. Im Hard Rock. Den Eindruck verbessern noch das abschließende Stormbirnger (orig Deep Purple) und das letzte Die Young (Dio era Black Sabbath), aber das ist bei weitem zu wenig. Diese Art von Kompilation ist nicht das einzige solche Schmuckstück auf dem Planeten – man denke an das Album von Helloween mit dem Titel »The Metal Jukebox«, das ebenso wenig Geschmack und Hörgenuss bietet. Tatsächlich ist die Kompilation »Heavy Rock Radio« nur eingefleischten Jorn Lande-Fans vorbehalten und denen, die alles feiern, was der Kerl anfasst. Alle anderen werden lieber weiterhin die Originale hören.
Jorn – Running Up That Hill (orig Kate Bush):
Besetzung
Jorn Lande – Gesang
Trond Holter – Gitarre
Francesco Iovino – Schlagzeug
Thomas Bekkevold – Bassgitarre
Alessandro Del Vecchio – Keyboards
An Track Nr. 9 wirkten mit:
Jimmy Iversen – Gitarre
Tore Moren – Gitarre
Nic Angileri – Bassgitarre
Willy Bendiksen – Schlagzeug
An Track Nr. 10 wirkten mit:
Jorn Viggo Lofstad – Gitarre
Sid Ringsby – Bassgitarre
Willy Bendiksen – Schlagzeug
Produktion
Jorn Lande & Trond Holter
Trackliste
01. I Know There’s Something Going On
02. Running Up That Hill
03. Rev On The Red Line
04. You’re The Voice
05. Live To Win
06. Don’t Stop Believin‘
07. Killer Queen
08. Hotel California
09. Rainbow In The Dark
10. The Final Frontier
11. Stormbringer
12. Die Young