Harlequins Of Light

0 9

Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Arc Angel
Label: Frontiers Records
Erschienen: 2013
Laufzeit: 53:03
Wertung: 4.5/5

Jeff Cannata ist diesmal das Stichwort. Auf dem nordamerikanischen Kontinent begann man kurz nach  dem Boom der progressiven Rockbands auf dem alten europäischen Kontinent, die eigene Antwort vorzubereiten. Die Energie von Rock ’n‘ Roll und Blues kombinierten sie in Gitarrenfiguren mit dem sinnlichen Nachverfolgen der Melodieentwicklung, und das Ganze unterstützten sie durch die Abwechslung der Arrangements (improvisatorische Einlagen), die ihre Inspiration aus dem erwähnten Prog-Rock-Boom des alten europäischen Kontinents schöpften.  Diese Bands entwickelten ihren Eigencharakter in verschiedene Richtungen. Wir bekamen eine Fülle ausgezeichneter Bands mit unverwechselbarem Ausdruckscharakter; zu den bekanntesten lassen sich unter anderem zählen: Kansas, Styx, Chicago, Angel, Boston, REO Speedwagon, auf jeden Fall auch Toto und sogar Journey, die ihre Karriere als Prog-Rock-Jazz-Fusion-Band begannen. Die lebhafte Attraktivität der Stücke fixierten diese Bands stets mit klar ausgearbeiteten Formen melodischer Leitmotive, die den Liedern Kopf und Schwanz zusammenhielten. Als die Bands nach und nach immer mehr Aufmerksamkeit darauf legten, die melodischen Motive in eine dominante Position innerhalb der Stücke zu rücken und die improvisatorischen Teile darin zu reduzieren, entstanden die richtigen Voraussetzungen für die Expansion der AOR-Musik.

Der Kopf des Projekts Arc Angel, Jeff Cannata, von dem diesmal am meisten die Rede sein wird, führte in den frühen Siebzigern gemeinsam mit seinem treuen Gefährten Michael Soldan die Band Jasper Wrath, wo er in die Rolle des »Lehrlings« schlüpfte – und zum ersten Mal auf der Szene der spätere House Of Lords-Urgestein James Christian in Erscheinung trat. Die Band, charakterlich dem damals »heißen« Progressive Rock verschrieben, erlangte im heimischen Connecticut auf der lokalen Szene beachtliche Bekanntheit – und das war auch schon alles. Im Jahr 1976 lösten Cannata und Soldan die Band auf, arbeiteten aber weiterhin an Material. In  einem Zeitraum und Umfeld also, das den Bands der AOR-Expansion bereits wohlgesonnen war, gelang es dem neuen Projekt Arc Angel, einen Vertrag mit CBS Records abzuschließen – und so erschien 1982 das gleichnamige Debütalbum »Arc Angel«. In Europa trugen die Leute das Album vor Begeisterung auf Händen, in den USA zerrissen es die Kritiker als durchschnittlichen Kansas-Klon. Von da an veröffentlichte Cannata nur noch gelegentlich Alben unter seinem eigenen Namen.

Offensichtlich hat der Künstler im laufenden Jahr gespürt, dass die Zeit reif ist, und ist zu seinen musikalischen Anfängen zurückgekehrt. Das in den vergangenen Jahren entstandene Material veröffentlichte er wieder unter dem Namen Arc Angel. Und das ist genau das, wofür Cannata als Künstler stets fest und überzeugend eingestanden hat. Eine ausgezeichnete Brücke zwischen AOR-Musik und Progressive Rock. Die Mittellinie »par excellence« zwischen beiden musikalischen Aspekten.  Man kann sofort spüren, dass hinter dem Steuer des Albums »Harlequins of the Night« ein erfahrener alter Hase steckt, dem sowohl das Arrangieren von Kompositionen als auch die Klangtechniken im Studio vollkommen vertraut sind. Dieses Album trägt den authentischsten Kontakt mit dem Sentiment des Progressive Rock und des Heavy Rock, der sich exponentiell vor allem in der zweiten Hälfte der Siebziger entwickelte. Es assoziiert unablässig mit den im ersten Absatz dieser Rezension aufgeführten Bands – und wenn man sich bis zur schelmisch-frechen Rock-’n‘-Roll-Marschmusik California Daze durchgehört hat, kommt die Geschichte sogar Night Ranger oder Damn Yankees nahe. Überall dort, wo das Riff die dominante Lage in der Begleitung verlässt und Cannatas Leadgesang, begleitet vom Piano, seinen Platz einnimmt, gewinnt das Album Konturen der Einflüsse von Bands wie Alan Parsons Project und Electric Light Orchestra, auch Boston (zumal wenn die Hammond in den Vorhang der Begleitung greift) – Cannata ist also im Grunde ein »Beatle-Jünger« (As Far As The Eye Can See, Get To You). Cannata erzeugt dieses Gefühl häufig, vor allem wegen seiner Grundvokalfarbe. Die Harmonisierung der Melodien mit mehrstimmigen Vocals ist im bestmöglichen Licht des Arrangierens ausgeführt. Er fasst die Meisterschaft dieser Kunst der bekanntesten Schöpfer zusammen, die dieses Element in ihren Werken popularisiert haben, darunter Queen, Uriah Heep, Styx. Das Album segelt auf der Mitte zwischen Prog Rock und AOR und weckt Assoziationen zu Kansas, vor allem aus den Achtzigern, aber auch zum Projekt des ehemaligen Kansas-Sängers John Elefante namens Mastedon.

Die Stücke hören nicht auf zu begeistern – mit klar ausgearbeitetem Charisma des Autorencharakters, umwerfend gelungener Farbenpracht, die von abwechslungsreich gestalteten Leitmotiven geprägt wird, arrangiert nach dem Prinzip, als wäre im Studio ein »Mini-Orchester«. Keyboards und Gitarrenriffs übertrumpfen einander nicht, sondern erschaffen gleichberechtigt das musikalische Bild der Begleitung. Die Refrains erreichen eine hypnotisch packende Eingängigkeit, die vollblütig schon beim ersten Hören wirkt. Cannata besitzt ein feines Gespür für das stufenweise Dramatisieren, das sofort eine bombastisch-pompöse Wucht entfaltet (ein besonderer Höhepunkt des Albums mit einem fantastischen Refrain-Motiv, das sofort Gänsehaut auslöst, ist eingefangen im Stück Fortune Teller 2). Dabei hat er es nirgendwo eilig. Manchmal drehen sich zwei Strophen und zwei Vorrefrains, stellenweise springt ein Tempowechsel ein, eine neue Passage, eine unerwartete Wendung der Atmosphäre – doch der atmosphärische Crescendo bleibt im Stück nicht aus. Schon das einleitende Titelstück trägt diese Charakteristika, vor allem erfreut aber die anspruchslose und natürliche Entwicklung der Stimmungssteigerung, besonders in Stücken wie Voices Of Illuminati oder später Tonight… Forever, und  Get To You. Das Album beschließt das ruhige und wohltuende  Legend Of The Mary Celeste, wo die Charakteristika des Arrangierens der alten Schule – vom Retroklang bis zur Kompositionsweise – maximal zur Geltung kommen, und damit auch das Gefühl einer »mini-orchestralen« Orientierung der Komposition, nach der Cannata unablässig strebt. Perfektion eben – und ein ausgezeichnetes Stück, das den Liebhaber vollmelodischer Ausbeute in der Rockmusik unweigerlich dazu bringt, am CD-Player erneut die »Play«-Taste zu drücken.

Das ist ein Album, das qualitativ weder schwankt noch knickt über seine gesamte Spielzeit. Das bedeutet nur zweierlei: Die Ideen sind langfristig entstanden und gewachsen – und Cannata hat sie maximal gefeilt, dabei an jedes einzelne Detail gedacht. Obwohl der wackere Multi-Instrumentalist und »DIY«-Workaholic gerne in der »Einsamkeit« schafft, hat er für das Erreichen eines Albums nahe der reinen Perfektion eine bunte Schar mitwirkender Musiker um sich geschart, unter denen der Name Jay Jesse Johnson (Gitarre) im Ohr hängen bleibt – der mit seiner Band Cryer einst Arc Angel noch in den Achtzigern als Teil der Begleitband von Cannata und Soldan unterstützte (schau dir auch das Video zum Stück »Tragedy« an).  Ein weiterer solcher »Haudegen« ist Jimi Bell, der heutige House Of Lords-Gitarrist.

»Harlequins Of Light« ist ein fantastisches Werk, das die perfekte Mittellage zwischen geschickt-geschmackvoller Abwechslung der Arrangements und der melodischen Ausgefeiltheit der Leitmotive besetzt. Die Stücke werden vom warmen und angenehmen, vollsinnlichen Gesang des erfahrenen Meisters Jeff Cannata getragen – so lässt sich in der Gesamtbilanz sagen, dass es sich um ein Werk handelt, das sein ausdrucksmäßiges Optimum des musikalischen Charakters vollständig liefert. Hoffen wir, dass dem eine Fortsetzung folgt. Aber bitte nicht erst in dreißig Jahren.

Kurzum: Arc Angel und das Album »Harlequins Of Light« gehören zu den besten Veröffentlichungen dieses Jahres, die sich dem Genre der AOR-Musik zuordnen lassen. Die Untermauerung durch Art-Rock-Charakteristika verleiht dem Album einen einzigartigen und unverwechselbaren Charakter. Das Werk ist eine erstklassige Brücke zum Debüt, das vor langer, langer Zeit im Jahr 1982 erschien – und Cannata hat sich mit seiner Brillanz zumindest teilweise für all diese langen Jahre des Wartens rehabilitiert.

Besetzung

Jeff Cannata – Gesang, Hintergrundgesang, Schlagzeug, Bassgitarre, Gitarre, Keyboards

MITWIRKENDE MUSIKER:
Jeff Batter – Keyboards, (Synthesizer, Piano)
Jay Rowe – Keyboards (Hammond-Orgel, Synthesizer)
Scott Spray – Bassgitarre
David Coe – Akustikgitarre
Jimi Bell – Gitarre
Gary Maus – Gitarre
Andy Abel – Gitarre
Tony Spada – Gitarre
Mark Proto – Gitarre
Jay Jesse Johnson – Gitarre
Pete Hodson – Hintergrundgesang, Synthesizer

Produktion

Jeff Cannata

Tracklist

1. Harlequins Of Light
2. As Far As The Eye Can See
3. War (Battle Wounds Of Life)
4. Voice Of Illuminati
5. Through The Night
6. Amnesia (The Rest Of Your Life)
7. Fortune Teller 2
8. California Daze
9. Tonight… Forever
10. Get To You
11. Diamonds And Gold
12. Legend Of The Mary Celeste

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies