Hardwired… to Self-Destruct
Autor: Rok Klemše
Künstler: Metallica
Label: Blackened Records
Veröffentlichung: year_month
Laufzeit: 76:89
Bewertung: 3/5
Es lässt sich nicht leugnen, dass kaum eine Band einen so megalomanen Einfluss hat wie Metallica. Für die große Mehrheit – auch für den Autor dieser Zeilen – war Metallica das erste Fenster in die Welt des Metals. Obwohl diese Fenster mit der Zeit ziemlich dreckig geworden sind und das Licht kaum noch richtig durchdringt, wird Metallica trotzdem und ungeachtet der allseits bekannten Fehlschüsse für immer tief in die DNA des Heavy Metal eingebrannt sein. Was sie erreicht und gesagt haben, liegt schon lange zurück, und sie könnten problemlos nur auf alten Lorbeeren ausruhen, neues Material komplett aufgeben und auf Konzerten ausschließlich Tracks von den ersten vier oder fünf kultigen Studioalben spielen.
Aber Metallica lässt sich nicht unterkriegen, und obwohl seit dem letzten Studioalbum Death Magnetic bereits satte acht Jahre vergangen sind und die Frage im Raum stand, ob wir überhaupt ein neues erleben würden, kommen die alten Haudegen gleich mit dem doppelten Hardwired… to Self-Destruct zurück. Der erste gute Zug der Band zeigt sich sofort zu Beginn. Die hoffnungslose, flache Produktion von Death Magnetic aus Rick Rubins Händen ist Geschichte; Fieldmans (mit dem Beitrag von Hetfield und Ulrich) Vision für Metallica im Jahr 2016 ist wieder ein fleischigerer, crunchigerer Sound, der am ehesten einem modernen … And Justice For All ähnelt. Und mit den ersten Momenten des Albums wird auch klar, dass die Jungs offensichtlich wieder auf ihre Thrash-Wurzeln gehört haben – so feurig wie auf dem Opener Hardwired hat Metallica seit Jahren und Jahren nicht mehr geklungen. Trotz des kindischen Textes ist Hardwired mit seiner thrashy Geschwindigkeit und dem eingängigen Refrain ein verdammt vielversprechender Auftakt, und Metallica scheint wieder dem Spielen von »thrashy«, schwerem Metal verschrieben zu sein. Atlas, Rise! bestätigt die These, dass Metallica Metal auch wieder hört: Einer der besseren Songs des Albums protzt mit einer offensichtlichen Hommage an die Gitarrenharmonien und die »Chord Progressions« von Iron Maiden auf und zeichnet sich außerdem durch Hetfields saftige Riffage und einen wunderbaren melodischen Ausgang aus der ansonsten ziemlich durchschnittlichen Hammett-Solopassage aus. Nach dem mehr als vielversprechenden Auftakt bremst das mitteltempige Now That We’re Dead, das mit nicht besonders inspirierten Riffs und einem Hetfield-Gesang, der an die Load/Reload-Ära erinnert, keinen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Moth Into Flame tritt wieder aufs Gaspedal und gehört wegen seiner Abwechslung und Dynamik zweifellos zu den besseren Momenten des Albums, während Dream No More ohne Zweifel als der langweiligste Moment der ersten Disc im Gedächtnis bleibt. Darin erinnert sich Metallica wieder an Cthulhu und streift dieses »great old one«-Wesen damit zum ersten Mal thematisch seit The Thing That Should Not Be von Master of Puppets – aber weit, weit weniger effektiv. Die stampfenden Riffs in diesem Song versuchen zwar, sich in die außerirdische Größe von Lovecrafts Kreatur einzufühlen, aber die nervig gesungenen Verse und die hoffnungslos langweiligen Riffs reichen Cthulhu nicht einmal bis zu seinen ersten Tentakeln. Zum Glück rettet Halo On Fire den Ausklang der ersten Disc recht erfolgreich – der erste Song mit komplett cleanen Gitarren- und Vokallinien. Ein neues Fade To Black gelingt ihnen zwar nicht, aber Hetfield stiehlt mühelos die komplette Aufmerksamkeit mit wirklich stark vorgetragenen Vocals. Nach den ersten 37 Minuten ist Begeisterung vielleicht tatsächlich ein zu großes Wort, aber mit solch zustimmendem Kopfnicken haben wir Metallica seit Jahren und Jahren nicht mehr aufgenommen.
Leider verdirbt die zweite Disc den guten Eindruck der ersten Albumhälfte großteils – sie zieht sich wie ein langweiliger Montag. Confusion ist ein neuer Versuch einer (anti)kriegerischen Epopöe, bleibt aber weit hinter der Brillanz von One zurück und reiht lediglich einen langweiligen Riff an den nächsten; auch in ManUNkind ist der einzig interessante Moment Trujillos Bass-Intro, das er dem Andenken an Burton gewidmet hat, während der Großteil des Songs von Hetfields nervigem Gebrüll dominiert wird. Here Comes Revenge ist eine atmosphärisch düsterer eingefärbte Nummer, aber gerade umwerfend ist sie nicht; ähnlich ist Am I Savage? mit seinen Groove-Riffs und melodischem Gesang eine Rückkehr zu den schlechtesten Momenten der Load/Reload-Ära. Zu lang und hoffnungslos langweilig ist auch die Hommage an Lemmy mit Murder One, deren Text geschickt aus Titeln von Motörhead-Songs gewebt ist – aber das ist auch das Einzige, was an dem Song interessant ist. Das bei Weitem, bei Weitem Beste aber hebt Metallica für ganz am Schluss auf und überrascht in der Manier von Damage Inc./Dyers Eve unerwartet mit dem echten Thrash-Zerstörer Spit Out the Bone – und beweist damit, dass sie immer noch zu einer echten Energiebombe fähig sind, wenn sie es nur wollen.
Aus den obigen Zeilen lässt sich leicht ablesen, dass die zentrale Figur und das Zugpferd des neuen Albums einzig und allein James Hetfield ist. Seine Riffage ist wieder tödlich präzise, und der Sound seiner Gitarre ist massiv. Zwar könnte er die Riffs stellenweise aus mehr als nur einem Ton aufbauen, aber offensichtlich ist auch seine Riff-Maschine keine unerschöpfliche Quelle. Dafür löst er sich mit seiner besten Gesangsleistung seit mindestens zwanzig Jahren ein, was am eindrucksvollsten gerade Spit Out the Bone beweist, in dem das Thrash-Tier wieder seine Zähne zeigt. Für Hardwired haben Hetfield und Ulrich die Kompositionszügel vollständig in die eigenen Hände genommen, was angesichts des Gehörten im Moment wohl die einzig sinnvolle Entscheidung für Metallica ist. Obwohl Ulrich am Schlagzeug ziemlich träge, repetitiv und komplett uninspiriert klingt (und das Schlagzeug außerdem wirklich beschissen klingt), hat er zumindest kompositorisch den Löwenanteil beigesteuert. Trujillo und Hammett bleiben ziemlich im Hintergrund, aber vor allem für Letzteren ist das vielleicht sehr willkommen. Hammetts minimaler Beitrag sind lediglich improvisierte, alles andere als aufregende oder unvergessliche Soli, und vielleicht ist es noch gut so, dass Kirk sein verlorenes Handy mit 250 Ideen für das neue Album nie gefunden hat.
Wie immer wird auch Hardwired das Publikum von Metallica in zwei Lager spalten. Die einen werden ihre Rückkehr feiern, die anderen werden über das neue Album die Nase rümpfen. Wie immer liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen – daher auch diese mittlere Bewertung. Auf Hardwired ist der Wille der Band, ein gutes Produkt entsprechend ihrer besten aktuellen Möglichkeiten zu schaffen, stark und deutlich zu hören. Stellenweise ist dem Quartett das gelungen; zu Songs wie Hardwired, Atlas, Rise!, Moth Into Flame und Spit Out the Bone kehrt man gerne immer wieder zurück. Aber dann ist da der Großteil des Albums, der zu lang und ausgewalzt ist. Auf einem Album von einer Stunde und einer Viertelstunde gibt es nämlich nur 12 (!) Songs, und deshalb leidet die Mehrheit von ihnen unter mangelnder Selbstkorrektur. Es gibt kaum einen Song, der nach fünf Minuten seinen Höhepunkt erreicht hätte und nicht noch um eine oder zwei Minuten gestreckt wurde. Metallica sollte wirklich tiefer ins Fett schneiden, bevor sie alles, was ihnen in den Sinn kommt, auf ein Album packt. Hardwired… to Self-Destruct ist weit vom Ideal entfernt, aber mit ihm hat sich die Kurve wieder leicht nach oben gedreht. Wenn man auf das nächste Album nicht wieder fast ein Jahrzehnt warten muss und Metallica das Beste aus der Energie des neuen Albums herausholt, darf man von ihnen in Zukunft vielleicht auf eine schöne Überraschung hoffen.
Besetzung
James Hetfield – Gesang, Gitarre
Lars Ulrich – Schlagzeug
Kirk Hammett – Gitarre
Robert Trujillo – Bass
Produktion
Greg Fidelman, James Hetfield, Lars Ulrich
Tracklist
CD1:
1. Hardwired
2. Atlas, Rise!
3. Now That We’re Dead
4. Moth Into Flame
5. Dream No More
6. Halo On Fire
CD2:
1. Confusion
2. ManUNkind
3. Here Comes Revenge
4. Am I Savage?
5. Murder One
6. Spit Out the Bone