Hard Rock’n’Roll-Euphorie in Graz (2013)

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Autor: Sebastijan Videc
Fotos: Jerneja Jerak

Ort: Stadthalle, Graz, Österreich
Konzertdatum: 18.11.2013
Kartenpreis: 42.50€

Als ich zum ersten Mal von der Volbeat-Tournee hörte, auf der Iced Earth als Vorband spielen würden, dachte ich, das sei wohl ein Irrtum. Letztere sind schließlich Veteranen, deren Anfänge bis Mitte der Achtziger zurückreichen, mit einer treuen Fangemeinde und einer Diskografie, die sich jeder gerne ans Revers heften würde. Doch Volbeat sind mit kaum mehr als einem Jahrzehnt musikalischem Schaffen und gerade mal fünf Alben ein echtes musikalisches Phänomen; und in diesem Moment so heiß, dass sich selbst solche Urgesteine des Heavy Metal wie Iced Earth vor ihnen verneigen müssen. Ungeachtet der Spielreihenfolge versprach der Abend jedenfalls erstklassige Unterhaltung auf höchstem Niveau, die man so schnell nicht vergessen würde.

Stau auf den Zufahrtsstraßen und die Menschenmenge rund um die Halle ließen eine hohe Besucherzahl erahnen, und bis zum Auftritt von Volbeat hatte sich die große Halle ordentlich gefüllt; ein bisschen Luft zum Durchatmen fand man allenfalls noch an den Seiten. Besonders interessant war der Blick ins Publikum: ein paar Biker und alte Rocker beiderlei Geschlechts, ein paar Metal-Heads (gut erkennbar an den Iced Earth-Shirts), und die restlichen drei Viertel der Besucher schienen im Schnitt sechzehn Jahre alt zu sein und sich um ein rockerisches oder gar metaliges Image herzlich wenig zu scheren. Es fühlte sich tatsächlich an wie eine Schulparty mit Liveband und ohne Regeln – Letzteres war mehr als offensichtlich, denn die Österreicher verstehen die Schilder „Bitte nicht rauchen“ scheinbar nicht, und so viele betrunkene Jugendliche auf einem Haufen hatte ich noch nie erlebt – gegen Ende des Konzerts glich der Ort einem Schlachtfeld, denn in fast jeder Ecke lag irgendein Jüngling, dem die motorischen Funktionen versagt hatten und der sich dem Umarmung des fast eisigen Bodens (ironisch, oder?) hingab und hilflos und unfreiwillig den Inhalt seines Magens begutachtete. Ob die Veranstalter damit gerechnet hatten, weiß ich nicht, aber so viele Sicherheitsleute, Feuerwehrleute und Sanitäter hatte ich noch auf keinem Konzert gesehen, noch nicht mal auf einem Festival. Als ich in die Halle kam, war ein Großteil des Merchandises bereits ausverkauft, und aus dem Saal klangen noch die letzten Takte der Vorgruppe Teenage Bottlerocket, deren Auftritt ich nirgendwo angekündigt gesehen hatte – ein Kumpel beschrieb sie als „hopplahopp-Punkrock-Mischung aus alten Green Day und Ramones“.

Punkt viertel nach acht gingen die Lichter aus, und vor uns entfaltete sich ein Vorhang mit der Grafik des bald erscheinenden Iced Earth-Albums Plagues of Babylon, aus den Lautsprecher dröhnten die ersten Takte des langen Intros zum gleichnamigen Song. Die Veröffentlichung der neuen Platte rückte schnell näher, und es überraschte nicht, dass die Band die Auftritte mit Volbeat für deren Promotion nutzte. Trotz ihres musikalischen Renommees gab es aber auch diesmal, wie bei so vielen Vorbands zuvor, gleich bei den ersten Takten von Plagues ein Soundproblem. Die Gitarrenbässe verschmolzen mit dem Schlagzeug zu einem undefinierbaren Rauschen, die Leadgitarre war kaum zu hören, und Stu kämpfte mit seinem Gesang mühsam durch den Lärm. Einzig Schaffers Rhythmusgitarre schien so zu funktionieren, wie sie sollte. Die Situation besserte sich zwar im Laufe der Zeit, hinterließ aber einen bitteren Beigeschmack im relativ kurzen Set, das der Band zur Verfügung stand. Die Jungs erledigten ihren Job wie gewohnt tadellos. Dette am Schlagzeug lieferte im Vergleich zu Saini bei den Metaldays eine glänzende Leistung ab. Neben zwei neuen, treibenden Tracks präsentierten die Amerikaner auch die Ballade If I Could See You, die ihren balladesken Stil weiterführt und zweifellos zu einem der begehrtesten „Senti-Momente“ der Band avancieren wird. Das apathische minderjährige Publikum hatte dabei keinerlei Bewusstsein dafür, wer oder was da auf der Bühne stand, und beobachtete den Auftritt einer der wohl derzeit besten Heavy-Metal-Bands der Welt mit verdutztem Staunen. Stu überzeugt nach wie vor mit seiner Stimme und seiner Rolle als Frontmann und ist mehr als ebenbürtiger Ersatz für den so beliebten Barlow. Doch 45 Minuten waren entschieden zu wenig, und die paar Dutzend anwesenden Bandfans tröstete nur die Tatsache, dass die Band schon in zwei Monaten auf Tournee zurückkehrt und dabei auch in Ljubljana Station machen wird.

Gute halbe Stunde Pause brauchte das Bühnencrew, um die Bühne für die Stars des Abends vorzubereiten – die Arbeit lief hinter einem riesigen Vorhang, auf dem ein Cowboy-Räuber-Kopf mit einem Tuch in österreichischen Farben vor dem Mund zu sehen war. Das Image der Band ist wirklich bis ins kleinste Detail durchdacht, und sämtliche Getränke in der Halle wurden in Volbeat-Bechern ausgeschenkt. Als die Lichter erloschen, schritt ein Mann mit Banjo in der Hand und Hut auf dem Kopf vor den Vorhang und begann auf diesem typischen Instrument des amerikanischen Wilden Westens eine Melodie zu spielen, die gleichzeitig als Intro zum Konzert diente. Der Einstieg war massiv: Am Ende des Intros fiel der Vorhang unter Begleitung von Pyrotechnik auf die Bühne, die mächtige Lichtshow verstärkte den Ansturm der Euphorie, die die gesamte Halle erfasste und bis zum Ende des knapp zweistündigen Auftritts nicht nachließ. Der Hybrid aus Rock’n’Roll und Heavy Metal, den die Dänen spielen, ist offenbar genau die richtige Dosis Frische, um Hörer in Scharen für dieses Genre zu begeistern – das wurde auch in Graz mehr als deutlich. Eine mehrere Tausend Köpfe starke Menge fraß den Jungs buchstäblich aus der Hand. Da die meisten Songs rock’n’rollig kurz sind, reichte die Setlist über das gesamte Bandrepertoire inklusive Coverversionen. Das Bühnenbild erinnerte an eine Szene aus dem Wilden Westen mit der Schlagzeugfestung Fort Griffin im Zentrum, dazu fehlte weder ein Friedhof mit Grabsteinen der Charaktere aus den Songs des letzten Albums noch natürlich ein Galgen; Poultsen riss dabei aus Versehen dem hängenden Unglücklichen den Arm ab, und der Bassist nutzte den leeren Ärmel prompt als Schweißtuch. Es wäre schwer, jemanden auf der Bühne besonders hervorzuheben, da sich alle nach Kräften bemühten, das Maximum aus dem Auftritt herauszuholen – dennoch sei Rob Caggiano erwähnt. Der ehemalige Anthrax-Mann hat der Band frischen Wind gebracht, was auf dem Album bereits mehr als deutlich war und auf der Bühne noch stärker spürbar ist. Seine Konzerterfahrung merkt man ihm an, und er kommuniziert mit dem Publikum so mühelos, als wäre er der Frontmann; die Soli älterer Songs sind völlig neu geworden, komplexer, aber immer noch ohrenschmeichelnd genug, damit der Metal nicht über den R’n’R obsiegt. Einer der Höhepunkte des Abends war zweifellos einer ihrer größten Hits, Sad Man’s Tongue, der Johnny Cash gewidmet ist. Als Intro spielten sie nämlich Cashs Evergreen Ring of Fire, bei dem Poultsen das Publikum den Refrain mitsingen ließ, bevor sie nahtlos in besagten eigenen Song übergingen. Wirklich unglaubliche Stimmung, die sich in diesem Stil fortsetzte – begleitet von Pyrotechnik, wie sie In Flames oder Rammstein nicht besser hinbekämen. Erwähnenswert ist auch das reichliche Crowdsurfen, Moshen, das lästige Werfen voller Bierbecher ins Publikum – und unter den Crowdsurfern befand sich auch ein Typ im Rollstuhl. Vor 16 Dollars forderte der Sänger die Jungs auf, die Mädels auf die Schultern zu nehmen, doch die Resonanz unter den Teenagern war überschaubar – schließlich waren nicht viele dabei, die in der Lage gewesen wären, ein Mädchen mehrere Minuten auf den Schultern zu halten. Kurz vor Ende des regulären Sets gesellte sich noch Robs Bruder – wie Poultsen ihn nannte – Jon Schaffer dazu; der Witz rührte daher, dass beide Gitarristen langhaarig und bärtig sind und beide auf dem Konzert eine schwarze Mütze trugen. Gemeinsam spielten sie Pool of Booze, Booze, Booza. Schaffer und Poultsen hatten sich nämlich auf der amerikanischen Tournee, auf der Volbeat als Vorband von Iced Earth spielten, eng angefreundet, und dort entstand die Idee, dass Poultsen bei einem Iced Earth-Song auftrat – jetzt wiederholt sich die Geschichte in umgekehrter Richtung. Die Zugabe begann erneut mit Pyrotechnik – diesmal erhoben sich hinter der Bühne Flügel, auf denen ein Totenschädel mit Elvis-Frisur prangte, und als Caroline Leaving einsetzte, begann der untere Teil der Konstruktion zu brennen, und auch sonst mangelte es auf der Bühne nicht an Feuer. Für manche war das Konzert zu früh vorbei, anderen zog es sich zu lang hin – Fakt ist, dass an diesem Abend mehrere Tausend Menschen ihren Hunger nach Heavy Metal wie nach den Zeiten von Rock’n’Roll und Pin-up Girls gestillt haben.

Setliste

Iced Earth
1. Plagues of Babylon
2. Dystopia
3. Dark Saga
4. My Own Savior
5. If I Could See You
6. V
7. Peacemaker
8. Watching Over Me
9. Iced Earth

Volbeat
1. Doc Holiday
2. Hallelujah Goat
3. Radio Girl
4. The Mirror And The Ripper
5. The Nameless One
6. Guitar Gangsters & Cadillac Blood
7. Sad Man’s Tongue
8. Lola Montez
9. Heaven Nor Hell
10. 16 Dollars
11. Dead But Rising
12. The Garden’s Tale
13. Pearl Hart
14. A Moment Forever
15. Fallen
16. My Body
17. Pool of Booze, Booze, Booza
18. I Only Want To Be With You
19. The Hangman’s Body Count
—Zugabe—
20. Caroline’s Leaving
21. Maybellene I Hofteholder
22. Cape Of Our Hero
23. Still Counting

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