Hard-Rock-Titanen in Top-Form (2006)
Ort: Festivalgelände / Wiesen / Österreich
Konzertdatum: 07.07.2006
Besucherzahl: 6500
Ticketpreis: von 39,00€ bis 65,00€
Der Tag nach Legends Of Rock! Morgen auf dem Zeltplatz! Uuuuh, mein Schädel! Als wäre ein Panzer drübergerollt. Emerson hat letzte Nacht die Konkurrenz weggefegt! Der Morgenspaziergang durch Wiesen tat verdammt gut für die langsame, schrittweise Wiederherstellung der Klarheit im Kopf. Wer sich so einen Morgenspaziergang durch Wiesen allerdings nie im Leben gönnt, verpasst rein gar nichts. Wiesen ist ein „zwergenhafter“ Ort, besser gesagt ein Dorf, in dem kleine Leute leben, die „kleine Taten“ leben und „kleine Worte“ sprechen. Nicht kompatibel mit dem mir bekannten Puls des Slowenentums. Wiesen ist ein Dorf, das eben zwei Kirchen hat, daneben eine riesige Linde, einen Friseur, sogar ein Rathaus (!), eine Post, einen Tabakladen, einen Gemischtwarenladen und einen 1937 regulierten Bach, der für immer in ein Kanalbett gezwängt durchs Dorf fließt, ein schändlicher Hohn auf den Menschen und seine Unterjochung der Natur! Bäh!
Gleich an der Abzweigung von der Hauptstraße, die in Richtung Haupteingang des alljährlichen Festivals in Wiesen führt, steht ein Restaurant, das ihr bitte bloß nicht besucht! Kommst du rein und setzt dich, um eine Kleinigkeit zu essen, brüllt die Wirtin quer über die Theke „Bitte!!!“. Dann bittest du sie um die Karte und stellst fest, dass es sich bei diesem Restaurant größtenteils um eine Pizzeria handelt. Hmm… Du hast dich ohnehin damit abgefunden, dass österreichische Pizzen doppelt so teuer sind wie bei uns und Lichtjahre von der Qualität derer entfernt, die in Slowenien gebacken werden, und bestellst halt eine, so ausgehungert, dass du alle lästigen Fliegen dieser Welt verschlingen könntest. Du bestellst also eine Pizza, und nach einer Stunde Warten kommt dieselbe Wirtin und fragt dich, was für eine Pizza du denn um Himmels willen überhaupt bestellt hast? So haben Peter und ich uns den slowenischen Evergreen „Kje so tiste stezice“ gepfiffen, die Getränke bezahlt und der „freundlichen Dame“ ganz nett gesagt, dass wir fürs „Doggy-Bag-Food“ zurück aufs Festival gehen und uns jede Lust auf Pizza vergangen ist. Um 17:30 tauchen wir am Schalter auf, und dort erfreut uns Wal, der uns VIP-Karten für Deep Purple zusteckt, womit wir nicht mal im Traum gerechnet hätten. Unglaublich, was für ein Vergnügen es ist, mit Veranstaltern aus Westeuropa zu arbeiten.
NO BROS: 20.00 – 20.45
Die Vorband No Bros eröffnete den Abend! Da steckte einiges an Symbolik drin. Es handelt sich nämlich um die Reunion einer Formation nach 20 Jahren absoluter Funkstille. Außerdem hat die Band letztes Jahr eine Comeback-Mini-EP namens „Mighty And More“ (2005) veröffentlicht und steckt gerade in den Aufnahmen zu einem neuen Album. Kernige Hardrock-Riffs, gewürzt mit einer ausgezeichneten Portion Melodik, perfekter melodischer Gesang, der mit stoßartiger Kraft glühte, und eine kanonenartige Rhythmusfraktion überzeugten sofort davon, dass es sich um eine meisterhafte Hardrock-Band aus Österreich handelt, die sich eines echten Legendenstatus rühmen darf. Ihr Ausdruck ist unglaublich klassisch britisch. Wüsste ich nicht, woher sie kommen, würde ich sie zu Bewohnern Großbritanniens erklären, vom ausgezeichneten englischen Akzent des No-Bros-Sängers ganz zu schweigen. Neben den klassisch geschnitzten Hardrock-Riffs gibt es auch noch Keyboards, auf jeden Fall Orgel, und so ging die Heavy-Sause der Wurst-und-Kraut-Liebhaber, genauer gesagt unserer nördlichen Nachbarn, los. No Bros ballerten insgesamt 45 Minuten lang. Ihr Auftritt war intensiv und mit viel Hingabe gespielt. Man konnte leicht erkennen, dass die Jungs hungrig aufs Livespielen sind und deshalb mit Energie und Unnachgiebigkeit auf der Bühne keineswegs geizten. Natürlich heizten die stürmischen Reaktionen des heimischen Publikums sie zusätzlich an, und es war wunderschön, die vollgepackte Fläche mit etwa 4000 Leuten zu beobachten, die begeistert skandierten und applaudierten, während ihre Lieblinge auftraten, die nach 20 Jahren endlich von den Toten auferstanden sind. Die Besetzung Enzinger (Gesang), Schubert (Gitarre), Opperer (Keyboards), Ausserhofer (Bass) und Heumader (Schlagzeug) lieferte einen ausgezeichneten Sound und perfekt eingespielte Routine. Aus dem gesamten Material hallte der langsamere Song Be My Friend besonders impulsiv nach. Die Jungs steigerten das Konzert von Minute zu Minute, und so erreichte es seinen Höhepunkt gegen Ende, als sie Hungry For A Good Times abfeuerten, danach das Bob-Dylan-Cover Mighty Quinn, und das großartige Konzert mit der Zugabe Heavy Metal Party beschlossen. Kurz: Mit No Bros kehrt eine Band ins Leben zurück, die von einem klassischen Hardrock-Ansatz der großen Riffs geprägt ist, von geschmackvollem Bombast und Epik, die melodische Hardrock-Verzierungen einbringen, mit deutlichem Hang zum guten alten N.W.O.B.H.M., was nur beweist, wann No Bros geboren wurden. Die Jungs sind heute ruhige Herren, und die Strubbelköpfe in Spandex sind auf der Bühne heute kurz geschorene Kerle in schön zugeknöpften Hemdchen, die aber garantiert nicht vergessen haben, wie man echte Riffs raushaut! Die Wahl der Vorband war vom Veranstalter hervorragend, und No Bros haben uns die Ohren ordentlich warmgespielt!
DEEP PURPLE: 21.15 – 23.05
Na na! So eine fiebrige Euphorie war vor keiner Band des Festivals Legends Of Rock am Vorabend zu spüren. Der Platz unter dem Zelt war maximal gefüllt und zählte sicher 5000 Köpfe. Rechnen wir noch die dazu, die das Konzert auf der Wiese und aus den Schlafsäcken verfolgten, durch die Bäume spähend ganz oben am Rand des Geländes, und dazu noch die „VIPler“ auf dem Balkon, kommen wir auf etwa 6500 Leute insgesamt, die gekommen waren, um die Legenden anzufeuern. Man spürte, dass Deep Purple (wieder) von echten, eingefleischten und der Band ewig treu ergebenen Fans empfangen werden würden. Wohin man auch blickte, füllten Leute weit über 50 den Raum, was nur die Hingabe und Treue gegenüber einer der legendärsten Bands der Rockgeschichte bestätigte, die den Rock ja zu großen Teilen praktisch selbst gebaut hat.
Was für ein Intro hat unser guter alter Paice wohl parat? Steigert er wieder solistisch den Eröffnungsrhythmus und schickt uns damit in Highway Star, oder was? Da sind sie! Das Volk begrüßt sie lautstark! Paices „Rolling“ und? Die Jungs steigen in Pictures Of Home ein. Die Stimmung war praktisch sofort „auf Anhieb“ perfekt. Der Klassiker kam nostalgisch rüber, und schon der Anfang kündigte an, dass es diesmal das echte Beisammensein mit Legenden werden würde. Die Band ließ nicht lange auf die Vorstellung des letztes Jahr erschienenen Albums „Rapture Of The Deep“ (2005) warten und machte feurig mit Things I Never Said weiter. Es folgten die Klassiker Hush und Strange Kind Of Woman, und das erste Gefühl erwies sich als richtig. Besonders überrascht hat Ian Gillan, der erstens einen großen persönlichen Schritt gemacht und so abgenommen hatte, dass er unglaublich stattlich aussah, als wäre der Mann 40 Jahre jünger, als er tatsächlich ist. Dieses Jahr wird er 61 (20.08.2006, und ein Rätsel für Hexen: Maybe he is a leo,… or maybe he is not…) und hält sich prächtig. Klar, stimmlich ist Gillan schon lange nicht mehr der Gillan der Siebziger, aber egal. Wer von seinen Altersgenossen ist heute überhaupt noch in der Form der Siebziger? Glenn Hughes vielleicht als Einziger. Noch jemand? Jedenfalls steuerte der Mann geschickt durch die vokalen Formen und achtete darauf, in hohen Tonlagen die Kraft der Stimme zu bewahren, indem er die „Screams“ stark verkürzte oder sie mit improvisatorischer Ader in einer tieferen Tonlage fuhr. Kurz: geschickt, routiniert, erfahren. Der stets lächelnde Ian Gillan brachte uns während des Konzerts mehrmals ordentlich zum Lachen mit seinen Sprüchen, besonders aber, als er während Lazy und später im weiteren Verlauf (war das Space Truckin‘?) statt zu „screamen“ „gegackert“ hat. Hervorragend tat der Song Rapture Of The Deep, eine Art Pendant oder neuzeitliches Perfect Strangers. Mit einer ordentlichen Portion symphonischer Epik, gekleidet in arabische Melodik, machte er die Anwesenden zum ersten Mal ernst und führte sie in einen kurzen Trancezustand, vor allem im Outro. Danach ging es mit der bestmöglichen Wahl zurück auf den Boden der Tatsachen: die legendär aufgeladene Kanonade Fireball, die nach zehn Jahren wieder auf der Setlist gelandet ist. Das war der erste Mini-Höhepunkt des Konzerts. Auch Steve Morse lebte bei diesem Song auf und steigerte seine gute Laune von da an durchs Konzert nur noch weiter. Glover heizte das Publikum konstant an, und die Jungs wirkten, als wären sie tatsächlich gekommen, um Wiesen zu verzaubern und in Staub zu verwandeln. Sie spielten voll aus und genossen auf der Bühne sichtbar den Anblick der proppenvollen Halle, in der unter ihren klassischen Takten die Köpfe ringsum wippten. Wie beliebt und populär Purple noch heute sind, bewies vor allem Ian Gillan, dem es mit jeder Geste und Bewegung gelang, die Leute vor der Bühne zum Mitmachen zu bringen. Das Volk sang mit der Band und schwenkte auf Gillans Zeichen hin im Gleichklang die Arme in die Luft, wann immer Gillan es wollte (vor allem bei Aireys wilden Keyboard-Soli).
Die Band bereicherte die Setlist mit Lazy und When A Blind Man Cries. Damit kippte das Konzert langsam in die zweite Hälfte. Auf die beispiellose Witzelei bei Lazy folgte die Ernüchterung mit Don Aireys Solo, das der Mann mit dem Hauptthema aus dem Film Star Wars beendete. Natürlich, wie bei Deep Purple üblich, war die Sache bei Skywalker und Yoda nicht einfach vorbei, sondern Airey ging zum Schluss raffiniert unvorhersehbar in den Hammond-Einstieg von Perfect Strangers über, den wahrscheinlichen atmosphärischen Höhepunkt des Konzerts. Dazu trug in hohem Maße auch die besondere Scheinwerferbeleuchtung bei, „weiß blinkend transzendental“, während der Darbietung des Songs selbst, gewürzt wurde sie auch von Ian Gillan höchstpersönlich, der sich beim Solo im Stil der gewandtesten Bauchtänzerin über die Bühne drehte. Bombast und epische Größe des Songs werden bei Perfect Strangers bei Purples Live-Auftritten stets maximal verstärkt.
Gillan zog sein altbekanntes ärmelloses buntes Hemdchen an und erinnerte darin wieder an slowenische Volksbräuche, genauer gesagt an unsere Oma im „Fertah“ (Schürze), die in der Stube gerade ordentlich Žganci aufgekocht hat. Perfect Strangers war der Auftakt zur allgemeinen Abschlussgaudi des Konzerts! Danach folgten nämlich die unbestrittenen ultimativen Klassiker vom Album „Machine Head“ (1972). Darunter Space Truckin‘ und Highway Star, bei denen Deep Purple nur ihre ausgezeichnete Laune bestätigten, denn sie hatten auf der Bühne beim Spielen wirklich Spaß und spielten dabei mit imposanter Perfektion und Intensität, als ginge es um den Jüngsten Tag. Besonders in diesen Songs fiel Ian Paice auf, der die Drums mit besonders knackiger Intensität und Wucht attackierte. Ohoho! Glover tauscht in der Pause den Vigier-Bass gegen den legendären Rickenbacker, den Original-Rickenbacker, mit dem das Album „Machine Head“ aufgenommen wurde. Es roch nach Rauch. Ohne Umschweife! Volltreffer gleich beim ersten Schlag. Das unvergessliche Riff, das Riff, das wohl bisher am häufigsten auf dem Planeten Erde gespielt wurde. Eine Lehrstunde. Was soll man dazu überhaupt noch sagen. „Rauch auf dem Wasser“. Unvergesslich! Ende des regulären Teils.
Die Jungs kamen ziemlich schnell zurück auf die Bühne. Nach ein paar Minuten unterhaltsamem gegenseitigem Improvisations-Einstimmen ging das spontan in die Darbietung des erwarteten Klassikers über. Black Night oder Speed King? Ersteres. Auf jeden Fall ein erwarteter Abschluss, der die ohnehin schon völlig durchgedrehte Gemeinde zum Schluss noch mal glücklich machte.
Deep Purple haben mich persönlich überrascht. Ich hatte Routine erwartet. Aber es war mehr als das! Die Jungs „brennen“ buchstäblich! Sie brennen wie Teenager. Offenbar hatten wir mit dem Besuch Glück, denn vor zwei Tagen begleitete Regen ihr Konzert in Innsbruck, und auch Deep Purple ließen dort eine Menge saurer Gesichter zurück, mit ihrem eigenen sauren Gesicht (sprich: Konzertdarbietung). Die Chemie zwischen Publikum und Band war während des Konzerts außergewöhnlich. Einen Patzer hörte man nicht. Purple raubten einem (wie immer) den Atem mit ihren bekannten Markenzeichen. Makellose Soli und Übergänge zwischen den Nummern durch witzige Improvisationseinwürfe. Einzigartige Energie und Kraft, wie sie nur die einzigartigen, unvergesslichen Deep Purple heraufbeschwören können. Das war einfach ein Event, bei dem offenbar die Möglichkeit geboten wurde, dass alles zum Konzertoptimum verschmilzt. Deep Purple regierten schlicht in ihrer ganzen Pracht. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, Jungs. Vielleicht wäre es schön, wenn ihr wieder mal mit einem „vergessenen“ Klassiker von den Platten „In Rock“ (Living Wreck, Blood Sucker, Flight Of A Rat) oder „Fireball“ (Mule, No, No, No oder No One Came) überrascht. Gelobt sei die Gottheit „Rock“! Gespielt habt ihr ja praktisch den ganzen „Machine Head“! Mein Hut ab.
Setlist
NO BROS:
1. Ready For The Action
2. Good Morning Sir
3. Manifest Your Destiny
4. Hello Hello
5. Be My Friend
6. Blind
7. Hungry For Good Times
8. Solo Drums
9. Mighty Quinn
10. Metal Thanx
—Zugabe—
11. Heavy Metal Party
DEEP PURPLE:
1. Pictures of Home
2. Things I Never Said
3. Hush
4. Strange Kind of Woman
5. Rapture of the Deep
6. Fireball
7. Wrong Man
8. Steve Morse’s solo
9. The Well-Dressed Guitar
10. Junkyard Blues
11. When a Blind Man Cries
12. Lazy
13. Don Airey’s solo
14. Perfect Strangers
15. Space Truckin’
16. Highway Star (mit Steve & Roger Jam, der das Intro anführt)
17. Smoke on the Water
—Zugabe—
18. Black Night
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