HammerFall auf dem Ausdauertest in Graz (2017)
Ort: Graz / Orpheum Teater / Österreich
Datum: Donnerstag, 02.02.2017
Auf der Rückseite eines der offiziellen Merchandise-T-Shirts von HammerFall stand einst »Metal heart is hard to tear apart!«. Der reifere Teil des Metal-Publikums lacht darüber heute zwar, aber sei’s drum. Der Name der neuen Tour »Built to Tour« leitet sich von der Botschaft des aktuellen Studioalbums der Band mit dem Titel »Built To Last« ab. Man kann sagen, dass HammerFall in sage und schreibe zwanzig Jahren, seit ihr Studioerstling »Glory to the Brave« 1997 völlig unerwartet eine Wiedergeburt im Metal entfachte und das öffentliche Interesse wieder auf seine klassischen Elemente lenkte, so ziemlich jeden Test des Trotzes, der Beständigkeit, der Ausdauer und der Unnachgiebigkeit bestanden haben. Die Schweden aus Göteborg haben also ein Löwenherz!
Wenn du heute kein »König« bist, solange du dich vor Gleichaltrigen nicht damit profilierst, die extremsten Genrevariationen des Metal zu hören (Hand aufs Herz: Das Genre hat sich in den letzten zwanzig Jahren enorm verzweigt und ausgeufert), ist die diesmal bis auf den letzten Platz gefüllte Grazer Halle Orpheum Teater eine erstklassige Überraschung. Einen solchen Ansturm von Heavy-Metal-Fans auf das Konzert einer Band, die verknöcherten Power Metal spielt (also die »weiche« Variante des Metal-Genres), hätte man im Jahr 2017 wirklich nicht erwartet, obwohl der halb so kleine Club PPC, einen Steinwurf vom Orpheum entfernt, beim HammerFall-Besuch vor zwei Jahren aus allen Nähten geplatzt war. Und HammerFall? Von der eingeschlagenen musikalischen Vision kein Abweichen. Keinen Zentimeter. Sie halten brav an der bewährten Power-Metal-Formel fest.
Dass das Konzert knallvoll sein würde, kündigten die täglichen Aktualisierungen der Fotogalerien vom Verlauf der aktuellen Europatournee der Band an, die die Gruppe regelmäßig auf ihrer Website veröffentlicht. Die Konzerte in Deutschland und den dortigen Hallen, die mehrere tausend Menschen fassen, waren allesamt entweder brechend voll oder komplett ausverkauft. Also. Als du zum diesmaligen HammerFall-Konzert in Graz ankamst, war das Gefühl haargenau dasselbe wie das, das der Autor dieser Reportage vor genau fünfzehn Jahren an demselben Veranstaltungsort erlebt hatte, als das Datum der 2.2.2002 war und HammerFall auf der damaligen »Renegade«-Tour gemeinsam mit Freedom Call und Virgin Steele spielten.
Fans hatten sich aus allen Ecken zusammengefunden. Aus Österreich, Kroatien, Slowenien. Die Atmosphäre außergewöhnlich. Das deutete auch die Energie und die ausgelassene Stimmung um halb acht Uhr abends an, als auf die Bühne Lancer traten, schwedische Power-Metaller, die auf dieser Tour als Vorband ihr drittes Studioalbum »Mastery« vorstellten. Das Quintett bot nichts Neues oder noch nie Gehörtes. Sie spielen ihre eigene Art Power Metal. Und darin sind sie außergewöhnlich. Den Bühnenauftritt haben sie sehr gut einstudiert. Die Kommunikation zwischen den Quintett-Mitgliedern, die dynamische Nutzung der Bühne. Die Bandmitglieder laufen hin und her. Die verwendeten Tricks sind der Bühnenmotorik von Iron Maiden und Judas Priest entlehnt. Das Spiel souverän, schönes Zusammenspiel. Mit voller Kraft auf die Riffs! Den Hauptanteil der Aufmerksamkeit nahm der außergewöhnliche Gesang ein. Er vereinte in einer Person die besten Elemente von Sängern wie Michael Kiske (Helloween), Bruce Dickinson (Iron Maiden), Geoff Tate (Queensryche) und Tobias Sammet (Edguy) – Letzteres gilt für die Zeit, als er noch in Vokalform war. Gute eine halbe Stunde erstklassigen, ultramelodischen und ultrasonischen Power-Metal-Schubs. Ein Klischee ist zwar ein Klischee. Aber es zündet immer, wenn man es von Herzen spielt. Und Lancer haben in dieser Manier auf der Grazer Bühne vollblütig überzeugt.
Gloryhammer sind eine Art Parodie und Power-Metal-Band, die man wegen ihrer Bizarrheit mit einem Körnchen Vorsicht genießen muss. Das schottisch-schweizerische Quintett, in dem Alestorm-Frontmann und Chef der Piraten-Saufkumpanen Christopher Bowes an den Keyboards mitwirkt, hat zwei Alben in der Tasche: »Tales From The Kingdom Of Fire« (2012) und »Space 1992: Rise of the Chaos Wizards« (2015). Die Band bekam eine dreiviertelstündige Spielzeit und befriedigte durch ihr Bühnenspektakel aus Kitsch und Flitter die Riege der Besucher vollständig, die in erster Linie genau wegen ihnen auf dieses Konzert gekommen waren. Daher war es kein Wunder, dass das Publikum die Texte in- und auswendig konnte. Die ersten Reihen waren bei jeder Aktion der Band auf der Bühne ziemlich aufgeheizt, auch wenn diese ans Absurde grenzte. Das Publikum kannte alle Tricks der Band. Vom Ex-Austrinken einer Cider-Flasche durch den Bassisten – was der Mann gegen Ende des Konzerts noch mit einem Pint Bier wiederholte – bis zur knienden Verbeuge am Ende des Auftritts. Kurz gesagt: die gesamte einstudierte Szenografie der Band, die auf der Bühne Ritterkostüme trägt und bei der Sänger Thomas Winkler während des Auftritts einen bösen Troll besiegt und ihm den Zauberhammer stiehlt. In musikalischer Hinsicht sind Gloryhammer ziemlich uninteressant, ohne besondere Ideen. Auch die Soli und Riffs sind deutlich weniger interessant als die extrem schnellen, präzisen und ausgefeilten Kompositionen von Lancer. Aber Gloryhammer kompensieren diese »Lücken« mangelnder musikalischer Talente natürlich mit einem ausgefeilten Bühnen-Spaßtheater, das bei den Kids voll zündet. In dieser Hinsicht sind Gloryhammer auf dem besten Weg, nach und nach eine noch breitere Fanbasis zu erobern, ähnlich wie das Powerwolf auf sehr leichte Weise gelungen ist. Wie man es auch dreht und wendet: Gloryhammer sind im Grunde eine große Metal-Kinderei, die die richtige Formel gefunden hat, auf die die Kids voll anspringen.
HammerFall betraten die Bühne um zehn Uhr abends. Die Halle war bis in den letzten Winkel vollgestopft. Sie war kurz davor, ausverkauft zu sein. Das Album »Built To Last« hatte sich von Anfang November letzten Jahres bis Anfang Februar dieses Jahres bestens eingespielt und das Publikum beherrschte auch die neuen Stücke im HammerFall-Repertoire. Die meisten Punkte holten aber unbestritten die allseits bekannten Klassiker, allen voran der großartige Marsch Crimson Thunder und das episch-bombastische Eröffnungsstück Riders Of The Storm. Let The Hammer Fall dröhnte, der obligatorische Renegade war dabei, und die herrliche Ballade Glory to the Brave. All diese Klassiker brachten die Halle zum Kochen. Von der ersten bis zur letzten Reihe. Alle Fäuste in die Höhe! Mitgesang des Publikums. Ununterbrochen. Die ersten Reihen hatten auch all jene besetzt, die im Jahr 2000 fünfzehn Jahre jünger gewesen waren und jeden Moment des Konzertabends mit HammerFall ganz besonders nostalgisch erlebten. Das Gefühl war unglaublich. Als hätte sich Power Metal wieder erhoben. Wieder auferstanden. Zurück im Fokus der Massen.
HammerFall sind ohnehin eine feste Garantie für Qualität. Ihre Auftritte sind bis ins kleinste Detail einstudiert. Jede Bewegung. Jede Aktion. Jedes Wort, das Joacim Cans im Austausch mit dem Publikum spricht. Im Umgang mit dem Publikum beweist dieser charismatische und markante Sänger, dass er in dieser Hinsicht einer der besseren Frontmänner im Power Metal bleibt. Auch gesanglich hat Cans alle Stellen gut und mehr als ordentlich gemeistert. Das Bühnenbild war erwartungsgemäß dem Fantasy-Cover des neuen Albums untergeordnet. Den Auftritt von Hector haben wir diesmal nicht erlebt, aber Dronjak hatte sich eine maßangefertigte E-Gitarre umgehängt, deren Aussehen an Hectors Hammer erinnerte. Ebenso schneite es während der Ballade Glory to the Brave nicht. Kurz gesagt: Alles muss irgendwie mit dem Hammer zusammenhängen. Pontus Norgren spielte erwartungsgemäß die schwierigsten Soli und Übergänge, da er einst als Gitarrentechniker von Yngwie J. Malmsteen tätig war. Performativ bleiben HammerFall eine gut geölte Maschinerie, bei der während eines Konzerts nichts hängen bleibt. In ihrer Karriere haben sie bis zu diesem Tag zu viel erlebt und gekostet. Wieder war es schön, am Rande des Bühnengeschehens gelegentlich Stefan Elmgren zu erblicken, der als ehemaliges Bandmitglied diesmal in der Rolle des Gitarrentechnikers der Band Gesellschaft leistete. Die Band stellte auch erfolgreich den neuen Schlagzeuger Johan Koleberg vor, während der Original-Bassist Fredrik Larsson wieder mit der Band spielen konnte (auf der vorigen Tour hatte ihn aufgrund familiärer Verpflichtungen ausgerechnet Stefan Elmgren am Bass vertreten).
Als einzige weniger spektakuläre Maßnahme des Konzertauftritts kann genau jene bezeichnet werden, mit der HammerFall einen der Höhepunkte des Abends arrangieren wollten. Sie inszenierten nämlich eine Medley-Darbietung des Albums »Glory to the Brave«, wobei sie das Publikum durch eine Reihe der Hauptriffs der fünf markantesten Stücke des Erstlings in rein instrumentaler Manier führten. Kurz gesagt: Stone Cold, The Metal Age, HammerFall, Steel Meets Steel, Unchained, bis hin zu Where the Dragon Lies Bleeding, wo Cans schließlich mit Gesang einstieg. Völlig unnötigerweise entschieden sie sich, die Riffs »ins Leere« zu spielen (ohne Gesang). So erinnerte diese Nummer eher an eine öffentliche Probe als an ein Element eines echten Konzertauftritts. Besser wäre es gewesen, aus den fünf ausgewählten Stücken in diesem »Medley to the Brave« eines einziges zu wählen und es von Anfang bis Ende durchzuspielen.
Aber jammern lohnt sich nicht. Hervorragender Sound. Beide Gitarren klar wahrnehmbar, sowohl in Terzen als auch in den eigenständigen Soli. Erstklassige Energie, die Band in außerordentlich guter Stimmung, weshalb immer auch ein guter Scherz bereit lag. Wieder war es das abschließende Hearts On Fire, das einen der Höhepunkte des Konzertabends mit HammerFall brachte, bei dem das Orpheum Teater buchstäblich aus allen Nähten platzte. HammerFall bleiben also eine wasserdichte, rostfreie Maschine, die außerordentliche Live-Überzeugungskraft und einen auf ihre Art einzigartigen Charme sowie Charisma aufrechterhält. Sowohl in den Kompositionen, die stets mit starken Gitarrenphrasen aufwarteten, als auch in der Bühnenpräsenz selbst. Nächstes Jahr feiert die Band ihr erstes 25-jähriges Bestehen. Hoffen wir, dass sie uns die eine oder andere besondere Überraschung beschert. Bis dahin folgen eine Amerika-Tournee, Auftritte auf europäischen Sommerfestivals und noch einiges mehr.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
HAMMERFALL:
1. Hector’s Hymn (eingespieltes Intro)
2. Riders of the Storm
3. Bring It!
4. Blood Bound
5. Any Means Necessary
6. Renegade
7. Dethrone and Defi
8. Crimson Thunder
9. Last Man Standing
10. Let the Hammer Fall
11. Built to Last
12. „Medley to the Brave“ (gespielte Hauptgitarrenphrasen der Stücke: Stone Cold, Unchained, The Metal Age, HammerFall, Steel Meets Steel, The Dragon Lies Bleeding)
13. Glory to the Brave
14. Origins
15. Punish and Enslaved
—Zugabe II.—
16. Hammer High
17. Bushido
18. Hearts on Fire
GLORYHAMMER:
1. Infernus Ad Astra (eingespieltes Intro)
2. Rise of the Chaos Wizards
3. Legend of the Astral Hammer
4. Hail to Crail
5. Questlords of Inverness, Ride to the Galactic Fortress!
6. The Hollywood Hootsman
7. Angus McFire
8. Universe on Fire
9. The Unicorn Invasion of Dundee
10. The National Anthem of Unst (eingespieltes Outro)
LANCER:
1. Dead Raising Towers
2. Future Milennia
3. Purple Sky
4. Behind the Walls
5. Mastery
6. Masters and Crowns






































































