Grave Digger verwüsteten Graz (2017)

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Ort: Graz / Explosiv / Österreich
Datum: Samstag, 28.01.2017


Und dann war er endlich da: der Tag, an dem der Autor dieser Zeilen in seiner langjährigen Karriere als eingefleischter Grave Digger-Fan seinen (krönenden) zehnten Konzertbesuch bei diesem langlebigen deutschen Act aus Bochum absolvierte. Und was Grave Digger betrifft: überhaupt zum ersten Mal bei einem ihrer Konzerte in Österreich. In Graz. Im dortigen Club Explosiv, der in den letzten zwei Jahren, was das Programmangebot angeht, lebhafter ist als je zuvor.

Das neue Studioalbum »Healed By Metal«, das die Band nur wenige Tage vor dem Start der neuen Europatournee veröffentlicht hatte, ist im Vergleich zum restlichen Diskographie-Opus der Gruppe zwar kein besonders glänzendes oder herausragendes Werk, geschweige denn ein kreatives Meisterstück – aber egal. Die Klassiker des eisernen Repertoires, die vor allem in den Neunzigern entstanden sind, bleiben auch in den reifen Jahren ihres Schaffens die größte Attraktion von Grave Digger.  

Als Opener betraten die Power-Metal-Botschafter Victorius die Bühne. Die deutsche Band eröffnete das Konzert mit einer klischeehaften Abfolge eigener Stücke, die Fans dieses Genres längst kennen. Schlechter Sound, vor allem ein dumpfes Brummen beider Gitarren – im Mix allerdings ein vorbildlich durchdringender, klarer und melodiöser Gesang. Herzblut und Einsatz waren in jeder Sekunde spürbar. Die Band veröffentlichte am selben Tag wie Grave Digger ihr neues Studioalbum »Heart Of The Phoenix« und stellte es im Setlist erwartungsgemäß ausgiebig vor. Das Quintett mit dem vierten Studioalbum im Gepäck. Souverän, professionell. Schade nur, dass das Klangbild zu wünschen übrig ließ.

Auch als die um gerade mal vier Jahre älteren Mystic Prophecy die Bühne betraten, wurde es mit dem Sound nicht wesentlich besser. Sie präsentierten ihr insgesamt bereits neuntes Studioalbum »War Brigade«. Wir bleiben also in denselben Genre-Gefilden. Power Metal. Man spürte allerdings, dass Mystic Prophecy deutlich mehr Kilometer auf dem Buckel haben, was sie mit noch dynamischeren Bühnenbewegungen und einer noch größeren Kohärenz in der Darbietung des Materials unter Beweis stellten. Jenseits des desaströsen Klangbildes rettete den Auftritt eine aufgedrehte Meute von etwa zwanzig begeisterten kroatischen Fans, die nicht nur die Texte auswendig konnten, sondern wild mit der Band durch deren gesamten Auftritt mitmachten. Das hat die Band hervorragend angeheizt und ihnen Flügel verliehen – der Rest der Halle, der in diesem Teil des Konzerts etwa 150 Köpfe in den Club gebracht hatte, schaute eher statisch zu. Absolut nachvollziehbar. Schön, aber nichts Besonderes. Die Fans der Gruppe waren zufrieden. Nur diese eine Black Sabbath-Nummer Paranoid, die mittlerweile jedes fünfjährige Kind auf der Gitarre spielen kann, hätte ruhig durch ein weiteres Stück aus dem ohnehin reichen Diskographie-Opus der Gruppe ersetzt werden können. Vor allem angesichts der Tatsache, dass die Band gerade mal vierzig Minuten für ihren Auftritt zur Verfügung hatte.

Grave Digger marschierten um zehn Uhr abends auf die Bühne. Erwartungsgemäß eröffneten sie mit Stücken des neuen Albums, doch der dritte Song katapultierte uns mitten in die Achtziger – in das zweite Studioalbum »Witchunter«, von dem Grave Digger auch den Titeltrack dieses Kultwerks abfeuerten. Im Club waren etwa 250 Leute, nicht mehr. Eher weniger. Dicht gedrängt war es aber natürlich direkt vor der Bühne, wo die aufgedrehten kroatischen Fans der Band weiterhin für deliriöse Ausbrüche und gute Stimmung sorgten. Unglaublich. An Energie mangelte es ihnen – im Gegensatz zu ihrer in diesen Momenten versinkenden Nationalmannschaft beim Pariser Halbfinale der Handball-Weltmeisterschaft (ratet mal, wer sie besiegt hat) – nicht im Geringsten. Sie hielten die packende Konzert-Atmosphäre hervorragend aufrecht. Grave Digger, angeführt vom unersetzlichen Gründer, der Stimme und Erscheinung der Band schlechthin, Chris Boltendahl, waren an diesem Abend in bester Laune. Sie lieferten einen hervorragenden Sound und spielten fantastisch. Wirklich. Hut ab. Ausgezeichnet. Jenseits der Poserei von Axl Ritti muss man sagen: Der Mann lieferte eine wirklich fette und höllisch aufgeplusterte Klangwand klassischer Grave Digger-Riffs. Chris Boltendahl strahlte beste Laune aus. Der Heerführer der Band kommunizierte die ganze Zeit kraftvoll mit dem Publikum, schnitt Grimassen, heizte die Menge an, verteilte Lächeln ins Publikum. Ebenso unglaublich aktiv auf der Bühne war der legendäre Jens Becker am Bass. Ohne das neue Artillerie-Bombardement – vernichtend wie Kanonenschüsse und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk, supersonisch galoppierende Double-Bass-Pedal-Salven des nicht minder legendären Stefan Arnold – wäre kein gutes Grave Digger-Konzert möglich gewesen; und die Band stellte auf dieser Tournee auch ihr neues Mitglied und Keyboarder (standesgemäß hinter einer Totenmaske verborgen) Marcus Kniep vor. Kniep spielte einen Orgel-Solo-Einschub im Ausklang der »Excalibur«-Klassik (1999) Morgane Le Fay. Im Klangmix waren die Orgeln leider etwas zu leise, was vor allem beim ersten Stück der zweiten Zugabe Highland Farewell spürbar fehlte – ansonsten keine Beschwerden. Boltendahl sang das Material ausgezeichnet. Vor allem für sein Alter und angesichts der Tatsache, dass er seiner Stimme seit mehr als 25 Jahren gnadenlos einheizt. Da seine Stimme heute nicht mehr die Höhen von einst erreicht, hat die Band vorsichtshalber die Klassiker Knights Of The Cross und The Round  Table aus der Setlist gestrichen. Das sind Stücke, die im Grunde in keiner Grave Digger-Setlist fehlen dürften. Was das Album »Knights Of The Cross« betrifft, machte die Band mit der Darbietung von Lionheart zumindest einen Teil gut, und im Repertoire fanden auch die Standards des bei den Fans beliebtesten Albums »Tunes Of War« (1996) ihren obligatorischen Platz. Kniep trat noch einmal theatralisch ans Vorderende der Bühne – diesmal mit Dudelsack in den Händen, als er den Einstieg in den Aufheizer Rebellion (The Clans Are Marching) spielte.

Den »Return of the Reaper«-Song (2014) Tattooed Rider widmete Boltendahl allen tätowierten Mädels und Jungs in der Halle an diesem Abend sowie dem verstorbenen Lemmy, wobei er das Mikrofon am Ständer theatralisch nach unten drehte und den Song in dieser Position ebenfalls gröhlend vortrug. Das Gröhlen bleibt charakteristisch, einzigartig. Das unverwechselbare Markenzeichen der Band. Ein essenzieller Baustein des Bandimages. Man hofft, dass Boltendahl dabei selbst Spaß an der gelegentlichen Komik der Selbstparodie hat, die ihm über die Jahre anhaftet – gleichzeitig wirkt dieses Element aber, neben all dem theatralischen Ernst und der Bösartigkeit der Bühnenshow, ungemein unterhaltsam.  

Nach einer Stunde verschwand die Band zum ersten Mal von der Bühne, kehrte dann für zwei Zugaben zurück und streckte das Konzert geschickt um eine ganze halbe Stunde, wobei sie dabei insgesamt nur vier Stücke spielte.

Ein außergewöhnlicher Abend mit einer legendären Band, die den Konzertablauf natürlich der Präsentation der Stücke des neuen Albums »Healed By Metal« unterordnete, dabei aber eine ungemein spritzige und überzeugende Vorstellung ablieferte. Als wären die Bandmitglieder gut zwanzig Jahre alt und von großen Veteranen, die sich auf altem Ruhm und Namen ausruhen, weit und breit keine Spur. Sie spielten auf Volldampf und lieferten ein wirklich wunderschönes Konzerterlebnis, das jeden Besuch wert war.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

VICTORIUS:
1. Hero
2. Under Burning Skies
3. Empire of the Dragonking
4. Blood Alliance
5. End of the Rainbow
6. Lake of Hope
7. Metalheart

MYSTIC PROPHECY:
1. Savage Souls
2. The Crucifix
3. Killhammer
4. Evil Empires
5. To Hell and Back
6. Metal Brigade
7. Burning Out
8. Ravenlord
9. War Panzer
10. Paranoid

GRAVE DIGGER:
1. Healed By Metal
2. Lawbreaker
3. Witch Hunter
4. Killing Time
5. Ballad of a Hangman
6. Season of the Witch
7. Lionheart
8. Free Forever
10. Tattooed Rider
11. The Dark of the Sun
12. Hallelujah
13. Morgane le Fay
14. Excalibur
15. Rebellion (The Clans Are Marching)
—Zugabe I.—
16. The Last Supper
17. Call For War
—Zugabe II.—
18. Highland Farewell
19. Heavy Metal Breakdown


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