Gračiška pravljica številnih presežkov (2013)
Autor: Sandi Sadar Šoba
Ort: Gračišče, Slowenien
Besucherzahl: 1000 – 1500
Ticketpreis: 8 € / 1 Tag (15 € am Festivaltag), 15 € / 2 Tage (25 € am Festivaltag), 20 € / 3 Tage – ganzes Festival (35 € am Festivaltag)
In diesen Zeiten fragen sich viele, wie sie leben sollen und was sie tun können, damit das Leben leichter und fröhlicher wird. In der alltäglichen Hektik trotten wir wie Eselchen hinter der Karotte her, für unsere Seele und die Verbindung zur Natur tun wir dagegen herzlich wenig. Auf der Suche nach Sonne, Freude, Natur und Märchen hat uns der Lebensweg zurück zum Wesentlichen geführt, in die Gebärmutter – nach Istrien oder Histria, wo seit einigen Jahren das Künstlerfestival Etno Histria stattfindet, das nach zehn Jahren zum Festival HISTeRIA herangewachsen ist. Mit dem Wort »histeria« bezeichneten schon die alten Griechen die Gebärmutter, und der hysterische Zustand hängt ebenfalls mit der Geburt zusammen (einen abwertenden Beiklang bekam das Wort erst Ende des 19. Jahrhunderts). Wie eine neue Welt nach der Apokalypse kam uns schon der Aufstieg zum Wald am Dörfchen Gračišče vor, das im östlichen Teil des Šavrini-Hügellands liegt. Die Häuser und die Kirche aus weißem Karststein nahmen uns herzlich auf, als wir uns in der bunten Menschenmenge den Weg zum Zauberwäldchen suchten. Der Spaziergang in Gesellschaft vieler verschieden sprechender Weggefährten war der reinste Balsam für Augen und Ohren. Je weiter wir uns von der Siedlung entfernten, desto verzauberter wurden wir. Wir kamen bei der Čekalnica an, wo wir an der Kasse unsere Karten abholten – Fahrscheine für ein neues Leben. Bevor wir aber in den hysterischen Zug stiegen, suchten wir uns aus einem Sack voller Steine denjenigen aus, der unser Ego am besten verkörpert, und wurden ihn los, indem wir ihn in einen anderen Sack warfen. Vom Ego gereinigt konnten wir unseren Weg durch den Tunnel fortsetzen, hin zu weiteren Etappen der Reifung und Ritualen des geistigen Wachstums. Der Blick wurde von der Bühne Kupe gestohlen, wo wir durch die »Fenster« der aus Strohballen gebauten Abteile die Szenerie betrachteten. An der Station Odhodi/prihodi hielt uns der Fahrdienstleiter Roza (Andrej Rozman) an, der uns gründlich durchcheckte und aufs passende Gleis der Weiterreise lenkte. Wir wählten ein Nebengleis und machten an mehreren Stationen Halt. An der ersten, Spomini, setzten wir uns auf einen ausgewählten Stein, schrieben zu Livemusik unsere Erinnerung auf eine Tonplatte, formten daraus eine Figur und stellten sie auf ein Schiff, das am letzten Festivaltag alle Gedanken und Erinnerungen in den Himmel tragen sollte. Auf der kleineren Bühne Asociacije versetzten uns zwei Harfenistinnen in Trance. Nach der Meditation schrieben wir unsere Assoziationen und Gedanken auf weiße Holzplättchen und setzten die Reise noch einen Hauch leichter und entspannter fort. Bei der Bühne Drama kitzelte seltsame Musik unsere Ohren und zog uns wie ein Magnet zum Schauplatz Mežik. Aus Strohhaufen erhoben sich zu den Melodien eines ungewöhnlichen Instruments weiß gekleidete Gestalten, die ihre Empfindungen angesichts kosmischer Resonanzen tänzerisch ausdrückten. Verzaubert beobachteten wir die Tänzer und bemerkten erst nach einer Weile das große Rad, das sich in der Abendsonne prächtig zur Schau stellte. Als wir näher kamen, hörten wir beim Drehen den Tanz der Regentropfen, denn das Rad war aus Regenstäben gebaut. Unsere Augen weiteten sich, der Mund stand offen, die Ohren lauschten aufmerksam und das Herz sehnte sich nach mehr! Das istrische Wäldchen, in das ein Meer von Künstlern aus der ganzen Welt geströmt war, war voller magischer Schauplätze, die Träume malten, Erinnerungen spiegelten und die Sinne kitzelten. Man verliert das Zeitgefühl, erkundet einfach und gibt sich der Kunst hin …
Und an Auswahl mangelt es nicht. Neben bewegungsexpressiven Exkursen in die freie Poetik von Bewegung, Mimik und Ballett, hin zu erdigerem, mit der Natur und kosmischen Energien verbundenem Tanz, gab es auch pantomimische Performances der ewigen Begleiter in Weiß, der Hüter des Zauberwalds. Nach der Soldatesca der rosa Armee im vergangenen Jahr waren diesmal die liebevoll benannten und umgetauften »Fröhlichen Tampönchen« an der Reihe, wie eine Handvoll aus Rocklines Begleitcrew sie getauft hat. Es folgten Puppenspieler mit ihren luftigen Elementarwesen, den Geistern des Waldes, Spaziergänger mit Eselsköpfen, Erzähler und Märchenonkel auf Stelzen, Poeten, Rhapsoden, Traumschmetterlingsfänger, Künstler des Verses und der engen Bande zwischen Mensch und Natur, Praktiker der vollkommenen und einzig wahren Existenz. Zwischen den Splittern dieser Collage eines reichen, atypischen Festivalangebots war der wichtigste Klebstoff aber hochwertige Musik, die sich vor allem auf die Liebe zu Tonalität, Metrik, melodischen Glissandi und Verzierungen stützt – und nicht auf hochtrabende Namen, die, da bin ich sicher, ein größerer Magnet für ein auf Sofortgenuss und Ekstase versessenes Publikum gewesen wären, samt Verfechtern der von Labels propagierten Perfektion mit Logos auf den T-Shirts der Jugend. Mehr Marketing als Musikalität, könnte man nach drei Tagen voller Genrefusion und Gefühle hinzufügen. Die Ausrichtung auf die wahre Essenz der Musik hat den bisherigen Linearismus der Wahrnehmung weggeblasen, die Palette bekannter Bandnamen und Musiker, der Genre-Purismus löste sich in Nichts auf, und im Wäldchen von HISTeRIA blieb in Händen, Ohren und Herzen eine große Dosis Seele und eine aneinandergereihte Abfolge von Eindrücken, die Namen, Nachnamen und Schubladen nicht braucht und im freien Stil der Lebendigkeit nicht einmal erträgt. Behalten wir trotzdem einen Rest Linearität bei, wenn ihr wollt, dass wir euch leichter eine Handvoll dessen hinstreuen, was HISTeRIA 2013 in unser Leben gebracht hat. Wesentlich ist vor allem, Prägnanz auszublenden und strenge Zeitdefinitionen zu vergessen; die Relativität von Raum und Zeit wurde mit dem täglichen Anlassen des homolokomotivischen Festivalantriebs so oft durch fliegende Wechsel und die Neukonzeptionierung von Konzepten bestätigt, dass allen Anwesenden nur die Hingabe an Überraschungen, das Loslassen und die intime Initiation blieben, samt der Salbung mit den Harmonien der weltumspannenden universellen Musik.
Donnerstag, 18. 7. 2013
Als erste Überraschung aus der Wundertüte der Köstlichkeiten gab es einen Abtauchgang in die überdachte Welt der Kuppel der Bühne Drama, und zwar mit dem elektrifizierten Progressive-Jazz-Fusion der Truppe AP Group. Die Band unter dem Taktstock des Bassisten Andrej Pirjevec wird durch ein internationales Bündnis inspirierter Musikexperten ergänzt. Namen wie Davide Tomasetig an Keyboards und Gitarre, Franco Reja an der Gitarre, Andre Araujo an Schlagzeug und Percussion sowie Katja Mlinar am Mikrofon mit der Flöte in der Hand sagen nicht viel, Tatsache ist aber, dass die Träger des Sambaklangs von der Küste auf Chick-Corea-Art (schon bei den ersten Takten wurde ich die Assoziation mit Return To Forever nicht los) genug Schwung haben, dass man sich trotz der Anonymität der Auftretenden Rhythmus und Tanz hingibt. Das außergewöhnliche Set zeigt das eingespielte Zusammenspiel aller Bandmitglieder, und das eigene Material des Projektleiters Andrej Pirjevec beweist, dass sich der junge, akademisch ausgebildete Musiker im Triestiner Hinterland zu einem Burschen mit feinem Gespür für Rhythmik, Melodik und inneres musikalisches Gleichgewicht herausgemeißelt und geformt hat. Bei aller Perfektion vermisste ich persönlich im Auftritt etwas mehr Organisches, spontane Überraschungen und Flüge auf den freien Flügeln der Fantasie. Währenddessen ging der Auftritt der italienischen Truppe Achille Zoni auf der intimen Bühne Čuti zu Ende, ebenso der der internationalen Allianz der italienisch-österreichischen Kapelle Les Autr’chiens auf der Bühne Kupe, also führte der Weg lieber zur nahen Bühne Končne, wo sich die beiden Mitglieder des Duos Voice Of The Strings langsam auf ihren Auftritt vorbereiteten. Das slowenisch-schwedische Duo mit eher verträumtem Unterton serviert die Erotik von Violine und Harfe, und der Schockbereich für den Organismus wird diesmal von der Elektrifizierung in Sphären subtilerer, weicherer Ästhetik des natürlichen Klangs von Saiten und Holz verlagert. Die akademisch ausgebildeten Musikerinnen Sofia Högstadius aus Schweden und Zvezdana Novaković, Musikerin slowenischer Herkunft und Wurzeln, präsentierten eine einzigartige Mischung aus intimem, archaischem und edlem Klang von gotischer Harfe, Violine und Gesang. Das ziemlich trockene Ambient-Geflecht des undefinierten Tastens nach den richtigen Zusammenklängen lässt uns beide leicht unbewegt, und im Vorübergehen ans völlig andere Ende des Geschehens am ersten Tag, zur Bühne Kupe, schleicht sich hinter dem Rauschen der Kiefern und dem Lied der erhitzten Zikaden der Keim unwillkürlichen Vergessens und Nachsinnens in Gedanken und Erinnerung, der mit der Ankunft vor der Holzbühne des gut belagerten Heu-Kupees verfliegt.
Auf der Bühne war strategisch die Truppe I Salici einquartiert, auf Slowenisch Vrbje (Weidengebüsch), und das italienische Sextett unter der ideellen Führung von Devid Strussiat Fumis und Marco Stafuzza serviert einen schizophrenen und doch so süßen, gespaltenen Seelenextrakt. Die Mischung aus verträumtem Blues mit untermauerten kosmischen Gitarrenexkursen webt kataklysmische Untertöne von Dunkelheit und etwas rauere Ästhetik ins weiche Gewebe von HISTeRIA, ohne Verschönerungen und ethnische Verzierungen. Die eklektische Psychedelik gitarrengestützter Musik gleitet von fetter Rhythmik in Sphären vollkommener Akustik. Das Kosmos ist grenzenlos, und die Reisenden auf den Sitzen des Zuges der Zufälle werden nach der Verträumtheit mit raueren, erdigeren Rock ernüchtert, mit Grunge in Tori-Amos-Metrik und mit dem Gefühl aktueller Verbundenheit mit dem hässlicheren, rohen Herzschlag im Plexus des Universums der rezessionsgeprägten Vereinsamung, in dem wir uns gerade befinden und aus dem wir einen Ausweg suchen. Die neuzeitliche Hippiade ist weniger ästhetisch weich und streichelnd, und in den psychedelischen Pearl-Jam-Trip fügt sich ganz natürlich noch eine Trompete ein; statt lebhafter Töne gibt es auf der Farbpalette von I Salici mehr gedämpfte Schattierungen von Dunkelgrau und die pastellige, selbstzerstörerische Magnetik des Grunge. Nichts ist rein. Alles ist erlaubt.
Um möglichst viel zu erleben, verließen wir das gute Konzert vorzeitig und machten uns auf zur Bühne Sanj, wo wir für einen Zwischenausstieg aus der Realität gezielt den Auftritt von Brina Vogelnik und Janez Dovč eingeplant hatten. Aus der Dekadenz der Diesseitswelt ausgestrahlt, wurden wir im ruhigeren Universum der Welt der Träume schon am ersten Tag des ersten sonischen Orgasmus teilhaftig, dem zahlreiche weitere Stöße durchdringender Schönheit folgten. Die weiche, meditative Stimme der zarten Sängerin Brina füllt das daliesk anmutende Gewölbe der Bühnenstruktur des Auditoriums, diesmal gestützt vom Gatten, der in den Werken von Bands wie Jararaja, Terrafolk, Kisha und anderen unauslöschliche Spuren hinterlassen hat und den Klang der Handharmonika neu definiert, in ein Gewand gekleidet hat, das auch für jene geeignet und gefällig ist, die Akkordeon im klassischen Sinn nicht ohne Verschlucken ertragen. Janez Dovč ergänzt mit dem raffinierten Tanz seiner Finger über die Tasten des Akkordeons Brinas sinnliche Erzählung von Sehnsucht, Liebe, fernen Welten und Blüten, die in den Händen von Menschen, die fühlen und sich hingeben, mehr sagen als tausend leere Worte. Süß-herbe Kaskaden fein gefilterter Heiligkeit und fein gefilterten Klangs füllen den ersten Tag der Magie in Gračišče, Melancholie und Überirdisches reichen sich aber auch mit der Unberechenbarkeit der Natur die Hand. Im Hintergrund ziehen dichte Wolken auf, und plötzlich wird das elektrifizierte Gewebe aus Akkordeon, zurückhaltendem Pochen der Rhythmusmaschine vom Computer und dem Klang verstärkter Echos, das Flüstern der Hauptträgerin der vokalen Verkörperung, unterbrochen, und das Duo setzt den Weg zum großen Konzertfinale trocken fort, ohne Hilfsmittel, tanzend mit nackten Füßen auf dem weichen Gras, auf dem Perserteppich direkt unter der Bühne Sanj. Außergewöhnlich, raffiniert, ohne großen Glanz und ohne Stützen auf vergangenen Ruhm festigt die Band in den Herzen und Seelen aller, die wir gute Musik lieben, den Status eines der besten Auftritte des Festivals. Dennoch geht der erste Tag mit der Intensität von Supernova-Explosionen weiter.
Für die stilvolle Fortsetzung sorgt diesmal ein ungewöhnlicher Musikvagabund aus der Welt jenseits des Atlantiks. Auf den jungen, sympathischen Amerikaner Daniel Wall waren wir schon früher ganz zufällig gestoßen, beim tastenden Kennenlernen der Schauplätze, als er nur mit einem Banjo in der Hand in Trance und gemeinsame Meditation mit einem zufälligen Geiger und Flötisten, Cellisten und Gitarristen fiel. Die Namen sind unwichtig, die Symbiose junger Seelen zeigte aber schon beim ersten Versuch, dass der Geist von Johnny Cash noch lebt und hier ist, eingespannt in erhitztes Gestein und das Herz von Gračišče. Diesmal eignen sich die Verschwörer und Kämpfer für ein besseres Morgen den Schauplatz vor der unbeleuchteten, im Halbdunkel verborgenen Bühne Peroni an, einem entrückten Winkel des Universums. Dan Wall strahlt Charakter aus, befreit von schulmäßigen Definitionen von Rhythmus und Melodik, und verteilt unter den Menschen selbstlos vor allem reine Dylan-Poetik, Cashs resonante Persona, vor allem aber seinen eigenen Optimismus und seine Eigenwüchsigkeit, die sich aus Tümpeln von Blues und Bluegrass speist; Katalysator vollkommener innerer Harmonie können völlig Fremde sein, die trotz Sprachbarrieren die Musik in all ihrer Resonanz und Wucht verbindet. In Erinnerung bleibt die zarte Atalanta, ein außerordentlich sangliches Konglomerat aus Gitarre, Banjo und Flöte sowie Violine mit dem Stück The Patriarch Bounce, Seconds To Learn, ein bedeutungsvoll lebhaftes Klagelied für einen zum Hängen Verurteilten, das Stück Hang Me, der außerordentlich suchterzeugende und tanzbare Yodel Waltz, ein gesellschaftskritischer Aufruf zum Aufstand und zur allgemeinen geistigen Auferstehung gegen kapitalistische Tempel und Wall Streets auf dem Antlitz dieser Welt, die Stücke Lay Low Generation – Nothing Concrete, das etwas altes Salz von Old Salt Prjecta in die offenen Wunden aller Verfechter und Puristen dieser globalisiert verdorbenen Welt streut, unter deren Oberfläche sich wundersamerweise ein Gramm oder zwei Seele, Güte und Schönes finden. Im Zwielicht und ohne Verstärker geschieht vor den Augen des ergriffenen und begeisterten Publikums eine der besten Taten des ersten Festivaltages, der Beutel war aber erst ganz oberflächlich durchstöbert, und die Karten so gründlich gemischt, dass uns trotz bester Absichten diesmal zahlreiche Namen, zahlreiche Moderatoren des Geschehens aus dem Spektrum von Wahrnehmung und Empfinden entgleiten; man muss sagen, dass HISTeRIA ein Festival ist, das jeder auf seinem individuell gewählten Weg selbst moderieren kann. Diesmal können wir also nur von dem sprechen, was uns der Zufall bei unserem Spaziergang durch die Welt des Waldes, der traumhaften Großstadt Cantalone, zugeschnitten hat. Und die letzte Station des ersten Tages war die Belagerung der Bühne Končne, wo sich Nano Stern Band ihre akademische Dreiviertelstunde Verspätung gönnten, die wir wegen der Erschöpfung, der Intensität der Erlebnisse und Eindrücke des ersten Festivaltages diesmal bewusst übersprangen, um uns etwas Reserve für die Steigerung am nächsten Tag zu lassen.
Freitag, 19. 7. 2013
In den Trans Histeria Express brachte uns nach den Morgenworkshops, bei denen es von den frühen Morgenstunden an nicht an Gong-Meditation, fliegender Yoga, Roma-Tänzen unter der Leitung von Mojca Rakipov – Nursel, dem Weben von Traumfängern, Übungen im stillen Dialog, Seiltanz, Theaterstunden, dem Herauspressen inspirierter, mit Eindrücken und dem Flüstern Istriens gewebter Verse, frühen Morgenvorstellungen für Kinder und Junggebliebene, kreativen Workshops mit Ton, Wachs und Häkeln, kunstvollem Ballonformen, der Herstellung von Skulpturen aus Seifenblasen, vertieften Debatten darüber, wie man die Welt und sich selbst verbessert, und was sich sonst noch fand, mangelte – nach all dem erwartete uns die Katharsis mit läuternden Taten der musikalischen Steigerung des Vortages. Beim Schlendern über den regenbogenbunten Schauplatz blieben wir beide wie angewurzelt vor drei hohen Gestalten stehen – Stelzenläufer hatten für die Kinder eine attraktive Vorstellung vorbereitet, ein chinesisches Märchen, in das sich die Kinder begeistert einbrachten, denn sie waren (wie alle Erwachsenen) von der Größe der Hauptakteure und ihren Kostümen verzaubert. Nach Kreistänzen führt der Schritt von der Bühne Končne zum Anfang des kilometerlangen Bühnenwegs und der außergewöhnlichen Abwege. Diesmal begann statt eines Halts in der Lokomotiva, wo die Chilenen Mone Cinto Echoes die Eröffnung mit ihrem Klang bestritten (die wir, weil wir den Zeitfaktor ausblendeten, unfreiwillig verpassten), der erste Schritt der Transzendenz mit der Band Kate And The Tuliis. Die französisch-britische Allianz ist eine wahre Sammlung außergewöhnlicher Charaktere und Sonderlinge. Ausgeprägter Kontrast zwischen der Björk-haften Poetik der Frontfrau Kate Young (fast würde ich schwören, dass die junge Geigerin mit wenigstens einem Tropfen isländischen Bluts gesegnet ist, denn den scheinbar statischen Auftritt ergänzte sie mit ziemlich intensivem Vokalisieren und schroff dosiertem Rhythmus); die Lücken des ziemlich rudimentären Auftritts wurden herrlich gefüllt von harmonischen Einlagen eines schnauzbärtigen Burschen mit einem kleinen Akkordeon, Raphael Decostër, dem französischen Mitglied der Tuliis, dem ein rothaariger keltischer Jazztrompeter und ein sinnlicher schwedischer Schlagzeuger Paroli bieten. Die Musik der jungen Band, die ihre Existenz eine Woche und ein paar Tage zuvor genau hier in Gračišče begann, ließe sich als Ethno-Märchen auf psychedelischen Pilzen beschreiben. Von Pilzen handelt auch eines ihrer Stücke, von dem der junge Akkordeonist erzählt, es sei die Geschichte von Pilzen, die zum Mond wollten, aber neben einem Baum wuchsen, an dem sie dann ein Junge pflückte und briet; das Klagelied kleidet die Band in eine Mischung aus Chanson-Akkordeon mit etwas Jazz-Beiwerk, und das tanzbare keltische Temperament mit zwischenzeitlichen Ausbrüchen gallischen Temperaments serviert etwas, das stilistisch schwer zu definieren, aber auf jeden Fall zum Tanzen und Feiern geeignet ist. Als bekämen wir den Soundtrack der Existenz geboten, haben die Dreiergruppe aus Belleville ihre Fortsetzung bekommen, einen neuen sonischen Akt. Ein Free-Ethno-Konglomerat, das dem Prinzip folgt: »Wenn es spitz ist, ist es eine Hacke, wenn es rund ist, eine Schaufel …«, gibt mit seinen Stücken ein Statement zur ökologischen Problematik ab (Solo Majoko handelt vom Schmelzen eines isländischen Gletschers, woran vor allem wir schuld sind, die Träger und Schöpfer der kapitalistischen »Neuen Welt«), zum Weltall und zur kosmischen Winzigkeit des von Ego überquellenden Menschen (Saturnus) und zur magischen Welt der Erlösung im Schatten der Kiefern des Festivals HISTeRIA (The Funky Forrest). Das klanglich nicht ganz perfekte Set bringt Optimismus und gute Laune in die Freitagssegel, das Wesentliche ist aber ohnehin vor allem der Spaß!
Und für eine gute Dosis davon gingen viele von uns unter die große Bühne Končne, wo sich die heimische Band Brencl Banda schon auf ihren Bühnentanz vorbereitete. Die Band aus Bistrica ob Sotli, einem Ort mit reicher Tradition, zog als Katalysator schon seit Jahren zahlreiche weltumspannende Einflüsse an, und nach eigener Aussage ist es die Begeisterung für Volksüberlieferung und Folklore, ihre Existenz ist dazu da, verstaubte Aufzeichnungen von Dachböden aufzuschreiben und ins Leben zurückzugeben; durch ein rhythmisch-melodisches Geflecht von Musikrhythmen aus aller Welt können sie so lyrisch einstimmig Weisen von Glück, Trauer, Zeitlosigkeit singen und dem Leben selbst Denkmäler setzen. Eigentlich sind die Brencls am nächsten an einer Mischung aus bluesigem Folk, der dem Publikum die richtige Portion Tanzbarkeit und Humor serviert. Die Bühne teilen sich die außergewöhnlich durchdringende Geige von Klemen Bračko, die Gitarre von Andrej Boštjančič, der zugleich für Gesang und Ansagen ans Publikum sorgt, ihm pariert das Akkordeon von Rok Šinkovec, gekrönt vom Kontrabass des charismatischen, in die Welt der Rhythmus-Ekstase entrückten Matija Krivec. Das von allen Oberkrainer Einflüssen befreite Akkordeon passt schön zu den harmonischen Einlagen der Geigen, der aufrechte Bass setzt jenen rohen i-Punkt auf die direkte Wortkritik, die Dinge unverblümt auszusprechen vermag, ohne dabei die Gefühle Andersdenkender zu verletzen. Die Bühnendynamik ist gerade schelmisch genug, um Alt und Jung vor die Bühne zu locken, die sich dem Rhythmus hingeben und tanzen – die Älteren diesmal nicht bloß aus elterlicher Pflicht und weil es die Nachbarn tun. Nackte Füße trampeln auf der ausgedörrten istrischen Erde, und Brencl Banda mischt wie eine Truppe verrückter Professoren (diesmal sind es Akademiker und Bücherwürmer, obendrein bestätigt musikalisch begabt) in der Klangschüssel Tango, Oro und keltischen Folk und fährt mit dem universellen Aussprechen von Zaubersprüchen fort. Das Stück Pleši kolo zame ist von der Struktur her ein klassisches Kolo, in das sich ein Jazz-Einschub ganz natürlich einfügt, der das Kolo nicht stoppt und unter der Bühnenkulisse ein, zwei Prisen Verträumtheit ausstreut, gefolgt von Lebensfunken, der Wiederholung rezessionsgeprägter Satire (in der Geschichte fordert ein Bursche ein Mädchen auf, das Kolo für ihn zu tanzen, doch sie sagt, es gebe kein Geld, kein Getränk, keinen Grund zum Tanzen), und plötzlich schieben die Brencls die Konzertmaschine in Sphären balkanischerer Rhythmen auf keltischer Basis. Für alle Geschlechter geeignet, schaffen es die Brencls mit der Fusion verschiedener Genres, Einflüsse und Stimmungen, ihren Konzert-Trip, ihren herrlichen Film, wenn man so will, immer in die richtige Richtung zu drehen. Deshalb füllt sich auch das zuvor halb leere Auditorium bestens, und das Publikum erliegt endgültig den Rhythmen und der Stimmung des Quartetts auf der Bühne. Die Brencls hätten eine gute Dosis Vitamine und Musik für einen ganzen Tag sein können, nach einer guten Stunde hochwertiger Musik ist aber klar, dass sich die Lokomotive der inneren Befreiung und Beglückung erst warmläuft.
Nach einer Sprinterankunft an der Bühne Kupe erwischen wir den Beginn der schwedisch-slowenischen Bühnenzusammenarbeit in Körper und Seele der außergewöhnlichen Band The Breaks. Die Band, die genau in der Zeit des Vorfestival-Beisammenseins von Musikern aus allen Winden entstand, bietet trotz der kurzen gemeinsamen Koexistenz dem Publikum einen Zigeuner-Rhythmustanz von maximaler Genauigkeit, geradezu Uhrwerkpräzision, wie sie nur wenige Gruppen haben, die auch länger zusammen kreieren. Talent reicht sich hier die Hand mit völlig offenen Seelenregistern, das gezahnte Akkordeon des Organisationsgenies und vor allem außergewöhnlichen Menschen Matija Solce ist neben Sofias süßen Violinschreien (diesmal zeigt das Mitglied des zuvor erwähnten Duos Voices Of The Strings ihre leidenschaftlichere Seite) die Hauptwaffe zum völligen Abschalten und seelischen Aufstieg auf ein höheres Wahrnehmungsplateau. Lücken in der Zeit füllen sich, und bei ganz natürlichen Jam-Session-Exkursen wild verbalkanisierter harmonischer Seelen können wir alle, die wir gute Musik lieben, zu Leitern des Rhythmus werden und tanzen. Die Schwedin Sofia fügt dem Ganzen eine gerade richtig sexy gewürzte Zigeunernote hinzu, und unter den Fingern der Bühnenvirtuosen spinnt sich eine verrückte Spitze märchenhafter Zeitlosigkeit. Auch der Raum wird überflüssig. Umarmt vom Duft trockenen Heus, von Kiefern und frischen Feigen gleiten wir vom Zug der Histeria an allen Meilensteinen vorbei. Namen, Grenzen, Ideologien und Stempel sind unwichtig, es bleibt das ausgeprägte Gefühl vollkommener Fusion von Kulturen, Herzschlägen, Liebe, melodischer Eingebung und dem Wunsch, in eine völlig entnationalisierte Welt einzutreten und dort für immer zu bleiben. Die entnationalisierte Welt des märchenhaften HISTeRIA wird zum Spielplatz der Emotionen für jeden und in jedem einzelnen Augenblick. Barfuß, mit dem Hauch der istrischen Bora im Haar, können wir uns ohne unnötigen Glanz und Pomp der Bühnenbrillanz hingeben, und The Breaks weben ohne Bremsen den Schleier guter Musik weiter, mit tausend Berührungen von Tasten, Saiten, zarten Anschlägen auf offene Trommeln, und hauchen damit den Heu-Abteilen des Kupe den Geist von Glück und Begeisterung ein, was das absolute Maximum ist, für das wir dankbar sein können. The Breaks lassen dann einen internationalen Čoček-Extrakt aus sich herausströmen, und der allmächtige Expresszug der seelischen Hingabe an Rhythmus und Musik führte auf den Gleisen seiner Mission tausend Seelen auf einer Parabel des Genusses, an dem es beim Festival HISTeRIA 2013 keineswegs mangelte.
Es folgte nämlich der ruhigere, verträumte, extrem intime Auftritt des Duos Aritmija und von Matijas Schwester Nika vor einem dicht gefüllten Auditorium der Bühne Jaz. Die Gitarrenvirtuosen einzigartiger akustischer Instrumentalinterpretationen und traditioneller Ethno-Melodien, Tilen Stepinšek und Šamsudin Džopa – Dino, holten sich diesmal für die Zusammenarbeit die hervorragende Sängerin von Balkan-Weisen, Nika Solce, dazu, und im Halbdunkel der kleinen Bühne beginnt sich ohne übermächtige Beschallung, Lichter und Pomp ein zarter und zugleich wilder, ungezähmter Abstieg durch die Stromschnellen des Balkans abzuspielen. Nikas zarter Gesang verleiht den Stücken aus Mazedonien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien und anderen erogenen Zonen der Halbinsel, die ihre Leidenschaftlichkeit und kontrastreiche Wucht nicht verbergen kann und auch nicht will, raffinierte Weichheit, geradezu jazzigen Sexappeal. Tilen und Šemsudin krönen alles mit der Fusion perfekter World Music, in der der Balkan mit der Iberischen Halbinsel und Flamenco vereinbar ist und sich die Zigeunerseele mit dem Jazz und allen Elementen vollkommener Befreiung vermählt. Der außergewöhnliche Auftritt schlüpft raffiniert unter die Haut, und nach der sinnlichen Seelenreise von den Gipfeln des Šar-Gebirges weiter über die Wegelosigkeit des Balkans lassen sich Ruhe und Gelassenheit in der Seele nieder. Duo Aritmija und Nika vermögen das Publikum zu hypnotisieren, dennoch reißen wir beide uns irgendwie aus dem Halbschlaf und machen uns auf zur wohlbekannten Bühne Kupe, die so etwas wie eine Konstante wurde, zu der wir immer wieder zurückkehrten.
Diesmal aus Neugier, woher uns der Name Dirty Sanchez so bekannt vorkommt. Beim Anblick der Bandmitglieder wurden Erinnerungen ans Feiern zu den Rhythmen ihres Ethno-Funks wach, in dem sich Balkan-, spanisch-romische Musik und Funk vermischen. Die Menge vor der Bühne blieb auch diesmal nicht kalt und tanzte bald fiebrig im Groove der Ljubljaner Band. Das Charisma des Sängers und Gitarristen Aleksander Kuzmić ist unleugbar, und gut pariert ihm auch der jüngste fliegende Wechsel in der Besetzung, der außergewöhnliche Akkordeonist Uroš Jezdic, der trotz voralpiner Wurzeln alle Elemente balkanischer Rhythmik gut beherrscht; Zigeunermelos und funkadelische Einlagen geben der Band einen Hauch von Frische und Tanzbarkeit auf der Bühne, was auch die wachsende Zahl vor allem weiblicher Vertreterinnen bestätigt, die sich neben dem Genuss des Hauptmagneten der Band, dem sympathischen Aleksander, auch an den gut arrangierten Stücken erfreuten, die für jedes, auch slowenische Ohr geeignet sind.
Durch den dunklen Tunnel tanzten wir vorzeitig zur Končne (Endstation), wo auf der Bühne schon eine hundertköpfige Expedition von Musikern aus allen Winden stand – das Orchester Etno Histeria, das wir schon vor Festivalbeginn hören konnten (in Koper, Piran und Ljubljana). Die Musiker versammeln sich nämlich schon gut eine Woche vor dem Festival und lernen voneinander; sie lernen Musik, Lieder, Weisen und Tänze aus verschiedenen Kulturen, vereinen sich mit anderen Künstlern, Installationen, Kunstprogrammen und Schauspielern und kreieren. Die Endergebnisse sahen wir uns an, hörten sie uns an, tanzten dazu und sangen mit, auch noch in den späten Abendstunden unter der Kuppel der größten Bühne. Es fehlte auch nicht die Rezijaner Melodik Rezijanske mit den verdammt suchterzeugenden Wechseln von Verstummen und Übertönen des Gemurmels der Menge, und das Herz wurde auch mit einer Bearbeitung von Pink Floyd und ihrem Stück Another Brick In The Wall genährt, nur mit etwas weniger Text und mehr vereinfachter Orchestrierung. Zu den sexyeren Darbietungen des Abends gehörte auch der armenische Tanz Abaran, der unter den Fingern des hundertköpfigen Orchesters aller HISTeRIA-Teilnehmer pompös und wirklich magisch klingt, die Jungs und Mädels konnten aber trotz Taktstock und Mühe des Rädelsführers Nano Stern den außergewöhnlichen Vorfestival-Auftritt auf dem Kongresni trg in Ljubljana nicht übertreffen. Dem mehr als einstündigen Auftritt des Orchesters drückte auch der Bühnenauftritt des außergewöhnlichen und vielseitig begabten ideellen Festivalvaters Matija Solce seinen Stempel auf, der trotz sichtbarer Müdigkeit und Ausgelaugtheit von der Organisationsarbeit mit seinem gezahnten Akkordeon noch mehr Elan und Explosivität auf die Bühne Končne brachte. Der außergewöhnliche Exkurs durch die weltumspannende Schatzkammer des Ethno-Erbes war für das Rockline-Team der Schlussakt des vorletzten Abends, der seinen Epilog mit dem letzten gemeinsamen Auftritt aller hundert Talente gewissermaßen schon einen Tag vor dem unvermeidlichen und viel zu frühen Schlussakt des Festivals bekam.
Samstag, 20. 7. 2013
Am Samstag brach der letzte Tag des Festivals HISTeRIA an, das schon in den ersten beiden Tagen bewiesen hat, dass es eines der inhaltlich vollsten Festivals auf dieser Seite der Alpen ist, wie auch in Europa insgesamt. Der glühend heiße Vormittag des letzten Tages brachte eine bunte Auswahl an Workshops und Veranstaltungen (fliegende Yoga, Zen-Meditation, Poesie-Workshop mit Ana Porenta, Kunstworkshops, Puppenvorstellungen, Debatte über Kleingärtnerei, Workshop Zwei Gesichter des Ichs, Teestündchen im Teehaus unter dem Eichenwipfel …), die sich auch am Nachmittag fortsetzten und uns so beschäftigten, dass die Zeit an uns vorbeiglitt und die heiße Kugel am Himmel langsam hinter die Baumwipfel sank. Hungrig nach Musik reisten wir beide in Begleitung der weißen Schaffner zur Kupe, wo wir uns bequem auf die plüschigen und gut angenagten Sitze des Abteils fläzten und den Auftritt der Band Katanija erwarteten. Es hatten sich schon recht viele Zuhörer versammelt, und nach den ersten Aufwärmtakten begann die Vokal-Instrumental-Gruppe endlich, das Publikum anzuheizen. Die Kavallerie der Musiker (katanija heißt auf Serbokroatisch Kavallerie) begann ihren Auftritt ziemlich unsicher und unabgestimmt, mit niedrigem Energielevel und (zu) langen Pausen zwischen den Stücken. Die lauwarme Vorstellung erinnerte an eine öffentliche Probe und nicht an einen echten Festivalauftritt. In der Hoffnung, dass sie den Faden der Verbundenheit untereinander wie auch mit dem Publikum finden würden, warteten wir geduldig auf ein inniges und mit Schwung gefülltes Repertoire slowenischer und balkanischer Volkslieder, doch das bekamen wir nicht. Wir schauten zu den Zuhörern, die nach und nach gingen, und schließlich beschlossen wir, unsere Plätze im Abteil den neu eingetroffenen Besuchern zu überlassen.
Weil wir auf der Bühne Proces noch kein Konzert gehört hatten, beschlossen wir beide, der slowenischen Sängerin und Nachschöpferin des slawischen Volksmusikerbes, Mateja Gorjup, zu lauschen. In intimer Atmosphäre mitten im Wald zog die Sängerin die Versammelten mit nacktem Gesang von Volksweisen an, denen sie mit ihrer weiblichen Energie Leben einhauchte. Das Gefühl von Vertrautheit und die Lebendigkeit der Volkslieder führten uns auf eine verträumte musikalische Reise in verschiedene Winkel der Welt. Die vollen Geschichten wirkten wie Klebstoff zwischen den Menschen, denn immer mehr Leute kamen zum Schauplatz und lauschten den unsterblichen Versen, die Generationen verbinden und Zivilisationen bewahren. Der Hunger nach noch mehr künstlerischen Erlebnissen wurde immer größer.
Hungrig nach Geschichten nahmen wir beide den Weg über Ziegenpfade zur Bühne Kreposti/asociacije, wo sich Schauspieler auf eine Vorstellung vorbereiteten. Die Gruppe Commedia del arte bildet ein Netz von Künstlern – Musikern, Schauspielern und Bühnenbildnern aus verschiedenen Teilen Europas, geleitet werden sie von Matteo Spiazzi und Ester Grigoli. Sie hatten eine Komödie vorbereitet, die unsere Gesichts- und Bauchmuskeln lockerte und uns zu Tränen lachen ließ; die Geschichte darüber, was wahre Liebe ist und wo die Berechnung endet, damit man von jener wahren ewigen Liebe sprechen kann, brachte eine echte theatralische Ergänzung des ohnehin reichen Programms. Nach der letzten Verbeugung, dem Fallen des Vorhangs und stehenden Ovationen war es Zeit für die letzten Handvoll Musikalität.
Beim Herumstreunen auf den hysterischen Gleisen und beim Weiden der Neugier auf dem Kunstmarkt stahl der virtuose Klang eines Akkordeons unsere Ohren und Aufmerksamkeit, den man schon auf einen Kilometer erkennen würde: Matija Solces Finger tanzen wieder über Tasten und Knöpfe seines Akkordeons! In der Drama gab er mit Kollegen aus Tschechien, der Slowakei und Russland ein erstklassiges, energisches und emotionales Konzert, das niemanden kalt ließ. Unsere Aufmerksamkeit stahl neben dem ausgezeichneten Akkordeonisten auch der Schlagzeuger, der auch die Bands Kate and the Tuliis und The Breaks begleitet hatte, der außergewöhnliche Stefan Hedborg aus Schweden. Der Junge hat ein außerordentliches Gehör und ein Gefühl für Improvisation, denn er trat (nach den Worten von Matija Solce) zum ersten Mal mit der Band auf und spielte jeden Song sehr natürlich und professionell. Fekete Seretlek sind eine Band, die neben einer erstklassig intonierten, imposanten Musikdarbietung auch die richtige Portion Satire, Sarkasmus und weltumspannenden Humor auf die Bühne bringt. Der Schlussakt des leider größtenteils verpassten Konzerts serviert eine Wahrheit, der wir nur zustimmen können – We Are Going To Die. Die Zirkusmusik bekennt die Tatsache, dass das Leben nur geliehen ist und man es deshalb mit vollem Genuss leben und danach streben muss, alle inneren Potenziale zu vervollkommnen und zu erfüllen, damit das Dasein nicht bloß beim Träumen und passiven Nichtstun bleibt.
Die Dämmerung begann sich zu verdichten, die Landschaft erhellte nur noch der fast völlig runde Mond am Himmel, und die Sinne führten uns beide auf dem weiß gefärbten Pfad zu einer neuen Bühne – Čuti. Hier trat die ebenfalls internationale Band Waziz auf: die Sängerin Bilge Özgün aus Istanbul, Matthew de Boer an der Klarinette, Malindi Morris an den Percussions und ein Gast-Cellist. Im gedämpften Licht von Teelichtern malten sie mit ihrer Musik Geschichten aus der Türkei und anderen Ländern, und der fliegende Teppich, auf dem wir saßen, trug uns in Höhen, von denen wir viel zu schnell herabsteigen mussten. Die Reise war kurz, aber süß. Wir überließen uns dem Strom der Freiheit und kamen nach ziellosem Umherirren im Wald wieder bei der Končne an. In der Luft war Anspannung zu spüren, und uns beide überkam eine leichte Melancholie im Wissen, dass die magischen drei Tage zu Ende gehen …
Vor der großen Bühne sammelte sich langsam eine Menge fröhlicher Positivlinge und Musiker, und in der Mitte der Tanzfläche unter der kleineren Kuppel erwachten langsam die ersten Flammen des Feuers. Meister Matija mit dem Akkordeon nahm die Bühne ein und zeigte den Versammelten mit einer Geste, sie sollten sich setzen. Wir folgten seinem Blick und bemerkten die Schiffsträger, die sorgsam unsere Erinnerungen und Gedanken aus Ton behütet hatten. Zu verträumter Musik bewunderten wir das Ritual der letzten Läuterung: Die Schiffe versanken eins nach dem anderen in Flammen, die Musik dröhnte von allen Enden des Geländes … Das Volk sang, die Energie floss … Die Bühne übernahmen dann die Šavrinke in Šavrini, die durch Rollenspiel und Volkslieder das Volkserbe dieser Gegend zeigten. Sie ernteten tosenden Applaus, danach stellte der Festivalorganisator Matija Solce alle Mitveranstalter vor und dankte ihnen von Herzen. In der Luft hing ein seltsames Gefühl; ein Gefühl von Abschied, Ende, Rückkehr in die Realität. Doch das Programm war noch nicht zu Ende. Bald stiegen die Tänzerinnen der Gruppe Amaya auf die Bühne, die unter dem wachsamen Auge und der Mentorschaft der erstklassigen Tänzerin Manca Pavli Tribal Fusion Bellydance und ATS (American Tribal Style) tanzen. Mit ihrem attraktiven und exotischen Aussehen, ihrer Abgestimmtheit und der starken weiblichen Energie eroberten sie die Zuschauer im ersten Moment, die nicht gleichgültig blieben, sondern sie mit offenem Mund bewunderten und laut zum Tanzzauber anfeuerten. Die Gruppe Elementali, die nach ihnen auftrat, sorgte mit ihren Feuernummern noch für einen Adrenalinschub im Blut und überließ uns ganz wach der magischen Nacht. Das RockLine-Team entschloss sich zum Abschied von der Märchenstadt Cantalone. Das Auge fing noch die letzten Momente ein, die sich im Gedächtnis einnisteten, das Ohr die letzten Melodien von Violinen, Gitarren, Akkordeons …, die sich ins Herz setzten. Durchtränkt von reiner Freude, von allem Ballast gereinigt und mit hausgemachtem Eis in der Hand verließen wir Gračišče und kehrten mit der Seele irgendwo in den Wolken auf die alltäglichen Wege des Lebens zurück.
Damit ging das Ethno-Spektakel des Jahres, HISTeRIA 2013, zu Ende. In der Ferne hallten noch die letzten Pulsschläge einer Veranstaltung nach, die den Menschen nicht bloß hochwertige Musik und eine Liste eminenter Namen bringt, sondern sich auch um die Hebung der Lebensqualität kümmert, darum, den Menschen zur Natur und zu seinem wahren Wesen zurückzuführen. Das wäre nicht zu sehen gewesen ohne die außerordentliche Opferbereitschaft der Veranstalter und der unermüdlichen Freiwilligen, die bereit sind, für drei Tage des Events ihre Zeit und Inspiration zu opfern und mit Seele und Körper jedes Jahr fast Unmögliches verwirklichen – ohne echte finanzielle Spritze ein Festival auf die Beine zu stellen, auf das wir zu Recht stolz sein können. Es ist wirklich nicht für jeden. Enttäuscht sein könnten nur jene verwöhnten Typen, die gern auf bewährte Rennpferde setzen und auf Sofort-Offenbarungen in Mainstream-Kulturschaffenden. HISTeRIA ist ein Underground-, alternativer Ethno-Sonderling, dem man schlicht kein Gegenstück finden kann, und gerade wegen dieser Besonderheit, der Ausrichtung auf jeden Einzelnen für sich, ist es echter Balsam für die Seele. Die Kühnheit und Entschlossenheit des ideellen Trusts außergewöhnlicher Schöpfer der Traumwelt in Gračišče hat diesmal mit einer wirklich einmaligen sinnlichen, emotionalen und intellektuellen Erfahrung ein echtes Juwel serviert, nach dem auch wir beide verändert zurückbleiben und darauf ausgerichtet sind, die Welt zum Besseren zu verändern. Gerade wegen der Menschen, die sich um die liebende, auf Musik und Kunst gerichtete Seele von Matija Solce versammelt haben, wagen wir die Behauptung, dass das Festival HISTeRIA nicht das Produkt eines einzelnen Sterns ist, ohne den etwas so Gutes leicht sterben könnte, sondern das Produkt eines echten Sternbilds, einer Galaxie Gleichgesinnter, die von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr mehr werden, neue Supernovae mit der Natur im Einklang lebender Menschen werden von Augenblick zu Augenblick geboren, von Berührung zu Berührung, von Takt zu Takt, und für alle sorgt die Perle von Gračišče bestens. Zugleich können wir im Stillen nur hoffen, dass auch für das Jahr 2014 Kraft und Ideen bleiben und wir eine neue Steigerung erleben, einen evolutionären Sprung ins Unbekannte, aber nicht auf Kosten der Intimität, der unmassenhaften Schönheit und Herzlichkeit, die das dreitägige subtile Spektakel aus dem kleinen Dörfchen irgendwo im slowenischen Istrien ins Festivaljahr des Landes irgendwo unter den Alpen gebracht hat.
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