Goblin : Four of a Kind

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Label: Imports
Erscheinungsdatum: 17.07.2015
Produktion: Goblin
Albumlänge: 42:41
Genre: Symphonic progressive rock

Die kultigen italienischen Symphonic-Progrocker Goblin, die mit dem Prog-Meisterwerk »Roller« (1976) sowie den Filmmusiken zu den Horrorfilmen »Profondo Rosso« (1975) und »Suspiria« (1977) berühmt wurden, sind mit einem neuen Album zurück — »Four of a Kind« — und das ist für alle, die sie angesichts zahlreicher Höhen und Tiefen, instabiler Besetzungen und Fragmentierungen in verschiedene Bands namens Goblin schon leise abgeschrieben hatten, eine ziemliche Überraschung. Derzeit existieren gleich vier Goblin-Fraktionen: der ‚offizielle‘ Goblin unter der Leitung von Gitarrist Massimo Morante, Goblin Rebirth, Claudio Simonetti’s Goblin und Cherry Five.

Die aktuell aktivsten Versionen sind der ‚offizielle‘ Goblin unter der Leitung von Morante und Keyboarder Maurizio Guarini, die mit neuem Material in Form von »Four of a Kind« überrascht haben, sowie Goblin Rebirth, wo Bassist Fabio Pignatelli und Schlagzeuger Agostino Marangolo das Sagen haben (beide sind zugleich Mitglieder von Moranters Goblin). Letztere haben kürzlich das Album »Goblin Rebirth« aufgenommen, das schon vor zwei Jahren angekündigt und eingespielt wurde, aber erst in diesem Jahr das Licht der Welt erblickt hat.

Das Jahr 2015 wird offensichtlich auch von diesen beiden neuen Goblin-Veröffentlichungen geprägt sein — zur Freude aller, die Nostalgie für qualitativ hochwertigen italienischen Symphonic Prog Rock mit einem dunkleren, atmosphärischen Stempel verspüren. Goblin beweisen auf »Four of a Kind« nämlich auf Schritt und Tritt, dass sie die Liebe zu der düsteren und schaurigen Atmosphäre nicht verloren haben, die die sinfonisch strukturierten Instrumentalkompositionen mit klassischen rhythmischen Finessen durchzieht — bei denen sich alle Liebhaber der italienischen Prog-Tradition bestens amüsieren werden.

Die heutzutage oft übersehene Band, die vor allem für ihre Filmmusiken zu Horrorfilmen unter der Regie des kultigen italienischen Regisseurs Dario Argento bekannt ist, hat sich zum ersten Mal seit 2006, als das Album »Back to the Goblin 2005« erschien, entschieden, eine Platte aufzunehmen, die aus der glänzenden Symphonic-Prog-Rock-Tradition von »Roller« schöpft — es handelt sich also nicht um einen Filmbegleit-Soundtrack, wie es für den Großteil ihrer Werke typisch ist. Von der Besetzung, die »Roller« eingespielt hat, fehlt auf »Four of a Kind« nur Keyboard-Maestro Claudio Simonetti, sodass es kaum überrascht, zahlreiche klangliche Verwandtschaften zwischen beiden Alben zu hören.

Die Höllentore öffnen sich auf dem kataklysmischen »Uneven Times« sperrangelweit, wo wütende Gitarrensalven, satte Basslinien und geheimnisvoll klingende Passagen auf dem Mini-Moog das Sagen haben. Bestimmte Klangsegmente, in denen sich Gitarrenphrasen und Keyboardteppiche auf dramatische Weise ineinander verweben, erinnern an King Crimson — was für Goblin schon in den Siebzigern charakteristisch war. Dieses tüchtige Gefühl verstärkt noch eine witzige Saxofon-Improvisation unter der Regie des Gastes Antonio Marangolo. Die schaurige Atmosphäre setzt sich auch auf dem phantasmagorischen »In The Name of Goblin« fort, wo Gitarren-Maestro Morante mit melancholischen Variationen besonders glänzt, während vor allem Guarinis verzweigtes Keyboard-Geflecht das geheimnisvolle und bösartige Klima befeuert.

»Mousse Roll« ist ein noch farbigeres und seltsameres Experiment, bei dem einzelne Keyboard-Effekte beim Weben der schaurigen Atmosphäre an Weinen oder trauerselig ausgerichtete Vokalharmonien erinnern — obwohl das gesamte Album instrumental ausgerichtet ist. »Bon Ton« enthält etwas elektronischer gefärbte Synthesizer-Texturen und wütende Basslinien, die in Verbindung mit intelligent getimten Schlagzeugübergängen eine rhythmische Kombinatorik auf Jazz-Fusion-Basis erzeugen, während die epischen Gitarrenpassagen ein echter Leckerbissen für alle Prog-Gourmets und Gitarrenhelden-Liebhaber sind. »Kingdom«, wo traurige Synthesizer-Klänge und eine ausgeprägt melancholische Palette von Gitarrenvariationen dominieren, enthält ein geradezu ikonoklastisches Motiv, das wie geschaffen für irgendeinen Horrorfilm wäre. »Dark Blue(s)« enthält, wie der Titel schon verrät, eine sinnliche Blues-Improvisation auf der Gitarre sowie massive Schichten von Hammond-Orgeln, wobei Morantes solistischer Ansatz diesmal deutlich an David Gilmour (Pink Floyd) oder Andy Latimer (Camel) erinnert.

»Love & Hate« gemahnt erneut an die klassischen King Crimson — wobei Mellotron-Teppiche, mathematisch getimte Taktwechsel und einzelne Gitarrenvariationen entscheidend zu diesem Eindruck beitragen, während manche pastoralen Passagen etwas an die klassischen Genesis erinnern. Nach dem düsteren Auftaktteil herrscht im weiteren Verlauf eine reine ätherisch-romantisch-nostalgische Atmosphäre, die für alle Prog-Fanatiker pures Nirwana bedeutet. Den abschließenden Triumph bildet das phänomenale »008«, das all jene unheilschwangeren Goblin-Elemente enthält, durch die sich die italienischen Meister des Dunklen schon in den Siebzigern ihren Kultstatus erarbeitet haben. Die geheimnisvolle und angespannte Stimmung, bei der man sich mühelos vorstellen kann, wie Untote ihren Gräbern entstiegen und sich auf die ’nächtliche Jagd‘ begeben, steigern allmählich kampflustige Gitarrenpassagen, gebrochene Rhythmen und witzige Keyboard-Harmonien mit einer Reihe höchst interessanter solistischer Ausbrüche.

»Four of a Kind« ist ein klassisches Goblin-Album, das das großartige »Roller«-Erbe bewahrt und weiterführt — man kann es schon jetzt bedenkenlos zu den Höhepunkten ihrer umfangreichen und turbulenten Karriere zählen. Ganze acht Jahre musste man auf ein neues Goblin-Werk warten, und das lange Warten hat sich am Ende mehr als gelohnt: Alle, die unter den diesjährigen Neuerscheinungen die Grandiosität der alten Prog-Rock-Schule jenseits unserer Westgrenze vermisst haben, werden beim Hören angenehm überrascht und mehr als zufrieden sein. Goblin bleiben also nach all diesen Jahren weiterhin kompromisslose Totengräber und eingefleischte Untertanen des Goblin-Königs und der Goblin-Königin.

Autor: Peter Podbrežnik
Bewertung: 9.0 / 10

Trackliste:
1. Uneven Times (7:32)
2. In the Name of Goblin (4:48)
3. Mousse Roll (5:07)
4. Bon Ton (4:38)
5. Kingdom (5:37)
6. Dark Blue(s) (5:05)
7. Love & Hate (5:30)
8. 008 (5:24)

Besetzung:
Massimo Morante – E- und Akustikgitarre, Bouzouki
Fabio Pignatelli – Bassgitarre, Keyboards
Maurizio Guarini – Keyboards
Agostino Marangolo – Schlagzeug, Keyboards

GASTMUSIKER:
Antonio Marangolo – Saxofon (1)

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