Get Your Wings
Interpret: Aerosmith
Label: Columbia Records
Veröffentlichung: 1974
Get Your Wings ist das zweite Album der berühmten Handwerker aus Boston, das im Gegensatz zum lauwarm aufgenommenen Debüt zugleich einen entschlosseneren Schritt hin zu klarer gesteckten und dadurch homogener angelegten musikalischen Rahmen darstellt. Das Dokument vereint eine ganze Galerie deutlich erkennbarer Entwicklungsmomente einer aufstrebenden Band, kräftig vermischt mit der kompromisslosen Art jedes Einzelnen, der fest entschlossen ist, all seine musikalischen Qualitäten zu zeigen. Wenn wir dem Ganzen noch Tylers typische Sexologie-Lektionen hinzufügen, die unser junger Unbefriedigter wie am Fließband aus seinem froschigen Maul schüttelt, dann lauert dir beim Konsumieren von Get Your Wings ein ordentlich gereiztes Rock-’n‘-Roll-Monster auf, dessen Krallen auf deiner jungfräulich unberührten Haut garantiert bleibende Spuren hinterlassen werden. Liebhaber erotischer Schweinereien und andere Sexentusiasten finden hier also auf Schritt und Tritt etwas, um ihre „kranken“ Gelüste zu stillen. Für den glaubwürdigen Ausdruck all dieser Eigenschaften des Albums sorgt diesmal erstmals ein Herr namens Jack Douglas. Seiner Hand ist die erfolgreich diktierte Häutung der beiden Gitarristen zuzuschreiben, deren selbstbewusste Prahlerei im Vergleich zum „Aero“-Debüt fast nicht wiederzuerkennen scheint. Das gilt besonders für Perry. Auf seinem sleazy Gitarrenspiel wirst du wohl schnell ausrutschen, vor allem, wenn du zum zarteren Geschlecht gehörst. Etwas Vorsicht ist hier sicher nicht verkehrt – natürlich nur, wenn du eher schüchtern bist. Für den ganzen Rest von uns, die Liebhaber ähnlicher Perversionen, bleibt Get Your Wings eine unverzichtbare „Aero“-Stufe auf dem dornigen Weg zum Rockerhimmel.
Wo wir schon bei Perversionen sind: Einen schöneren Einstieg als den unverschämt verführerischen Opener-Blues Same Old song And Dance könntest du dir nicht wünschen. Aerosmith gelingt es hier gleich zu Beginn, genau jene Essenz einzufangen, die die Großen und Unsterblichen von den Kleinen und Vergänglichen trennt. Ich meine vor allem die eigenwillige und völlig einzigartige musikalische Form, stark inspiriert von den Spuren alter Bluesslinien, die die Herren gründlich mit ihrer ganz eigenen und, was am wichtigsten ist, unverwechselbaren Interpretation durchtränkt haben. Das strotzt obendrein auch noch vor jugendlicher Verspieltheit und schlichter, fast naiver Herzlichkeit, zweifellos zwei unverzichtbaren Zutaten jeder dreckigen Musikküche. Der Höhepunkt dieses aufregenden Einstiegs ist ein bissiges Saxophon-Solo, das alles noch mit einer gehäuften Portion Frechheit würzt. Einfach und unverschämt effektiv! Nach dieser rücksichtslosen Anmache wirkt das folgende Lord Of The Things wie ein verschreckter kleiner Junge, der sich irgendwo in der Ecke seines Zimmerchens versteckt, in dem kurz zuvor noch Ausschweifungen besonderer Sorte stattfanden. Es ist eine nette, aber auch etwas zu vorsichtige Nummer, wieder vollgestopft mit reichlich interessantem Zusammenspiel der beiden Gitarristen, die sich aber gerade wegen der erwähnten Vorsicht nirgends über das Niveau des Debüts erheben kann. Kein Wunder, denn der Song entstand eher aus Zwang als in einem spontanen kreativen Umfeld. Seinen entsprechend stellenweise nervösen Charakter wirst du als aufmerksamer Hörer sicher selbst spüren.
Eine der ungewöhnlichsten Ideen des Duos Tyler – Perry bleibt bis heute das mysteriöse Spaced, oder, wenn ich mir ein bisschen Bosheit erlauben darf, eine Art Vertonung von 2001: Odyssee im Weltraum. Tylers Vision interplanetarer Reisen wirkt angesichts all der heute bekannten Mengen berauschender Substanzen, mit denen die Jungs damals Bekanntschaft zu machen begannen, gar nicht so unklar, wie es anfangs scheint. Mehr noch. Dem Song gelingt es beim mehrmaligen Hören, so manchen seiner gut versteckten Reize zu zeigen. In ähnlich heiterer Stimmung hält uns Woman Of The World. Eine weiche Rocknummer, die in ihrer Eingängigkeit den Sturm nicht ahnen lässt, der uns ohne ein Fitzelchen Höflichkeit mit dem phänomenalen S.O.S. ( Too Bad) durchschüttelt, wo diesmal zur Abwechslung der unermüdliche Brad Whitford glänzt. Der Junge prägt mit seiner unaufhaltsamen Energie ein weiteres legendäres Aerosmith-Motiv, voll ausgelassener Blues-Rock-Rhetorik. Seinen unaufhaltsamen Marsch setzt er in Form von Train Kept A Rollin‘ fort, einem alten Yardbirds-Klassiker, der im Gegensatz zu seiner berühmteren Patin in seiner Kaltblütigkeit viel kohäsiver wirkt. Der Song besteht aus zwei sehr interessanten Teilen, einem Studio-Teil, in dem uns Brad Whitford mit seinen Kapriolen erneut verwöhnt, und einem Live-Teil, der trotz der relativen Unschuld der Band die ganze Magie und den Zauber von Aerosmith live offenbart. Als die dampfende „Aero“-Lokomotive schließlich am Endbahnhof ankommt, hinterlässt sie ein Trümmerfeld gewaltigen Ausmaßes, aus dessen Nebelschwaden langsam, aber sicher die Melancholie von Seasons Of Wither ihre Umrisse zeigt. Eine wunderschöne Ballade, geladen mit starker emotionaler Wucht, schlägt ein neues Kapitel im Heft von Tylers Lyrik auf. Es ist wohl eine der besten Balladen, die die Herren je aufgenommen haben. Das aufrichtige und melodramatische Bild, das das weiche Spiel des gesamten „Orchesters“ erzeugt, rundet in Gesellschaft des gefälligen Pandoras Box diese überzeugende Demonstration der Stärke einer der größten amerikanischen Rockbands aller Zeiten überzeugend ab und erweist sich zugleich als einmalige Ankündigung der großen Dinge, die auf den Schwingen von Get Your Wings folgten.
Besetzung
Steven Tyler: Gesang
Joe Perry: Gitarre
Brad Whitford: Gitarre
Tom Hamilton: Bass
Joey Kramer: Schlagzeug
Produktion
Jack Dougls
Tracklist
1.Same Old Song And Dance
2.Lord Of The Things
3.Spaced
4.Woman Of The World
5.Sos (Too Bad)
6.Train Kept A Rollin‘
7.Seasons Of Wither
8.Pandora’s Box
Spielzeit: 38:04