Get On Time (demo)
Künstler: Brain Connect
Label: Eigenveröffentlichung
Erscheinung: 2010
Bewertung: 4.2/5
Polnischer Progressive Rock. Sofort tauchen Namen vor unserem inneren Auge auf: S.B.B., Riverside, Czesław Niemen, Abraxas. Fakt ist, dass diese Art von Musik in Polen gerade boomt – genau wie die gesamte Musikszene, vielleicht sogar mehr denn je. Unmöglich, den ganzen Haufen neuer Prog-Bands zu verfolgen, die aus Polen kommen. Aber es lohnt sich auf jeden Fall, ab und zu einen der polnischen Newcomer im Auge zu behalten.
Brain Connect, ein experimentell-progressives Trio aus dem Süden Polens, wurde 2005 gegründet und hat bis jetzt bereits zwei Demos veröffentlicht. Dafür verantwortlich war der Einstieg von Gitarrist Michal Ziaja in die Band – nach der Aufnahme des ersten Demos. Die Entscheidung der neu formierten Band war also klar: sich in neuem Licht präsentieren. Nach drei Monaten Schwitzen im Studio (von November 2009 bis Januar 2010) erblickte das zweite Demo der polnischen Musiker das Licht der Welt – „Get On Time“.
„Get On Time“ ist ein ziemlich ambitioniertes Projekt, mit dem die Polen größere Labels angeln wollen, die sie unter ihre Fittiche nehmen. Es handelt sich um rein instrumentale Musik – symphonischen Progressive Rock mit einer gehörigen Portion Experimentierfreude, der vor allem auf epischen Höhepunkten innerhalb einer träumerischen Atmosphäre basiert, die durch schnelle Rhythmuswechsel sowie Schlagzeug- und Gitarrensoli erreicht wird.
Das dreiteilige Stück „Bullet“ (Part I, II, III) ist genau so ein Fall. Der erste Teil erschafft eine verträumte Klanglandschaft, die vor allem Marcin Szlachta mit seinen Keyboards aufbaut – deren potenzielle Monotonie Michal Ziaja mit gelegentlichen Licks unterbricht. Dennoch ist diese Atmosphäre irgendwie bedrohlich und auf einen plötzlichen Umbruch vorbereitet. Der zweite Teil ist jener epische Höhepunkt, den sie durch Steigerung von Rhythmus und Lautstärke sowie den Einstieg von Przemyslaw Calus am Schlagzeug so harmonisch erreichen. Ziaja stiehlt uns komplett die Show – der gesamte zweite Teil liegt in seinen Händen. Der dritte Teil führt das Stück wieder zurück zum Anfang, in jene Verträumtheit der Keyboard-Effekte und gitarristischen Jazz-Einlagen, und trotz des weiterhin laufenden Schlagzeugs ist der Effekt der Ruhe nicht weniger stark – bis zum letzten Höhepunkt des Stücks, wo der zweite Teil irgendwie widerhallt, nur noch etwas kraftvoller, da das Trio in einen melodischen Hard-Rock-Ansatz verfällt, der gleichzeitig auch der letzte Schlag des Songs ist.
„The Art Of Flying“ ist schon etwas weniger vorhersehbar, mit deutlich mehr Elementen anderer Genres als „Bullet“. Obwohl es zunächst den Trend des Endes des dritten Teils von „Bullet“ weiterführt, fällt es bald in eine symphonischere Progressive-Rock-Melodie, die sich dann in ein bluesy Gitarrenklimpern mit leichter Schlagzeugbegleitung und Bass im Hintergrund verwandelt. Der extrem experimentelle Intro mündet in ein Solo, das anfangs eher Verträumtheit als Epik ausstrahlt – der Gipfel wird aber bald durch die Virtuosität und die flinken Finger aller Musiker erreicht. „The Art Of Flying“ beendet seinen Flug mit einem abrupten Absturz.
Wenn das Trio die sanfte Seite des Progressive Rock und die ganzen verträumten Keyboard-Melodien satt hat, aber gleichzeitig die Hard-Rock-Melodiösität und das Experimentieren beibehalten will, entsteht „Compression“. Das Stück, auf dem jeder der drei Virtuosen voll zum Zug kommt, steckt voller Emotionen – es hat alles: Geschwindigkeit, Lautstärke, verzerrte Riffs, cleane Soli, alles, was jeder Melodic-Hard-Rock-Fan am meisten schätzt – mit einem Tick mehr Originalität und Experimentierfreude, vor allem durch Instrumenteneffekte und das interessante Einweben von Keyboard-Arrangements über dem Gitarrensolo.
Nach dem Reinhören sind unsere Gehirne definitiv connected. Verbunden mit der Welt fantastischer Musik, die solche Bands wie Brain Connect erschaffen. Dreißig Minuten Genuss in dieser Welt, die so weit von unserer entfernt scheint und doch so vertraut ist, dass man sich sofort in sie verliebt und nicht mehr raus will. Die zweite – und womöglich noch bessere – Alternative ist ein Trip nach Polen und Brain Connect live zu erleben.
Die etablierten polnischen Prog-Größen haben damit einen weiteren „Comrade“ bekommen, der mit seinem Experimentieren eine Brücke zu etwas härterem Rock schlägt. Nach zwei Demos wird es langsam Zeit, dass ein Label auf sie aufmerksam wird – nach dem neuen Demo (das die Polen übrigens völlig kostenlos zum Download auf ihrer Website anbieten) wäre es doch gelacht, wenn nicht mindestens ein halbes Dutzend Angebote auf dem Tisch lägen.
Besetzung
Marcin Szlachta – Keyboards, Bassgitarre
Michal Ziaja – E-Gitarre
Przemyslaw Calus – Schlagzeug
Produktion
Brain Connect
Trackliste
1. Bullet (Part I) (3:43)
2. Bullet (Part II) (7:29)
3. Bullet (Part III) (4:14)
4. The Art Of Flying (6:44)
5. Compression (6:26)