George Michael – triumphale Rückkehr
Autor: Jernej Vene
Ort: München/Deutschland
Konzertdatum: 28.10.2006
Besucherzahl: 14
Ticketpreis: 62,00€ – 90,00€
Als im Frühling bekannt wurde, dass der unberechenbare George Michael nach fünfzehn Jahren wieder auf Tour geht, habe ich insgeheim gehofft, dass er auch in unsere Gegend kommt. Nicht, dass ich ihn rauf und runter hören würde oder ohne seine Musik nicht leben könnte, im Gegenteil: In den letzten zehn Jahren nimmt er so selten neue Musik auf, dass er sich echt ins Zeug legen muss, wenn er mich überzeugen will. Das letzte Album Patience (2004) ist pedantisch ausgefeilter Soulpop mit Balladen, und ein paar Songs darauf sind etwas zu lang geraten. Er könnte sie ohne schlechtes Gewissen um eine gute Minute kürzen, und ich hätte nichts dagegen. Auf seinem Konzert ist das eine ganz andere Geschichte. Wenn du mich fragst, hätte es gern eine gute Stunde länger gehen dürfen. Erst mal musst du wissen, dass seine Verehrerinnen und „Verehrer“ lange auf ihn gewartet haben, die Tickets waren blitzschnell ausverkauft. Auch für das Münchner Konzert am Sonntag musste ein zweites am Montag nachgeschoben werden. Kurz vor halb neun war es dann so weit: Der Herr in den besten Jahren betrat die Bühne, und die randvolle Halle fraß ihm buchstäblich aus der Hand. George Michael spazierte ziemlich geschickt durch die Hits der letzten dreizehn Jahre. Das überwiegend weibliche Publikum (Männer, die nicht als Begleitung oder Fahrer dabei waren, waren stark in der Minderheit) schwamm auf Wellen aus Gefühl und Begeisterung. Zwischen die schnellen Tanznummern streute Michael inbrünstige Balladen und pustete der gerührten Halle ins Seelenleben, denn er weiß genau, wie das Geschäft läuft. Die Tickets sind in den letzten Jahren, seit Westeuropa den Euro eingeführt hat, ziemlich gesalzen, eigentlich auch alles andere rund um Konzertveranstaltungen. Merchandise, also der Verkauf von Souvenirs rund um die Künstler (T-Shirts, Kappen, Feuerzeuge, Schlüsselanhänger, Tassen, Tourbuch usw.), blüht wie nie zuvor. Der Plattenverkauf sinkt, Songs werden im Netz verkauft (und geklaut). Die Produktion einer so großen Tour wie der von Michael ist aber extrem teuer. George Michael hat sich eine megalomane Bühne ausgedacht, deren zentraler Teil eine Projektionsfläche ist, die vom vorderen Bühnenrand bis unter die Hallendecke reicht. Das ist der Hauptbildschirm für die Projektionen, und Michael und seine Backgroundsänger laufen auch darauf herum. Neben dem zentralen gibt es noch zwei seitliche Screens. Bei den bunten Farbkombinationen, die jeden Song begleiten, stockte dem Publikum der Atem. Visuell ist Michaels Konzert ein Fest für die Augen, und was den Einfallsreichtum angeht, übertrifft ihn kaum einer der Großen. Auch musikalisch war es perfekt. George Michael hat im Alltag so manchen Mist erlebt, meistens durch eigene Schuld. Auch für die Rückkehr auf die Bühnen musste er wohl eine Menge Mut und Kraft zusammennehmen. Er singt mühelos, hat seine Stimme bis ins letzte Detail im Griff, und das in jedem Moment des Abends. Besonders gesprächig war er zwar nicht, ein paar Mal fragte er, wie es uns geht und ob wir Lust auf Tanzen haben. Bei den Balladen saß er auf einem Barhocker, am gefühlvollsten sang er vielleicht die Coverversion von The first time ever I saw your face von Roberta Flack, vom Album Songs from the last century (1999). Am meisten hat mich die Idee begeistert, wo er seine Begleitmusiker platziert hat, und das waren immerhin fünfzehn. George Michael hatte sie auf beiden Seiten des großen Screens, und zwar gleich auf drei Etagen, was der imposanten Bühne noch mehr magische Ladung verlieh. Die meisten Musiker sind dunkelhäutig, erprobte Hasen und Häsinnen der britischen Soul- und Acid-Jazz-Szene. Für vollen Sound sorgten gleich drei Gitarristen, darunter Studio-Ass Phil Palmer, der vom Podest herunterstieg und bei Faith ein Solo rausballerte. Ja, die kam als erster Song nach der zwanzigminütigen Pause, was mir nicht so ganz in den Kram passte, schließlich ist die Truppe nicht so alt wie die Eagles oder wer sonst noch mitten im Konzert eine Verschnaufpause einlegt. Na gut. Der letzte Song vor der Pause war das musikalisch etwas öde Shoot The Dog, vor dem er die Leute fragte, was wir vom amerikanischen Präsidenten Bush halten. Ohne unsere Reaktion abzuwarten, drehte er den Daumen der rechten Hand nach unten und zeigte damit klar, was er von ihm hält. Die Halle stimmte ihm zu, und während des Songs blies sich auf der Bühne eine karikierte Bush-Puppe auf, später noch ein britischer Kollege in Gestalt eines Hundes, der sich in einer etwas misslichen Lage wiederfand. In den letzten Jahren habe ich auf Konzerten in Europa schon einiges an Kritik an der amerikanischen Politik gesehen, aber so direkt noch nicht. Wie wir wissen, hatte George Michael auch mit dem Video zu diesem Song jede Menge Ärger, weil es zu direkt war. Die Besucher sangen die meisten Songs mit ihm mit, sodass er ihnen oft die Refrains überließ, meiner Meinung nach aber genau dann, wenn die höchsten Töne der Songs dran waren. Vielleicht irre ich mich auch, fest steht aber, dass ich schon lange kein so perfektes Musizieren und keine so vollkommene Verschmelzung von Hauptfigur und einem Meer aus Fans gesehen habe. Hätte Michael anstelle der Pause noch ein paar weitere Hits aus seiner reichen Schatzkiste gespielt, wäre euer Berichterstatter noch zufriedener gewesen. Vielleicht hätte er mit einer der Backgroundsängerinnen (zum Beispiel mit Lucy Jules) ein Duett singen können, die bieten sich ja geradezu an. Dann eben beim nächsten Mal! Zum Schluss noch ein Dank an Concert Freak für den prompten Transport hin und zurück.
Setlist
1. Waiting (reprise)
2. Flawless
3. Fast Love
4. Father Figure
5. Everything She Wants
6. The First Time Ever I Saw Your Face
7. Praying for Time
8. Too Funky
9. You Have Been Loved
10. Star People
11. My Mother Had a Brother
12. Shoot the Dog
—Pause (20 Minuten)—
13. Faith
14. Spinning the Wheel
15. Jesus to a Child
16. Amazing
17. I’m Your Man
18. Outside
—Zugabe—
19. Careless Whisper
20. Freedom ’90
Besetzung:
George Michael – Gesang
Phil Palmer – Gitarre
Graham Kearns – Gitarre
Mike Brown – Gitarre
Luke Smith – Keyboards
Andy Hamilton – Keyboards
Steve Walters – Bass
Danny Cummings – Schlagzeug, Percussion
Carols Hercules – Schlagzeug, Percussion
Shirley Lewis – Backing Vocals
Jay Henrey – Backing Vocals
Lincoln Jean -Marie- Backing Vocals
Lori Perry – Backing Vocals
Sharon Perry – Backing Vocals
Lucy Jules – Backing Vocals