Genetic (EP)
Künstler: Divine Illusion
Label: Eigenveröffentlichung
Veröffentlichung: 2010
Laufzeit: 27:43
Wertung: 4/5
Das EP „Genetic“ ist das grundlegende Werk der symphonischen Power-Metal-Band Divine Illusion aus Postojna! Damit haben sie genau jene Position eingenommen, um die sich Heat von der Küste noch vor etwa zwei Jahren vielversprechend mit ihren überaus ermutigenden Demo-Aufnahmen bemüht haben. Und nicht nur das. Divine Illusion haben in diesem Genre-Feld mit „Genetic“ die Vorherrschaft in Slowenien übernommen und damit alle Bands überholt, die in diese Richtung getreten haben. Das ist Fakt. Denn eine Band wie Divine Illusion hatte Slowenien schlicht noch nie. Und auch nicht mit einem Manifest wie dieser CD. Natürlich bringen Divine Illusion mit „Genetic“ keine Revolution auf die weltweite Musiklandkarte. Das Auftauchen dieser Band jedoch ist für den slowenischen Raum ein außerordentlicher Gewinn. Sie trägt nämlich das Gewicht, das der Band die Türen für einen Vorstoß auf europäische Bühnen öffnen kann. Auf jene, die sich unter dem gemeinsamen Nenner vereinen, den die heutige Reichweite des symphonisch-epischen Power Metals versteht.
Die Band pflegt Melodien von episch-bombastischer Verführungskraft, den Grundlagen des Power Metals verpflichtet, die den klassischen Kompositionshebeln folgen. Es ist also nicht schwer zu erraten, dass neben dem Power Metal, den Divine Illusion pflegen, in jedem Moment auch ein symphonisches Orchester mitspielen könnte. Orchester? Keine Angst. Die Abwesenheit des Orchesters lösen die bewegten und einfallsreichen Keyboards mit gelungenen Arrangements, die das Klangbild füllen und die Dimensionen des Klangspektrums der Produktion selbst erweitern.
Fans skandinavischer Power-Metal-Bands wie Stratovarius und Sonata Arctica (achtet besonders auf das feurige Kreuzfeuer-Solieren von Gitarren und Keyboards) – ihr werdet euch in Songs wie z. B. Promised Land sofort selbst wiederfinden. Divine Illusion betonen das Riffing dabei noch zusätzlich. Die Riffs klingen wärmer, voller und aggressiver (viel „Palm Muting“-Riffing), als es die Anleihen beider finnischen Bands erwarten lassen. Auch einige Ähnlichkeiten mit Bands wie Kamelot sind nicht schwer zu finden, vor allem wegen der komplexer strukturierten und verzweigten Arrangements. In den ausgewählten, eindimensionalen und in der Produktion nach vorne geschobenen rollenden Rhythmen, angeführt von der doppelten Bassdrum-Pedale, begegnet man Griffen, die für Bands vom Kaliber Rhapsody (of Fire) typisch sind, sowie den Errungenschaften des deutschen Power Metals à la Gamma Ray oder den frühen Edguy.
Der Gesang ist autoritär, befehlend, selbstbewusst, explosiv, klar und hochgradig melodisch. Mit seiner Reichweite überträgt er mühelos Kraft in jeder Lage bzw. gleitet problemlos von Register zu Register. Mit dem Gesang erreicht er eine enorme Belebung der Songs und befruchtet deren melodische Reichweite. Eine kompatible Klangfarbe, nah an den Möglichkeiten der Sänger typischer italienischer Bands dieses Genres oder dem Gesang von Tobias Sammet (Edguy). Allen, die den Gesang von Bruce Dickinson (Iron Maiden) kennen, bietet das ebenfalls einen guten Orientierungspunkt, um leichter zu verstehen, wovon hier die Rede ist. Vielleicht noch etwas mehr Aufmerksamkeit bei der richtigen Betonung der englischen Verse in einzelnen Songabschnitten, und in Zukunft ist die Sache in jeder Hinsicht zu 100% perfekt umgesetzt!
Die Soli übernehmen die skandinavische Schule des ultraschnellen und leichtfüßigen Rasens am Gitarrenhals, völlig dem Wesen des neoklassizistischen Ansatzes untergeordnet. Selbst Yngwie J. Malmsteen würde die Ohren spitzen.
Divine Illusion sind keine typischen „Hau-drauf“-Power-Metaller, die sich mit trivialen Motiven zufriedengeben würden. Ihre Leitmotive beleben sie mehrfach durch häufige Tempowechsel und Wechsel der Leitmelodien. Die Gefahr trivialer Vorhersehbarkeit und Repetition sanieren sie auch dadurch, dass in einer bestimmten Position der Struktur der Leitmotive verschiedene Instrumente die führende Rolle übernehmen (übergehende Gitarren- oder Keyboard-Verzierungen). Das tun sie mit einem feinen Gespür für die Beibehaltung des roten Fadens und der hohen Hörbarkeit. Gleichzeitig erreichen diese Kontraste, bei einer überaus vorbildlichen Produktion (Hand aufs Herz man kann lediglich etwas mehr tiefe Basstonalitäten vermissen), den wahren Effekt einer dramatischen Theateratmosphäre (hervorragender düsterer Einleitungsteil an den Keyboards The Moment Before… und die Fortsetzung in Clarity Of Mind), die das EP durch die gesamte Spielzeit lebendig pulsieren lässt. Eine solch hohe Bewegtheit der Song-Struktur nähert sich, bei klar demonstrierter hoher virtuoser Würze der einzelnen musikalischen Bausteine, gelegentlich auch der Vibration von Progressive-Metal-Bands wie Symphony X oder Angra. Vielschichtiges Komponieren im Sinne des Erreichens einer Balance zwischen den Instrumenten und dem zentral platzierten Gesang ist der Schlüssel, den Divine Illusion verstehen und beherrschen.
Divine Illusion ist eine Band mit klarem Fokus! Nicht nur im musikalischen Sinne, sondern auch generell. Das Booklet des EPs ist ausgesprochen schön gestaltet. Das schließt auch das Cover sowie das Logo der Band ein. Das Cover ist insgesamt schlicht beneidenswert. Das Motiv ist eindringlich und tief aussagekräftig, gleichzeitig ist das Motiv so verarbeitet, dass von einem computergenerierten „Schnellschuss“ keine Rede sein kann, sondern dass man beim Anblick zusammenzuckt, da man sich nicht ganz sicher ist, was man musikalisch vom EP erwarten kann. Ein gelungener Schachzug, denn so zieht das EP noch mehr mit der Frage an, was sein Inhalt verbirgt.
Man kann sagen, dass Divine Illusion mit ihrem Auftritt und dem EP „Genetic“ jenes fehlende Glied auf der slowenischen Metal-Szene ausfüllen, auf das wir mehr als zehn Jahre nach dem weltweiten „Revival“ des melodischen Prinzips im Heavy Metal gewartet haben. Angesichts der Tatsache, dass das Interesse in Slowenien derzeit zwar auf extremere Metal-Formen gerichtet ist, insbesondere Technical Death und Thrash Metal, bringt „Genetic“ gleichzeitig einen neuen Lichtstrahl, der eine mögliche kurzfristige Umkehrung dieses Zyklus ankündigt. Willkommen also auf der Szene, Jungs! Mit einem solch reifen Ansatz öffnet ihr euch gleich zu Beginn die Tür für eine Landung unter der Ägide eines gut aufgestellten ausländischen Labels, das sich um die Beibehaltung melodischer Ansätze im Königreich des Heavy-Metal-Genres kümmert! „Genetic“ ist also ein solider grundlegender Schritt, zielsicher in die richtige Richtung, der beweist, dass Divine Illusion eine Band ist, die sich auf natürliche Weise, unabhängig und eigenständig entwickelt. Auf Basis dieser Tatsachen können wir gespannt auf die Veröffentlichung des ersten echten Studiodebüts der Band warten!
Besetzung
Simon Simčič – Gesang
Borut Radivojevič – Gitarre
Peter Smrdel – Keyboards
Martin Valič – Bass-Gitarre
Dejan Šantelj – Schlagzeug
Produktion
Divine Illusion
Trackliste
1. The Moment Before…
2. Clarity Of Mind
3. Gray
4. Genetic
5. Promised Land
6. Words In Motion: Part I.
7. Words In Motion: Part II.