Gazorpazorp: Od vazduha i sunca (EP)

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Label: Moonlee Records
Erscheinungsdatum: 4. 12. 2020
Produktion: Uroš Milkić (Koproduzenten: Nikola Mijušković & Boško Mijušković)
Länge der EP: 17.15 min
Genre: Alternative Rock / Noise Rock / Stoner Rock / Post Punk
Wertung: 8.5/10


Gazorpazorp? Wessen Werk soll das denn sein? Nun, das ist jener fiktive Planet im Sternbild Andromeda, der unter anderem von weiblichen Fortpflanzungsrobotern bevölkert wird, auf dem eine gesellschaftliche Ordnung des absoluten Matriarchats errichtet wurde, in der die Gazorpianerinnen die Gazorpianer vollständig unterworfen und aus der neu geschaffenen Gesellschaftsordnung verdrängt haben. Im Ernst – das ist eine dystopische Welt, die mindestens nach einer Verfilmung verlangt, die das Niveau der Fantasiewelten eines Devin Townsend erreicht.

Gazorpazorp ist aber nicht nur ein Planet aus dem amerikanischen Science-Fiction-Animationsfilm (für Erwachsene) »Rick And Morty«, sondern auch serbische Alternative-Rocker aus Belgrad. Die Band ist seit fünf Jahren aktiv und hat letzten Dezember ihre zweite EP rausgebracht. Beim slowenischen Independent-Label Moonlee Records. Mit dem Titel »Od vazduha i sunca«.

Wieder eine ganz eigene Geschichte, die ihr Erbe aus dem reichen Alternative-Rock-Puls der Balkanhalbinsel schöpft und dabei stets eine ganz besondere Energie ausstrahlt. Die zweite EP der Band setzt vollständig auf die Muttersprache, also auf Serbisch. Ein Element, das fast immer den Ausschlag gibt, wenn es darum geht, die eigene musikalische Ausdrucksidentität zu formen und erkennbar zu machen. Das gilt für alle neu entstandenen »Stammesgemeinschaften«, die einst auf dem Boden des gemeinsamen jugoslawischen Staates zusammenlebten. Gazorpazorp ist eine weitere Band, die typischerweise im Schmelztiegel der reichen, vielfältigen und völlig einzigartigen Alternative-Rock-Division zusammengebraut wurde, wie man sie nur in dem eben genannten geografischen Ursprung findet.

Zunächst muss betont werden, dass Gazorpazorp exzellente Musiker sind und die Kreation von Alternative-Rock-Inhalten mit ausgeprägtem Pragmatismus und hochgradig intelligenter Flexibilität bei der Wahl bestimmter Lösungen im Arrangement der fünf Tracks dieser EP angehen. Zwar ist der Ausdruck der Band direkt, einfach, elementar, bisweilen sogar rudimentär – doch die Jungs finden sich außerordentlich geschickt darin, Phrasen und Übergänge  auszuschmücken, und das mit perfekten Minimalismus-Tricks, die den Songs dennoch enorm viel Substanz verleihen. Sei es durch explosive und bestens gewürzte Schlagzeugübergänge, sei es durch einen einzigen, unterschwellig eingeschobenen Ton auf den Keyboards am Ausklang des Eröffnungstracks Ne bojim se – ganz zu schweigen von den raffiniert angesetzten Verzierungen im Gitarrenspiel, das auch vor gezielt eingesetzten Dissonanzmanövern nicht zurückschreckt.  

Der Opener Ne bojim se wirkt entgegen seinem Titel eher paranoid und misstrauisch, wenn er sich durch den durchdringend arroganten Punk-Rock-Krach beißt. Gleichzeitig unterstreicht er das Kernstreben der Band nach konkreter Musikalität, die sich zwar im Rahmen eines vorhersehbaren Akkordspiels bewegt – doch in diesem Schema passiert eine Menge, das bestätigt, dass man es hier mit einer Gruppe von Musikern zu tun hat, die nicht nur ihr kreatives Ziel genau kennen, sondern obendrein exzellente Instrumentalisten sind. Vratimo nežnost u grad ist ein Stück, das vor allem im ersten Teil etwas von der Vibration der Achtziger aufgreift, als der Alternative Rock auf dem Boden des ehemaligen gemeinsamen Staates von der damals kommerziell populären Welle der Post-Punk-Bands angesteckt wurde.   

Die Klanglandschaft ist geschickt ausgefüllt. Die Band entwickelt mitunter eine dichte Soundkulisse aus borstig-lawinenhaften Gitarren, die sich gern bis in die Weiten eines heulenden Noise-Krachs ausweitet. Dieses Klangmantra malen vor allem die Stücke Tango, das an den Übergängen geschickt mit explosiven Snare-Rolls durchsiebt wird, sowie El Matador, das besonders durch die äußerst raffinierte Fusion von Ansätzen eines Flamenco-Melos in das ansonsten garagig-punkige Geknatter begeistert. Das instrumentale Outro könnte eine hervorragende Grundlage für die Abgangsmusik irgendeines Balkan-Westerns mit dramatischem Ende sein. Genau dieses Stück unterstreicht, dass Gazorpazorp auf instrumentaler Ebene ein außerordentlich starkes Kollektiv sind. Der Track entwickelt sich nämlich kontinuierlich und wogt in seiner Atmosphäre auf und ab, während die Steigerung des theatralischen Dramas durch die Transformation mehrerer aufeinanderfolgender Leitmotive innerhalb des Stücks aufrechterhalten wird.

Die zweite EP beweist, dass Gazorpazorp noch ein Stück gereifter sind und ein noch ausgefeilteres Arrangierniveau bieten, vor allem was die Vielfalt der neuen Eigenkompositionen betrifft. Angesichts des künstlerischen Ansatzes eröffnet dieser Zugang zum Alternative Rock viele Entwicklungsmöglichkeiten. Klar ist: Gazorpazorp sind – selbst wenn man allein den Inhalt der EP »Od vazduha i sunca« als Maßstab nimmt – echte Originale und verdienen schon allein deshalb auch in Zukunft viel Aufmerksamkeit. Die Substanz dieser EP legt nahe, dass die Band auch künftig noch die eine oder andere angenehme Überraschung bereithalten wird.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Ne bojim se (03:19)
2. Vratimo nežnost u grad (03:22)
3. Tango (03:16)
4. El Matador (02:46)
5. Outro (04:22)

Besetzung:
Jasmin Rastić – Gitarre, Gesang
Damjan Nedelkov – Gitarre
Miloš Đerković – Bassgitarre
Nikola Bajčetić – Schlagzeug


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