Fühlt, was Gotthard fühlen! (2014)
Autor: Urban Bolta
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Gasometer / Wien / Österreich
Konzertdatum: 14.11.2014
Besucherzahl: 3600
Kartenpreis: 41,50€
Es wäre schwer, in der Welt des Hard Rock der letzten zwanzig Jahre einen größeren Namen zu finden, den ein tragischer Unfall so sehr geprägt hätte wie die Schweizer Gotthard. Nach dem Tod von Sänger Steve Lee vor vier Jahren entschieden sie sich für den pragmatischen Schritt, gemeinsam weiterzumachen — und stießen dabei auf nicht wenig skeptische Kritik. Mit dem Comeback-Album »Firebirth« gelang ihnen eine Mission Impossible, und das zweite Studioalbum seit dem Neustart der Band »Bang« (Rezension hier) sowie die unermüdliche Konzerttätigkeit beweisen, dass Gotthard auch in der neuen Ära den vor zwei Jahrzehnten eingeschlagenen Weg vollkommen glaubwürdig weitergehen. Wer daran zweifelt und sich noch immer mit beiden Händen an der alten Gotthard-Ära festhält, tut sich selbst keinen Gefallen!
Im Rahmen ihrer Herbsttournee durch den alten Kontinent machten Gotthard für uns am nächsten Halt in Wien. Gotthard kämpfen mit einer höchst ungleichmäßig verteilten Popularität — in Spanien oder Deutschland füllen sie problemlos die größten Hallen, während sie in einigen anderen Ländern kaum mehr als eine anonyme Clubband sind. Südlich von Wien (Ausnahme: Norditalien) werden wir sie daher nur schwer abfangen. Richtung österreichische Hauptstadt brach das Rockline-Team schon früh am Nachmittag auf, denn im Backstage des Gasometers wartete noch eine angenehme Pflicht auf uns: ein Interview mit Gitarrist Freddy Scherer. Im entspannten Gespräch verweilten wir knapp eine halbe Stunde, danach wurde die Kehle in einer der nahe gelegenen Pizzerien benetzt — und schon war es Zeit für die Eröffnung des Konzertabends.
Österreicher gelten als Publikum mit halbwegs eigenartigem Geschmack und eigenwilligen Gewohnheiten. Den schönsten Beweis dafür liefern die zahlreichen Massenfestival-Events eines genreübergreifenden Einheitsbrei-Angebots sowie eine Handvoll deutschsprachiger Künstler, die nur sie selbst verstehen und unterstützen. Ein Kind der österreichischen Rockschule ist auch die Gruppe Ruben Dimitri, der die Ehre zuteilwurde, den Vorband-Slot vor Gotthard zu füllen. Ein eingespieltes Kollektiv mit anständiger Bühnenpräsenz — kein Wunder, haben sie doch letzten Sommer bereits auf großen kontinentaleuropäischen Festivals wie dem ungarischen Sziget gespielt. Ruben Dimitri setzen auf eine Verflechtung wuchtiger Hard-Rock-Rhythmen und eher langsam rollender, düstererer Riffs, weshalb ihnen auch das Flirten mit dem Rocktrend der Neunziger nicht fremd ist. Frontmann Ruben Gludovacz (erinnert aus der Ferne an Chris Cornell) pflegt das Publikum im Bemühen um Gefallen sorgfältig mit Ansagen, doch die technisch solide Vorstellung verschwand mangels eigener Identität schon kurz nach dem Abgang der Österreicher von der Bühne aus dem Gedächtnis.
Der Beginn des Auftritts der Schweizer Gotthard enthüllte eine ansprechende Bühnenkulisse voller Lichteffekte und einer Cadillac-Kühlerhaube in der Bühnenmitte (dem Cover des aktuellen Albums »Bang!« entnommen), über der das Schlagzeug von Hena Habegger thronte. Komplettiert wurde die Besetzung von den Gitarristen Leo Leoni und Freddy Scherer, Bassist Marc Lynn, Sänger Nic Maeder sowie Tourmusiker Nicolo Fragile an den Keyboards.
Im Mittelpunkt der Scheinwerfer verbrachte am meisten Zeit der Australier mit Schweizer Wurzeln Nic Maeder, über dem trotz seiner natürlichen Begabung und allem Einsatz sein ganzes Leben lang der wenig dankbare Schatten des zweiten Gotthard-Vokals liegen wird. Die Ähnlichkeit seiner Stimmfarbe mit Lees war vor allem bei den langsameren und intimeren Songs offensichtlich, wie etwa bei The Call und Heaven. Der Mann passt charakterlich gut zum Image und Auftreten der Band, wenngleich der Hauch des Ruhms an seiner Erscheinung durchaus abzulesen ist: In den letzten Jahren wächst die Zahl der Tattoos rasant, und auch sein Haupthaar hat schon Bekanntschaft mit Peroxid gemacht. Aber entscheidend sind seine Vokalform und sein entspannter Bühnenauftritt. Mit Maeder haben Gotthard die Nadel im Heuhaufen gefunden — die Fans haben ihn trotz anfänglicher Zweifel als einen der ihren akzeptiert, weshalb man sich um die Zukunft der Schweizer Rocker keine Sorgen machen muss.
Den wuchtigen Einstieg mit starker Gitarrenthematik der Songs Get Up ’n‘ Move On, Sister Moon und Right On würzten Gotthard in der Konzertmitte mit einem Trio balladeskerer Nummern, die in erster Linie an das zartere Geschlecht gerichtet waren. Der Romantikstrauß mit The Call, Heaven und Remember It’s Me sorgte für so manige Umarmung vor der Bühne, bevor die Atmosphäre mit einer Showeinlage im Stil von Iggy Pops The Stooges auf den Kopf gestellt wurde. Für die Darbietung der ersten Single des aktuellen Albums Starlight wurden singende Besucher auf die Bühne eingeladen, und der Song wurde mit einem Dutzend oder zwei singender Mädchen rund um die Band gespielt. Besonders sympathisch war ein Vater, der mitsang und das in vollen Zügen genoss, während seine beiden niedlichen Söhne auf der großen Bühne etwas verloren wirkten. Dem Jüngeren von ihnen hängte Leo Leoni am Ende des Songs eine Gitarre um den Hals und feuerte den verwirrten Kleinen unter dem Jubel des vollen Hauses an. Mama wäre stolz gewesen!
Anschließend wechselten Gotthard zur Akustik, dem treuen Begleiter ihrer Konzerte, und spielten The Train, C’est La Vie und One Life, One Soul — wobei sich bei so manchem die Erinnerung an den verstorbenen Steve einschlich. Die Minuten vergingen wie im Flug, und die Schweizer zeigten nicht den Hauch von Müdigkeit! Bei Mountain Mama griff der stets lächelnde Bandleader Leoni zu ihrem beliebten Klangzusatz, der »Talkbox«, die in der Rockwelt durch Bands wie Eagles, Aerosmith und Bon Jovi populär gemacht wurde. Das zeitlose Hush weckte das österreichische Publikum zusätzlich auf — wenngleich die Konzentmosphäre des konzertmäßig eher schläfrigen österreichischen Publikums nicht mit dem brodelnden Kessel balkanischer oder mediterraner Spielstätten vergleichbar ist —, bevor die Gier des Rock-Riffs mit Lift U Up am Ende des regulären Teils das Beste bot, was Gotthard zu bieten haben! Die totale Hingabe ans Publikum machte erneut ihren Eindruck, als die Schweizer nach dem stets willkommenen Anytime Anywhere (»Lipservice«, 2005) eine Ausnahme machten und das Konzert ungeplant mit einem Bob-Dylan-Cover, The Mighty Quinn, deutlich über zwei Stunden hinausstreckten. Österreich ist für Gotthard noch kein vollständig eroberter Markt — da hatten Kalkulationen keinen Platz! Ein eingespielter und professioneller Auftritt, dem es obendrein mit leichter Hand gelang, die Routine zu überspielen, an die jede Band mit Tourkilometern früher oder später stößt.
Der Wiener Gasometer war Zeuge einer makellosen Präsentation jener Formel, die Gotthard in einem Vierteljahrhundert ihres Bestehens zu einer der beliebtesten (jüngeren) Bands gemacht hat — wenn man natürlich vom klassisch ausgerichteten Rock spricht. Der Puls des Freitagabends wird so schnell nicht vergessen sein, die Frage ist nur, ob wir Gotthard nach dem schwach besuchten Konzert in der Ljubljaner Cvetličarna im Jahr 2005 noch einmal auf heimischem Boden erleben werden.
Setlist
1. Let Me in Katie (intro)
2. Bang!
3. Get Up ’n‘ Move On
4. Sister Moon
5. Right On
6. Master of Illusion
7. Fist in Your Face
8. Feel What I Feel
9. The Call
10. Heaven
11. Remember It’s Me
12. What You Get
13. Starlight
14. The Train
15. C’est La Vie
16. One Life, One Soul
17. Mountain Mama
18. Hush
19. Lift U Up
—Zugabe I.—
20. Thank You
21. Anytime Anywhere
—Zugabe II.—
23. Mighty Quinn
Bildergalerie

















































