Bang!
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Gotthard
Label: G Records
Erscheinung: 2014
Laufzeit: 63:05
Wertung: 4/5
Vier Jahre sind seit der Tragödie vergangen, als der einzigartige Steve Lee bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückte. »Firebirth« – das erste Album der Band mit dem neuen Sänger Nic Maeder – hat die Zweifler zumindest teilweise beruhigt, die befürchtet hatten, dass die Zukunft von Gotthard ohne Lee am Mikrofon besiegelt sei. Gotthard haben sich mit einem neuen, sehr, sehr respektablen Werk aus der Affäre gezogen.
War »Firebirth« noch einen Tick vorsichtig, bricht »Bang!« auf allen Fronten des reinblütigen Hard-Rock-Dossiers vollständig aus und verschmilzt das neue Gotthard weit stärker mit der Steve-Lee-Ära als »Firebirth«. Nic Maeder zeigt seine Hingabe an die Band, und seine Interpretation klingt noch selbstbewusster und absolut unbelastet. Der Mann ist mit vollem Anlauf reingegangen! Leider wird er sich damit abfinden müssen, dass er stets im Schatten der grandiosen und einzigartigen Stimmcharisma des unvergleichlichen Steven Lee stehen wird – trotz allem wird aber immer klarer, dass Nic Maeder genau das ist, was Gotthard nach dem Drama von 2010 brauchten, um ihre Haut zu retten. Maeder kommt dem Stimmklang und dem Ansatz von Steve Lee sehr nahe. Diesmal aber fügt Maeder an bestimmten Stellen der Album-Songs deutlich mehr von seiner eigenen vokalen Charakteristik hinzu, was besonders in den ruhigen Passagen zum Tragen kommt, in denen ein flexibler, weicher und feinfühliger Gesangsansatz gefragt ist. Maeder ist nämlich ein ausgezeichneter Vokalist.
Diesmal servieren Gotthard eine besonders lebendige Klangproduktion. Die Basslinien sind deutlich betont – darauf macht gleich der einleitende Titeltrack aufmerksam, der mit einem satten Snare-Trab einen marschartigen Pomp einfängt, der sich irgendwo ab dem Album »Lipservice« immer stärker in die Klangsprache der Band hineingefressen hat. Vielleicht liegt das daran, dass Gotthard für das finale Mastering und den Mix wieder ihren alten Freund, den Niederländer Ronald Prent, zu Hilfe gerufen haben, der den Sound der Alben »Lipservice« und »Domino Effect« geprägt hat. Zudem ist »Bang!« spürbar blues-lastig, was für »Firebirth« nicht typisch war. Daher auch das Gesamtgefühl, dass das neue Album den Gotthard-Werken der Steve-Lee-Ära näher ist als Maeders erstes Album für Gotthard namens »Firebirth«. Die Lebendigkeit der Produktion unterstreicht neben der enormen Fülle des Gibson-Sounds der feurig servierten Gitarrenphrasen von Leo Leoni auch den typisch satten und kantigen Klang der Hammond-Orgeln, was ohnehin ein klangliches Markenzeichen von Gotthard ist. Diese Produktion zündet besonders wirkungsvoll bei Songs mit mittlerem Tempo, die ihre Leitmotive auf Moll-Basis entfalten, wie etwa im exzellenten dramatischen Stück Red On A Sleeve, Feel What I Feel oder I Won’t Look Down! Dazwischen eingebettet sind natürlich auch flottere Nummern wie I Won’t Look Down, das retro-klingende, Purple-mäßig »rauschende« Get Up ‚N‘ Move On oder What You Get mit ähnlichem rhythmisch treibendem Charakter wie der Opener Bang! Ausgerechnet die Balladen C’est La Vie und Maybe sind diesmal die schwächsten Punkte des Albums, was angesichts des Pedigrees der Band, die für ihre herausragenden Hard-Rock-Balladen bekannt ist, leicht überrascht. Aber so ist das eben manchmal. Natürlich hat auch die vertraute Verspieltheit ihren Platz auf dem neuen Album gefunden. Nach dem Opener Bang! kehren wir wieder zur frechen kleinen Füchsin Katie zurück. Diesmal im Song Jump the Gun. Cadillac, Einschusslöcher, eine heiße Katze mit Pistole in der Hand. Das ist eben Teil des typischen Rock-’n‘-Roll-Dossiers (es fehlen nur noch ein Pik-Ass und eine Flasche Jack Daniels). Mr. Ticket Man hingegen erinnert in seinem gewählten Riff verblüffend an den Song Sinister Mind der Band Jaded Heart. Aber die Gesangslinie ist so anders, dass die Assoziation sofort verblasst.
Die einzige Anmerkung von geringer Bedeutung ist, dass das Album vielleicht einen Song zu viel enthält. Das gilt aber nicht für den gelungenen Versuch, orchestrale Elemente mit dem Hard-Rock-Dossier der Band im abschließenden, fast elfminütigen Thank You zu kreuzen. Es handelt sich um eine epische Suite, die von vielen Leitmotiven und Stimmungswechseln geprägt ist. Nach dem »unschuldig vorhersehbaren« halb-balladesken ersten Teil, in dem Nics Gesang im Mittelpunkt steht, folgt ein ausgedehnter Teil mit mehrfachen Wiederholungen des Leitmotivs, der aber durch Leonis Solo-Akrobatiken belebt wird! Der Song bewahrt trotz seiner Abwechslungsreichtums außerordentliche Musikalität und schafft als Abschluss ein außergewöhnliches Drama-Theater. In den Mittelpunkt rückt Leonis Gitarre, seine typischen Griffe, mit denen er aber durchgehend der Aufrechterhaltung der Melodie untergeordnet bleibt. Das Zusammenspiel von Gitarre und orchestralen Elementen zündet voll und ganz. Es ist tatsächlich ein Song, der von allem abweicht, was Gotthard bis heute in ihrer Karriere ausprobiert haben.
Gotthard bewahren auf »Bang!« echten kreativen Schwung und marschieren aufrecht und stolz weiter. »Bang!« ist ein exzellenter Nachfolger des Albums »Firebirth«, der neben einer dichteren Produktion das Gefühl vermittelt, dass Gotthard ihre Wunden nach dem unglücklichen Verlust von Steve Lee endlich dauerhaft heilen, obwohl sie der Schatten dieser Tragödie wohl bis zum Ende ihrer Karriere begleiten wird. »Bang!« ist ein Album, das erneut die außerordentliche Chemie der festen Bande zwischen den Bandmitgliedern zum Ausdruck bringt – eine Bestätigung außergewöhnlicher Erfahrungen, Fähigkeiten und unerschöpflicher Kreativität. Erneut hat die Hauptrolle dabei Leo Leoni, der Antriebsmotor der Band, übernommen, dem es an Scharfsinn bei der Suche nach ansteckenden Gitarrenphrasen keineswegs mangelt! Mit »Bang!« haben Gotthard endlich den richtigen Anschluss an die Steve-Lee-Ära gefunden.
Besetzung
Nic Maeder – Gesang
Leo Leoni – Gitarre
Freddy Scherer – Gitarre
Marc Lynn – Bassgitarre
Hena Habegger – Schlagzeug, Perkussion
Nicolo Fragile – Keyboards
Produktion
Leo Leoni & Charlie Bauerfein
Trackliste
1. Let Me in Katie
2. Bang!
3. Get Up ‚N‘ Move On
4. Feel What I Feel
5. C’est La Vie
6. Jump the Gun
7. Spread Your Wings
8. I Won’t Look Down
9. My Belief
10. Maybe
11. Red On a Sleeve
12. What You Get
13. Mr Ticket Man
14. Thank You