Frankenstein Monster
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Dunnery, Francis
Label: Eigenveröffentlichung
Erschienen: 2013
Wertung: 4/5
»Frankenstein Monster« ist das elfte Soloalbum in Eigenregie von Francis Dunnery, der den meisten Musikfans vor allem als ehemaliger Gitarrist und Sänger der britischen Art-Rock-Größen It Bites bekannt ist. Diese verließ er 1991, und seitdem hat er – wenn man die erfolglose Wiedervereinigung mit den alten Kumpels außer Acht lässt – konsequent auf eine Solokarriere gesetzt, auch wenn er live noch immer viele It Bites-Klassiker spielt. Weniger bekannt ist, dass er 1996 nur knapp daran vorbeischrammte, Sänger der Progressive-Rock-Ikone Genesis zu werden: Er schaffte es bis in die engere Auswahl des Vorsingsens, bevor sich Tony Banks und Mike Rutherford am Ende doch für Ray Wilson entschieden.
Francis hat sein neuestes Studiowerk seinem verstorbenen Bruder gewidmet – ebenfalls einem ausgezeichneten, aber weitaus weniger bekannten Gitarristen, Barry ‚Baz‘ Dunnery, Mitglied der Kultgruppe Necromandus (ihr einziges Album »Orexis of Death« gilt bei manchen sogar als ‚vergessener‘ Klassiker des Doom Metals). Francis soll seiner (ebenfalls verstorbenen) Mutter einst versprochen haben, gemeinsam mit Baz mindestens ein Album aufzunehmen, auf dem man ihre beiden E-Gitarren hören könnte – doch den älteren Bruder, einen äußerst talentierten Gitarristen, der beharrlich jede Möglichkeit mied, bekannt zu werden, ereilte ein früher Tod.
Der Wunsch der Mutter blieb so leider unerfüllt, doch Francis beschloss trotzdem, eine Art ‚Annäherung‘ zu schaffen und ein Album aufzunehmen, bei dem es dem Hörer so vorkommt, als würden beide Brüder Dunnery gemeinsam spielen und ihre unterschiedlichen gitarristischen Ansätze einbringen. Francis griff also nach langer Zeit wieder zur E-Gitarre, nachdem er die letzten Jahre überwiegend auf der Akustikgitarre verbracht hatte. Die Freude am E-Gitarrenspiel war zurückgekehrt, und so begann Francis – der immer stark vom legendären Jazz-/Prog-Rock-Gitarristen Allan Holdsworth beeinflusst war – ein neues Studioprojekt mit dem Titel »Frankenstein Monster« zu schmieden. Dafür spielte er die meisten Stücke neu ein, die Baz Anfang der Siebziger als Mitglied von Necromandus aufgenommen hatte – einer Band, die ihr Debüt schon im fernen Jahr 1973 hätte veröffentlichen sollen, das aber erst 1999 erschien, obwohl ihr Produzent und Förderer niemand Geringeres als der legendäre Black Sabbath-Gitarrist Tony Iommi war.
Necromandus standen in ihrer kurzen Existenz spürbar unter dem Einfluss des Ozzy-era Black Sabbath und spielten eine Art Mischung aus Hard Rock beziehungsweise Proto-Doom-Metal und Progressive Rock (neben Black Sabbath sind auch Einflüsse von Bands wie Uriah Heep, Deep Purple, Wishbone Ash, Led Zeppelin, Atomic Rooster und Black Widow zu hören), was sich auf Francis‘ neu eingespielten Versionen durchgehend deutlich heraushört. Heute gelten Necromandus als eine der ersten Metal-Bands und haben mit ihrem unveröffentlichten Album auch bei jenen Prog-Rock-Fans Kultstatus erlangt, die gerne etwas obskurere Künstler erkunden.
Herr Dunnery hat bei den neu eingespielten Necromandus-Kompositionen mit zahlreichen markanten und bluesig gewürzten Gitarrenphrasen versucht, den Gitarrenstil seines Bruders perfekt zu imitieren – was ihm gut gelungen ist, wenn man bedenkt, dass er nie als harter Rocker bekannt war, sondern von jeher in erster Linie ein Prog-Rock-Fan war, was auch seine jüngste Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Genesis-Gitarristen Steve Hackett belegt. Die Titel der Necromandus-Stücke unterscheiden sich von den bisher bekannten Versionen und sind laut Francis eigentlich die, die Bazs Band sich ursprünglich ausgedacht hatte.
»Frankenstein Monster« ist tatsächlich wie ein zusammengeschustertes und geflicktes Monster – denn neben den neu eingespielten Stücken von Baz enthält es auch einige neue, völlig originale Kompositionen von Francis sowie ein Cover der Prog-Rock-/Jazz-Fusion-Gruppe Warm Dust (am bekanntesten dafür, dass Paul Carrack – noch ein gescheiterter Genesis-Sänger – ihr Mitglied war) mit dem Titel »Blood of My Fathers«. Für die Aufnahme des Albums nutzte Francis seine Begleitband Sensational Francis Dunnery Electric Band, bestehend aus Tony Beard, Jamie Bishop und Mike Kassedy. Das Titelstück, eine neue Komposition von Francis, die auf witzige Weise die inneren Gefühle von Frankensteins Monster schildert, ist eines der wenigen Stücke auf dem Album, das atmosphärisch – und vor allem dank des romantischen Refrains – an die guten alten It Bites erinnert, auch wenn die E-Gitarre in der Produktion durchgehend klar dominiert. Herr Dunnery demonstriert gleich zu Beginn mit intelligenten Improvisationen und melodischen Passagen, dass er noch immer ein außergewöhnlicher Gitarrist ist.
»Don’t Look Down Frank«, auf dem der Black Sabbath-Einfluss gut zu hören ist, ist dagegen ein reines Necromandus-Archivrelikt – sprich: von retro-70er-Sound durchtränkt und voller aggressiver Gitarrenphrasen. Francis‘ Gesang, der vor allem für Art Rock und Pop ideal ist, findet sich überraschend gut im harten Rock zurecht, während er mit druckvollen Gitarrenvariationen fast auf Schritt und Tritt überrascht. »Leaving The Depot« ist ein weiterer dynamischer, qualitativ hochwertiger Hard Rocker mit Progressive-Rock-Rhythmuselementen und bluesigen Gitarrenfinessen. In der melancholischen Ballade »I’ve Been Evil« ist unter anderem der Einfluss von Wishbone Ash zu spüren, was vor allem in den subtilen, pastoral geprägten Gitarrenarrangements deutlich wird.
»Limpet Man« ist geprägt von satten Basslinien und temperamentvollen Gitarrenphrasen – es ist ein lupenreines Archivstück aus dem Schatzhaus des Hardrocks der Siebziger. »Marijuana Make Those Eyes At Me For« ist ein schöner Beweis dafür, dass Francis‘ Bruder ein Meister darin war, witzige und für damalige Verhältnisse innovative Gitarrenphrasen zu schmieden, bei denen der Iommi-Einfluss nicht zu überhören ist. »Wum Wop« ist einer der druckvolleren neu eingespielten Necromandus-Tracks – im Vordergrund steht eine höllische Gitarrenphrase, wie man sie ähnlich bei einigen älteren Black Sabbath- und Atomic Rooster-Stücken hören konnte. »Big Fine Lad« ist wieder ein etwas subtiler gefärbtes Stück mit entspannten, bluesigen Gitarrenphrasen und angenehmen Vokalharmonien.
»Yam« enthält, wie der Titel schon andeutet, viele interessante instrumentale Momente und unerwartete Tempowechsel und bildet eine gelungene Brücke zwischen Francis‘ modernem Art-Rock-Ansatz und Bazs ‚altschulischer‘ Erbschaft. Das von feurigen Gitarrenphrasen gewürzte »Judy Green Rocket«, auf dem auch der Einfluss von Deep Purple zu hören ist, war schon in der Originalversion eines der stärkeren Necromandus-Stücke – kein Wunder also, dass es zu den interessantesten Momenten des Albums zählt. Der verlorene Proto-Doom-Metal-Klassiker »Christianity« klingt – vor allem dank der finsteren Gitarrenphrasen – wie eine fast reine Kopie des frühen Black Sabbath, und selbst Dunnery erinnert mit seinem Gesangsansatz diesmal leicht an Ozzy. Den gesellschaftskritischen, fast anarchistischen Text hätte genauso gut Geezer Butler schreiben können.
Das bereits erwähnte Warm Dust-Cover »Blood Of My Fathers« stellt gegenüber dem Großteil der Kompositionen auf »Frankeinstein Monster« eine große stilistische Abweichung dar, handelt es sich doch um ein Jazz-Rock-Fusion-Stück, das im Ansatz auch an die legendären Blood, Sweat & Tears erinnert. Francis zeigt sich hier auch als ausgezeichneter Jazz-Gitarrist – er bewegt sich also in einem Genre, das ihm stilistisch deutlich näher liegt als Blues und Hard Rock. »Ho Ho Your Sandwiches« ist ein Stück, das mit witzigen Gitarrenimprovisationen gewürzt und von einer geheimnisvollen, leicht düsteren Atmosphäre durchzogen ist, die den Großteil der Necromandus-Stücke prägte. Das Album schließt mit der melancholischen Ballade »Muti Colored Judy Green«. Das ist ein völlig originales Stück – sieht man vom Titel ab, der sich auf den bereits erwähnten Necromandus-Standard bezieht. Herr Dunnery spielt es in einer komplett solistischen Akustikgitarren-Fassung, und auch textlich ist es eine außerordentlich schöne Widmung an den verstorbenen Bruder. Seine Stimme hat jene unverwechselbare melancholische Feinfühligkeit bewahrt, die er in den besten It Bites-Zeiten besaß.
Mit »Frankenstein Monster«, einem ausgesprochen gitarrenorientierten Werk, ist Francis Dunnery erfolgreich zu seinen Progressive-Rock-Wurzeln zurückgekehrt und hat auf sehr schöne Weise das Andenken an seinen verstorbenen Bruder geehrt, dessen Geist die ganze Zeit irgendwie über den einzelnen Kompositionen wacht. Man hört die ganze Zeit, dass Francis seine lange unterdrückte musikalische Leidenschaft neu entdeckt hat und beim Einspielen der einzelnen Stücke ungemein Spaß hatte. Zwar bietet er diesmal als Komponist kaum etwas Neues, doch dahinter steckt ein überaus edler Grund – und außerdem wird so mancher auf diese Weise eine längst vergessene Band aus den Siebzigern entdecken, von der die meisten gar nicht wussten, dass sie jemals existiert hat.
Besetzung
Francis Dunnery – Gesang, E- und Akustikgitarre
Jamie Bishop – Bassgitarre
Mike Cassedy – Keyboards
Tony Beard – Schlagzeug
Produktion
Francis Dunnery
Trackliste
1. Frankenstein Monster
2. Don’t Look Down Frank
3. Leaving the Depot
4. I’ve Been Evil
5. Limpet Man
6. Marijuana Make Those Eyes At Me For
7. Wum Wop
8. Big Fine Lad
9. Yam
10. Judy Green Rocket
11. Christianity
12. Blood Of My Fathers
13. Ho Ho Your Sandwiches
14. Multi Coloured Judy Green