Fluid (2CD)

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Berden, Dejan
Label: Selbstverlag
Erscheinung: 2012
Laufzeit: 119:35
Bewertung: 5/5

Das Album »Fluid« (beim Blick aufs Cover könnte man meinen, es handle sich um Werbung für ein neues Mineralwasser) landete völlig unerwartet kurz vor meinem Interview mit der Band džeZZva in meinen Händen – ich nahm es mit großer Freude entgegen. Und weil ich, was klassische Musik betrifft, als absoluter Laie gelte, war das eine ganz eigene Herausforderung: Wie wählt man sinnvoll ein paar Worte zu den Gefühlen, die seine Musik auslöst?

Der Schöpfer des Albums „Fluid“ ist Dejan Berden, seines Zeichens Keyboarder der Band džeZZVa und ein absolutes musikalisches Unikat. Der Pianist und Musikprofessor aus dem Prekmurje gilt nicht nur als außerordentlich produktiver Komponist und Arrangeur (auch Produzent), sondern auch als Musikvisionär besonderer Güte. In der slowenischen Musikszene ist er sehr gefragt. Im Laufe seiner Karriere hat er so mit sehr vielen bekannten slowenischen Künstlern zusammengearbeitet. Darunter: Vasko Atanasovski, Marko Črnčec, Jure Ivanuščič, Lačni Franz, Ethnotrip, Patetico, Siti hlapci, Jure Tori, das avantgardistisch ausgerichtete Projekt Od Franclna možgani,… – und die Zusammenarbeiten reichen bis hin zu Namen wie Alfi Nipič und Edvin Fliser. Obwohl Dejan ein Mann ist, der bei seinen Aktionen lieber still und bescheiden »unsichtbar« bleibt und »aus dem Hintergrund« agiert – er taucht also üblicherweise bei Musikprojekten als Studiomusiker oder Co-Arrangeur auf –, kann er als eigenständiger Musikvirtuose auf eine beeindruckende Ernte selbstständiger Studioarbeiten verweisen, darunter auch die Doppel-CD »Fluid«, die ausschließlich der Improvisation am Klavier gewidmet ist. Obwohl dieses Album bereits 2012 erschien, weist der Druck des Beihefts der physischen CD-Version das Jahr 2016 aus. Es handelt sich also entweder um einen Nachdruck oder schlicht um die allererste Veröffentlichung des Albums in physischer Form.

Wenn man über Dejan Berden spricht, sind es vor allem die Sanftheit, Feinsinnigkeit und Zartheit, mit denen dieser feinfühlige Musiker ausgestattet ist, die als Haupttrümpfe seines Spiels und seiner Ausdruckskraft gelten – gleichzeitig darf man keineswegs seinen enormen Erfahrungsschatz übersehen, der der Feinmechanik und den Details seines Klavierspiels eine außerordentliche Klasse verleiht. Die Musik des Albums »Fluid« hat Dejan in insgesamt nur drei Sessions eingespielt. Das klingt sehr nüchtern – und doch ist Dejan in all den langen Jahren des Spielens zu einem unglaublich versierten Musiker herangereift. Zwischen August und November 2011 betrat Dejan das Aufnahmestudio gerade mal dreimal und nahm sechzehn anspruchsvolle Kompositionen auf – wir bekamen damit fast zwei Stunden Instrumentalmusik in Form einzigartiger, originaler Klavierimprovisationen.

Genau in den Jahren vor der Gründung der Band džeZZva juckte es Dejan besonders intensiv in den Fingern, und in den Jahren 2010, 2011, 2012 und 2013 brodelte er geradezu über vor sprudelnder Inspiration. Das Ergebnis war eine Serie aufgenommener und veröffentlichter Soloalben, auf denen Dejan sich im vollständigen Abenteuer solistischer Eskapaden erprobt, die der reine Purismus des Klavierspiels zu bieten hat.

Wie der Name schon sagt, ist das Album »Fluid« auf zwei CDs in seiner grundlegenden Vision und Idee der Kommunikation des Musikers mit dem Wasser-Element gewidmet. Es geht um die Reaktion des Künstlers auf die Begegnung mit Wasser in all seinen Formen und Wirkungen auf die Umgebung. Es kann sich dabei um einen Bodensatz, ein Blubbern, einen Widerschein oder Stromschnellen handeln – so heißen auch die einzelnen Kompositionen. Welche Empfindungen löst ein Blubbern, ein Widerschein und/oder eine Stromschnelle im Musiker aus, und wie wird er diese Reaktionen kodieren, in die Sprache der Musik übersetzen? Gelingt es ihm, in diese Zustände einzutauchen oder nicht? Das ist das größte Rätsel und zugleich der Reiz solcher Dokumente wie »Fluid«. Jede Komposition ist also mit Wasser verbunden. So übersetzt auch Dejan seine Empfindungen durch die Sprache seines eigenständigen Klavierspiels. Er ist dabei stets vollkommen bei der Sache, absolut hingegeben und vertieft, leidenschaftlich übersprudelnd! Interessant dabei ist, dass die Kompositionen trotz ihrer komplexen Natur dem Hörer in ihrer Gesamtheit stets nah und zugänglich bleiben – das Album wirkt meist sogar so, dass man dabei tief meditieren oder sogar einschlafen kann. Am meisten wird es dich berühren, wenn du für einen Moment das Bewusstsein ausschalten und mit der Musik „schweben und schwimmen“ kannst. 

Im Laufe der Jahre hat der Mann einen völlig eigenständigen musikalischen Ausdruck entwickelt – eine unglaublich raffinierte Mischung aus klassischer Musik, Jazz und Weltmusik, wobei darüber hinaus der Melos der traditionellen Volksmusik der Prekmurjer Ebenen ganz unverblümt spürbar ist. Klar ist also, dass dieses Werk auch vom Melos einer beständig sehnsüchtigen Melancholie geprägt wird – was auch in der Musik der Gruppe džeZZva wahrnehmbar ist. Über die fast 120 Minuten Musik verteilen sich diese Elemente bzw. Bausteine aus Jazz, klassischer und Weltmusik, die Berdenschen künstlerischen Charakter ausmachen, auf unterschiedliche Weise und enthüllen und äußern sich im Spiel auf verschiedenste Art (spiegeln sich wider). Dabei ist eine Sache klar, und die ist sehr wichtig: Das Album »Fluid« ist bis an die Zähne bewaffnet mit dem Gefühl der Spontaneität und unerwarteter Wendungen. Obwohl der Rahmen der Kompositionen vorgegeben ist, entfalten sie sich im Spiel so, als würden sie gerade erst entstehen und unter den Fingern des Künstlers wachsen – getragen von seiner ständig funkelnden Inspiriertheit –, wobei das Album entsprechend strotzt vor einem Dickicht improvisatorischer Eskapaden, die natürlich die größte Verlockung bzw. Herausforderung für jeden musikalischen Feinschmecker beim Genuss des Albums »Fluid« darstellen.

Trotz seiner außerordentlichen Talente und einer unglaublichen künstlerischen Durchdringungskraft, die mit einem absoluten Unikat im jazzistischen Ausdruck aufwarten kann, bleibt Dejan Berden in seinen Zielen bescheiden. Sein jüngerer Kollege (nicht minder außergewöhnlich) Marko Črnčec hat beispielsweise eine erfolgreiche internationale Karriere gestartet – ein Potenzial, das zweifellos auch Dejan besitzt. Und doch sucht und fordert Dejan für sein Schaffen keine Sensation und hängt es nicht an die große Glocke. So bleibt sein Name im slowenischen Musikgeschehen manchmal sogar zu Unrecht übersehen. 

Der weite Geist – nicht nur die musikalisch vielschichtige Meisterschaft des Künstlers, wie sie Berdenschen Musik auf diesen beiden Scheiben belegt, sondern vor allem der Sinn für beständige Offenheit und die Begeisterung fürs Experimentieren, bei dem du nie weißt, wohin es dich führt – all das lässt einen leicht vorstellen, dass Dejan in der Gesellschaft von Großmeistern dieses Handwerks zu Hause wäre, wie etwa John Zorn oder der verstorbene Frank Zappa. Zwischen diesen beiden Legenden der avantgardistischen Provokation besteht zwar eine extreme Ausdruckskluft – doch ebenso undefiniert und grenzenlos ist der musikalische Horizont des wahrheits- und freiheitsliebenden Purismus aller Abenteuer des Klavierspiels von Dejan Berden, der in erster Linie ein Mann der Stimmungsmusik ist.

Beim Hören der sensationellen Klavierimprovisationen des Albums »Fluid« wirst du von der Lust gepackt, tiefer in Dejan Berdens eigene Musik einzutauchen. Er bleibt ein ungeschliffener Diamant und eines der bestgehüteten Geheimnisse des slowenischen Musikuniversums.

Dejan Berden – Vodni pulz:

 

Besetzung

Dejan Berden – Klavier

Produktion

Dejan Berden

Tracklist

CD1.: 
1. Botanika
2. Žajfnica
3. Ples
4. Vrtinec
5. Vodni pulz
6. Usedlina 
7. Vodni pulz 2
8. Odsev 

CD2.: 
1. Panonska fantazija
2. Neurbana pesem
3. Pulzar
4. Ples 2
5. Brbotanje
6. Strunanje
7. Brzice
8. Odsev 2 

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