Flow Of Inertia
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Nova Jazz Quintet
Label: Celinka
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 35:11
Wertung: 4/5
Celinkas erste Schwalbe, die im Mai dieses Jahres das Godi bodi festival eröffnete, ist das Debüt von Nova Jazz Quintet namens »Flow Of Inertia«. Wie bringt man Starre in vollen Schwung, ins Fließen? Fragt dieses Quartett! Wieder eine Band, die mit ihrem Erscheinen die slowenische Musikszene belebt und sie ausdrucksmäßig wie konzeptionell künstlerisch bereichert.
Das Quintett aus Nova Gorica ist eine Crew offener und freigeistiger Köpfe. Ihr Debüt »Flow Of Inertia« ist eine konkret lebhaft gezeichnete musikalische Erzählung, die im ersten Moment mit einem vollkommen unvorhersehbaren Verlauf der Ereignisse beeindruckt – also teils auch mit musikalischer Spontaneität, wenn man so will –, und im nächsten Moment mit außergewöhnlicher kreativer Beweglichkeit, der geschmeidigen Begreifbarkeit, scheinbar Unvereinbares zu vereinen. Und das Resultat? Es bringt »die inerte Masse in Bewegung«!
Nova Jazz Quintet sind eine typisch slowenische Jazz-Erfindung, auf slowenischem Boden gewachsen. Ihrem einzigartigen Ansatz verleihen sie jedoch außerordentlich wirkungsvoll Sinn, wenn sie mit Melodien und rhythmischen Lösungen flirten, die vom schwarzen (afrikanischen) Kontinent stammen. So manche ins Kompositionsgefüge eingravierte »Arabeske« ist dabei ebenfalls keine große Überraschung (Arabic Fields). Einen Bassisten haben sie nicht – für die Basslinien sorgt stattdessen die Tuba.
Vokalist Dano Ličen hat in die Gesangsperformance auch Hip-Hop-Linien eingebracht, mit denen die Jazz-Fusion der Band bereits im eröffnenden First Song erstmals wirkungsvoll harmoniert, während die Band im abschließenden Spev vrtnic bestätigt, dass sie es auch versteht, an konformistische Empfangsorgane zu klopfen, die nur mit leichter zugänglichen Kompositionen auskommen. Spev vrtnic besitzt nämlich neben wirkungsvollem Hip-Hop-Witz mitten in der Strophe eine ansteckende Refrainmelodie, die auf den Quellen des Melos traditioneller afrikanischer Musik basiert. Ein Stück, das in einer entsprechend editierten (bearbeiteten) Version frei auf den Frequenzen slowenischer Radiosender laufen könnte. Vor allem aber zieht Ličen die Aufmerksamkeit mit seiner faszinierenden Haltung als Interpret auf sich, besonders in Momenten wie Arabic Fields, wo er die Verse beinahe in Diktatform mit großer Intensität vorträgt und für die echte Wirkung der antikriegerischen Botschaft des Stücks sorgt. Ein großer Vorzug des musikalischen Charakters von Nova Jazz Quintet sind die äußerst intelligenten, eindringlichen und klar platzierten Botschaften der Poesie, die direkt einschlagen und mit ihrer Wahrheitsliebe voll überzeugen. In Protester’s Mind wird Ličen bewusst »rau« und autoritär, wenn er sich in einen aufwieglerischen Donnerer verwandelt, nach dem Vorbild schwarzer Bürgerrechtsprediger vom Schlage Martin Luther Kings. Nova Jazz Quintet trägt also eine Note des Aufruhrs. Auch das verleiht dem Wunsch Sinn, Trägheit in Bewegung zu versetzen. Hin zur Veränderung.
Besonders attraktiv für Gourmets ist jedoch die echte musikalisch-experimentelle Seite der charakteristischen Geschichte von Nova Jazz Quintet. Am interessantesten ist gerade der mittlere Teil des Albums, wenn man sich den Stücken Protester’s Mind und Arabic Fields stellt. Während Protester’s Mind sehr locker und jazzartig völlig freigeistig ausgerichtet ist – was bedeutet, dass man auf eine Fülle musikalischer Lösungen aus freiem Erkundungswillen und spontaner Ereignisentwicklung trifft (das Stück braucht mehrere Durchläufe, bis es sich ins Ohr bohrt) –, ist Arabic Fields bewusst mit einer sofort einprägsamen Leitphrase »fixiert«. Diese Arrangementlösungen decken sich mit der grundlegenden Botschaft beider Stücke. Beide haben jedoch einen gemeinsamen Punkt: eine äußerst düstere, dramatische Theatralik, die gerade durch die Interpretation der Verse seitens des Leadgesangs hochgehalten wird. Den Vorrang in Sachen Theatralik der Beschwörung einer schaurigen Sphäre nimmt auf dem Album das rein instrumentale Afterlife ein, während Elephant Prayer das Album zu neuer »Lichtdurchflutetheit« »hebt« – ein Stück, in dem die Band erneut mit der Eindringlichkeit einer avantgardistischen Haltung »reizt«: dem Einbetten traditionellen Afro-Melos in die Melodien, mit ihrer Grundfigur und Vision jazzmusikalischer Ausgangspunkte.
Nova Jazz Quintet haben mit dem Debüt zweifellos den Grundstein der Einzigartigkeit ihres musikalischen Ansatzes gelegt. Dieser ist besonders: scharf genug luzide, herausfordernd genug verspielt im Maß des platzierten Experiments – und gleichzeitig macht die Gruppe damit deutlich, dass sie ein Gespür für kompakte Arrangierformen besitzt, mit denen sie auch den weniger anspruchsvollen Teil des Publikums gewinnen kann. Am besten genießt man die Musik von Nova Jazz Quintet aber auf Konzerten. Sprich: live. Hier entfaltet die freigeistige Denkweise der musikalischen Philosophie und Vision des Quintetts ihr volles Potenzial. Die Band hat vielversprechende Aussichten für die Zukunft, und wir hoffen, dass noch das ein oder andere Studioalbum erscheint.
Besetzung
Dano Ličen – Gesang
Jani Šepetavec – Tenorsaxofon, Gitarre
Anže Vrabec – Piano
Goran Krmac – Tuba
Enos Kugler – Schlagzeug
Produktion
Vid Žgajner
Trackliste
1. First Song
2. Climb
3. Protester’s Mind
4. Arabic Fields
5. Afterlife
6. Elephant Prayer
7. Spev vrtnice