Face Value

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Collins, Phil
Label: Atlantic Records
Erschienen: 09.02.1981
Laufzeit: 47:49
Bewertung: 4/5

»Face Value« war das Studio-Debüt des legendären Genesis-Sängers und Schlagzeugers Phil Collins und damit der Beginn einer langen und überaus erfolgreichen Solokarriere, in deren Verlauf er sich von einem der angesehensten Prog-Rock-Schlagzeuger/Sänger zu einer massentauglichen Pop-Rock-Ikone wandelte. Interessant, dass Collins das letzte Mitglied der klassischen Genesis-Besetzung war, das sich, nach einer kurzen Episode mit der Jazz-Rock-Fusion-Attraktion Brand X, dazu entschloss, in die Sologewässer aufzubrechen. Gleichzeitig war er noch immer Mitglied von Genesis, die zu jener Zeit gerade das kommerziell äußerst erfolgreiche Album »Duke« (1980) veröffentlicht hatten. Die meisten Tracks auf »Face Value« entstanden während des Songschreibens für »Duke«, und beide Alben teilen sogar, jedes auf seine eigene Art, den Klassiker »Behind the Lines«.

 Collins absolvierte seine ersten Sologehversuche auf äußerst zaghafter Weise, nachdem er von der amerikanischen Plattenfirma Atlantic Records ein Angebot erhalten hatte, das er nicht ablehnen konnte – und dabei ahnte er keineswegs, dass er mit seinem Debüt gleich zu Beginn auf einen so gewaltigen Erfolg stoßen und in den folgenden Jahren sogar den kommerziellen Erfolg seiner ‚Stammgruppe‘ übertreffen würde. Das Album brachte gleich drei Hitsingle hervor (»In The Air Tonight«, »I Missed Again und »If Leaving Me Is Easy«), während ihm das für einen britischen Musiker, und erst recht für einen, der den Großteil seiner bisherigen Karriere mit ausgesprochen experimenteller Musik verbracht hatte, äußerst seltene Kunststück gelang, schnell auch den amerikanischen Markt zu erobern. 

»Face Value« enthält eine außerordentlich abwechslungsreiche und breite Palette an Musikstilen, die von R’n’B, Motown und funkgewürztem Pop-Rock, wie Collins ihn durch den Großteil seiner weiteren Solokarriere kultivieren sollte, bis hin zu instrumentalem Jazz-Fusion und Progressive Rock reichen – zwei Genres, für die er als Musiker bis heute am meisten geschätzt wird. Herr Collins hat in der Zeit, seit er 1976 zur Hauptstimme von Genesis wurde, bis zur Veröffentlichung von »Face Value« einen ziemlich langen Gesangsweg zurückgelegt – von den Zeiten, als er 1971 ’nur‘ als Schlagzeuger und nicht als Sänger die Genesis-Ballade »For Absent Friends« sang. Seine ersten Gesangsversuche reichten übrigens noch in die Zeit seines ersten Bands Flaming Youth zurück. In dieser Zeit vollzog seine Stimme eine interessante Mutation – vom kompletten Peter-Gabriel-Ersatz zum R’n’B-Entertainer, als den er sich Mitte der Achtziger ins kollektive Gedächtnis einbrannte.

Sein Schlagzeugspiel befand sich auf »Face Value« auf dem erwartbar beneidenswerten Niveau, obwohl viele, die seine früheren Prog-Rock-Eskapaden gewöhnt waren, einen größeren improvisatorischen Abenteuergeist vermissten und ihm den häufigen Einsatz programmierter Drums bzw. einer Drum Machine etwas übelnahmen – was für eine solche Schlagzeugergröße doch ziemlich ungewöhnlich war. Diese seinerzeit äußerst populäre Praxis hatte Collins freilich von seinem ehemaligen Genesis-Leidensgenossen Gabriel übernommen und sie auch bei Genesis schon mehrfach eingesetzt. Der legendäre Schlagzeuger zog für die Aufnahmen zu »Face Value« einige alte Freunde hinzu, unter denen der langjährige Genesis-Tourgitarrist Daryl Stuermer, die Blues-Rock-Gitarrenlegende Eric Clapton, der Kultgeiger L. Shankar und der ehemalige Weather Report-Bassvirtuose Alphonso Johnson besonders herausragen. Die üppige Bläsersektion verleiht einzelnen Kompositionen eine zusätzliche Portion Rhythm and Blues und funkiger Würze, während die Streicher fleißig für die orchestralen Arrangements einzelner Stücke sorgen.

Das bekannteste und beliebteste Werk des Albums war zweifellos der Hitsingle »In The Air Tonight«, eine düstere Ballade, die von Collins‘ Scheidung von seiner ersten Frau Andrea inspiriert wurde. Diese verließ ihn 1979 plötzlich allein in einer Wohnung im kanadischen Vancouver, und damals fehlte nicht viel, dass Genesis wegen Phils Liebeskummer auseinandergebrochen wären. Das ist ein wichtiger Umstand, denn Phil war im Laufe seiner Songwriter- und vor allem seiner Solokarriere am stärksten, wenn er diverse Liebesenttäuschungen erlebt hatte – die in aller Regel eine schier unerschöpfliche Quelle poetischer Inspiration waren. Nahezu alle Texte auf »Face Value« sind von der zuvor erwähnten traumatischen Scheidung inspiriert, weshalb es nicht überrascht, dass (un)glückliche Liebesballaden auf dem Album dominieren. Die nächste Ballade, »This Must Be Love«, die bei Phils Fans erst in späteren Jahren beliebt wurde, enthält eine abwechslungsreiche Perkussionssektion und eine ausgeprägt subtile Melodie, die auf den Schwingen von Phils wohlklingendem Gesang wie gemacht ist fürs Schmettern mehr oder weniger süßlicher Ständchen. Die vollständig neu arrangierte, von Bläsern durchdrungene Version des »Duke«-Klassikers »Behind the Lines« infizierte sich auf »Face Value« mit R’n’B-Einflüssen, stark geprägt durch Michael Jackson, der hier mehr als offensichtlich Collins‘ Hauptvorbild war. Letztendlich war das ein ziemlich unterhaltsames Experiment, dem es aber keineswegs gelang, die Art-Rock-Brillanz des Genesis-Originals aufzuwiegen.

 »The Roof Is Leaking« ist eine kurze, aber atmosphärisch intensive Ballade, bei der Collins‘ leidende Stimme von ergreifenden Klavierarrangements in eigener Regie sowie Slide-Gitarre begleitet wird. Darauf folgt ein direkter Übergang zum kurzen, aber exzellenten Prog-Rock-Instrumental »Droned«, das – vor allem dank der farbenfrohen Perkussionssektion und subtiler Klavierarrangements – Collins‘ experimentelle Seite mehr als erfolgreich weckt. Das witzige Instrumental »Hand In Hand« enthält dank der üppigen Perkussionssektion zahlreiche Ethno-Einflüsse, die Collins sich offensichtlich bei seinem ehemaligen Genesis-Kumpel Gabriel ‚abgeschaut‘ hat. Eine Kinderchormelodie, die wie ein musikalischer UNICEF-Werbespot klingt, wird im Laufe der Zeit mit einer lebhaften Bläsersektion und Phils mächtigen Schlagzeugtransitionen aufgewertet.

Der große amerikanische Hit »I Missed Again« setzte mit seinem nonchalanten, humorvollen Refrain und dem pfiffigen Bläserarrangement gewissermaßen den Maßstab für alle künftigen R’n’B- bzw. Pop-Rock-Unternehmungen von Collins. Die melancholische Ballade »You Know What I Mean« erinnert stark an manche Balladen vom »Duke«-Album, etwa »Alone Again Tonight«, was nicht weiter überrascht, da sie in derselben Periode entstanden ist. Der temperamentvolle R’n’B-Entertainer »Thunder And Lightning« ist mit seinem ’schmeichelnden‘ Refrain, flachem Rock-Beat und Tanzrhythmus in erster Linie zur leichten Unterhaltung des sprichwörtlich anspruchslosen amerikanischen Publikums gedacht. »I’m Not Moving« ist ein ziemlich unterhaltsames Experiment, das neben ausgeprägten Funk-Tendenzen inmitten orchestral gewürzter Arrangements auch eine Prise ‚gute alte‘ englische Exzentrizität enthält. Mit seinem witzigen Puls und verspielten Rhythmus erinnert es leicht an »Pigeons«, den vergessenen Genesis-Standard aus dem Jahr 1977.

Die leichte, jazzorientierte Ballade »If Leaving Me Is Easy«, der dritte große Hit von »Face Value«, erlebte ihren Durchbruch vor allem auf europäischem Boden, während Amerika sie etwas später ‚entdeckte‘. Hier erweist sich Collins einmal mehr als exzellenter Interpret ergreifender (un)glücklicher Liebesballaden, für die seine Stimme geradezu geschaffen zu sein scheint. Das Album schließt mit einer der besten bzw. interessantesten Coverversionen eines The Beatles-Klassikers. Collins‘ Adaption des psychedelischen »Revolver«-Klassikers »Tomorrow Never Knows« wirkt äußerst einfallsreich – was bedeutet, dass es ihm gelungen ist, das Andenken an den kurz vor den Albumaufnahmen ermordeten John Lennon angemessen zu ehren. Phil behielt hier das ursprüngliche, ausgesprochen experimentelle und psychedelische Ambiente bei und brachte mit seinem unverwechselbaren Gesang inmitten des Chaos die nötige Portion Disziplin und Ordnung, sodass am Ende alles in vollkommenem Gleichgewicht ausfiel.

Es passiert nicht oft, dass die Transformation vom Prog-Rock-Champion zur Pop-Rock-Ikone so erfolgreich und reibungslos vonstatten geht wie bei Herrn Collins mit »Face Value«. Die meisten Musikliebhaber sind sich bis heute einig, dass es sich um sein bestes Solowerk handelt, obwohl er seinen Pop-Rock-Ruf mit den nachfolgenden Studioalben noch weiter ausgebaut hat. Keines davon erreichte die atmosphärische und emotionale Tiefe von »Face Value«, denn sein neuer Status als großer Sängerstar verhinderte – wie es in solchen Konzernmechanismen leider allzu häufig passiert –, dass er in einzelne Kreationen die ehrliche Essenz ’sich selbst‘ einfließen lassen konnte, so wie ihm das auf dem Debüt so vortrefflich gelungen war. Dass Collins‘ Ego zu jener Zeit ungeahnte Ausmaße angenommen hatte, beweist am besten das ausgesprochen ego-tripmäßige Cover, mit dem er sogar Jim Morrison in den Schatten stellte und das den Maßstab für alle weiteren Solo-Veröffentlichungen setzte, von denen dieser unzerstörbare Herzensbrecher so charmant herübergrüßt.

Besetzung

Phil Collins – Gesang, Schlagzeug, Perkussion, Vocoder-Klavier, Roland CR-78 Drum Machine, Prophet-5-Synthesizer auf den Tracks 1, 2, 5, 6, 7, 10, 11, 12; Fender Rhodes, Flat Pick
John Giblin – Bassgitarre auf 1, 9, 10, 12
Daryl Stuermer – Gitarre, Banjo auf 4
L. Shankar – Violine auf 1, 5, 6; Tambura auf 5, „Vocal Drums“ auf 5
Alphonso Johnson – Bassgitarre auf 2, 3, 6, 7, 11
J. Peter Robinson – Prophet-Synthesizer auf 3
Joe Partridge – Slide-Gitarre auf 4
Stephen Bishop – Backing Vocals auf 2
Eric Clapton – Gitarre auf den Tracks 4 & 11
Arif Mardin – Orchestralarrangements auf den Tracks 8 und 11
Don Myrick – Alt- und Tenorsaxophon, Altsaxophon-Solo auf 11
Louis Satterfield – Posaune
Rahmlee Michael Davis und Michael Harris – Trompete, Horn auf 11
Ronnie Scott – Tenorsaxophon-Solo auf 7
Kinderchor aus Los Angeles – Backing Vocals auf 6

Produktion

Phil Collins und Hugh Padgham

Trackliste

1. In The Air Tonight
2. This Must Be Love
3. Behind the Lines
4. The Roof Is Leaking
5. Droned
6. Hand in Hand
7. I Missed Again
8. You Know What I Mean
9. Thunder and Lightning
10. I’m No Moving
11. If Leving Me Is Easy
12. Tomorrow Never Knows

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