Ethnotrip
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Ethnotrip
Label: Eigenveröffentlichung
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 46:32
Wertung: 3/5
Ethnotrip ist ein Quartett, das folkloristische Standards neu interpretiert. Obwohl 2009 gegründet und dem Geburtsjahr nach noch jung, handelt es sich um erfahrene Musiker, für die die Bühne ein zweites Zuhause ist und auf der sie sich pudelwohl fühlen. Sie stehen ständig auf der Bühne – als Besetzung Ethnotrip –, und die einzelnen Bandmitglieder sind gleichzeitig aktiv in anderen künstlerischen Projekten (Mlada Beltinska Banda, Marko Banda, L’amour Fou) eingebunden, sodass sie durchgehend in Topform bleiben.
Das Debüt »Ethnotrip« ist ein sehr schönes Werk. Es trägt bekannte Standards in sich, die die Eigenheit des Melos europäischer Melodien von West (England) bis Ost (Russland, Ungarn) charakterisieren, und natürlich die unserer geliebten Balkanhalbinsel (Mazedonien, Kroatien). Natürlich fehlen auch die Melodien aus der Volksüberlieferung nicht, wie das einleitende belokranjische Pastirče mlado (in milo) – ein Standard, den sich im Laufe der Jahre ein ganzes Universum slowenischer Interpreten vorgenommen hat, von Katalena bis Magnifico und allem dazwischen. Dazu kommen zwei Melodien aus dem Prekmurje Zreilo je žito sowie ein weiterer Klassiker aus dem prekmurischen Žižki: Speivaj nama Katica (Zapoj nam Katica).
Eine so farbenfrohe musikalische Bilderbuchreise durch das reiche Erbe der europäischen Volksmusik ist eine Garantie für kurzweiliges Hören, wirkungsvoll zusammengefasst auf dem Album »Ethnotrip«. Im Mittelpunkt des Charakters von Ethnotrip steht der markante Gesang der Sängerin Tjaša Šimonka. Bei den Nummern, die durch den verwandten »zigeunerischen« Melos der geografisch benachbarten Regionen Prekmurje, Medžimurje, Baranja und des Gebiets in Richtung Russland (Ungarn) miteinander verbunden sind, ist das zart wiegende Sanfte des feinen Vokals von jungfräulicher Reinheit definitiv ein Element, das sofort mitreißt. Dieser Moment zieht sich eindringlich durch das gesamte Album. Die sehnsuchtsvoll vorgetragene Vokalmelodie ist außergewöhnlich weich, dabei aber durchdrungen von Schmerzempfindungen – obwohl die Texte in der Regel Botschaften der Feier tragen. Man kann sagen, dass man für eine solche Aufgabe kaum eine geeignetere Stimme finden würde als eben die von Tjaša. Für eine so bravouröse Entfaltung der Ausdrucksstärke traditioneller Volksmelodien, wie sie das Album »Ethnotrip« vereint, ist das schier unmöglich.
Die Instrumente, die die klangliche Kulisse der Begleitung schaffen, sind für den melancholischen Melos des Albums – der selbst in den »Balkanismen« von Jovano Jovanke und Ajde Jano nicht nachlässt und sich an beiden Stellen unverhohlen mit dem wohltuenden Lüftchen der »arabesken« Einflüsse Kleinasiens vermischt – schlicht ideal. Für ein Repertoire an Standards, das im gemeinsamen Zusammenwirken mit dem klar definierten Gesang von Tjaša das optimale Ausdrucksergebnis erzielt.
Trotz der erstklassigen Interpretation, der man rein gar nichts vorwerfen kann, hält sich das Album allzu sehr an die Vorgaben schulischer Musikbücher. Korrekter zu spielen und zu singen ist kaum möglich. Und genau diese schulische »Poliertheit« und »Hochglanzpoliertheit« des Werks, an dem du weder ein »krummes Haar« noch »einen Fleck, den eine Fliegenpfote hinterlassen hätte« findest, ist das Element, das das Gefühl erzeugt, als wären diese Geschichten schon viele Male auf sehr ähnliche Weise erzählt worden. Das Quartett entwickelt seine Identität, aber wenn du dir die Vielzahl an Bands und Künstlern Sloweniens anschaust, die sich in ihren Ausgangspunkten ebenfalls intensiv mit Folk- und Ethno-Elementen befassen, bleibt das Werk »Ethnotrip« in der Liga der Durchschnittsprodukte. Es folgt lieber der Vorsicht als der Hingabe ans Experiment und damit einer größeren Entfaltung eigener künstlerischer Eigenständigkeit. Hier wirst du nichts »messerscharf« Herausforderndes hören, wie es für Künstler wie Katalena, Vasko Atanasovski und ähnliche typisch ist. Die Einbeziehung der abgenudelten Podmoskovnye vechera und Katyusha, die am Lagerfeuer seit Jahrzehnten von Pfadfindern gesungen werden (nur Trzinka fehlt uns noch!), sowie das keltische Scarbourough Fair, das einst Simon And Garfunkel zum Hit-Single gemacht haben und das die Art-Metaller Queensryche in ihrer eigenen Regie für ihr Album »Empire« (1990) neu bearbeiteten, ist nur der Beweis, dass sich Ethnotrip auf ihrem ersten Album lieber in den Gewässern allgemeiner Zugänglichkeit und Gefälligkeit bewegen, als dass sie versuchen würden, artistisch selbstherausfordernd zu slalomieren – also außerhalb der vorhersehbaren Schablonen, die die Melodien der ausgewählten Volksstandards dieses Albums vorgeben.
Also, um es zusammenzufassen: nichts Schlechtes über das Album. Gott bewahre. Es steht gut da und bietet dem Hörer ein gefälliges musikalisches Abenteuer. Ein wunderschönes Werk von hochklassiger Interpretation, das von der Brillanz des organischen Klangs einer authentischen und natürlichen Produktion sowie ganz besonders der außergewöhnlichen Vokalcharisma der Sängerin Tjaša verschönert wird – die mit ihrer faszinierenden Gesangsperformance sogar bis in mezzosopranische Höhen vordringt –, ist so ein solide fundierter Auftakt einer neuen faszinierenden Geschichte über eine neue Ethno-/Folk-Gruppe, von der man berechtigterweise erwarten darf, dass sie in ihrer weiteren Entwicklung ihren Werken auch inhaltlich die greifbare Substanz einer größeren eigenen künstlerischen »Schärfe« verleihen wird.
Besetzung
Tjaša Šimonka – Gesang
Miha Kavaš – Violine
Aleksander Varga – Bassgitarre
Primož Kramberger – Klavier
MITWIRKENDE MUSIKER:
Boštjan Baša – Akkordeon
Kristian Majcen – Gitarre
Urban Kolar – Trompete
Marko Markovič – Maki – Schlagzeug
Produktion
Ethnotrip & Peter Ošlaj
Trackliste
1. Pastirče mlado
2. Seiyem hajad / Szep asszonyak kurizalok
3. Jovano Jovanke
4. Speivaj nama Katice
5. Dekanovsko grobiće
6. Igrale se Delije
7. Zreilo je žito
8. Podmoskovnye vechera / Katyusha
9. Ljubav se ne trži
10. Ajde Jano
11. Scarbourough Fair*
*… Bonustrack