Eskobars – originell und besonders von Geburt an (2010)

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Ort: Orto bar / Ljubljana / Slowenien
Datum des Interviews: 21.09.2010

Lange gab es in der slowenischen Musikszene keine Band mehr, die von einem größeren slowenischen Label unter ihre Fittiche genommen worden wäre, ein unbekannter Name gewesen wäre, sich nicht von Trends hätte leiten lassen – und dabei ihr musikalisches Talent klar und unmissverständlich zum Ausdruck gebracht hätte. Mehr noch. Ich rede von einer slowenischen Band mit einem unverkennbaren Ich, einem eigenständigen künstlerischen Ausdrucksvokabular. Eskobars ist ihr Name!

RockLine: Wie fühlt es sich an, das erste Studioalbum zu veröffentlichen?

Bogdan: Wir freuen uns wirklich. Die letzten zwei Jahre haben wir richtig hart daran gearbeitet, das zu erreichen. Angefangen hat alles mit Jure. Er hat schon mit fünfzehn Musik geschrieben und aufgenommen. Mit zwanzig haben wir uns kennengelernt und angefangen zusammenzuarbeiten. Die Songs mussten für die Band neu arrangiert werden. Als wir Bassist Rok Druškovič gefunden hatten, haben wir bei ihm die Demos aufgenommen.

Rok: Die Demos haben wir an Dejan Radičevič geschickt. Er hat uns Hinweise gegeben, wie wir die Arrangements verfeinern können. Danach haben wir uns etwa zwei Monate intensiv damit beschäftigt. Wir haben ihm die Aufnahmen zukommen lassen und er war zufrieden damit. Alles haben wir auf Anhieb durchgezogen. Erst im Studio haben wir uns dann entschieden, die englischen Texte durch slowenische zu ersetzen. Anfangs war alles auf Englisch geschrieben.

Bogdan: Im Studio musste Jure auf Initiative von Dejzi (Dejan Radičevič, Produzent, Anm. d. Red.) alle zehn Songs ins Slowenische übersetzen und anpassen.

RockLine: Jure, wie hast du das aufgenommen, dass dir jemand vorschreibt, was du zu tun hast – obwohl du als Künstler selbst bestimmst, was du ausdrücken willst und auf welche Art?

Jure: Mit fünfzehn habe ich englische und amerikanische Bands gehört. Ich habe angefangen, auf Englisch Texte zu schreiben, vor allem weil ich damals noch in den Wolken hing und dachte, ich könnte damit im Ausland etwas erreichen. Dann habe ich mir heimische Bands angeschaut, die einen ähnlichen musikalischen Stil pflegen wie wir. Alle spielen ihre Songs auf Englisch. Da hab ich mir gedacht: Warum versuchen wir’s nicht auf Slowenisch. Es fühlte sich auch so an, als würde ich mit dem Englischen versuchen, einen besonderen Eindruck auf andere zu machen – und dass das eigentlich gar nicht das ist, was ich wirklich will. An diesem Punkt fühlte ich mich nicht mehr ehrlich genug mir selbst gegenüber. Am Ende war es sogar so, dass ich im Slowenischen viel mehr auf den Punkt kommen konnte. Es wurde auch unangenehm bei dem Gedanken, dass etwa Engländer unsere Musik hören und sich über unser angepasstes Englisch lustig machen könnten. Ich habe Dejzi zugehört – aber miss das nicht: Es war nicht auf seine Forderung hin, sondern weil ich selbst diese Entscheidung getroffen habe. Für mich war das ein sehr wertvoller Rat. Und so haben wir gleichzeitig auch unsere Originalität bewahrt.

Bogdan: Wir hatten die Songs schon geschrieben, aufgenommen – aber zu dem Zeitpunkt war noch keine einzige Strophe für die Texte geschrieben… Und es ist wirklich schwer, Texte auf Slowenisch zu schreiben, deshalb hat Jure großartige Arbeit geleistet.

Rok: Wenn du nachdenkst, wie du einen eingängigen Vers formulieren würdest, fängt das Gehirn einfach an, auf Englisch umzuschalten….

RockLine: Wie habt ihr den Bandnamen ausgewählt? Woher stammt die Idee für den Namen?

Bogdan: Der Bandname leitet sich von Jures Nachnamen ab.

Jure: Das ist sehr spontan passiert. Anfangs hat mir der Name überhaupt nicht gefallen, aber ich hab’s auf die leichte Schulter genommen und aufgehört, mich damit zu belasten. Mir wär’s auch recht, wenn wir „Hladilnik“ heißen würden.

Bogdan: Weil der Name Eskobars zu sehr an Pablo erinnert (nach dem bekannten Kartellboss aus Kolumbien, Anm. d. Red.), wollten wir den Namen auf Esko kürzen, aber dann meinte Jure, dass das an eine Eismarke erinnert, ha, ha, ha… Später haben wir dann angefangen, mit Wortkombinationen zu spielen, das zweite Wort in Verbindung mit Eskobars und so weiter…. Es gab sogar die Idee, uns Stuff zu nennen, aber letztlich haben uns andere den Namen Eskobars gegeben. Der Name hat den anderen einfach gefallen.

RockLine: Ihr seid vor kurzem zu einem Vierer geworden. Warum habt ihr euch zu diesem Schritt entschlossen?

Rok: Teo und ich kennen uns schon unser ganzes Leben lang.

Jure: Das war so. Wir hatten unsere eigene Band, Teo hatte seine. Die haben Cover gespielt, wir haben Cover gespielt. Die hatten auch ein paar Eigenkompositionen, die Teo geschrieben hat. Ein paar Jahre vergingen, und Teo hat sich zu einem wirklich erstklassigen Gitarristen entwickelt. Richtig professionell.

Bogdan: Auf dem Album haben wir auch Streicharrangements und Klavier aufgenommen,… und anfangs haben wir als zusätzliches Mitglied noch einen Pianisten gesucht, aber das hat sich nicht ergeben. Als wir dann Teo ausprobiert haben, sind wir schon beim ersten Proben richtig explodiert. Da kam eine Energie zum Vorschein, die wir wirklich nicht erwartet haben, und die uns begeistert hat – die Entscheidung, Teo bei uns zu haben, erschien uns einfach genial.

Jure: Teo hat in Eskobars die nötige Portion Feuer gebracht. Wir sind deutlich energetischer und lauter geworden. Nicht nur bei den Proben, sondern vor allem auf der Bühne. Auf mich wirkt er sehr konstruktiv, er feuert mich an, provoziert mich auf eine Art, sodass auch ich alles gebe. Mein Maximum.

RockLine: Im Grunde entlastet er dich als Sänger also zusätzlich?

Jure: Genau so. Er füllt auch die Lücke im Sound mit der zusätzlichen Gitarre. Und mir bleibt dadurch mehr Raum, um mich auf meinen Gesang konzentrieren zu können.

RockLine: Aus welchem Hintergrund entstehen die Ideen für eure Musik?

Jure: Ich bin schon immer ein Fan alter Musik. Auch die Sechziger, mit The Beatles und The Rolling Stones.  Als ich Bogdan kennengelernt habe, hat er mir andere Musik gezeigt und wir haben angefangen, uns gegenseitig zu ergänzen. So bin ich in Kontakt mit moderneren Ansätzen in der Musik gekommen. Ich war ein bisschen altmodisch. Ein echter Traditionalist. Elektronische Musik mochte ich auch nicht, aber mit der Zeit habe ich erkannt, dass ich alle Genres akzeptieren muss – denn nur so kann man sich weiterentwickeln und dazulernen. Wächst als Musiker. Auf irgendeine Art reifst du.

RockLine: Als ich euch im Mai 2010 vor Skunk Anansie in Ljubljana erlebt habe und dann im September im Orto Bar – man spürt trotz unterschiedlicher Location und Atmosphäre, dass ihr eine Stufe weitergewachsen seid, dass ihr noch kompakter wirkt. Ganz besonders sticht der Song heraus, den ihr im Orto Bar noch mal als Zugabe gespielt habt: Sobotne noči.

Jure: Dieser Song definiert uns eigentlich. Unser Sound. Dieser Song stellt uns vor. Auch auf dem Album sticht er heraus, er ist besonders, klingt anders. Ich kenne keine andere Band, mit der man ihn irgendwie vergleichen könnte. Deshalb haben wir uns auch entschieden, ihn als Single rauszubringen. Sobotne noči ist so entstanden: Noch bevor ich Bogdan kennengelernt habe, habe ich an dem Instrumental gearbeitet. Damals hatte ich das alles so geplant, dass ich eine Instrumentalband haben würde, mehr so eine „Jazzy“-Variante.

Bogdan: Als ich das Instrumental das erste Mal gehört habe, hat es mich sofort gepackt. Der Song „haut einfach rein“. Ich wusste und spürte, dass wir ihn ausbauen und weiterentwickeln müssen.  Als ich meinen „Shuffle“ hinzugefügt habe, klang es so, als würde The Clash Jazzmusik spielen. Wahnsinn. Diese phänomenalen Themen, die Jure geschrieben hat, mussten aufgeteilt werden – und so entstand dieser phänomenale Song. Aber es gab auch einige Songs, die uns ganz schön Kopfzerbrechen bereitet haben, bevor wir sie in eine Form gebracht haben, die uns allen gefiel…

Rok: Zum Beispiel Cosmo Blues, das ist ein Song, der gerade im Radio läuft…. Er kommt aus einer Funky-Grundlage heraus

Jure: Anfangs war das ein Singer-Songwriter-Song. Bass, Gitarre und Vibraphon. Er hat sich in Funky-Bahnen entwickelt. Dann hat „Dejzi“ uns eine neue Richtung gegeben. Funk hat mich ehrlich gesagt nie besonders begeistert, also haben wir die Sache in eine eher tänzerische  – „Disco“-Variante gedreht, und so haben wir den Endeffekt dieser Vibration in dem Song hinbekommen – so im Stil von Franz Ferdinand.

Bogdan: Aber gerade Sobotne noči ist das, was  wirklich unseres ist.

Jure: Ja. Die meisten Songs auf dem Album, Cosmo Blues eingeschlossen, funktionieren in den Radiofrequenzen viel besser als Sobotne noči. Aber wir wollten unsere Originalität in den Vordergrund stellen, deshalb haben wir uns entschieden, genau Sobotne noči als unsere erste Single herauszubringen.

RockLine: Wer hat Neisho auf das Album geholt, wie seid ihr auf sie gestoßen?

Bogdan: Die hat „Dejzi“ mitgebracht.

Rok: Wir brauchten jemanden für die Arrangements bei Zemljin sin. Und sie hat diese Arrangements für die Keyboards vorbereitet.

RockLine: Wie habt ihr den Pakt mit dem Label Dallas geschlossen?

Jure: Dejan Radičevič hat Matej Mrčnik zu einem unserer Konzerte in Portorož mitgebracht. Dejan  war sich bewusst, dass Eskobars für die Albumveröffentlichung ein Label brauchen würde. Alleine wäre das in diese Richtung schwer gegangen.

Bogdan: Die Stimmung war damals nicht gerade berauschend. Vor der Bühne standen vielleicht sechs Leute. Aber wir haben gespielt, als wäre das Stadion voll.

Jure: Das hat Mrčnik fasziniert. Diese Energie, diese Unbeschwertheit. Deshalb hat er uns Dallas empfohlen. Später bin ich mit Matej auch nähergekommen. Wir haben einen ähnlichen Musikgeschmack. Auch er mag The Beatles.  

RockLine: Energie zählt.

Jure: Absolut. Ein leerer Raum vor der Bühne darf das Spiel nicht beeinflussen. Dann rücken wir erst recht zusammen. Kontakt ist Pflicht, dieses Gespür füreinander. Und wenn wir perfekt spielen würden, ohne Fehler auf der Bühne, dabei aber steif dastehen wie irgendwelche Statuen – das hätte auf die Leute überhaupt keinen Effekt. Was zählt, ist das Abschalten.

RockLine: Was sind die Pläne von Eskobars für die nahe Zukunft?

Bogdan: Vom Label erwarten wir sehr viel, aber wir suchen uns auch selbst die Möglichkeiten für Konzertauftritte. Wir suchen aggressiv nach Gigs, und wenn’s sein muss, nur für Würstchen und Bier.

Interview geführt von: Aleš Podbrežnik 

Text übersetzt und redigiert von: Aleš Podbrežnik

Fotos: Aleš Podbrežnik

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