Emotion & Commotion
Autor: Jernej Vene
Interpret: Beck, Jeff
Label: Rhino Records
Veröffentlichung: 2010
Bewertung: 4.5/5
Einen Rockgitarristen, der tiefere Spuren in der Musikwelt hinterlassen hat als der Brite Jeff Beck, findet man wohl kaum. Herr Geoffrey Arnold Beck ist in einem Alter, in dem sich so mancher Musiker längst zur Ruhe gesetzt hätte. Er folgt nicht den Zeitgenossen, die ihren wohlverdienten Ruhestand genießen. Die musikalische Schaffensader lässt ihm keine Ruhe. Sein letztes Studioalbum Jeff aus dem Jahr 2003 war ziemlich elektronisch-experimentell und deutete wie immer auf ein beständiges Suchen und Wandeln hin. Beim neuen Emotion And Commotion handelt es sich sicher nicht um eine Stagnation in seinem kreativen Schaffensprozess – er nähert sich wieder jener Perfektion, die wir von ihm gewohnt sind. Die britischen Gitarristen der Sechziger lernten ihr Rockhandwerk bei amerikanischen Meistern, übernahmen dann eine Zeitlang die Führungsrolle, bevor sie vom Auftritt Jimi Hendrix‘ wieder sprachlos gemacht wurden – von dem man scherzhaft sagte, er sei von einem anderen Planeten gekommen. Jeder gute Gitarrist lernt von anderen – er übernimmt die besten Elemente aus deren Stilen und setzt sie in seiner ganz eigenen Persönlichkeit ein. Auch Jeff Beck hat viele Einflüsse in sein Gitarrenspiel eingewoben, sie weiterentwickelt und ausgebaut, indem er die unendlichen Möglichkeiten dieses schönen Instruments erforschte. Die heutige Sendung wird auf der Musik des neuen Studioalbums von Jeff Beck mit dem Titel Emotion and Commotion basieren, auf dem er eine abwechslungsreiche Mischung aus sehr unterschiedlicher Musik zusammengestellt hat. Auf den ersten Höreindruck sehr unterschiedliche musikalische Stile hat er in eine Schachtel gepackt und ihr seinen Stempel aufgedrückt.
Beck navigiert zwischen Eigenkompositionen und Bearbeitungen. Sein unbestreitbares melodisches Ideenpotenzial veredelt er mit außerordentlich präzise dosierten Tönen, die den Hörer unweigerlich weit weg vom Alltag entführen. Für die Gesangsaufgaben hat Jeff Beck die junge Soul-Größe Joss Stone, die irische Jazz-Meisterin Imelda May und die Opern-Diva Olivia Safe engagiert. Jede von ihnen setzt auf ihre eigene Art Perlen in Becks klingendes Mosaik. Vielleicht überzeugt Joss Stone von allen dreien am wenigsten – sie geht den Standard I Put A Spell On You zumindest mit, sagen wir mal, einer halben linken Hand an. Jeff Beck hat den Großteil der Stücke auf Emotion And Commotion mit einem 64-köpfigen Sinfonieorchester veredelt und seinen Ideen damit ein luxuriöses Gewand verliehen. Von den zehn Stücken stammen nur vier aus der Feder von Jeff Beck oder seinen Mitarbeitern und Gästen, was dem Album jedoch keinen Glanz raubt. Die glänzende Ausführung leidet bei dieser Entscheidung natürlich nicht darunter – Beck beweist einmal mehr, dass er ein Meister der höchsten Klasse ist. Trotz einiger Themen, die als Klassiker gelten, begibt er sich mutig auf Terrain, das ihm in der Vergangenheit fremd war. Als echter Künstler hat er ihre Botschaft verstanden und sich ihnen ausdrucksmäßig angepasst. Das bunte Spektrum an musikalischen Themen reicht von Lilac Wine von James Shelton aus den frühen Fünfzigerjahren, mit der Eartha Kitt und später Elkie Brooks Erfolg hatten (hier hilft Imelda May aus), über das knackige Instrumental Hammerhead und das ruhige Never Alone bis hin zum einfühlsamen Serene mit Olivia Safe und Puccinis Nessun Dorma. Fans seines Gitarrenspiels und seiner blitzschnellen Solo-Einlagen werden auf Emotion And Commotion einen Teil davon finden – die Musik ist aber überwiegend sehr ruhig. Jeff Beck zupft die Saiten schon lange nur mit den Fingern, was ihm eine ganz eigene Kontrolle über das Instrument verschafft. Unerreicht ist er beim Erzeugen sowohl schreiender als auch sanfter Legato-Töne. Die Begleitmusiker sind allesamt Größen: Bassist Pino Palladino, Bassistin Tal Wilkenfeld, Schlagzeuger Vinnie Colaiuta und Keyboarder Jason Rebello.
Jeff Beck präsentiert neue Platten gelassen und mit Stil. Er lässt nichts dem Zufall und deshalb wirkt Emotion And Commotion außerordentlich frisch und aufrichtig. Damit bewahrt er seinen Ruf als einer der besten Gitarristen der Gegenwart. Seinen Hörern hat er die Möglichkeit zu neuen musikalischen Genüssen geboten, und den Gitarristen, die ihn schätzen, genug Knochen zum Nagen. Das Internet ist bereits voll mit Diskussionen darüber, wie er diese oder jene Note gespielt hat. Jeff Beck setzt sich stets hohe Maßstäbe, die er auch von seinen Mitarbeitern verlangt. Emotion And Commotion ist in dieser Hinsicht ein reifes und gelungenes Werk. Becks lyrische Passagen bezaubern vielleicht mehr als seine explosiven Ausbrüche, aber er serviert sie mit Raffinesse in den richtigen Dosen, sonst würde man ihrer zu schnell überdrüssig werden. Mit einigen wohlbedacht dosierten Tönen oder Eingriffen in die Stücke erreicht er mehr als so manch anderer Gitarrist auf seiner gesamten musikalischen Laufbahn. Besonders effektiv ist vor allem das Rhythmusduo Colaiuta – Wilkenfeld, das bei der Ausführung seiner Aufgaben extrem präzise ist. Der Chef verlangt eben seinen Standard. Emotion And Commotion deutet schon im Titel an, dass das Album die Vereinigung zweier Welten ist. In jeder von ihnen beweist Jeff Beck seine Meisterschaft, und trotz seines fortgeschrittenen Alters (im Juni 2010 wurde er nämlich sechsundsechzig) forscht er unermüdlich und setzt neue Maßstäbe im Bereich des modernen gitarristischen Ausdrucks.
Besetzung
Jeff Beck – Gitarre
Jason Rebello – Keyboards
Pete Murray – Keyboards und Orchesterarrangements
Tal Wilkenfeld – Bass
Pino Palladino – Bass
Chris Bruce – Bass
Vinnie Colaiuta – Schlagzeug, Perkussion
Alessia Mattalia – Schlagzeug
Clive Deamer – Schlagzeug
Earl Harvin – Schlagzeug
Luis Jardim – Perkussion
Produktion
Steve Lipson, Trevor Horn
Tracklist
1. Corpus Christi Carol
2. Hammerhead
3. Never Alone
4. Over the Rainbow
5. I Put a Spell on You (featuring Joss Stone)
6. Serene (featuring Olivia Safe)
7. Lilac Wine (featuring Imelda May)
8. Nessun Dorma
9. There’s No Other Me (featuring Joss Stone)
10. Elegy for Dunkirk (featuring Olivia Safe)