Ein Fest des extremen Metals (2016)
Autor: Primož Novak
Fotos: Sebastijan Videc
Ort: Orto Bar, Ljubljana, Slowenien
Konzertdatum: 31.10.2016
Besucherzahl: 250
Kartenpreis: 22€/25€
Schon eine Weile war kein Package-Deal mit technischen und progressiven Death-Metal-Bands mehr in Slowenien zu Gast. Als bekannt wurde, dass die deutschen Obscura Slowenien erneut besuchen würden, waren die Erwartungen definitiv hoch. Diesmal nahmen Obscura die amerikanischen Revocation, die kanadischen Beyond Creation und die amerikanischen Rivers of Nihil mit auf die Tour. Fans des modernen Extreme Metals konnten sich dabei zu Recht die Finger lecken. Es handelt sich um Bands, die in der Extreme-Metal-Szene sehr bekannt sind. Und obwohl solche Bands durch ihre Komplexität und Außergewöhnlichkeit keine riesigen Massen anziehen, hatten sich vor dem Konzert schon eine ganze Menge Leute eingefunden. So mancher dürfte allerdings gedacht haben, dass das Publikum eher zum Feiern beim Glamoween da war als wegen Bands, die weder eingängige Refrains noch simple Rhythmen in den Vordergrund stellen.
Um 19:30 war das Rätselraten vorbei. Die amerikanischen Rivers of Nihil betraten die Bühne, und davor hatte sich schon ein ordentlicher Haufen Leute versammelt, sodass die Band nicht vor einem halbleeren Saal spielen musste, wie es bei Erstvorgruppen meist der Fall ist. Irgendwie logisch: Rivers of Nihil hatten mit ihrem Debüt The Conscious Seed of Light nicht sonderlich begeistert, aber mit Monarchy (Rezension HIER) hat sich die Sache grundlegend gedreht. Die Qualität des Albums war offensichtlich gut genug, um Aufmerksamkeit zu erregen. Die Band hat mit einem starken technischen Album eingeschlagen, das voller Düsternis und Brutalität steckt. Und genau die Songs von Monarchy standen im Vordergrund. Was sie aus der Masse heraushebt, ist ihr Ansatz, der sich von vielen technischen Death-Metal-Bands unterscheidet, die neoklassische Gitarren in den Vordergrund stellen. Rivers of Nihil orientieren sich eher an den polnischen Decapitated, den schwedischen Spawn of Possession und auch dem ein oder anderen old-school-Band. Die Qualität zeigte sich auch live. An der Spielqualität selbst gibt es nichts auszusetzen. Der Sound war angenehm dreckig, was die Atmosphäre ihrer Musik noch zusätzlich unterstrich. Der ein oder andere Fehler war dabei, aber mit dem kurzen Auftritt hat die Band begeistert und ihr Potenzial unter Beweis gestellt.
Die kanadischen Beyond Creation haben aktuell zwei Alben im Rücken. Bereits mit ihrem ersten Werk The Aura haben sie die Aufmerksamkeit der Fans des heutigen progressiven Death Metal auf sich gezogen. Mit dem zweiten Album Earthborn Evolution (Rezension HIER) haben sie bewiesen, dass sie sich nicht nur auf ein Album ausruhen wollen. Mit ihrem einzigartigen Ansatz haben sie recht schnell gezeigt, dass sie nicht noch eine Band sind, die lediglich die Elemente von Necrophagist kopiert. Weit gefehlt. Zunächst sei gesagt, dass das verrückte Quartett aus Montreal (Kanada) stammt. Diese Region Kanadas hat der Metal-Szene einige der extremsten Metal-Bands der Geschichte beschert. Und Beyond Creation sind keine Ausnahme – sie sind der Beweis dafür, dass die Kanadier immer ganz oben mitspielen werden. Beyond Creation haben mit zwei Alben außerordentliche technische Perfektion, progressives Denken, Unkonventionalität, Virtuosität und Grenzenlosigkeit bewiesen. Live haben sie bereits mit dem ersten Song Omnipresent Perception gezeigt, dass sie nicht nur auf Platte gut sind. In knapp einer halben Stunde hat das kanadische Quartett vorgeführt, was präzises Spiel wirklich bedeutet. Und obwohl die Musik von Beyond Creation vollgepackt ist mit Solos, Blast Beats, einer rasenden Rhythmussektion, einem unglaublich auffälligen Bass, dem Grunzen und Schreien beider Gitarristen – während nebenbei locker Arpeggios hingeworfen werden –, hat sie das alles kein bisschen aus der Bahn geworfen. Mit dem ein oder anderen Ambient-Einschub und Jazz-Fusion-Elementen haben sie zudem ihre Vielseitigkeit unter Beweis gestellt. Beyond Creation haben mit ihrem chirurgisch präzisen Spiel zweifellos begeistert – für manche waren sie sogar das Highlight des Abends. Die Alteingesessenen sagen, der progressive Death Metal habe alle seine Grenzen erreicht. Beyond Creation sind der beste Beweis dafür, dass sich diese Grenzen noch weiter verschieben lassen. Angesichts der guten Resonanz bleibt zu hoffen, dass Beyond Creation beim nächsten Mal, wenn sie ein weiteres Album im Gepäck haben, noch mehr spielen werden.
Revocation besuchten Slowenien im Rahmen dieser Tour zum dritten Mal. Ein mehr als solider Empfang war also zu erwarten. Die Band stellte in ihrem Repertoire das aktuelle Album Great Is Our Sin (Rezension HIER) in den Vordergrund, mit dem sie beweisen wollen, dass auch sie die Grenzen weiter verschieben möchten. So tauchen auf dem Album neben Thrash- und Death-Metal-Songs auch progressivere Tracks auf, wie etwa Crumbling Imperium, das ebenfalls gespielt wurde. Die schnelleren Songs kamen natürlich besser an. Der Dauerläufer Dismantle the Dictator animierte dann einige zum Bewegen. An der Performance selbst gab es nichts zu bemängeln. Die Band ist eingespielt, der neue Schlagzeuger Ash Pearson, der den langjährigen Phil Dubois ersetzt hat, spielt souverän und präzise. Der Bassist blieb zwar etwas im Hintergrund, dafür stach vor allem das Gitarrenduo Dave Davidson/Dan Garguilo hervor, das mit starken Riffs und Solos aufwartete. Dass einige im Hintergrund blieben, war auch eine Folge der kleineren Bühne und des riesigen Schlagzeug-Setups von Obscura, das einen erheblichen Teil der Bühne beanspruchte. Zum Glück hat das keine der Vorgruppen gestört. Revocation verabschiedeten sich mit Witch Trials vom vorherigen Album Deathless. Natürlich blieb dabei dieser oder jener Favorit auf der Strecke, aber angesichts der guten Resonanz werden Revocation beim nächsten Mal ein längeres Set spielen.
Es blieben nur noch Obscura, die bei der diesjährigen Ausgabe von Metaldays eine beachtliche Menge an Besuchern angezogen hatten. Aber hier gab es keine Touristen und sonstigen Neugierigen, die die Band nur deshalb gesehen haben, weil sie sonst nichts Besseres zu tun hatten. Das Publikum hatte die Karte ausschließlich für vier Bands gekauft, die sich im Metal-Genre ziemlich spezialisiert haben. Überraschenderweise füllte sich die Orto Bar bis auf den letzten Platz, und Obscura servierte Neuheiten vom aktuellen Album Akróasis (Rezension HIER). Obscura fingen recht bescheiden an – 2009 wendete sich das Blatt, obwohl sie musikalisch stark an Necrophagist erinnerten und keine überwältigende Resonanz erhielten. Die Beharrlichkeit hat sich nach all der Mühe offensichtlich doch ausgezahlt. Die Popularität der Band ist auf einem guten Level. Obscura präsentierten sich in erneuerter Besetzung und machten klar, dass sie nichts aufhalten kann. Die Songs wurden korrekt gespielt, manchmal wirkte das Ganze etwas steril, aber irgendwelche Aussetzer gab es nicht. Jedes Mitglied zeigte sich von seiner besten Seite. Frontmann Steffen Kummerer hat zweifellos Fortschritte gemacht, was die Kommunikation mit dem Publikum angeht, und viele zum Bewegen animiert. Bassist Linus Klausenitzer lieferte durchgehend seine Lines und bereicherte damit das Klangbild. Der neue Gitarrist Rafael Trujillo trat glänzend in die Fußstapfen von Professor Christian Muenzner, sodass bei den anspruchsvollen virtuosen Soli keine Fehler zu hören waren. Nicht zuletzt überzeugte auch Schlagzeuger Sebastian Lanser, der zwar in der Jazz-Metal-Band Panzerballett spielt, dem aber auch schnellere Musik keine Probleme bereitete. Das Repertoire betonte vor allem das neueste Album, dazu wurden einige Songs vom wegweisenden Cosmogenesis gespielt, während vom Album Omnivium nur ein einziger Song erklang – aber angesichts der Intensität ihres Auftritts wäre noch ein weiterer Song kaum zu verkraften gewesen. Obscura haben in knapp einer Stunde begeistert. Das Publikum hat sie herzlich empfangen und ihnen zu verstehen gegeben, dass sie auf dem richtigen Weg sind und jederzeit wieder willkommen.
Obscura, Revocation, Beyond Creation und Rivers of Nihil haben in der ausverkauften Orto Bar mit ihrem außergewöhnlichen Spiel gezeigt, dass technischer und progressiver Death Metal noch immer voller Überraschungen und Innovationen steckt.
Galerija slik















































































