Ein Abend mit den Legenden Man und Colosseum!

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Autor: Peter Podbrežnik

Ort: St. Veit an der Glan / Österreich
Konzertdatum: 29.06.2007
Besucherzahl: 250
Ticketpreis: 25,00 €

Von Konzert zu Konzert, schwer sind die Wege der Menschheit! Kaum war ich in den neuen Tag erwacht, erkältet und mit aufgedunsenem Gesicht vom italienischen Unwetter-Kreuzweg der Nacht zuvor beim Konzert von Jethro Tull in Azzano Decimo (Pordenone), wartet auch schon das nächste Abenteuer. Der Nachmittagsausflug nach St. Veit a.d. Glan, nur 17km hinter Klagenfurt, stand letztes Jahr, als wir die British R&B All Stars Blues Band besuchten, ganz im Zeichen von Verfahren und einer beinahe ungewollten Landung in Villach. Diesmal haben Peter und ich aber alle Straßen richtig erwischt, und das erstaunlich erfolgreich (gleich beim ersten Versuch).

Diesmal dämmerte der Abend mit deutlich mehr Heiterkeit herauf, und auch die Zeltplane innerhalb der Burgmauern in der Altstadt, unter der die Bühne stand, hat mich angesichts möglicher Regendrohungen vom Himmel völlig beruhigt.

MAN: 19.00 – 20.30
Bei unseren nördlichen Nachbarn ist immer alles so schön geschniegelt und sekundengenau abgemessen. Die Uhr schlug 19.00, und auf der Bühne erschienen die legendären Waliser Man. Diesmal als Quartett. Verdammt, ohne Keyboards ist das Ganze etwas schwerer vorstellbar, aber wir werden sehen, was uns die Truppe um das einzige versteinerte Bandmitglied Martin Ace (Bass, Gesang) so auftischt. Am Schlagzeug saß heute Bob Richards, der 1997 zur Band gestoßen ist, dazu Martins Sohn Josh Ace (Gitarre, Gesang), der den erkrankten Micky Jones (Gehirntumor) ersetzte, und interessanterweise Mickys Sohn George Jones (Gitarre, Gesang), der zur Band kam, nachdem Deke Leonard seinen Abschied aus der Gruppe verkündet hatte.

Die Band überraschte schon mit dem Opener angenehm, denn sie eröffneten das Konzert mit dem vorsintflutlichen Stück Sudden Life („Revelation“, 1969), einem kernigen Hardrock-Riff und einer super Wahl zum Aufwärmen, vor allem was die Vorstellung der beiden jungen Gitarristen betrifft, die dafür ihr ganzes handwerkliches Geschick beim Erschaffen von Gitarrenharmonien ausspielten! Ein toller Einstand für den legendären Namen, mit Martins Sohn Josh, der den Leadgesang übernahm. Die Stimmung hinter den Mauern war entspannt, ruhig, warm und freundlich. Das Publikum bestand großteils aus reiferen Pärchen und Familien, doch in der Menge von 250 Leuten waren auch viele junge Leute zu sehen, was immer enorm ermutigend ist. Die Band hat letztes Jahr sogar ein neues Studioalbum veröffentlicht, das erste seit sechs Jahren, nach „Endangered Species“ (2000), und nutzte den Auftritt zu dessen Promotion. So kam gleich All Alone dran, ein klassischer Hardrocker mit Blues-Einschlag und George am Leadgesang, der den interessanten Kontrast bestätigte zwischen Joshs dumpferer, dunklerer Stimme und Georges höher klingender, klarerer, aber zugleich stark melancholisch gefärbter Stimme. Bei Diamonds And Cole, dem Titelstück des neuen Man-Albums, nutzte der ehrwürdige Bandchef Martin, im Mechaniker-Overall, die Ansage, um das Volk auf Deutsch anzusprechen: Das Album könne man am dafür aufgestellten Stand kaufen, natürlich nur, wenn man wolle. Der Höhepunkt des Konzerts war die Version des psychedelischen Wunderwerks C’mon („Be Good to Yourself at Least Once a Day“, 1972), bei dem ich die Keyboards schmerzlich vermisste, aber die beiden Jungs spielten alle Gitarrenharmonien wirklich gefällig, und so hat die Band den Song irgendwie doch auf ein akzeptables Niveau gehievt. Man sind heute längst nicht mehr das, was sie mal waren. Die Chemie ist eine völlig andere, und ohne Keyboards auf der Bühne spürt man einen chronischen Mangel an dem Faktor, der die Chemie festigen und aufwerten und die Songs live auf der Bühne zu einem kompakten Ganzen verbinden würde, mit dem Hauch eines vollen harmonischen Sounds und dem Aufbau der richtigen melancholischen Stimmung. So bringen Man heute mehr direkte Hardrock-Intensität auf die Bühne, aber weniger Raum für den Hörer zum Mantren, denn das Space-Rock-Element fehlt eben (die Keyboards fehlen!!!).

Enorm viel Sound deckte Richards mit seinem exzellenten Getrommel ab, der durchweg ein entschlossenes Tempo vorgab, mit schweren Schlägen, die vor allem in den krachenden Rolls der Übergänge herausstachen. Ein klassisches Kaliber von Schlagzeuger, der sogar von der Frisur her ein wenig an den jüngeren Lee Kerslake (Uriah Heep) erinnerte. Ace lässt sich nicht unterkriegen. Der sympathische Kerl, fest im Sattel beim Erzeugen kerniger Grooves auf seinem Bass, wachte die ganze Zeit auch aufmerksam über die Arbeit der restlichen drei, spornte sie an und hatte von allen Mitgliedern die meiste Bühnenakrobatik drauf. Die Jahre sieht man dem Herrn Wurzel überhaupt nicht an.

Die Männer kamen für die Zugabe zurück und ließen noch einen außergewöhnlichen Klassiker vom Stapel, Bananas („Be Good to Yourself at Least Once a Day“, 1972), den sie zu einer längeren Jam auswalzten und dabei dem größtenteils sitzenden Publikum etwas mehr kinetische und lärmende Elemente entlockten. Man haben mit ihrer energischen klassischen Hardrock-R&B-Schule eine schöne Ouvertüre für den Auftritt der Superstar-Band Colosseum geliefert. Leider trat die Band, wie schon erwähnt, ohne Keyboards auf, und das Handicap in dieser Hinsicht ließ sich nicht ganz ausgleichen. Die Performance hatte also noch ein paar Reserven. Die Frage ist, warum es keine Keyboards gab? Finanzen, Terminprobleme? Schade. Aber schon allein die Tatsache, dass wir Klassiker hörten, bei denen fraglich ist, ob wir noch mal die Gelegenheit dazu bekommen, war erfreulich.

Intro und Text zu Man: Aleš Podbrežnik

COLOSSEUM: 21.00 – 22.45
Nach dem Art-Rock-Stampede, den Man, die Altmeister des walisischen Rock, mit ihrer dreisten Mischung aus Hardrock, Psychedelic und Boogie hingelegt hatten, war alles bereit für die großen Stars des Abends, die legendären Colosseum. Sie sind eine der ersten Bands in der Geschichte des Progressive Rock, die Ende der 60er mit ihrer farbenprächtigen Mischung aus Blues, Jazz und klassischer Musik berühmt wurde und mit dem Album „Valentyne Suite“ (1969), einem der besten und wichtigsten Alben der Geschichte der experimentellen Rockmusik, ihren Höhepunkt erlebte. Nach der Auflösung Anfang der 70er und dem interessanten Jazz-Rock-Fusion-Experiment als Colosseum II mit Gary Moore an der Gitarre sind Colosseum seit 1994 wieder in der klassischen Besetzung vereint. Ihren Weg und die Konzertauftritte nach der Reunion habe ich nicht im Detail verfolgt, sodass ich keine Ahnung hatte, was mich an diesem Abend erwarten würde, auch wenn ich genau wusste, dass ich die Show einiger der besten Meister ihres Fachs genießen würde, die wie guter Wein altern.

Colosseum stürmten mit dem energischen Instrumental „Those About To Die“ von ihrem gleichnamigen Debüt aus dem Jahr 1969 auf die Bühne. Alle Fans drängten sich dabei schlagartig vor der Bühne zusammen, während auch die „Trinkerchen“ in den hinteren Reihen auf den Bänken ordentlich ins Wanken gerieten, denn die Band kam wie die Bora angebraust und begann im Nu, eine außergewöhnliche Atmosphäre zu weben. Schon ein flüchtiger Blick auf die einzelnen, bestens gelaunten Mitglieder, ausnahmslos lauter Legenden, bezeugte, dass sie ein unvergessliches Fest veranstalten würden. Bandgründer Jon Hiseman (ex-John Mayall’s Bluesbreakers), einem der innovativsten Schlagzeuger in der Geschichte der Rockmusik, ist es gelungen, zahlreiche Namen zusammenzubringen, die sich mit goldenen Lettern in die Geschichte des (progressiven) Rock eingetragen haben. Auf dem Barhocker und vor den Keyboards saß niemand Geringerer als der große Dave Greenslade (ex-Greenslade, solo), neben Hiseman das einzige Originalmitglied der Band, der sich in seinen besten Zeiten auch zahlreiche Vergleiche mit Keith Emerson verdient hat. Neben ihm stand der aus dem Bluesrock stammende Gitarrenvirtuose Clem Clempson (ex-Humble Pie (wo er einst Peter Frampton ersetzte), Strange Brew), mit der Miene eines gerissenen Professors. Clempson sorgte mit seinem Zugang dafür, dass vielen unter der Bühne beim Anblick seiner Kombination aus Tempo und Feingefühl der Unterkiefer weit herunterklappte. Viele Sympathien holte sich an diesem Abend auch der legendäre Bassist Mark Clarke (ex-Uriah Heep, Tempest, Mountain), der den meisten Musikgenießern als Co-Autor eines der schönsten Songs der Rockgeschichte im Gedächtnis geblieben ist, „The Wizard“. Am Saxofon und Sopransaxofon wirbelte wild Barbara Thompson, Hisemans Frau, die vor Jahren den tragisch verstorbenen Dick Heckstall-Smith ersetzte. Nach der instrumentalen Eröffnungsbombe wechselten Colosseum entschlossen zu „Skellington“ von ihrem ersten Livealbum „Colosseum Live“ (1971). „Skellington“ weckte mit seiner energischen Blues-/Hardrock-Mischung auch die verschlafensten Köpfe auf. Dazu marschierte die Hauptfigur des Abends auf die Bühne, niemand anderes als der legendäre Sänger Chris Farlowe (ex-Thunderbirds, Atomic Rooster, solo), der trotz seines Aussehens wie ein präparierter und ordentlich aufgeblasener Donald Duck noch heute mit Sicherheit einer der sympathischsten und charismatischsten Frontmänner ist, ganz egal, in welcher Besetzung er auftritt. Der Kerl besitzt, und das ist das Wichtigste, immer noch eine kraftvolle und leidenschaftliche Stimme. Der Wechsel zwischen tieferen und höheren Passagen macht ihm ebenfalls (noch) keine größeren Probleme, was er einerseits geschickt mit komischen Zurufen, Gemurmel, Gebrabbel und Grimassen würzt. Bei den Instrumentalparts tänzelte der legendäre Opa dagegen fröhlich herum und feuerte sowohl das Publikum als auch die übrigen Bandmitglieder an (besonders gern „ärgerte“ er Clempson mit Grimassen). Danach packten sie auch neuere, ebenfalls bluesbasierte Stücke an, wie „Morning Story“ und den Titelsong ihres letzten Studioalbums „Tomorrow’s Blues“ (2003). Es folgte einer der Höhepunkte des Abends mit „Theme From an Imaginary Western“, das Farlowe zu Ehren des legendären Cream-Bassisten/Sängers Jack Bruce (Jack Bruce) ankündigte. Das Original findet sich auf dem Album „Daughter Of Time“ (1970), in einer etwas symphonischeren Version ist es auch auf dem Greenslade-Album „Spyglass Guest“ (1973) zu finden. Frau Barbara setzte an dieser Stelle das Sopransaxofon an die Lippen. Mit ihrem ersten Hit „Walking in The Park“ (Those About To Die, 1969) trieben sie die Temperatur des Auftritts zum Siedepunkt. Clempson und Clarke lieferten sich mehrfach regelrechte Wettrennen, wer eine bestimmte Passage schneller spielt. Dabei wirbelte vor allem Clarke über die Bühne, als hätte er mindestens 20 Jahre weniger auf dem Buckel, und stimmte sich so äußerst erfolgreich mit der „Frau Kreisel“ am Saxofon ab. Bei „Stormy Monday“ vom Livealbum „Colosseum Live“ bestätigte der inzwischen körperlich sichtbar erschöpfte Farlowe sowohl gesanglich als auch mit seinem Bühnenauftritt wieder, dass der Kerl noch immer in ausgezeichneter Form ist. Danach verabschiedete er sich in Gesellschaft einer Flasche für eine Weile wieder von der Bühne, denn es kam der große Moment des Abends, auf den ich schon ungeduldig gewartet hatte. Dran war nämlich die Aufführung ihres größten Meisterwerks, der „Valentyne Suite“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1969, aufgeteilt in vier Sektionen. Das ist der entscheidende Moment des Abends, in dem Colosseum endlich wirklich zu der echten, raffinierten Jazz-Rock-Fusion-/Progressive-Rock-Band aufblühen und die Bar-Blues-/Hardrock-Elemente für eine Weile beiseiteschieben. Den Auftakt machte Maestro Greenslade, der uns an den Keyboards in die erste Sektion der Suite einführte, woraufhin Hiseman und Clarke ihre jazzigen Visionen zu diktieren begannen. Clempson zeigte mit atemberaubendem Tempo an der Gitarre eine ganze Schule der Virtuosität, wobei er mehrfach auch einen Fingerslide zu Hilfe nahm. Die alte Rockerin Thompson erfreute uns derweil wieder mit ihren Bläsergewürzen. Die epische Suite, die viele von uns mit offenem Mund zurückließ, war viel zu schnell vorbei, und die Legenden verabschiedeten sich für kurze Zeit von der Bühne. Wirklich nur für kurze Zeit, denn es folgte eine Express-Zugabe in Form von Hisemans Schlagzeugsolo, das er mit einer scherzhaften Anekdote über seine Verfolgung der ersten Mondlandung des Menschen begleitete. Jon sparte auch sonst während des Konzerts nicht mit scherzhaften Bemerkungen. Besonders begeistert war er von der Feststellung, dass sich an diesem Abend ein paar jüngere Gesichter mehr als sonst unter der Bühne befanden. Nach dem monströsen Solo, das gar nicht enden wollte, marschierten nach und nach auch die übrigen Mitglieder samt Farlowe auf die Bühne und stürzten sich in die letzte Nummer des Abends, „Lost Angeles“ (The Grass is Greeener), mit der sie uns im bestmöglichen Licht verließen und sich langanhaltende Ovationen des Publikums verdienten. Mit ihrem Auftritt haben Colosseum auch die zähen walisischen Kämpfer Man völlig in den Schatten gestellt, die sie während ihres Auftritts dennoch mit viel Lob bedachten.

Es ist schwer zu glauben, dass Musiker, deren Durchschnittsalter etwas über 60 liegt, spielen, als wären sie immer noch junge Burschen, die sich beweisen wollen. Schon lange habe ich keine einzelnen Musiker mehr gesehen, die ihren Auftritt mit solcher Aufrichtigkeit und so außergewöhnlich entspannt genossen haben. Colosseum haben mit ihrem Auftritt den lebendigen Beweis geliefert, dass Jahre für Musiker überhaupt kein Hindernis sind, wenn du dir immer noch den jugendlichen Schwung und eine gehörige Portion Herzblut bewahrt hast. Von mir haben sie für ihren Auftritt eine glatte Zehn bekommen. Deshalb freue ich mich mit einer ordentlichen Portion Ungeduld schon auf das nächste Wiedersehen mit ihnen. Der Auftritt der beiden Sämänner des frühen Progressive Rock verging in der äußerst angenehmen Burgatmosphäre viel zu schnell, wird aber ganz sicher noch lange in sehr angenehmer Erinnerung bleiben.

 

Setlist

MAN:
1. Sudden Life
2. All Alone
3. Diamonds And Cole
4. Manillo
5. Teddy Boys Picnic
6. Even Visionaries Go Blind
7. C’mon
8. Freedom Fries
9. Romain
10. Shit On The World
—Zugabe—
11. Bananas

COLOSSEUM:
1. Those About To Die
2. Skellington
3. Morning Story
4. Tomorrow’s Blues
5. Western
6. Walking In The Park
7. Stormy Monday
8. Valentine Suite
—Zugabe—
9. Solo Drums
10. Lost Angeles

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