Dylanesque
Künstler: Ferry, Bryan
Label: Virgin Records
Veröffentlichung: 2007
Es ist etwas an Dylans Songs, das allerlei Musiker anzieht wie das Licht die Motten. Und meist hat jeder Musiker (Sänger) seine bescheidene Idee, dass er diese Stücke in seiner Interpretation nur noch veredeln kann. Aber ist da was Wahres dran?
Das kommt drauf an, wen man fragt, aber mir scheint, das Original liegt meistens weit vor den Coverversionen, mit denen sich diverse Musiker über Dylan beim Rest der Musikwelt beliebt machen wollen. Ein paar wenige Bands und Einzelkünstler gibt es, die Dylans Songs wirklich erfolgreich bearbeitet haben – oder zumindest so gut, dass sie weder dem Ruf des Urhebers noch dem des Interpreten schaden. The Byrds und Jimi Hendrix kommen einem da in den Sinn, zwei wirklich außergewöhnliche und überdurchschnittlich hell leuchtende Lichter. Ohne Zweifel gibt es noch ein paar ähnlich einfallsreiche Musiker, die aus dieser reichen, fast schon biblischen Songsammlung höchst erfolgreich alles Mögliche gecovert haben. Nur haben nicht alle ihre Versionen an die große Glocke gehängt. Neil Young und Will Oldham sind zwei weitere, die sich gern durch Dylans Liederbuch treiben lassen, und das äußerst erfolgreich und ziemlich oft, wenn auch ziemlich unbemerkt. Keiner der beiden denkt aber vermutlich darüber nach, den gewählten Song irgendwie verbessern zu müssen – vor allem beim Gesang lassen sich manche ja gern mal austoben, die beiden singen die Nummer einfach in ihrem natürlichen Stil runter. Das konnte zum Beispiel der inzwischen verstorbene, legendäre Johnny Cash richtig gut. Bei ihm war nie zu merken, dass es sich um ein Cover handelt, jeder Song, den er sich vorgenommen hat, gehörte in diesem Moment ausschließlich ihm und den wenigen Glückspilzen, die die Chance hatten, mit ihm eine Strophe oder zwei zu singen. Ohne irgendein unnötiges Beweisenwollen vor irgendwem.
Und wo steht dann Bryan Ferry? Bei allem Respekt, Mr. Ferry ist ein Gentleman, der sein Handwerk versteht und es im Prinzip gut macht. Auch die Liebe zu Dylan ist bei Ferry nichts Neues, den einen oder anderen Song von ihm hat er schon in den Siebzigern auf seinen Alben veröffentlicht. Ein ganzes Coveralbum, Dylanesque, ist aber trotzdem ein etwas zu großer und zu steifer Brocken. Vor allem, weil er vom ersten Album (Bob Dylan, 1962) mit dem Song „Baby Let Me Follow You Down“ bis hin zu „Make You Feel My Love“ vom Album Time Out Of Mind aus dem Jahr 1997 springt, und das mit ziemlich derselben Klangmasse, die die elf versammelten Songs auf diesem Album viel zu gleich klingen lässt. Dylan war zwar nicht der größte Klangexperimentator, aber Ferry ist es auch nicht. Und auch wenn sich Ferry klanglich stellenweise ziemlich weit von den Originalen entfernt, vor allem bei denen von Dylans frühen, protestlastigen Akustikalben, bei Stücken wie „The Times They Are A Changing“, „Gates Of Eden“ und „All I Really Wanna Do“, entfernt er sich nur vom Bild, das Dylan geschaffen hat – das Bild, das er selbst erschafft, ist ziemlich eintönig und monoton.
Auch irgendein besonderes Konzept ist nicht zu erkennen, außer vielleicht, dass er eine Art Regenbogenspektrum aus Songs schaffen wollte, aus Klassikern, die Dylan zu Dylan machen – Ferry aber weder zu einem ebenbürtigen Zeitgenossen Dylans noch zu Ferry selbst! Ein Song, zwei, vielleicht drei wären ein äußerst gelungener Zusatz auf seinem eigenen Werk gewesen, in dieser Form gehen sie aber komplett unter. Sie klingen unfertig, manchmal sogar bemüht, und angesichts der Tatsache, dass Ferry die Hendrix-Version von „All Along The Watchtower“ garantiert schon gehört hat, der auch seine Fassung deutlich näher kommt, hätte er sich vielleicht wenigstens beim Arrangement etwas mehr Mühe geben und zumindest das abschließende Gitarrensolo ganz natürlich ausklingen lassen können. So aber enden Song und Album abgehackt bzw. verschwinden einfach irgendwo im Nebel, wo von einem Regenbogen natürlich keine Spur ist.
Bryan Ferry ist ein erfahrener, alter Musikhase, und man dürfte zu Recht mehr von ihm erwarten, als er hier bietet. Deshalb ist das Album Dylanesque in seinem Kern ziemlich unverbindliches Material, für Bryan-Ferry-Hörer genauso wie für Bob-Dylan-Hörer und letztlich auch für Hörer von beiden.
Besetzung
Bryan Ferry: Gesang, Mundharmonika und Farfisa, Elektronik (#8)
Colin Good: Klavier
Chris Spedding: Gitarre
David Williams: Gitarre
Oliver Thompson: Gitarre
Leo Abrahams: Gitarre
Guy Pratt: Bass
Paul Carrack: Orgel
Andy Newmark: Percussion
Isaac Ferry: Elektronik (#8)
Me’sha Bryan, Sarah Brown, Tara McDonald, Anna McDonald, Sharon White, Michelle John, Joy Malcolm: Begleitgesang
Lucy Wilkins: Violine (#2)
Anthony Pleeth: Cello (#7)
Robin Trower: Akustikgitarre (#11)
Bobby Irwin: Schlagzeug (#2 & #6)
Zev Katz: Bass (#2 & #6)
Mick Green: Gitarre (#2 & #6)
Streichquartett: Gavyn Wright (Violine), Jackie Shave (Violine), Jon Thorne (Viola), Anthony Pleeth (Cello)
Produktion
Rhett Davies & Bryan Ferry
Tracklist
1. Just Like Tom Thumb’s Blues
2. Simple Twist of Fate
3. Make You Feel My Love
4. The Times They Are A-Changin‘
5. All I Really Wanna Do
6. Knockin‘ on Heaven’s Door
7. Positively 4th Street
8. If Not for You
9. Baby Let Me Follow You Down
10. Gates of Eden
11. All Along the Watchtower
Spielzeit: 42:33